Netflix-Miniserie "Alias Grace" Nicht mehr stets zu Diensten

Stoffe sind politisch: Die "Alias Grace"-Macherinnen verweben die wahre Geschichte eines wegen Mordes verurteilten Dienstmädchens zu einem feministischen Patchwork-Kostümdrama.

picture alliance/ Netflix

Eine der schönsten Sequenzen von "Alias Grace" ereignet sich recht früh in der ersten Folge: Zwei Dienstmädchen beim Bettenmachen, vier Hände, die Laken glattstreichen und feststecken. Die schweren Überdecken machen ein dumpfes Geräusch, wenn sie aufs Bett fallen, ein helleres, wenn sie aufgeschlagen werden. Sie öffnen sich wie Blumen, ihre Muster sind fantasievoll und farbenfroh.

Die Montage wird schneller und rhythmischer, noch eine Decke und noch eine und noch eine. Warum, fragt eine junge Mädchenstimme mit irischem Zungenschlag, platzieren Frauen seit Generationen solche farbenprächtigen Quilts auf ihren Betten?

Die Quilts sind, folgert Grace, das Dienstmädchen, das hier spricht, eine Warnung: "Es gibt viele gefährliche Dinge, die in einem Bett stattfinden können. Es ist der Ort, an dem wir geboren werden, es ist der Ort, an dem eine Frau niederkommt, und es ist der Ort, an dem der Akt zwischen Mann und Frau stattfindet. Manche nennen es Liebe, andere Verzweiflung oder auch nur eine Demütigung, die es zu erleiden gilt."

"Alias Grace" etabliert gleich zu Beginn den Quilt - die aus vielen kleinen Stoffresten zusammengesetzte Decke, die im angloamerikanischen Raum lange Tradition hat - als Supermetapher im Kampf der Geschlechter.

Vorlage der Netflix-Miniserie ist - nach Hulus "The Handmaid's Tale" - ein Buch von Margaret Atwood. Um brutal patriarchale Zustände und weibliche Reproduktionsarbeit geht es hier wie dort. Doch während "The Handmaid's Tale" den Blick in eine dystopische Zukunft wirft, schaut "Alias Grace" zurück. Atwoods Roman erzählt die (wahre) Geschichte eines irisch-kanadischen Dienstmädchens, Grace Marks, die 1843 wegen Mordes an ihrem Dienstherrn und dessen Haushälterin zu lebenslanger Haft verurteilt, später aber begnadigt worden ist.

Die von Sarah Polley adaptierte und Mary Herron in Szene gesetzte Serie behält die komplexe Anlage von Atwoods Roman bei und stellt ihre literarische Herkunft aus: im Voice-Over, das Grace als Erzählerin setzt, in den Gedichten, die jeder Folge vorangestellt sind, auch in dem Dickens-Touch, der der ganzen Serie anhaftet.

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Hinzuerfunden hat Atwood den jungen amerikanischen Nervenarzt Jordan, eine Art Proto-Sigmund-Freud, der Graces Geheimnis auf die Spur kommen will: Hat sie's getan oder nicht? Kann sie sich nicht erinnern oder lügt sie? Jordan lässt Grace in einer Art talking cure Assoziationen und Träume erzählen, er notiert ihre Lebensgeschichte. Es geht um Männer und Frauen, eine ewige Folge von Unterdrückung und Gewalt, von mörderischem Ausgeliefertsein.

Grace' liebste Freundin Mary stirbt nach einer verpfuschten Abtreibung, weiße Decken, Laken, Unterwäsche durchtränkt von Blut, tiefrot, das Bett ein Schlachtfeld, tatsächlich. Die so grausam verendete Mary spielt eine zentrale, wenn auch nie ganz geklärte Rolle in der Geschichte des Mordes, in Graces Geschichte: Es handelt sich um eine Mischung aus Geisterspuk und Übertragung im psychoanalytischen Sinne, aus Selbstverlust und Rache, die exquisit schaudern macht.

Während Grace erzählt, näht sie. Das Nähen ist Teil einer ganzen Reihe von weiblichen Hausarbeiten, denen die Serie viel screen time einräumt, ständig sieht man Grace Wäsche waschen und Silber polieren, Erbsen palen und Teig kneten, Fußböden schrubben und Staub wischen, Kühe melken und Butter machen - Momentaufnahmen repetitiver Frauenarbeit wie in Chantal Akermans Film "Jeanne Dielman".

Das Nähen spielt in "Alias Grace" eine besondere Rolle: Großaufnahmen, wie die Nadel durch Stoff sticht, die Schere den Faden schneidet, der Mund den Faden mit Spucke benetzt. Sinnliche Bilder sind das und friedliche, häusliche und heimelige. Aber sie sind auch latent bedrohlich, stets ist da die Angst, die Nadel könnte plötzlich stechen, Blut fließen - wie in den Flashbacks der Mordtat, die immer wieder durchs Bild blitzen. Jordan wird sich letztlich hoffnungslos verheddern im Garn, das Grace als unzuverlässige Erzählerin spinnt. Auch für ihn wird das Bett ein Ort des Unheils, an dem sich keine Ruhe finden lässt. Er hätte gewarnt sein können: Grace näht einen Quilt.

"Alias Grace" ist eine Literaturverfilmung, die ihren Stoff ernst nimmt, ein Textil- und Kostümdrama im wahrsten Sinne des Wortes. "Sie haben wohl nie eine Haube getragen," bemerkt Grace einmal spöttisch zu Jordan, als der sie nach visuellen Erinnerungen befragt. Offensichtlich nicht, sonst hätte er gewusst, dass die schmucken Biedermeier-Kopfhauben das Sichtfeld ihrer Trägerinnen wie Scheuklappen begrenzen. Die grellroten Kutten und weißen Hauben aus "The Handmaid's Tale" haben bereits Eingang in die Ikonografie zeitgenössischen Protests gefunden. Stoffe sind politisch.

Trotzdem gelten "Kostümfilm" und "Frauenliteratur" immer noch oft als minderwertige Gattungen, mit denen es sich im Wertesystem patriarchal geprägter Kultur nicht unbedingt mit Ruhm bekleckern lässt. Den Macherinnen von "Alias Grace" ist das egal. Ja, sie nutzen das unterschätzte Genre, um es feministisch zu unterwandern. Sie nutzen es, um eine Geschichte zu erzählen, die mit Ereignissen einer Gegenwart räsoniert, in der es weiter eklatante Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern gibt und Männer, die dieses Machtgefälle ausnutzen (über ihre Erfahrungen mit Harvey Weinstein hat Sarah Polley vor kurzem einen Artikel in der "New York Times" veröffentlicht).

Dagegen setzt "Alias Grace" sich selbst als eine Art Quilt: wärmen und warnen, ein farbenfrohes Spektakel, das stereotype Muster variiert und umkehrt. Und Patchwork ist das Ganze natürlich sowieso - ein bisschen Psychopathologie, ein bisschen gothic horror, das Kinderbuch "Anne auf Green Gables" trifft auf den Porträtfilm "Jeanne Dielman". Aus vielen verschiedenen Stückchen Stoff lässt sich was Schönes, Starkes machen.


"Alias Grace", 1 Staffel, bei Netflix.

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vish 11.11.2017
1. Warum...
.... muss jeder Film, jede Serie, jede Sendung in der eine Frau die Hauptrolle spielt, immer gleich vom Feminismus für sich vereinbart werden? Warum kann ein starker weiblicher Charakter nicht einfach nur ein starker weiblicher Charakter sein? Früher war dies, tatsächlich, besser. Man denke an den ersten Alien-Film: Einfach großartig. Niemand kam auf die Idee, daraus ein Manifest des Feminismus zu machen, nur weil der Film eine Hauptdarstellerin hatte und obwohl die Zeiten für Frauen damals sicher nicht leichter waren als heute. Gegenwärtig wird jedoch so ziemlich alles feministisch genannt, sobald der Hauptcharakter eine Vagina hat. Nervt. PS: Die Serie ist nebenbei bemerkt wirklich gut.
kumi-ori 11.11.2017
2.
"Trotzdem gelten "Kostümfilm" und "Frauenliteratur" immer noch oft als minderwertige Gattungen, mit denen es sich im Wertesystem patriarchal geprägter Kultur nicht unbedingt mit Ruhm bekleckern lässt. " Diese Spitze hängt etwas schief. Der "Kostüm- und Frauenfilm" gilt sicher nicht als Garantiesiegel für High-End-Avantgarde. Andererseits wird er gerade im patriarchalisch geprägten Trivialkulturbetrieb hoch geschätzt als das richtige Vehikel für die richtige Zielgruppe, vergleichbar etwa dem "Autoverfolgungs- und Männerfilm" als maskulines Gegenpart (wenn ich groß bin, werde ich auch mal Polizist). Es gibt übrigens einige beeindruckende Kostümfilme, so wie etwa der Name der Rose. Aber die in Massen produzierten Schinken vom Typ Wanderhure sind doch eher langweilig und ziemlich seicht. Schon vor Wochen wurde hier ein Buch zu einem ähnlichen Thema ("the Colour of Milk" von Nell Leyshon) so hoch gelobt, dass ich es mir kaufte (nicht die Übersetzung, sondern auf Englisch), aber als ich anfing, es zu lesen, wurde ich herb enttäuscht. Seitenlang quälte mich die Autorin durch eine burleske Idylle um das Einsammeln von Hühnereiern mit einem gräßlich übertriebenen Aufbau der durchsichtigen Personencharaktere und Dialogen in einer albern antiquierenden Sprache. Das nenne ich Frauenliteratur im allerschlechtesten Sinne. Es gibt schließlich auch Bücher von Frauen, die gerade das gleiche Thema mit einer packenden Klarheit, ohne jedes Sentiment und jede Albernheit in ungeschminktem Realismus darstellen, z. B. Herbstmilch von Anna Wimscheider. Die Kostüme sind hier keine neckisch gebügelten weißen Häubchen und Schürzen, sondern eine braune Strickjacke und ein in den Ecken zusammengeknotetes Kopftuch. So könnte Frauenliteratur auch sein.
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