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Afghanistan-Debatte bei Plasberg: Der bewaffnete Arm der Heilsarmee

Von Henryk M. Broder

Bundeswehr raus aus Afghanistan? Bei Frank Plasberg diskutierten Politiker und ein Ex-General, ob Frieden am Hindukusch zu erzwingen sei. Nur ein authentischer Vertreter der Taliban fehlte. Diese Rolle übernahm quasi Bestsellerautor Jürgen Todenhöfer - und fand erstaunliche Argumente.

"Hart aber fair" mit Frank Plasberg: Ein Heim für Thesen, noch abenteuerlicher als der Afghanistan-Einsatz Zur Großansicht
dpa

"Hart aber fair" mit Frank Plasberg: Ein Heim für Thesen, noch abenteuerlicher als der Afghanistan-Einsatz

Über diesen Witz lachen die Österreicher seit über 90 Jahren: "Zwei alte Offiziere stehen nach dem ersten Weltkrieg beieinander und erinnern sich: So scheene Uniformen hammer g'habt! Und so a scheene Musik! Und so fesche Männer! Und was ham's gmacht mit derer Armee? In den Krieg hamm'ses gschickt!"

Ja, die alte k.u.k-Armee; ihre Soldaten sahen schick aus, waren überall gern gesehen, genossen viele Privilegien, nur auf den Ernstfall waren sie nicht vorbereitet.

So ähnlich wie die Soldaten der Bundeswehr heute. Der "Bürger in Uniform" machte Dienst nach Vorschrift, fuhr am Wochenende nach Hause, nahm in Zivil an Friedensdemonstrationen teil und schätzte an der Bundeswehr vor allem, dass sie ihm einen sicheren Arbeitsplatz bot, für den er sich nicht besonders qualifizieren musste. Denn auch das übernahm die Armee, die sich mehr als eine Station auf dem zweiten Bildungsweg denn als eine Kampftruppe verstand.

"Es ist Krieg"

Und nun ist der Ernstfall da. 4000 deutsche Soldaten sind in Afghanistan stationiert und während sie "unsere Freiheit am Hindukusch" mit der Waffe in der Hand verteidigen, wird in der Etappe darüber diskutiert, was sie dort zu suchen haben. Kommen sie wieder heim, wohlbehalten, traumatisiert oder in Zinksärgen, schallt oft der Ruf "Soldaten sind Mörder!". Über 60 Prozent der Bundesbürger sind für einen Abzug aus Afghanistan. Die Abgeordneten (und vermutlich auch die Wähler) der Linken sind geschlossen dafür, in den anderen Parteien findet man sowohl Befürworter wie Gegner einer deutschen Beteiligung an der "Befriedung" Afghanistans.

Insofern war die Runde bei Frank Plasberg Mittwochabend repräsentativ zusammengesetzt. Ruprecht Polenz (CDU) und Gernot Erler (SPD) waren sich einig, dass die Bundeswehr in Afghanistan bleiben soll, nicht um Krieg zu führen, sondern um "eine Maßnahme der UN zur Erzwingung des Friedens" (Polenz) durchzusetzen. Petra Pau (Linke) und Jürgen Todenhöfer (CDU) wollten die Maßnahme so schnell wie möglich beenden, während Michel Friedman (ebenfalls CDU) eine "Grundsatzerklärung" von der Bundesregierung forderte, in der klar gesagt werden sollte: "Wir sind im kriegerischen Einsatz, aus geostrategischen Gründen und aus Angst vor dem internationalen Terrorismus." General a.D. Harald Kujat brachte die Sache mit militärischer Präzision auf den Punkt: "Für die Soldaten ist es Krieg."

Todenhöfer spricht für die Taliban

Nur will kaum jemand das Kind bei seinem Namen nennen, schon gar nicht der deutsche Verteidigungsminister, der unverdrossen von einem "Stabilisierungseinsatz" spricht, sogar dann, wenn er an einer Trauerfeier für "gefallene Soldaten" teilnimmt.

Er präsentiert die Bundeswehr als einen bewaffneten Arm der Heilsarmee, die beim Aufbau der "Zivilgesellschaft" in Afghanistan helfen soll. Aus dem "Bürger in Uniform" wurde der "Aufbauhelfer in Uniform". Dumm ist nur, dass die Taliban die Lage ganz anders beurteilen und von "semantischen Definitionen" (Kujat) nichts wissen wollen. Schon deswegen wäre es nützlich gewesen, wenn Frank Plasberg auch einen authentischen Vertreter der Taliban in die Runde eingeladen hätte. So freilich blieb es dem ehemaligen CDU-Abgeordneten und jetzigen Burda-Manager Jürgen Todenhöfer vorbehalten, für die Afghanen zu sprechen.

Er habe, sagte Todenhöfer, vor kurzem "mit einem Taliban" in Afghanistan gesprochen und der habe ihm versprochen: "Wenn die USA abziehen, wird es keine Anschläge mehr geben." Das wiederum fanden die anderen Teilnehmer nicht so überzeugend wie Todenhöfer selbst, der zuvor auch erklärt hatte, die Deutschen hätten es den Afghanen zu verdanken, "dass es zu der Wiedervereinigung kam", denn die Afghanen hätten die Sowjets aus Afghanistan vertrieben und damit den Untergang des Sowjetunion angestoßen.

Da war der General sprachlos

Was Gernot Erler (SPD) seinerseits "abenteuerlich!" fand und zum Anlass nahm, Todenhöfer an die Selbstmordanschläge der Taliban zu erinnern, die sich vor allem gegen die Zivilbevölkerung richten würden. Von solchen Einwänden unbeeindruckt, schaffte es Todenhöfer auch diesmal, die Debatte auf seine Verdienste zu lenken. "Ich habe in Afghanistan ein Heim für Waisenkinder gebaut!" polterte er dem General a.D. entgegen, "und was haben sie in Afghanistan getan?" Da war Kujat einen Moment sprachlos. Später verzog er nur das Gesicht, als Todenhöfer ganz im Ernst erklärte: "Der Afghane ist ein geborener Kämpfer!" Man müsse ihn nur ausbilden und bewaffnen, den Rest besorge er selber.

Dennoch war es eine erstaunlich sachliche und von Argumenten getragene Diskussion. Was damit zu tun hat, dass es gute Gründe für und wider einen Bundeswehreinsatz in Afghanistan gibt. Man kann fragen, ob die Bundesregierung sich nicht ein wenig übernimmt, wenn sie die Taliban besiegen will, während die Berliner Polizei nicht einmal mit den Autonomen in der Stadt fertig wird, die jede Nacht Autos abfackeln. Man kann auch fragen, was nach einem Abzug der Alliierten passieren würde - wenn die Taliban die Kontrolle über das Land wieder übernähmen - und ob das nicht früher oder später sowieso geschehen wird. Ob es also nicht klüger wäre, die Mission bald zu beenden. Das sind legitime Fragen, auf die es keine eindeutigen Antworten gibt.

Klar ist nur, dass keine Armee der Welt einen Krieg gewinnen kann, wenn sie gegen den Gegner an der Front und die öffentliche Meinung daheim kämpfen muss; dass sie einen Krieg auch nicht mit einem Arm auf dem Rücken führen kann, schon gar nicht, wenn sie es mit einem Gegenüber zu tun hat, der keine Uniform trägt und aus dem Hinterhalt agiert. "Die Soldaten sind in der Defensive", so Harald Kujat, der Ex-General, "die Taliban bestimmen, wann und wo sie angreifen. Die Soldaten müssen aktiv und initiativ vorgehen". Deren Aufgabe sei es, "nicht zu sterben, sondern ihr Land zu verteidigen".

Notfalls auch am Hindukusch.


Hinweis: Jürgen Todenhöfer wurde in einer ersten Version des Textes an zwei Stellen irrtümlich mit dem Begriff Taliban zitiert, obwohl er Afghanen gesagt hatte.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. ...
mbberlin, 10.09.2009
Als ob Broder auch nur den geringsten Hauch einer Ahnung hätte. Genau, wie sein Soulmate Friedmann...
2. Mutter Theresa an die Front
bestoffive 10.09.2009
Zitat von sysopBundeswehr raus aus Afghanistan? Bei Frank Plasberg diskutierten Politiker und ein Ex-General, ob Frieden am Hindukusch zu erzwingen sei. Nur ein authentischer Vertreter der Taliban fehlte. Diese Rolle übernahm Bestsellerautor Jürgen Todenhöfer - und fand erstaunliche Argumente. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,648046,00.html
Ich glaube, ein Satz bei "The West Wing" hat es schon vor Jahren bestens beschrieben: "Mutter Theresa mit Erstschlagskapazität."
3. ...
Strichnid 10.09.2009
Zitat von sysopBundeswehr raus aus Afghanistan? Bei Frank Plasberg diskutierten Politiker und ein Ex-General, ob Frieden am Hindukusch zu erzwingen sei. Nur ein authentischer Vertreter der Taliban fehlte. Diese Rolle übernahm Bestsellerautor Jürgen Todenhöfer - und fand erstaunliche Argumente. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,648046,00.html
Sie SOLLTE ihn vor allem nicht führen, wenn daheim die Mehrheit dagegen ist. Es heißt oft, Demokratien können nur noch Kriege führen, die gerechte Kriege sind, weil sonst demokratisch entschieden würde, ihn nicht zu führen. Was ist diese Logik dieser Tage noch wert, wenn Volkes Meinung derart arrogant ignoriert wird? Dann sind wir nicht besser, als jede andere Regierungsform mit ihren eigenmächtig angezettelten Kriegen. Details über eine angebliche Richtigkeit des Krieges sind obsolet ... in einer so wichtigen, existenziellen Frage MUSS die Meinung des Volkes ausschlaggebend sein.
4. .
Grobbelflobb, 10.09.2009
"Man kann fragen, ob die Bundesregierung sich nicht ein wenig übernimmt, wenn sie die Taliban besiegen will, während die Berliner Polizei nicht einmal mit den Autonomen in der Stadt fertig wird, die jede Nacht Autos abfackeln." Da kann ich nur sagen: Lol, Broder at his best. Allerdings, was ich vermisst habe ist der Hinweis darauf, dass Kriegsgegner Antisemiten seien.
5. Warum sollten die beiden denn keine Ahnung haben?
almabu, 10.09.2009
Zitat von mbberlinAls ob Broder auch nur den geringsten Hauch einer Ahnung hätte. Genau, wie sein Soulmate Friedmann...
Broder ungewohnt sachlich und Friedman sagt als einziger, dass die Bundeswehr (auch) aus geostrategischen Gründen in Afghanistan sei. Damit haben die beiden, jeder auf seine Weise, sachliche Beiträge geliefert. So sehe ich das!
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