Von Annett Meiritz
Berlin - Der Sendeplatz ist ungünstig: In der Nacht zum Mittwoch strahlt ZDF Info eine Dokumentation zum Jahrestag des Piraten-Einzugs in Berlin aus. Dank Mediathek kann man "Alles liquid?! - Ein Jahr unter Polit-Piraten" aber später angucken. Es wäre auch schade, wenn der Film im Nachtprogramm eines Nischensenders versickert. Denn der 45-Minüter zeigt das authentische Porträt einer Handvoll junger Politiker, die eigentlich gar keine sind, aber durch den Wahlerfolg am 18. September 2011 ins Hauptstadtparlament gespült wurden.
Die Macher des Films haben das Phänomen Piratenpartei auf die denkbar wirksamste Weise angefasst: Sie haben sich ein paar Protagonisten rausgepickt und versucht, die Frage zu beantworten, was zwölf Monate Parlament mit ein paar Studenten, Software-Entwicklern oder Cafébesitzern anstellen. Schließlich ist es ein erklärtes Ziel der Piratenpartei, mehr "normale Menschen" ins Parlament zu schleusen, am Ideal des Berufspolitikers zu rütteln.
Dass das auch schiefgehen kann, zeigt der Film mit Szenen, die so bisher keine Kamera eingefangen hat. Etwa den Moment, an dem Jungpirat Martin Delius an einem grauen Apriltag am Berliner Südkreuz aus dem Zug klettert. Delius hat soeben erfahren, dass er im SPIEGEL damit zitiert wird, die Piratenpartei mit dem Aufstieg der NSDAP verglichen zu haben. Der sonst besonnene, gelassene Delius steht blass auf einem Parkplatz, Kopfhörer um den Hals, Rollkoffer in der Hand. "Ein saublödes Statement, das ist mir rausgerutscht", murmelt er. Er steht unter Schock.
Veganer und Kapuzenpullis im Parlament
Kein Kamerateam in Deutschland war im vergangenen Jahr näher dran an der Berliner Piratenfraktion als die beiden ZDF-Reporter Kay Meseberg und Carsten Behrendt. Das ist in jeder Filmminute spürbar. Falls mal kein Parteitag, keine Fraktionssitzung anstand, fuhren Meseberg und Behrendt mit "ihren" Piraten ins Grüne, die Doku ist der Extrakt aus 70 Stunden Rohmaterial. "Virtuell verging kein Tag ohne Piraten, im realen Leben keine Woche", sagen die Fernsehjournalisten.
Die Doku porträtiert auch den prominentesten Karrieristen unter den Freibeutern, den 28-jährigen Christopher Lauer. Im Laufe des Jahres hat er sich vom streitbaren Außenseiter zum Fraktionschef hochgearbeitet. Im Film übernimmt Lauer seine Lieblingsrolle, die der redegewandten Rampensau. Mal veräppelt er eine Reisegruppe im ICE minutenlang mit der Story, die Piraten würden deshalb so viel Zug fahren, weil sie in Wahrheit professionelle Zugtester für die Deutsche Bahn seien. An anderer Stelle kramt er den Reisepass aus dem Jackett ("Hab ich immer dabei, die Kreditkarte auch"), um angesichts der dauernd ausbrechenden Shitstorms seine "täglichen Fluchtphantasien" zu untermalen.
Zu mehr als einem Special-Interest-Film für Piraten-Interessierte wird die Dokumentation, weil die Reporter Spitzenpolitiker anderer Parteien einbeziehen. So wird ein seltener Außenblick auf die Polit-Neulinge gewährt. Der CDU-Politiker Peter Altmaier kommt ebenso zu Wort wie der SPD-Mann Thomas Oppermann und Volker Beck von den Grünen. Während Altmaier die Piraten als "kindliche Erwachsene" betrachtet, die den Polit-Betrieb ordentlich aufgemischt haben, beschreibt SPDler Oppermann die Piraten wie ein bizarres Experiment. Und der Grüne Beck? Hält die Neulinge für überbewertet.
Ansonsten liegt die Stärke des Films in köstlich kuriosen Einblicken ins Piraten-Universum. Etwa, wenn "Latzhosenpirat" Gerwald Claus-Brunner am ersten Arbeitstag in Neon-Hosen ins Abgeordnetenhaus marschiert, um dort eine Piratenflagge zu hissen - und vom Wachpersonal zurechtgewiesen wird. Oder wenn der Veganer Simon Kowalewski orientierungslos durchs Foyer wandelt und schließlich seinen Fraktionskollegen fragt: "Wo geht es zum Plenarsaal?" Oder wenn ein FDP-Abgeordneter, der nach dem Wahlsonntag für einen Piraten sein Büro räumen muss, sich am Büfett seiner eigenen Abschiedsparty sogar zu der Aussage hinreißen lässt, er habe "sicher auch einen Kapuzenpullover im Schrank".
Die Aufnahmen der ersten Pressekonferenz in der schrammeligen Parteizentrale, die Jubelmomente der Wahlabende in Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen und dem Saarland, all das wirkt ein Jahr später seltsam fern. Spätestens als Delius wie ein Profipolitiker mit Helm auf der Flughafenbaustelle posiert, ahnt man schon: Das nächste Jahr der Piraten im Parlament wird wohl sehr viel weniger aufregend als die Premiere.
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