"Da hört's bei mir echt auf mit Toleranz!" Kommissarin Odenthal (Ulrike Folkerts) ist am Ende des aktuellen "Tatort" wirklich zornig auf die Somalier. Dabei hat sie sich zuvor von ihrer Weltbürgerinnenseite gezeigt, hat beim obligatorischen Getrommel im afrikanischen Kulturzentrum wohlmeinend mit dem Kopf gewippt und brav am Sambusa-Teig geknabbert. Auch vergaß sie netterweise mal, dass sie Beamtin ist und schaute darüber hinweg, dass ein Sozialarbeiter von seinem Schreibtisch aus Hawala-Banking betrieb, also jenes Finanzsystem, durch das Flüchtlinge an den Behörden vorbei ihren Familien in der Heimat Geld zukommen lassen können.
Doch nach der Lösung ihres aktuellen Falls ist Odenthal stinksauer auf die Somalier. Was ihr so die Laune verhagelt hat? Achtung, an dieser Stelle bitte nicht weiterlesen, wenn Sie am Sonntag beim "Tatort" mitknobeln wollen! Also: Die Odenthal ist stinksauer, weil sie herausfindet, dass die somalischen Frauen in Deutschland Vaginalbeschneidungen an ihren Töchtern vornehmen lassen. Während einer Art Messe wird in orangefarbenen Gewändern das blutige Ritual vollzogen, das die Mädchen aufschreien lässt.
Dass wir an dieser Stelle die Auflösung des Krimis verraten, indem wir auf das zentrale gesellschaftspolitische Thema hinweisen, welches darin verhandelt wird, führt dann auch direkt zum Hauptproblem dieses besonders schlechten "Tatort" aus Ludwigshafen: Die Genitalverstümmelung ist hier lediglich ein McGuffin, ein Kniff also, um die Krimihandlung am Laufen zu halten, ohne dass man sich für das angerissene Thema interessieren muss. Der Begriff geht auf Alfred Hitchcock zurück, der mit seinen McGuffins ein Höchstmaß an Spannung erzeugte, ohne sich lange mit Erklärungen aufzuhalten.
Ein Krimi wie aus dem Bausatz
Nun ist es aber eben durchaus angemessen, sich bei dem Thema Klitoralbeschneidung ein bisschen mit Erklärungen aufzuhalten - zumal, wenn man sich zuvor so volkskundlich aufgeschlossen gezeigt hat wie die Ermittlerin. Doch die hastet in der Folge "Tod einer Lehrerin" am Ende nur noch mit Sambusa-Krümeln am Mund und Afro-Rhythmen in den Beinen von einem Verdachtsmoment zum nächsten - allesamt sehr uninspiriert vom Drehbuch (Hans Gerd Müller) ausgestreut. Es geht um den Mord an einer Hauptschullehrerin, die in ihrem Zimmerspringbrunnen ertränkt wurde. Eltern, deren Sohn bei einem Schulausflug ums Leben gekommen ist, werden ebenso ins Verhör genommen wie der obligatorische Sechserschüler mit Mordswut im Bauch.
Erstaunlich, dass Regisseur Thomas Freundner sich für diesen kriminalistischen Abzählreim hergibt; der Genre-Könner hatte vorher unter anderem mit der Episode "Herzversagen" (2004) den vielleicht besten Frankfurter "Tatort" überhaupt gedreht und selbst dem schlichten Peter-Sodann-"Tatort" aus Leipzig mit "Tiefer Fall" (2005) einen bösen proletarischen Abgesang abgerungen.
Mit diesem Bausatz-Krimi aber schließt er nahtlos an den fürchterlichen letzten "Tatort" aus Ludwigshafen an. Da hatte man unter dem Titel "Im Abseits" eigentlich das Thema Frauenfußball von seinen Klischees befreien wollte, fuhr dann aber doch nur Spatzenwissen und Spitzenhöschen auf.
"Tod einer Lehrerin" funktioniert nun genauso einfach, und man fragt sich unweigerlich, ob der betreuende SWR diese bedenkliche Richtung redaktionell vorgibt: Erst geriert man sich aufklärerisch und beleuchtet wohlwollend gesellschaftliche Randbereiche - um dann sämtliche Ressentiments zu bestätigen. So weidet sich die Kamera an traditionellen Gewändern und exotischen Essenstafeln, liefert am Ende aber nicht weniger als eine Generalverteufelung der so bunt ausgeleuchteten Kultur. Heitere Weltumarmungsstimmung und böses Ressentiment, wie unangenehm, gehen hier Hand in Hand.
"Tatort: Tod einer Lehrerin", Sonntag 20.15 Uhr, ARD
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