Von Christian Buß
Eine Grube im Waldstück um die Ecke ist sein eigentliches Zuhause geworden. Gut einen Meter breit und zwei Meter tief ist sie; alle störenden Umweltgeräusche werden vom torfigen Boden geschluckt. Hier packt Afghanistan-Heimkehrer Frank Rode (Jochen Nickel) sein Feldbesteck aus, hier macht er sich sein Armeedosenfutter auf, hier ist er ganz bei sich. Bei sich und seinem mit nach Hause gebrachten Krieg.
Wenn heutzutage, wie es der ehemalige Bundesverteidigungsminister Struck einmal formulierte, die Freiheit Deutschlands auch am Hindukusch verteidigt wird, dann müssen die Ereignisse dort eben auch zurückstrahlen in die hiesige Filmproduktion. So haben die geopolitischen Verstrickungen ganz unverhofft ein Genre reaktiviert, das hierzulande eigentlich seit der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ruhte: das Heimkehrerdrama.
Schon Anfang des Jahres lief in der ARD der Film "Willkommen zu Hause", der den inneren Konflikt der Hauptfigur solide als Fallbeispiel abhandelte und zugleich die Schizophrenie des Auslandseinsatzes auf den Punkt brachte: Die Soldaten gehen als Friedensstifter - und kehren potentiell als Kriegsversehrte heim. Nur dass das eben nicht ihr offizieller Status sein kann, weil in Afghanistan per Definition ja kein Krieg herrscht.
Die Tochter hält Soldaten generell für Mörder
Auch die "Bloch"-Episode "Tod eines Freundes" greift diese Problematik auf - weitet das politisch korrekte Heimkehrerszenario aber in ein zermürbend komplexes Traumata-Drama. Es ist ja inzwischen nicht mehr so, dass die Lieben daheim nicht nachvollziehen könnten, mit welchen inneren Verwüstungen die Zurückgekehrten umzugehen haben. Es gibt für alles Verständnis, es gibt für alles Begrifflichkeiten, es gibt für alles Behandlungsmethoden.
Aber reicht das, um den Soldaten von der Schuld zu befreien, die er glaubt, bei einem Kampfeinsatz auf sich geladen zu haben? Ob diese Schuld nun eingebildet ist oder real, spielt dabei erst mal keine Rolle. Eine Therapie, das wird bei vielen gut gemachten und gut gemeinten Heimkehrerdramen übersehen, ist ja kein moralischer Ablasshandel.
Und so hilft es auch dem Soldaten Frank Rohde nicht, dass er von wohlmeinender Toleranz umgeben ist. Die Ehefrau (Kirsten Block) wartet nun schon seit fast einem Jahr darauf, dass er wieder der Mann vor dem Afghanistan-Einsatz wird, und die Tochter (Alice Dwyer) hat offensichtliche sämtliche Literatur gelesen, die es zum Thema posttraumatische Belastungsstörung gibt. Obwohl sie selbst politisch links steht und Soldaten generell für Mörder hält, lässt sie dem Vater liebevoll eine Art Privatdiagnostik angedeihen. Umso glücklicher sind alle Beteiligten, als Therapeut Bloch (Dieter Pfaff) auf der Bildfläche erscheint. Der Seelendoktor soll es jetzt bitte schnell wieder richten.
Papa frisst Dosenfutter
Doch Papa gibt sich unzugänglich. Er versteckt sich in seiner Grube und frisst Dosenfutter, verprügelt auch schon mal aufsässige Jugendgangs und patrouilliert nachts ungefragt vor dem Haus von Nele Seiffert (Naomi Krauss), der Frau eines in Afghanistan gefallenen Kameraden. Der Mann ist eben immer noch im Krieg - mit der Welt, aber vor allem auch mit sich selbst.
Dass man sich diese richtungslosen Streifzüge durch die überhaupt nicht idyllische süddeutsche Provinz anschauen mag, liegt auch am feinfühligen Klotz Jochen Nickel: Er gibt den Heimkehrer mit der robusten Fassade als eine Art Universal Soldier, der an einer individuellen Schuld zu zerbrechen droht, von der ihn keine Pauschalbegnadigung erlösen kann.
Konsequenterweise lässt sich Regisseur Züli Aladag ("Wut") bis zehn Minuten vor Schluss Zeit, um das Trauma zu entschlüsseln. Es geht um Kinder und Kameraden, es geht ums Töten und Überleben. "Tod eines Freundes" (Buch: Marco Wiersch, Idee: Thomas Kirchner) reißt das Thema trotz der kühlen Inszenierung schmerzhaft auf. Hier wird an der offenen Wunde operiert, Genesung ist nicht garantiert. Auf diese Weise greift der Fernsehfilm, bei dem auf die üblichen Instant-Problemlösungen des Mediums verzichtet wird, unversöhnlich in die laufende Afghanistan-Debatte ein.
Was immer am Hindukusch genau passiert, ob man das Bundeswehrengagement nun Friedensmission oder Kriegseinsatz nennt: Die Folgen lassen sich leider nicht mit ein paar Bloch-Sitzungen wegtherapieren.
"Bloch - Tod eines Freundes", 20.15 Uhr, ARD
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