Afro-"Tatort" mit Ulrike Folkerts: Lecker Essen, böse Messen

Wenn Weltumarmungsstimmung auf Ressentiments trifft: Im "Tatort" aus Ludwigshafen freut sich die Ermittlerin über die bunten Gewänder der somalischen Gemeinde - nur um das Böse dahinter zu entdecken. Der Krimi ist so schlecht, findet Christian Buß, da kann man ruhig die Auflösung verraten. 

"Tatort" über Migranten: Afrika in Ludwigshafen Fotos
SWR

"Da hört's bei mir echt auf mit Toleranz!" Kommissarin Odenthal (Ulrike Folkerts) ist am Ende des aktuellen "Tatort" wirklich zornig auf die Somalier. Dabei hat sie sich zuvor von ihrer Weltbürgerinnenseite gezeigt, hat beim obligatorischen Getrommel im afrikanischen Kulturzentrum wohlmeinend mit dem Kopf gewippt und brav am Sambusa-Teig geknabbert. Auch vergaß sie netterweise mal, dass sie Beamtin ist und schaute darüber hinweg, dass ein Sozialarbeiter von seinem Schreibtisch aus Hawala-Banking betrieb, also jenes Finanzsystem, durch das Flüchtlinge an den Behörden vorbei ihren Familien in der Heimat Geld zukommen lassen können.

Doch nach der Lösung ihres aktuellen Falls ist Odenthal stinksauer auf die Somalier. Was ihr so die Laune verhagelt hat? Achtung, an dieser Stelle bitte nicht weiterlesen, wenn Sie am Sonntag beim "Tatort" mitknobeln wollen! Also: Die Odenthal ist stinksauer, weil sie herausfindet, dass die somalischen Frauen in Deutschland Vaginalbeschneidungen an ihren Töchtern vornehmen lassen. Während einer Art Messe wird in orangefarbenen Gewändern das blutige Ritual vollzogen, das die Mädchen aufschreien lässt.

Dass wir an dieser Stelle die Auflösung des Krimis verraten, indem wir auf das zentrale gesellschaftspolitische Thema hinweisen, welches darin verhandelt wird, führt dann auch direkt zum Hauptproblem dieses besonders schlechten "Tatort" aus Ludwigshafen: Die Genitalverstümmelung ist hier lediglich ein McGuffin, ein Kniff also, um die Krimihandlung am Laufen zu halten, ohne dass man sich für das angerissene Thema interessieren muss. Der Begriff geht auf Alfred Hitchcock zurück, der mit seinen McGuffins ein Höchstmaß an Spannung erzeugte, ohne sich lange mit Erklärungen aufzuhalten.

Ein Krimi wie aus dem Bausatz

Nun ist es aber eben durchaus angemessen, sich bei dem Thema Klitoralbeschneidung ein bisschen mit Erklärungen aufzuhalten - zumal, wenn man sich zuvor so volkskundlich aufgeschlossen gezeigt hat wie die Ermittlerin. Doch die hastet in der Folge "Tod einer Lehrerin" am Ende nur noch mit Sambusa-Krümeln am Mund und Afro-Rhythmen in den Beinen von einem Verdachtsmoment zum nächsten - allesamt sehr uninspiriert vom Drehbuch (Hans Gerd Müller) ausgestreut. Es geht um den Mord an einer Hauptschullehrerin, die in ihrem Zimmerspringbrunnen ertränkt wurde. Eltern, deren Sohn bei einem Schulausflug ums Leben gekommen ist, werden ebenso ins Verhör genommen wie der obligatorische Sechserschüler mit Mordswut im Bauch.

Erstaunlich, dass Regisseur Thomas Freundner sich für diesen kriminalistischen Abzählreim hergibt; der Genre-Könner hatte vorher unter anderem mit der Episode "Herzversagen" (2004) den vielleicht besten Frankfurter "Tatort" überhaupt gedreht und selbst dem schlichten Peter-Sodann-"Tatort" aus Leipzig mit "Tiefer Fall" (2005) einen bösen proletarischen Abgesang abgerungen.

Mit diesem Bausatz-Krimi aber schließt er nahtlos an den fürchterlichen letzten "Tatort" aus Ludwigshafen an. Da hatte man unter dem Titel "Im Abseits" eigentlich das Thema Frauenfußball von seinen Klischees befreien wollte, fuhr dann aber doch nur Spatzenwissen und Spitzenhöschen auf.

"Tod einer Lehrerin" funktioniert nun genauso einfach, und man fragt sich unweigerlich, ob der betreuende SWR diese bedenkliche Richtung redaktionell vorgibt: Erst geriert man sich aufklärerisch und beleuchtet wohlwollend gesellschaftliche Randbereiche - um dann sämtliche Ressentiments zu bestätigen. So weidet sich die Kamera an traditionellen Gewändern und exotischen Essenstafeln, liefert am Ende aber nicht weniger als eine Generalverteufelung der so bunt ausgeleuchteten Kultur. Heitere Weltumarmungsstimmung und böses Ressentiment, wie unangenehm, gehen hier Hand in Hand.

"Tatort: Tod einer Lehrerin", Sonntag 20.15 Uhr, ARD

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insgesamt 14 Beiträge
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1. Tatort = immer jämmerlich
vegefranz 09.09.2011
diese unerträgliche Art, Gutmenschentum unter dem Deckmantel eines Krimis zu tarnen, hat die Serie "Tatort" ruiniert.
2. ...
thelix 09.09.2011
Zitat von vegefranzdiese unerträgliche Art, Gutmenschentum unter dem Deckmantel eines Krimis zu tarnen, hat die Serie "Tatort" ruiniert.
Kann man nicht bittebitte ein EIN-ZI-GES MAL den "Gutmenschen" weglassen? Es nervt so gewaltig, es ist einfach nur zum ko***n!
3. Multi-Kulti
seduro34 09.09.2011
Die Frage ist doch ob der SWR schlechte Drehbücher hat, Frau Folkerts die falsche Besetzung ist oder ob man sich bei den Öffentlich-Rechtlichen sich nicht kritisch mit den Schattenseiten von Multi-Kulti auseinandersetzen will. Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus allem. Die Figur Lena Odental war einmal sehr vielversprechend, man hätte mit ihr - wenn man sie differenzierter aufgestellt hätte - neue Wege beschreiten können. So hätte man der Kommissarin z.B. "privat" eine Lebenspartnerin an die Seite stellen können, welche eine neue - und sich von anderen Tatorten abhebende - Ermittlerin ergeben hätte können(alternative Lebensweisen auch im Beruf - zumal Frau Folkert schon durch ihre Art der Darstellung der Odenthal hinreichend prädestiniert wäre. Das überlässt die ARD aber den skandinavischen Ländern, die damit übrigens sehr erfolgreich sind). Dazu war der SWR anscheinden zu feige, so daß die Kommissarin nun konturlos durch den Tatort stampft und versucht, politisch korrekt Fälle aufzuarbeiten, ohne sich selbst in irgendeiner Weise zu positionieren. Dann die, in meinen Augen, unbegründete Furcht, den Tatort - immerhin eine Institution in der ARD - kritisch anecken zu lassen. So versucht man die Quadratur des Kreises, einen spannenden Film zu schaffen ohne allzuviel gesellschaftliche Kritik an der Themengruppe. Man muß sich entscheiden: will ich einen Krimi der die Themen der Zeit aufgreift, dann muß man kritisieren. Oder will man den Gärtner als Mörder, dann sollte man den Tatort auch als gewöhnlichen Krimi setzen. Der Tradition nach, wäre es dann aber kein "Tatort" mehr. Vielleicht gehen den Machern auch einfach die Ideen aus, dann sollte man den Tatort einstellen.
4. Scheint ein guter Tatort zu werden
gondo 09.09.2011
Zitat von sysopWenn Weltumarmungsstimmung auf Ressentiment trifft: Im "Tatort" aus Ludwigshafen*freut sich die Ermittlerin über die bunten Gewänder der somalischen Gemeinde -*nur um das Böse dahinter zu entdecken. Der Krimi ist so schlecht, findet Christian Buß, da*kann man ruhig die Auflösung verraten.* http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,784430,00.html
Da scheint dem Autor des Spiegel-Artikels wohl nicht zu passen, dass die Realität gezeigt wird. Und die Realität lautet: Viele Immigranten sind noch nicht in unserer Gesellschaft und unseren Werten angekommen. Sie leben noch mit Ihren archaischen Traditionen, durch die sie in ihrer Jugend geprägt wurden, und die sind eben nicht so schön wie die farbenfrohen Gewänder. Damit hat der Autor des Artikels offenbar ein Problem. Und was macht man, wenn einem das Weltbild durch so eine Sendung mit Fakten zerstört wird, die man schlecht abstreiten kann? Man behauptet es ist schlecht gemacht. Dadurch dass man behauptet, dass es schlecht gemacht ist, muss man nicht über die Wahrheit diskutieren, sondern verlagert die Diskussion auf einen Nebenschauplatz, eben den der Machart. Man lernt in dem Artikel, dass der Krimi die gleichen Spannungstechniken benutzt wie Hitchcock und dass dem Autor irgendetwas daran nicht gefällt. Aber was denn eigentlich, objektiv gesehen, schlecht gemacht ist, wird in den vielen subjektiven Formulierungen des Autors nicht klar. Also insgesamt ein Artikel, der auf den Tatort neugierig macht.
5. .
Haio Forler 09.09.2011
Zitat von vegefranzdiese unerträgliche Art, Gutmenschentum unter dem Deckmantel eines Krimis zu tarnen, hat die Serie "Tatort" ruiniert.
Da ist was dran. Man möchte halt am Puls der Zeit bleiben, am sogenannten ;)
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Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Buß, Jahrgang 1968, ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden noch so schlechten "Tatort". Doch der TV-Krimi ist für ihn nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit. Wer wissen will, wie das Land tickt, der kommt um den "Tatort" nicht herum.