"Aktenzeichen XY ... ungelöst" Hier kann man noch sicher sein

Derzeit tobt die Debatte darum, wie es in Deutschland sicherer werden kann. Für die gefühlte innere Sicherheit kann es 2017 nur eine Lösung geben: Rund um die Uhr "Aktenzeichen XY" ausstrahlen.

"Aktenzeichen XY"-Moderator Rudi Cerne
DPA

"Aktenzeichen XY"-Moderator Rudi Cerne


Es müsste eigentlich Pflicht sein, sich "Aktenzeichen XY ... ungelöst" anzusehen. Dann würden wahrscheinlich nicht nur rund 40 Prozent der vorgestellten Fälle gelöst, sondern 100. Und käme die Sendung statt nur alle vier Wochen noch öfter, am besten täglich - dem Verbrechen wäre einer jener Riegel vorgeschoben, zu dem die Kriminalpolizei zum Schutz vor Einbrechern immer rät.

Seit einem halben Jahrhundert gehört die Sendung zum unverrückbaren Mobiliar des ZDF und steht herum wie ein alter Ohrensessel, unberührt vom Wandel der Moden und nur hin und wieder neu bezogen. Er leistet durchaus seine Dienste. Von 4.500 Kriminalfällen, berichtet Moderator Rudi Cerne eingangs, seien 1.800 aufgeklärt worden: "Jetzt bittet die Kriminalpolizei wieder um ihre Mithilfe." Und Helfen, das ist dem Gebührenzahler zur zweiten Natur geworden, das lässt er sich nicht zweimal sagen.

"Aktenzeichen XY" ist nicht nur drei Jahre älter als die "Tatort"-Reihe, es ist auch ein Fenster zum dunklen Hinterhof unserer Gesellschaft, wo zwischen den Mülltonnen vermummte Gauner und Ganoven ihr Unwesen treiben. Anders als der "Tatort", dem es ebenfalls um eine Abbildung gesellschaftlicher Realitäten geht, erlaubt sich "Aktenzeichen XY" keine dramaturgischen Abschweifungen. Authentisch soll es zugehen, verantwortungsvoll und ernst.

Heile Welt - bis zum Einbruch des Bösen

Gerade das Laienhafte der nachgespielten Szenen signalisiert, dass in dieser halbamtlichen Veranstaltung ausnahmsweise Unterhaltung ganz klein geschrieben wird. Die in den Spielszenen auftretenden Ermittler erinnern nur aus der Ferne an "Tatort"-Kommissare und behelligen den Zuschauer nicht mit ihrem Privatleben, die Darsteller reden souverän auf RTL-Reality-Doku-Soap-Niveau miteinander: "Gerade eben ist noch eine Spielhalle überfallen worden!" - "Was?!" - "Wir müssen los. Auf Wiedersehen."

Wird die Polizei gerufen, ist in genau zwei Sekunden eine Streife zur Stelle, der die überraschten Einbrecher buchstäblich in die Arme laufen. Interessanter als die Straftaten ist der Alltag der Opfer, die wir neuerdings auch immer noch kennenlernen dürfen. Der heilen Welt, kurz vor dem Einbruch des Bösen, ist mehr Platz eingeräumt als früher.

Rentnerinnen freuen sich auf die Reise nach Paris und plaudern mit ihren Nachbarn - bald werden sie überfallen. Spielhallenbesitzerinnen langweilen sich auf Nachtschicht zu Tode - bald werden sie überfallen. Ein kunstsinniges Ehepaar turtelt miteinander herum - bald wird es überfallen. Ein Sportwettengewinner freut sich über das viele Geld - bald wird er auf dem Rücksitz seines Autos bis zur Unkenntlichkeit verbrannt.

"Aktenzeichen XY" 1986 mit Eduard Zimmermann
DPA

"Aktenzeichen XY" 1986 mit Eduard Zimmermann

Auch die Gewalt selbst ist sichtbarer als noch zu Zeiten eines Eduard Zimmermann, wo sie hinter gnädigem Milchglasfilter verschwand. Heute darf gefleht, gebrüllt, getreten und verbrannt werden, und Rudi Cerne kommentiert wächsern: "Ein flammendes Inferno." Überhaupt ist der ehemalige Eiskunstläufer Cerne eine Idealbesetzung, erinnert er doch ein wenig an David Caruso in "CSI: Miami", den womöglich schlechtesten Schauspieler der Welt.

Nur eine Kaffeemaschine im Hintergrund fehlt

Als moderierender Makler zwischen Polizei und Bevölkerung stellt Cerne hin und wieder die großen Fragen der Moral ("Was geht im Kopf dieses Menschen vor?"), lässt sich aber von den echten Kommissaren gerne belehren, da gebe es offenbar "Anzeichen für eine psychische Störung oder dergleichen".

Die eigentlichen Stars allerdings sind die echten Kommissare und Kommissarinnen, Abgesandte der Wirklichkeit und "betraut mit dem Fall". Die kommen aus Darmstadt oder Mettmann, lesen linkisch ihre Texte ab, brauchen unsere Hilfe und bemühen sich, auf der Suche nach einem Täter mit roten Turnschuhen korrekt zu bleiben: "Dazu ist anzumerken, dass rote Schuhe im Moment absolute Mode sind", nun also nicht alle Träger roter Schuhe unter Generalverdacht stünden.

Besonders gerne meldet Cerne nachträglich Vollzug. So habe sich im Fall jener Prostituierten, die in ihrem Wohnwagen ermordet wurde, ein Zuschauer als Zeuge gemeldet, der sich - Sachen gibt's! - letztlich selbst als der Täter entpuppte. Die Gewalt lauert nicht nur in Villen und Mietwohnungen und immer wieder Spielhallen, sie schaut auch ZDF.

Heimlicher Hauptdarsteller von "Aktenzeichen XY" aber ist nach wie vor die Atmosphäre geschäftiger Konzentration im Studio. Im geheimnisvollen Halbschatten sitzen wie auf einer echten Wache echte Polizisten vor echten Telefonen, die noch echte Kabel haben und so richtig klingelingeln. Da geht wieder ein Hinweis ein! Ob's der entscheidende ist? Fehlt nur noch, dass im Hintergrund eine Kaffeemaschine röchelt.

Verbrechen ist für die Dauer der Sendung gebannt

Allein diese artifizielle Mischung aus "Polizeiinspektion 1", "CSI: München" und Low-Budget-"Tatort" gewährleistet, dass keine unnötige Spannung die Suche nach den Tätern behindert. Immerhin haben wir die Bilder der Überwachungskamera, sagt Cerne, "und da werfen wir jetzt mal einen konzentrierten Blick drauf". So. Fertig? "Dann hoffe ich, dass jetzt ganz rasch Hinweise reinkommen. Sachdienliche, versteht sich."

Zur Auflockerung verwandelt sich die Sendung immer wieder unversehens in "Kunst & Krempel", wenn gestohlene Silbermünzen gezeigt werden, wir über Ölmalerei des 19. Jahrhunderts meditieren oder den Wert eines Schmuckanhängers mit einer Fassung aus 585er Gold unterrichtet werden. In solchen Momenten sind sie dann ganz weit weg, die Kapuzenmänner in Tiefgaragen, die Kapuzenmänner in Gärten und die Kapuzenmänner in Spielhallen.

Überhaupt scheint das Verbrechen wenigstens für die Dauer einer Sendung gebannt zu sein, deren tiefere Botschaft lauten könnte: "Keine Sorge, wir arbeiten dran!" Weshalb Cerne, nachdem er reihenweise gemeine bis brutale Verbrechen präsentiert hat, sich auch mit einem zuversichtlichen "Bleiben Sie sicher" verabschieden kann.

Der Wert von "Aktenzeichen XY" für die gefühlte innere Sicherheit kann auch 2017 gar nicht hoch genug veranschlagt werden. Die Sendung sollte eigentlich rund um die Uhr laufen. Sicherheitshalber.



© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.