Nacktdatingshow "Adam sucht Eva" Die blanke Verzweiflung

Bei RTL sind sie mal wieder nackt. "Adam sucht Eva" zwar nicht mehr in der Südsee, sondern auf einer Jacht vor Griechenland - dafür ist das Format in seiner fünften Staffel deprimierend wie eh und je.

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Das Traurigste ist das Lachen von Gina-Lisa Lohfink. Dieses fröhlich gemeinte Brüllen, beim kleinsten Anlass hinter dem rüstungshaften Brustbollwerk herausgepresst, halb "Habt mich lieb, ich bin so gut drauf und liebe das Leben!" für die anderen, halb lärmiges Pfeifen im Keller für sie selbst, das vorgaukeln soll, alles sei okay und einfach nur wahnsinnig lustig.

"Jetzt sitze ich hier nackt im Fernsehen auf einer Jacht vor Griechenland und muss bei einem dämlichen Spielchen das Wort 'Schwanz' umschreiben, ohne die Begriffe 'Mann', 'Penis' und 'Hund' zu verwenden, hahahaHAHA, was könnte spaßiger sein!"

Das Zweittraurigste sind die Menschen, die sich "Adam sucht Eva", diese auch in ihrer fünften Staffel immer noch vom Grundsatz her unfassbare Nacktdatingshow, ernsthaft noch aus voyeuristischen Beweggründen anschauen.

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Adam sucht Eva: Donnerndes Gelächter und Not-OP

Für das bisschen Hodenkram und verhuschte Scheidenschau müssen sie sich von den Begafften so belastend viel Plattitüdenmüll um die Ohren hauen lassen - "es kommt nicht auf die Größe an, sondern wie man damit umgeht", "man kann wahnsinnig reich und trotzdem nicht glücklich sein", "das Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit am Tag" -, dass man ihnen fast schon selbst die paar Groschen in die Hand drücken möchte, damit sie sich am Kiosk ein geräuschloses Busenblättchen kaufen können.

"Ich habe sie komplett studiert, alles ist da"

Man kann sich nicht mal mehr einreden, man schaue diesen Krempel ja eigentlich auch wegen der schönen Landschaftsaufnahmen. Statt auf einer exotischen Insel spielt der Eiertanz jetzt auf einer Jacht vor Rhodos, aus produktionstechnischen Gründen verständlich, ist so ein Kahn nach Drehschluss doch bestimmt unaufwendiger grundzudesinfizieren als ein ganzes Archipel.

Auch der Clash zwischen der vermeintlichen Offenheit der ultimativ zeigefrohen Kandidatinnen und Kandidaten und ihrer tatsächlichen, verdrucksten Bloß-nicht-auf-den-Bömmel-schauen-Krämpfe beim ersten Kontakt mit ihren Mitnackten war vielleicht mal in der ersten Staffel amüsant, für fünf Minuten.

"Ich habe sie komplett studiert, alles ist da", schwäbelt der übermuskulierte Antonino. Die solchermaßen blitzgescannte Gina-Lisa lacht irr auf, weil sie auf Anhieb erkannt hat, dass er Italiener ist.

Als sei es völlig normal, berichtet Antonino dann, dass seine zukünftige Freundin niemals mehr alleine ausgehen dürfe, sobald sie mit ihm in einer Beziehung sei. Zumindest wird da von den anderen schwach protestiert, das sei ja schon ein bisschen arg. Aber dann erzählt Gina-Lisa schon wieder unter donnerndem Gelächter von ihrer Not-OP, als sie damals wegen einer gerissenen Arterie fast gestorben wäre, zu komisch war das!

Tiefer, liebloser, zuschauerverachtender geht es nicht mehr

Was nun zumindest ein bisschen helfen könnte, wäre ein Verbündeter aus dem Off, ein zumindest leidlich schlauer oder lustiger Kommentar des tragischen Geschehens. Leider scheint man sich produktionsseits komplett aufgegeben zu haben und es nicht einmal mehr zu versuchen.

"Sogar ne Pussy gibt es hier zu sehen", säuselt eine Sprecherin über unmotiviert ins Schiffsgeschehen geschnittene Katzenbilder vom Festland, "wenn Kandidatin Martin nachschaut, wo Gina-Lisa ist, macht er sich "sozusagen auf die Suche nach den Schiffsglocken", und wenn alle zusammen einen goldenen Schwimmtier-Schwan aufblasen, sößelt es aus dem Off: "wenn man pustet, dann richtet sich auch was auf." Tiefer, liebloser, zuschauerverachtender geht es nicht mehr.

Die Nackten müssen die Chose mit ihren Dialogen selbst am Laufen halten, oh je. Gina-Lisa, befindet Mitkandidatin Mahta, sei ein ganz normaler Mensch, "der shoppen bei Aldi tut", allerdings, erklärt die so Beschriebene, könne sie niemals mehr alleine einkaufen gehen, weil die selfiegierigen Menschen sie schier erdrücken würden, nicht nur in Deutschland, auch in der Türkei und in Argentinien. Im verprüdeten Deutschland hätte sie mit ihrem Aussehen leider keine Chance auf eine tolle Karriere, "in anderen Ländern bin ich ein Megastar, da sehen die Frauen alle so aus wie ich".

Man fragt sich kurz, wo diese Länder liegen, und dann etwas länger, ob man wirklich noch irgendwie vor sich selbst entschuldigen kann, Gina-Lisa dabei zuzuschauen, wie sie durch all diese ungesunden TV-Formate schlingert. Und kann diese moralische Frage dann aber leider nicht direkt zu Ende denken, weil Marina, eine neue Kandidatin, angespült wird, die mal leichtbekleidet in einem Kalender für Schweißtechnik gemodelt hat, wie sie stolz erzählt, und da hätte man dann fast selbst sehr laut und verzweifelt gelacht.



insgesamt 40 Beiträge
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romeov 04.11.2018
1. Wie armselig muss es in einem Sender zugehen
...der mit solch einem Format versucht ein bisschen Quote zu machen.
adieu2000 04.11.2018
2. Alles eine Frage der Moral
aber wie es aussieht besitzt weder der Sender, noch die Darsteller oder das Produktionsteam das geringste Bisschen Moral den Zuschauer mit der Zurschaustellung ihrer Dummheit zu belästigen. Das ist der Anfang vom medialem Ende des Fernsehens. Finanzieller Erfolgsdruck ohne Bildungsauftrag, die breite Masse konsumiert alles quasi kostenlos via Internet von Nachrichten über Kultur und Spiele bis zur Pornografie. Der Rest, die Konsumenten in Krankenhäusern, Altersheimen und sonstigen Einrichtungen versucht man über derartige Formate zu erreichen und zum Verweilen auf dem Sender zu animieren um noch etwas Werbung verkaufen zu können. Ist mir schlecht!
christian simons 04.11.2018
3.
Ich hab kurz mal reingeschaltet, und dieser vierschrörtige Antonio ("The Illustrated Man") hat mir ein altes Vorurteil bestätigt: Die schwäbische Mundart ist noch immer ein probates Mittel, um sämtliche Benefizien des Nudismus zu neutralisieren.
Harry Hutlos 04.11.2018
4. Wo ist das Problem?
RTL ist seinerzeit nicht angetreten, um Fernsehen für Spiegel-Leser zu machen, sondern für Bild-Zeitungs-Konsumenten. Und daran halten die sich bis heute. Wer sich freiwillig Filme und andere Formate anschaut, die zahllose Male durch Werbung unterbrochen werden, hat seine Ansprüche offenbar so weit runtergeschraubt, dass selbst diese Nacktshow nicht abschreckend wirkt. Ich habe kein Problem damit. Ich gehe nicht in den Ballermann zum Saufen, fahre nicht mit 4000 Leuten auf einem "Kreuzahrtschiff", wähle keine Rechtsnationalen, die vorgeben, alternativ zu sein und schaue mir diesen unterirdisch schlechten Mist nicht an. Zwingen kann mich ja niemand dazu.
dasfred 04.11.2018
5. Hatte nachts die Wiederholung laufen
Nebenbei den Artikel zu Friedrich Merz und die Kommentare gelesen. Hat sich gut ergänzt. So manch ein Seitenblick fiel nur deshalb auf Gina Lisa, weil ich häufiger mit dem Kopf schütteln musste. So nackt kamen mir die Jungs und Mädels auch gar nicht vor. Es gibt bloß nichts, was mich gelockt hat, länger hinzusehen. Selbst Frau Rützel hatte offenbar Probleme, daraus einen heiteren Frühstückstext zu formulieren. Auch wenn dieser die Sendung um Klassen überragt.
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