Geburtstagsgruß "Mensch Bio!" Plaudern wie ein Dampfkochtopf

ARD

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Sandra Maischberger singt Alfred Biolek zum 80. Geburtstag ein gefühlvolles bis gefühliges, ein langes bis langatmiges Loblied. Dabei werden selbst Fragen beantwortet, die man niemals auch nur im Traum gestellt hätte.

Die erste Minute ist wie für einen Spielfilm inszeniert. Alfred Biolek steht vor einem nächtlichen Schaufenster und betrachtet auf den Geräten dort wohlwollend Ausschnitte seiner alten Sendungen. Weil Sendungen mit Biolek immer Sendungen mit Prominenten waren, sehen wir Paul McCartney, Hannelore Kohl, Franz-Josef Strauß, Sammy Davis Jr. oder den Dalai Lama. "Den Star kennen wir", setzt Sandra Maischberger mit einfühlsamer Stimme voraus: "In diesem Film soll es um den Menschen Alfred Biolek gehen." Au ja, der Mensch Biolek! Mensch Bio.

Zu diesem Zweck spannt Maischberger einen sehr weiten und sehr sentimentalen Spannungsbogen: Mähren in den Dreißigerjahren, zu den sphärischen Klängen der Ouvertüre zu "Lohengrin" gibt's verwackelte Filmaufnahmen der Familie von Papa Biolek, idyllische Gartenszenen, Kinderstreiche: "Es war", erklärt Biolek einer einfühlsam alle Erinnerungen aus ihm herausnickenden Sandra Maischberger, "das Paradies." Die Vertreibung daraus muss ein Trauma gewesen sein und wird zunächst nur angedeutet.

"Zu konservativ" für die Darkrooms

Harter Schnitt nach New York. Jetzt sitzt "Bio" auf einer Parkbank an der Brooklyn Bridge und erzählt, wie sehr ihn die Stadt schon als 16-Jährigen auf Schüleraustausch beeindruckt hat. Sinatra singt dazu sein "Unforgettable" und Maischberger erläutert, hier am Hudson sei Bioleks "Sehnsucht nach dem Weltgeist" erwacht und zugleich erfüllt worden.

Wobei sie mit "Weltgeist" vermutlich nicht auf Hegel anspielen wollte, sondern eher auf den Duft der großen weiten Welt: "Ich spürte, was es da gab und genoss es auch, ich roch es - aber ich konnte nicht wirklich mitmachen", sagt Biolek über die härteren und dunkleren Ecken der Schwulenszene im Village. Mit glaubwürdigem Bedauern gesteht er, "zu konservativ" für die Darkrooms gewesen zu sein: "Ich habe mich da sehr zurückgehalten und bin da nie reingegangen. Und deswegen lebe ich heute noch."

Drei Jahre lebte Biolek in New York, durch das er nun mit dem Taxi und seinem damaligen Freund sowie mit seinem Adoptivsohn Keith cruist. Zuvor aber machte er in Deutschland nicht als Rechtsanwalt, wie von den Eltern vorgesehen, sondern als Moderator Karriere. 1963 befragt er in seiner ersten Sendung "Tipps für Autofahrer" verwirrte Fußgänger, warum sie beim Überqueren der Straße kein Handzeichen gemacht haben. Damals war das groß en vogue.

"1969, als der Paragraf gegen die Schwulen abgeschafft wurde, habe ich meine Krawatten rausgerissen und weggeschmissen und angefangen, ein anderes Leben zu leben", erinnert sich Biolek. Die Haare wurden länger, die Brillen immer größer. Es verschlug ihn nach Amsterdam oder London, wo er neue Künstler suchte und fand. Monty Python wären womöglich auch ohne Biolek irgendwann in Deutschland angekommen, Herman van Veen wahrscheinlich nicht. Ihn soll er in der Amsterdamer Kleinkunstszene entdeckt und dann nach Deutschland vermittelt haben. Die unbeschwerte Leichtigkeit, die Biolek in den Niederlanden erfährt, übersetzt er als Erfolgsrezept ins deutsche Fernsehen - etwa als Produzent von Rudi Carrell.

Interviews als verschmunzelte Plauderstündchen

Selbst zum Star wird er endlich mit der Revue "Bio's Bahnhof". Und alte Freunde erinnern sich daran, dass Biolek damals schon viele Groupies gehabt und das auch genossen habe, was sonst. Sein Motto sei gewesen: "Offen, aber nicht öffentlich schwul". Für sein unfreiwilliges Outing durch einen zornigen Rosa von Praunheim hat er die schöne Metapher gefunden, dass er zwar einen "Schlag auf den Rücken bekommen", sich dadurch aber auch eine Verspannung gelöst habe. Wie auf Kommando steht plötzlich seine alte Freundin Alice Schwarzer vor der Tür, "Na, altes Häuschen?", und lässt sich zum Kochen verpflichten. Ach ja, die Kochsendungen hat Biolek auch erfunden. In alten Szenen aus "Alfredissimo!" sehen wir ihn mit illustren Gäste von Joschka Fischer bis Helmut Berger irgendwas schnippeln und brutzeln.

Kritisch zur Sprache kommt immerhin sein butterweicher, fast zärtlicher Interviewstil in "Boulevard Bio". Er wollte niemanden stolpern lassen. Deswegen konnte er mit Strauß sprechen und einem notorischen Talkshowfeind wie Helmut Kohl, und deshalb hat er aus diesen Interviews auch nicht mehr gemacht als verschmunzelte Plauderstündchen.

Irgendwann sieht man Alfred Biolek auf dem Traumschiff. Sein Freund Tim Fischer singt ihm ein Ständchen, die Kamera fängt derweil die im Wind flatternden Tischtücher ein und danach das blauschwarze Kielwasser. Es wäre ein schönes Ende gewesen, aber Budget und Schauplätze waren wohl noch nicht ausgeschöpft.

Also geht es, um den Bogen zu schließen, zurück nach Mähren. Dort steht Biolek in seinem Elternhaus, heute ein Kindergarten, und tut so, als spiele er auf einem Klavier in der Ecke, das früher einmal da stand, "Lohengrin". Auch das wäre ein schönes Ende gewesen, doch die 90 Minuten sind immer noch nicht voll. So endet das Epos im Winter seines Lebens, beim Kochen inmitten seiner Wahlfamilie in Köln.

Nein, doch noch nicht! Zuletzt geht's noch mal in den Central Park, von wo Biolek zu den Klängen von Simon and Garfunkel auf sein Leben herabschaut: "Long ago it must be, I have a photograph / Preserve your memories, they're all that's left you". Schluchz.

Leben und Werk in allen Ehren, aber gar so viel Biolek wäre vielleicht nicht nötig gewesen.


"Mensch Bio", Dienstag, 22.45 Uhr, ARD

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16 Leserkommentare
Bimö 24.06.2014
jazzer 24.06.2014
heuteundnichtmorgen 24.06.2014
Annabelle1811 24.06.2014
hobbyleser 24.06.2014
jippie 24.06.2014
spiegelallerlei 24.06.2014
wahrheitsgemäß 24.06.2014
saul7 24.06.2014
ethin 24.06.2014
spon-facebook-1106326184 25.06.2014
madcostelloartist 25.06.2014
mag-the-one 25.06.2014
mag-the-one 25.06.2014
kael 26.06.2014
mr.feelgood 01.07.2014

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