Alzheimer-Film "Die Auslöschung" Ein Gockel verfällt

Was tut ein Mann des Geistes, wenn sein Geist entschwindet? Er bringt sich um - so die schlichte Formel des ARD-Films "Die Auslöschung". In dem Alzheimer-Drama vergisst der Groß-Mime Klaus Maria Brandauer leider, dass ein allzu großes Ego einem großen TV-Moment auch im Weg stehen kann.

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Vor dem Schlafenlegen geht es noch einmal im Schweinsgalopp durch die europäische Kunstgeschichte: Van Goghs "Caféterasse am Abend", Rembrandts "Nachtwache", Furtenagels "Der Maler Hans Burgkmair und seine Frau Anna". Die Lebensgefährtin hält ihm im Bett die Postkarten mit den berühmten Motiven hin, der Kunstprofessor rattert streberhaft die Titel runter. Das Kopfarchiv ist also noch in Betrieb. Die Alzheimer-Erkrankung, die gerade diagnostiziert wurde, hat noch nicht ihre verheerende Wirkung getan. Das Unheil kündigt sich allerdings schon an.

Ein Alzheimer-Drama, ausformuliert als Bildungsbürgertragödie: In dem Fernsehfilm "Die Auslöschung", der am Mittwoch in der ARD läuft, sind Worte immer Zeugnis des Wissens. Und Wissen bedeutet Selbstvergewisserung. Und Selbstvergewisserung garantiert Selbstbestimmung über das Sein. Sind die Worte weg, ist das Sein nichts. Da bleibt am Ende nur, was in jeder klassischen Tragödie bleibt: die Selbsttötung.

So gesehen passt es, dass "Die Auslöschung" weniger ein Filmdrama geworden ist denn eine abgefilmte Theatervorstellung. Die Hauptdarsteller Klaus Maria Brandauer und Martina Gedeck agieren nicht für die Kamera - sie agieren, als ob man auch oben in den Rängen ihre massive Mimik und ihre oftmals überladene Sprache sehen und vernehmen müsste. Und noch schlimmer: Sie spielen ihre Rollen so, wie sich ungebildete Leute gebildete Leute vorstellen.

Wuschig vor Wissensgier

Schon der Anfang: Brandauer als Kunsthistoriker Ernst Lemden belehrt eine große Zuhörerschaft in einem Wiener Kunstmuseum. Die Menge macht kluge Gesichter und dazu "oh" und "ah". Und Gedeck als im Publikum anwesende Gemälderestauratorin wird vor Wissensgier ganz wuschig. Das merkt der als Frauenheld verschriene Professor natürlich sehr schnell, bald nähert er sich der Verehrerin. Fortan zitiert Brandauer, 69, in seiner Rolle Seneca oder Goethe, während Gedeck, 51, überwältigt von so viel Rezitationskunst, ihren Blick zu Boden senkt.

Später allerdings, die Alzheimer-Erkrankung ist erkannt und schreitet voran, darf auch Gedeck ein paar gewichtige Sätze sagen. Etwa diesen: "Du kämpfst nicht gegen die Krankheit an, du legst dich mit ihr ins Bett." Wie aber ankämpfen gegen das Grauen des Vergessens? Brandauer als erkrankter Kunstprofessor lässt sich - so die Sicht des Films - maßlos gehen in den Ruinen seines Wissens, die Haare immer zerzauster, der Blick immer zerwühlter.

So grimmt und grummelt der Professor gegen das Leben und das Leiden und kann sich doch nicht recht aufbäumen gegen sein Schicksal. Nur gelegentlich hat er Momente von Klarheit, da referiert er gewohnt schneidig über die sogenannte "gnädige Schwelle", jenen Punkt im Verlauf der Alzheimer-Erkrankung, an dem der Kranke vergisst, dass er vergisst. An dieser Schwelle, das macht er unmissverständlich klar, will er nicht mehr sein. Er bittet die Lebensgefährtin um Hilfe, seinem Leben dann ein Ende zu bereiten.

Verabschiedung vom Ich

Die Selbstauslöschung als einzige mögliche Antwort auf die drohende Auslöschung, die Sterbehilfe als letzter Liebesbeweis: Das ist die simple Formel dieses als Trauerspiel abgespulten Alzheimer-Rührstücks. Natürlich, jeder soll sein eigener Herr über Leben und Lebensende sein. Aber muss der Freitod am Ende von "Die Auslöschung" mit solch aufreizenden Streichern in Szene gesetzt werden, so dass einem gar nichts anderes übrigbleibt, als ihn freudig zu begrüßen?

Diese Überwältigungstheatralik empört umso mehr, wenn man den Film mit der Alzheimer-Dokumentation "Vergiss mein nicht" vergleicht, die vor kurzem erfolgreich in deutschen Kinos lief. Auch dort ging es um eine starke, gebildete, charismatische Person, die sich selbst verliert. Es wird nichts ausgespart: nicht der schmerzhafte, schleichende Abschied vom Ich, nicht der Verlust jeder Selbstbestimmung, auch nicht die Entfremdung der Angehörigen. Nichtsdestotrotz ist die Doku eine Liebeserklärung an den Menschen geworden, der da gerade vor den Augen des Publikums verschwindet.

Die Geschichte einer großen Liebe soll nach Aussage der Macher auch "Die Auslöschung" sein (Buch: Agnes Pluch, Buch und Regie: Nikolaus Leytner). Aber wie soll man dieser Geschichte folgen, wenn man schon nicht begreift, warum sich eine kluge Frau einem Kunstgockel wie Lemden hinwirft, um schließlich noch weniger zu begreifen, weshalb sie auch noch bei ihm bleibt.

Und so entsteht der Verdacht, dass dieses bildungsbürgerliche Trauerspiel vielleicht nur deshalb produziert wurde, um dem immer seltener vor der Kamera stehenden Theaterstar Klaus Maria Brandauer eine Rampe zu bieten. Der spielt den Verfall seiner Figur ein bisschen zu lustvoll und ein bisschen zu lautstark aus - vom Mann der Wörter, Bilder und guten Weine zum schmatzenden Kind mit schlechter Laune und Vorliebe für Grießbrei.

Diese Selbstinszenierung einer Selbstauslöschung gehört zu den eitelsten Momenten, die das TV-Jahr bislang bereithielt. Man hätte gerne darauf verzichtet, ihr beizuwohnen: Komm, süßes Vergessen!


"Die Auslöschung", Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD

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insgesamt 32 Beiträge
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Seite 1
anne63 07.05.2013
1. Martina Gedeck
ist für mich jede Fernsehstunde wert.
Puri 07.05.2013
2. Brandauer
Ich kann natürlich nichts zum Film sagen, aber Brandauer war schon immer ein Theaterdarsteller und kein Filmdarsteller. Dieses "Overacting" wie hier beschrieben ("vom Mann der Wörter, Bilder und guten Weine zum schmatzenden Kind mit schlechter Laune und Vorliebe für Griesbrei") kann ich mir bildlich vorstellen. Auf der Theaterbühne, wo die Fantasie des Zuschauers eine größere Rolle spielt und fehlende Detailaufnahmen eben durch übertriebene Schauspielerei ausgeglichen werden müssen hat das auch seinen Platz, in Filmen wirkt das aber immer ziemlich deplatziert.
knürken 07.05.2013
3. Ein großartiger Schauspieler!
Wie klein macht man sich eigentlich, wenn man mit offensichtlichem Genuss einen der großartigsten lebenden Mimen bedreckschleudert? Ich erlaube mir die Fairness, keine Namen zu nennen, aber wenn es Ihnen Freude bereitet, schlechte Darsteller zu verunglimpfen, gäbe es wahrlich andere Kandidaten, als ausgerechnet Klaus Maria Brandauer.
vandan 07.05.2013
4. ... danke ...
...für diesen zauberhaften Verriss. schade um diese beiden wirklich talentierten Schauspieler, schade, das ihr ängstliches Ego sich derart auf blähen musste, so das sie eines nicht entdecken und erfahren können: Die wunderbare Kunst der Zurückhaltung ! Aber wer weiß, vielleicht kommt das ja noch ...
Juergen.Leis@Web.de 07.05.2013
5.
Zitat von sysopARDWas tut ein Mann des Geistes, wenn sein Geist entschwindet? Er bringt sich um - so die schlichte Formel des ARD-Films "Die Auslöschung". In dem Alzheimer-Drama vergisst der Groß-Mime Klaus Maria Brandauer leider, dass ein allzu großes Ego einem großen TV-Moment auch im Weg stehen kann. http://www.spiegel.de/kultur/tv/alzheimer-drama-die-ausloeschung-mit-klaus-maria-brandauer-a-895441.html
[QUOTE=sysop;12678688] Die spielen ihre Rollen so, wie sich ungebildete Leute gebildete Leute vorstellen Oder wie sich der anscheinend so gebildete Autor scheinbar so gebildte Leute vorstellt.
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