Afghanistan-Heimkehrer-Drama: Ein Veteran frisst Dosenfutter

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Wenn Papa nachts vor dem Haus patrouilliert: Mit "Tod eines Freundes" greift die populäre ARD-Reihe "Bloch" schmerzhaft in die Afghanistan-Debatte ein. Und zeigt die verstörende Geschichte eines Heimkehrers, der immer noch im Krieg ist - vor allem mit sich selbst.

Bloch: Vom Hindukusch ins Hinterland Fotos
WDR

Eine Grube im Waldstück um die Ecke ist sein eigentliches Zuhause geworden. Gut einen Meter breit und zwei Meter tief ist sie; alle störenden Umweltgeräusche werden vom torfigen Boden geschluckt. Hier packt Afghanistan-Heimkehrer Frank Rode (Jochen Nickel) sein Feldbesteck aus, hier macht er sich sein Armeedosenfutter auf, hier ist er ganz bei sich. Bei sich und seinem mit nach Hause gebrachten Krieg.

Wenn heutzutage, wie es der ehemalige Bundesverteidigungsminister Struck einmal formulierte, die Freiheit Deutschlands auch am Hindukusch verteidigt wird, dann müssen die Ereignisse dort eben auch zurückstrahlen in die hiesige Filmproduktion. So haben die geopolitischen Verstrickungen ganz unverhofft ein Genre reaktiviert, das hierzulande eigentlich seit der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ruhte: das Heimkehrerdrama.

Schon Anfang des Jahres lief in der ARD der Film "Willkommen zu Hause", der den inneren Konflikt der Hauptfigur solide als Fallbeispiel abhandelte und zugleich die Schizophrenie des Auslandseinsatzes auf den Punkt brachte: Die Soldaten gehen als Friedensstifter - und kehren potentiell als Kriegsversehrte heim. Nur dass das eben nicht ihr offizieller Status sein kann, weil in Afghanistan per Definition ja kein Krieg herrscht.

Die Tochter hält Soldaten generell für Mörder

Auch die "Bloch"-Episode "Tod eines Freundes" greift diese Problematik auf - weitet das politisch korrekte Heimkehrerszenario aber in ein zermürbend komplexes Traumata-Drama. Es ist ja inzwischen nicht mehr so, dass die Lieben daheim nicht nachvollziehen könnten, mit welchen inneren Verwüstungen die Zurückgekehrten umzugehen haben. Es gibt für alles Verständnis, es gibt für alles Begrifflichkeiten, es gibt für alles Behandlungsmethoden.

Aber reicht das, um den Soldaten von der Schuld zu befreien, die er glaubt, bei einem Kampfeinsatz auf sich geladen zu haben? Ob diese Schuld nun eingebildet ist oder real, spielt dabei erst mal keine Rolle. Eine Therapie, das wird bei vielen gut gemachten und gut gemeinten Heimkehrerdramen übersehen, ist ja kein moralischer Ablasshandel.

Und so hilft es auch dem Soldaten Frank Rohde nicht, dass er von wohlmeinender Toleranz umgeben ist. Die Ehefrau (Kirsten Block) wartet nun schon seit fast einem Jahr darauf, dass er wieder der Mann vor dem Afghanistan-Einsatz wird, und die Tochter (Alice Dwyer) hat offensichtliche sämtliche Literatur gelesen, die es zum Thema posttraumatische Belastungsstörung gibt. Obwohl sie selbst politisch links steht und Soldaten generell für Mörder hält, lässt sie dem Vater liebevoll eine Art Privatdiagnostik angedeihen. Umso glücklicher sind alle Beteiligten, als Therapeut Bloch (Dieter Pfaff) auf der Bildfläche erscheint. Der Seelendoktor soll es jetzt bitte schnell wieder richten.

Papa frisst Dosenfutter

Doch Papa gibt sich unzugänglich. Er versteckt sich in seiner Grube und frisst Dosenfutter, verprügelt auch schon mal aufsässige Jugendgangs und patrouilliert nachts ungefragt vor dem Haus von Nele Seiffert (Naomi Krauss), der Frau eines in Afghanistan gefallenen Kameraden. Der Mann ist eben immer noch im Krieg - mit der Welt, aber vor allem auch mit sich selbst.

Dass man sich diese richtungslosen Streifzüge durch die überhaupt nicht idyllische süddeutsche Provinz anschauen mag, liegt auch am feinfühligen Klotz Jochen Nickel: Er gibt den Heimkehrer mit der robusten Fassade als eine Art Universal Soldier, der an einer individuellen Schuld zu zerbrechen droht, von der ihn keine Pauschalbegnadigung erlösen kann.

Konsequenterweise lässt sich Regisseur Züli Aladag ("Wut") bis zehn Minuten vor Schluss Zeit, um das Trauma zu entschlüsseln. Es geht um Kinder und Kameraden, es geht ums Töten und Überleben. "Tod eines Freundes" (Buch: Marco Wiersch, Idee: Thomas Kirchner) reißt das Thema trotz der kühlen Inszenierung schmerzhaft auf. Hier wird an der offenen Wunde operiert, Genesung ist nicht garantiert. Auf diese Weise greift der Fernsehfilm, bei dem auf die üblichen Instant-Problemlösungen des Mediums verzichtet wird, unversöhnlich in die laufende Afghanistan-Debatte ein.

Was immer am Hindukusch genau passiert, ob man das Bundeswehrengagement nun Friedensmission oder Kriegseinsatz nennt: Die Folgen lassen sich leider nicht mit ein paar Bloch-Sitzungen wegtherapieren.


"Bloch - Tod eines Freundes", 20.15 Uhr, ARD

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insgesamt 28 Beiträge
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1. Werden sehen.
bürger mr 16.09.2009
Zitat von sysopWenn Papa nachts vor dem Haus patrouilliert: Mit "Tod eines Freundes" greift die populäre ARD-Reihe "Bloch" schmerzhaft in die Afghanistan-Debatte ein. Und zeigt die verstörende Geschichte eines Heimkehrers, der immer noch im Krieg ist - vor allem mit sich selbst. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,649367,00.html
Bin gespannt wie das dargestellt ist, kenne viele Heimkehrer aus den Krisengebieten und habe auch etliche verstörte, unsäglich traurige junge Menschen gesprochen . Der Umgang der Militärischen Führung sowie der Politik mit den Soldaten die soviel gesehen haben was mit dem Norm- Muster unserer Mitteleuropäischen Gesellschaft nicht in Einklang gebracht werden kann ist hilflos bis lächerlich. Solange der Status des Soldaten in seiner Heimat auf halb Fünf hängt, solange kann die Bevölkerung auch nicht Verstehen . Und nur vom Verstehen kann es zum Begreifen und dann eventuell auch zu einer Hilfe kommen. Möge der kommenden Bundesregierung mehr Sachverstand dies- bezüglich beschieden sein.
2. Blödsinn
systemfeind 16.09.2009
Zitat von sysopWenn Papa nachts vor dem Haus patrouilliert: Mit "Tod eines Freundes" greift die populäre ARD-Reihe "Bloch" schmerzhaft in die Afghanistan-Debatte ein. Und zeigt die verstörende Geschichte eines Heimkehrers, der immer noch im Krieg ist - vor allem mit sich selbst. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,649367,00.html
das Fernsehen verwechselt da wohl Soldaten mit gi`s , die drehen gerne mal durch
3. Naja
Jonny Deep 16.09.2009
Zitat von systemfeinddas Fernsehen verwechselt da wohl Soldaten mit gi`s , die drehen gerne mal durch
Sie wissen ja bescheid... Ich denke schon, das viele Soldaten traumatisiert werden. Ich meine mich an 10-30% der Afgahnistanrückkehrer zu erinnern, belegen kann ich sie aber atm nicht.
4. Da gibt es keine Unteschied
Rainer Daeschler 16.09.2009
Zitat von systemfeindBlödsinn das Fernsehen verwechselt da wohl Soldaten mit gi`s , die drehen gerne mal durch
Sie haben das Talent zum Kanzleramtssprecher. Was die Kanzlerin nicht wahrhaben will, das gibt es auch nicht.
5. freiwillig
Berta 16.09.2009
Sind doch alle freiwillig da,haben die gedacht da fliegen nur Wattebällchen durch die Luft. http://www.krusenstern.ch/9-kompanie-9-von-fjodor-bondartschuk-video-clip/
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