Scifi-Serie "Ad Vitam" bei Arte Sterben ist ja so was von gestern

"Blade Runner" trifft "Methusalem Komplott": Die Serie "Ad Vitam" schafft mit raffiniertem Minimalismus eine Zukunftswelt, in der die Alten ewig leben. Ab Donnerstag komplett in der Arte-Mediathek.

Arte/ Ivan Mathie

Von


Treffen sich eine Frau und ein Mann in einer Bar. Sagt sie schmeichelnd: "Du bist doch höchstens 99." Kokettiert er: "Na, ein bisschen höher musst du schon gehen." Die Frau rollt verzückt die Augen: "Über 100?" Der Mann kostet die Wirkung seiner Worte aus: "119." So geht der Flirt der Zukunft.

Der Polizist Darius im französischen Science-Fiction-Szenario "Ad Vitam" hat schon etliche Male auf diese Weise Frauen kennengelernt. Je älter man wird, desto öfter wiederholen sich die Dinge, und weil es für das Leben von Darius kein Verfallsdatum gibt, könnte das für ihn ewig so weitergehen. Wenn er sich bis zum Morgengrauen die Hucke vollsäuft, ist seine Leber schon am nächsten Morgen entgiftet; war er in eine Schießerei verwickelt, ist der Streifschuss bereits ein paar Stunden später verheilt. Er steigt einfach in ein biochemisches Revitalisierungsbecken, in dem die Zellen erneuert werden.

Wie spielt man einen ewig aufgefrischten Methusalem? Der Schauspieler Yvan Attal gibt ihn als klassischen einsamen Wolf, der durch Abschleppschuppen und Halbweltkaschemmen streift, ohne an ein Ziel zu gelangen. Der Körper agil, der Blick verhangen. Attal erinnert in seiner Rolle ein bisschen an Robert Mitchum im Film noir "Out of the Past" oder an Harrison Ford im ersten "Blade Runner", an Männer also, deren hängende Augenlider ihrem dynamischen Auftreten zum Trotz etwas müde sagen: alles gesehen, alles erlebt.

Fotostrecke

10  Bilder
Arte-Serie: Der Tod wurde abgeschafft

Wie in "Blade Runner" regnet es auch in "Ad Vitam" sehr viel. Wie in "Blade Runner" bewegen sich die Menschen durch eine Welt, in der architektonisch und lebensweltlich das Gestern ins Morgen gestapelt wurde. Die dunkle urbane Umgebung, durch die sich Attals Darius bewegt, setzt sich aus Elementen verschiedener Zeiten und Moden zusammen, was auch damit zu tun hat, dass in dieser Welt Hundertjährige definieren, was angesagt ist. Nichts ist neu, alles Wiederholung.

Leben in der Endlosschleife

"Ad Vitam" findet prägnante Szenen für das Leben in der Endlosschleife. Und das Aufbegehren dagegen. Bagger ebnen einen Friedhof ein, da Gräber in der Zukunft nicht mehr gebraucht werden. Eine Sekte, deren Mitglieder gegen die künstliche Erweiterung des Lebens durch die Zellenkur sind (unter anderem Hanna Schygulla als schlohweiße Predigerin der Vergänglichkeit), feiert das natürliche Sterben eines der ihren in einer Prozedur als individualistischen Akt gegen die kollektiv verordnete Ewigkeit.

So sieht risikofreudiges europäisches Serienfernsehen aus, das sich selbstbewusst den Themen der Zeit stellt (und nicht wie die zeitgleich startende Telekom-Comedy "Deutsch-Les-Landes"). "Ad Vitam" zitiert die großen Scifi-Vorbilder, ohne sie zu kopieren. Gegen den Schauwert-Illusionismus von "Blade Runner" hätte die Serie sowieso keine Chance, aber die Verantwortlichen um Serienschöpfer Thomas Cailey kreieren mit einfachen Mitteln lustvoll einen retrofuturistischen Kosmos, in dem schlüssig die demografische Kernfrage der Produktion behandelt werden kann: Wie lebt es sich für die Jungen, wenn die Zukunft von den Alten bestimmt wird?

In der Serie wird die Generationenfrage über zwei starke Charaktere verhandelt: Der Frischzellenermittler Darius soll das Sterben einer Gruppe von jungen Menschen aufklären, die offensichtlich gemeinsam Suizid begangen haben. Dafür bekommt der Hundretsomething-Polizist eine Twentysomething-Assistentin zur Seite gestellt: Christa (Garance Marillier) hat einst mit einer Sekte ebenfalls einen kollektiven Suizidversuch begangen, sie kennt sich in der Szene aus. Der alte Cop mit dem frischen Äußeren und die junge Rebellin mit der alten Seele geraten in einen vertrackten Fall. Hat da jemand "Methusalem Komplott" gesagt?

Auf dem Series-Mania-Festival, der größten Leistungsshow zum Thema in Europa, wurde "Ad Vitam" als beste französische Produktion ausgezeichnet. Nächste Woche wird die Serie im regulären Programm von Arte gezeigt, doch schon diesen Donnerstag werden alle Folgen in die Mediathek gestellt. Zeitgleich eröffnet Arte mit der Serie einen eigenen YouTube-Kanal. Auch das ist so ein Generationen-Ding: Das doch schon recht betagte öffentlich-rechtliche Fernsehen geht mit diesem furiosen Scifi-Gleichnis über die Diktatur der Alten auf die Jagd nach den Jungen.

Offenlegung: Christian Buß ist Mitglied der Series-Mania-Jury, die auf dem Festival den Preis für die beste französische Serie vergibt.


"Ad Vitam": Alle sechs Folgen stehen ab Donnerstag, 1. November, einen Monat lang sowohl in der Mediathek als auch im YouTube-Channel von Arte. Lineare Ausstrahlung ab Donnerstag, 8. November, 20.15 Uhr, bei Arte.



insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
herr_soundso 01.11.2018
1. Bisher nicht online (01.11, Do, 19:20 Uhr)
Oder bin ich zu doof die Folgen auf youtube zu finden?
ra_lf 01.11.2018
2. Wann genau ...
... sollen die Folgen in der Mediathek verfügbar sein? Bis jetzt sind sie’s nicht.
rainerwäscher 03.11.2018
3.
Jetzt schon: vom 2.11. bis 7.12.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.