Afghanistan-Diskussion bei Illner Kriegsdebatte mit Knalltüteneffekt

Eine weise Schildkröte, mahnende Kriegskritiker - und natürlich Karl-Theodor zu Guttenberg. Maybrit Illners Runde suchte erfolglos nach Auswegen aus der Afghanistan-Krise. Dafür gab es Gefechtsweisheiten von einem deutschen Schwarzenegger-Klon.

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Guttenberg, Illner: "Die Tragödie einem breiten Publikum erläutern"
ZDF

Guttenberg, Illner: "Die Tragödie einem breiten Publikum erläutern"


Man darf nicht zu viel erwarten. Man muss nehmen, was man kriegt. In Sachen Afghanistan zum Beispiel: Wer glaubt denn im Ernst, dass dem Talib als solchem in den nächsten zwei bis drei Jahren die Demokratie beizubringen ist? Oder in Sachen US-Präsident: Gibt es tatsächlich jemanden, der gedacht hat, Barack Obama würde im Zuge seiner Rede zur Entgegennahme des Friedensnobelpreises in Oslo erklären, er habe sich das jetzt noch mal überlegt, Kriege seien "stupid" und Weihnachten hole er alle US-Soldaten "home"?

Nein, man ist schon froh, wenn die afghanischen Taliban baldmöglichst von den afghanischen Behörden so weit in Schach gehalten werden können, dass keine ausländischen Soldaten mehr anwesend sein müssen.

Und ja, man ist schon dankbar, wenn Obama zwar Erwartbares sagt - dass Frieden schon schön wäre, aber für den Frieden jetzt erstmal Krieg geführt werden muss -, er dieses Erwartbare aber wenigstens nett formuliert und charmant vorträgt. Alles im Rahmen der Möglichkeiten, und wer sich der Tatsache bewusst ist, dass die Möglichkeiten begrenzt sind, der kann so schnell nicht enttäuscht werden.

Womit wir bei politischen Talkshows und im Speziellen bei der Sendung "Maybrit Illner" wären. "Nobelpreis für Obama - Lasst uns mit seinem Krieg in Frieden?" lautete das Thema der aktuellen Ausgabe, und man konnte froh sein, wenn Maybrit Illner überhaupt so etwas wie eine kritische Frage zum Tanklasterangriff bei Kunduz an Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg richtete, war er doch vom ZDF mit den Worten angekündigt worden, er bekomme "Gelegenheit, seine Sicht der Tragödie einem breiten Publikum zu erläutern", und beim Erläutern von Tragödien stören pietätlose kritische Nachfragen ja nur.

Welcher Blödsinn genau?

Die Frage war also nicht, was Guttenberg sagt (die Antwort darauf stand ja lange vor Sendungsbeginn fest: nichts), sondern wie er dieses Nichts rüberbringt. Die Frage war nicht, ob Illner tatsächlich eine relevante Antwort von Guttenberg bekommt, sondern ob und wie sie es wenigstens versucht. Die Frage war nicht, ob der ebenfalls anwesende Egon Bahr weise Worte über die von ihm ja wesentlich mitgestaltete Ost-Politik Willy Brandts sprechen würde, er tut ja seit Jahrzehnten nichts anderes, die Frage war: Wird Bahr völlig in die Vergangenheit abdriften oder es doch schaffen, einen Bezug zu Obama und Afghanistan herzustellen?

Es ging auch nicht darum, ob Jürgen Todenhöfer, CDU-Politiker und Ex-Burda-Manager, den Afghanistan-Krieg ablehnt, das tut er seit Jahr und Tag, sondern um den Grad seiner menschlichen Rührung, wenn er den Krieg ablehnt. Auch der Inhalt der unzweifelhaft höchst zugespitzten Thesen des Meinungsjournalisten Alan Posener ("Welt am Sonntag") war letztlich weniger relevant als die Frage, ob er am Ende seiner Einlassungen wichtig mit dem Kopf wackeln würde, um seinen Thesen Nachdruck zu verleihen. Und dann saß da noch Ralf Möller, Ex-Bodybuilder und zuletzt als Darsteller in dem Film "Alone in the Dark II" beschäftigt (ein Film, von dem man eigentlich nur wissen muss, dass er angeblich noch schlechter war als "Alone in the Dark", Teil 1). Es war klar, dass Möller irgendwann Blödsinn verzapfen würde. Aber wann? Und welchen Blödsinn genau?

Mit solchermaßen der Talkshow-Realität angepassten Erwartungen kann man durchaus sagen: Alle Beteiligten haben sich redlich bemüht. Karl-Theodor zu Guttenberg hat mit ernster Stimme und für seine Verhältnisse nur ganz wenig grimassierend erläutert, dass er alles richtig gemacht hat und auch in Zukunft gedenke, alles richtig zu machen, wozu auch ein geregelter Abzugsplan aus Afghanistan gehört - aber erst, wenn der Taliban nicht mehr die Mädchenschule anzünden kann, weil die afghanische Polizei ihn daran hindert.

Wobei man ja schon sagen muss, dass es eine Hundsgemeinheit ist, dass dieser Obama den Nobelpreis bekommt und nicht Guttenberg, er hätte in Oslo mindestens genauso schön gesprochen - und überhaupt: ein t weniger und er hätte den Buchdruck erfunden. Das soll ihm erstmal jemand nachmachen.

Die Knalltüte platzt

Auf solche Gedanken konnte man kommen, während der smarte Minister redete und erläuterte und staatsmännisch dreinsah, und man muss es Maybrit Illner hoch anrechnen, dass sie es wenigstens und mehrfach versucht hat, Guttenberg wenigstens ein wenig aus der Reserve zu locken. Warum sie allerdings die interessanteste Frage, nämlich, ob die Bombardierung gar nicht den Lastern galt, sondern einigen Taliban-Chefs, und ob deshalb bewusst zivile Opfer in Kauf genommen wurden, warum sie diese Frage nicht Guttenberg gestellt hat, sondern Alan Posener, das bleibt ihr Geheimnis.

Ansonsten ging es brav im Programm weiter: Jürgen Todenhöfer verurteilte das Bombardement der beiden Tanklaster und vor allem den Tod von über hundert Zivilisten und sah dabei zutiefst und herzzerreißend menschlich mitgenommen aus. Egon Bahr gab einmal wieder das letzte vernunftbegabte Wesen der deutschen Politik (nach Helmut Schmidt selbstverständlich), sagte nur einmal kurz die Worte "Moskauer Verträge", um sich dann aber ganz der Gegenwart und dem nicht gewinnbaren Krieg in Afghanistan zu widmen. Und als die weise Schildkröte gesprochen hatte, da nickte die Runde einhellig.

Die offenbar genau zu diesem Zweck eingeladene Knalltüte Ralf Möller platzte schon in den ersten Minuten, als Jürgen Todenhöfer sagte, er sei ja hier (neben Egon Bahr selbstverständlich) der Einzige gegen den Krieg. Da kam er bei Möller aber gerade an den Richtigen! Diese Intellektuellen! Der Todenhöfer solle doch mal mit einer Uniform nach Afghanistan gehen! Da hätte er doch sofort eine Kugel im Kopf! Tumult! Mit diesen Worten hat sich Ralf Möller seine Gage redlich verdient, wie überhaupt alle Anwesenden. Auch Alan Posener. Er formulierte spitze Thesen, ganz wie erwartet. Und wackelte danach mit dem Kopf.

Am Ende waren sich alle irgendwie einig: Krieg ist nicht schön, aber man muss ja das Land erstmal stabilisieren, vielen Dank und bis nächste Woche. Man darf eben nicht zu viel erwarten.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 77 Beiträge
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Seite 1
Haio Forler 11.12.2009
1. .
"Die Frage war also nicht, was Guttenberg sagt (die Antwort darauf stand ja lange vor Sendungsbeginn fest: nichts), sondern wie er dieses Nichts rüberbringt. Die Frage war nicht, ob Illner tatsächlich eine relevante Antwort von Guttenberg bekommt, sondern ob und wie sie es wenigstens versucht."Das wird zunehmend wichtiger.
Highfreq, 11.12.2009
2. Es reicht!
Zitat von sysopEine weise Schildkröte, mahnende Kriegskritiker - und natürlich Karl Theodor zu Guttenberg. Maybrit Illners Runde suchte erfolglos nach Auswegen aus der Afghanistan-Krise. Dafür gab es Gefechtsweisheiten von einem deutschen Schwarzenegger-Klon. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,666478,00.html
Schon wieder über Afghanistan diskutieren? Wurde doch schon unendlich oft drüber diskutiert...fällt euch nichts besseres mehr ein? Die Standpunkteklopperei, auf welche so eine Frage von der Redaktion stets hinausläuft, wird übelst langweilig.
priesternix, 11.12.2009
3. Grabenkampf
Zitat von sysopEine weise Schildkröte, mahnende Kriegskritiker - und natürlich Karl Theodor zu Guttenberg. Maybrit Illners Runde suchte erfolglos nach Auswegen aus der Afghanistan-Krise. Dafür gab es Gefechtsweisheiten von einem deutschen Schwarzenegger-Klon. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,666478,00.html
Es ist wirklich, nett wie sich die Opposition am Knochen Guttenberg festbeisst und so die Regierung mit einer völlig nutzlosen Debatte lähmt - die Opposition hat sich ihre Rolle wirklich verdient. Fein gemacht, liebe Hinterbänkler. Für die Taliban eröffnet der Umgang mit der Story ganz neue Geschäftsmodelle - Zivilisten opfern und dann Geld für Waffen bekommen, super. Ich glaub die Gutmenschen müssen mal wieder lernen, dass Konsequenz ein wichtiger Bestandteil von Aussenpolitik zu sein hat, besonders wenn das letzte politische Mittel namens Krieg im Spiel ist.
atzebommel 11.12.2009
4. Es ist Krieg!
Ich finde diese Debatte über den Tanklasterangriff langsam albern. Da unten setzen jeden Tag tausende von Soldaten ihr Leben auf´s Spiel und alles wird verherrlicht bis zum geht nicht mehr! In Afghanistan herrscht Krieg, wann begreifen das die Leute denn endlich? Was können KSK oder auch der Bundesverteidigungsminister dafür? Wenn deutsche Soldaten von den Taliban getötet werden, gibts auch keinen Aufschrei nach Aufklärung oder Entschädigung. In einem Krieg wird es immer Opfer geben und auch Fehleinschätzungen gehören dazu. So langsam könnte das die Opposition auch mal begreifen und die anderen ihre Arbeit machen lassen anstatt einen nach dem anderen durch den Dreck zu ziehen!
frubi 11.12.2009
5. .
Zitat von sysopEine weise Schildkröte, mahnende Kriegskritiker - und natürlich Karl Theodor zu Guttenberg. Maybrit Illners Runde suchte erfolglos nach Auswegen aus der Afghanistan-Krise. Dafür gab es Gefechtsweisheiten von einem deutschen Schwarzenegger-Klon. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,666478,00.html
Ich wollte trotz Guttenberg eigentlich dran bleiben aber als dann die Kamera auf Herrn Moeller geschwenkt ist hatte ich die Lust verloren. Da hat man so ein wichtiges Thema und man lädt dieses hirnlose Wesen ein. Naja, vieleicht wird er ja unser nächster Kanzler. Sinnlos reden kann er ja bereits.
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