Amazon-Serie "Transparent" Die verschiedenen Spielarten von Queerness

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Aus Politikprofessor Mort wird Rentnerin Maura Pfefferman - darum ging es in der ersten Staffel der Amazon-Serie "Transparent". In der zweiten will Autorin Jill Soloway jetzt alles, wirklich alles, zum Thema Gender erzählen.

Taylor Swift hat endlich Konkurrenz. Zwar nicht, was die Verkaufszahlen/Grammy-Nominierungen/Twitter-Follower angeht. Aber was die Promi-Freundestruppe angeht, mit der sie sich bei jeder Gelegenheit zeigt. Wo Swift Lena Dunham, Selena Gomez, Hailee Steinfeld, Haim und noch ein paar Supermodels aufzubieten hat, kann nämlich "Transparent"-Schöpferin Jill Soloway problemlos mithalten.

In der neuesten Staffel ihrer preisgekrönten Serie treten auf: das erste von IMG unter Vertrag genommene Transmodel Hari Nef, die gehypteste Fotografin der Stunde Petra Collins, die oscarnominierte Drehbuchautorin Annie Mumolo ("Brautalarm"), der Weird-Folk-Star Devandra Banhart sowie die Sängerinnen Sia, Peaches und Carrie Brownstein. Unter anderen.

Viele Leute, viele Geschichten, viel Statement in Sachen Gender: Bei "Transparent" hat die Überfrachtung Prinzip. Ausgangspunkt der ersten Staffel war eigentlich die Transition des Politikprofessors Mort zur Rentnerin Maura Pfefferman (Jeffrey Tambor). Doch schnell zeigte sich, dass ihre drei Kinder mindestens genauso viele issues hatten.

Die älteste Tochter Sarah (Amy Landecker), vermeintlich glücklich mit Mann und Kindern, fing eine lesbische Affäre an und handelte sich dazu noch Suchtprobleme ein. Sohn Josh (Jay Duplass), der als Teenager mit seiner deutlich älteren Babysitterin geschlafen hatte, fiel es schwer, seinen Freundinnen treu zu bleiben und bandelte schließlich mit einer Rabbinerin an. Die jüngste Tochter Ali (Gaby Hoffmann) schließlich versuchte, die sexuellen (Neu-)Orientierungen ihrer Familienmitglieder produktiv als Anregung zu verstehen, und ging fortan ihrer Bi/Trans/Queer-Neugier nach.

Spätestens als sich herausstellte, dass Josh einen fast erwachsenen Sohn mit seiner Babysitterin hat, von dem er nichts wusste (ein Taschenspielertrick, den auserzählte Serien in Staffel fünf anwenden), hätte "Transparent" unter dem Gewicht seines Plot-Getümmels zusammenbrechen müssen. Tat es aber nicht, weil Soloway es immer wieder schaffte, leise Momente voller Intimität zu kreieren, in denen einem ihre Figuren unglaublich nahe kamen und sich keinesfalls wie Stellvertreter in Gender-Debatten anfühlten.

Die Nachbeben der großen Eruptionen

Angesiedelt in einer kalifornischen Wohlstandsblase, in der von der lebensbedrohlichen Wasserknappheit im Staat nichts zu spüren ist, und gefilmt in softer Indie-Film-Optik ergab "Transparent" stattdessen ein erstaunlich leichtfüßiges Sehvergnügen, das mit bislang fünf Emmys und zwei Golden Globes ausgezeichnet worden ist.

In der zweiten Staffel, die ab Freitag auf Amazon Prime erhältlich ist, stehen nun die Nachbeben der großen Eruptionen aus Staffel eins im Mittelpunkt. Sarah muss sich mit dem Leben als geschiedene Mutter arrangieren, Josh setzt alles auf die Beziehung mit Rabbinerin Raquel (Kathryn Hahn), Ally verliebt sich in eine Frau, und Maura testet aus, wie es sich mit ihrer Ex-Frau Shelly (Judith Light) so lebt.

Fast könnte man also meinen, Soloway hätte ihren Erzähldrang etwas eingehegt. Doch ihre Ambition, die definitive Serie zu all things gender zu liefern, ist einfach zu groß. Im Vorspann mischen sich nun zwischen alte Szenen aus dem Pfeffermanschen Familienleben ikonische Bilder aus der Geschichte der Frauen- und Homosexuellen-Bewegung. Hinzu kommen unvermittelte Rückblenden in das Berlin der frühen Dreißigerjahre und speziell in Magnus Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaft.

Die verschiedenen Spielarten von Queerness in der Familie Pfefferman sollen durch die Rückblenden eine historische Dimension erhalten. Vor allem zeigen sie aber Soloways Grenzen als Erzählerin auf. Sie schafft zwar tolle Figuren und besetzt sie mit großartigen Darsteller*innen. Doch was sie mit ihnen eine ganze Staffel lang anstellen soll, scheint sie oft genug nicht zu wissen. So rücken wichtige Figuren wie Mauras Komplizin Marcy aus der ersten Staffel abrupt aus dem Fokus und werden andere, wie Oma Rose, in einem Kraftakt an ihre Stelle gesetzt. Bei einer überschaubaren Laufzeit von zehn Folgen à 30 Minuten pro Staffel ist das nicht gerade überzeugend - vor allem im Vergleich zu "Orange Is the New Black", das ein drei Mal so großes Ensemble samt Hintergrundsgeschichten viel organischer zu einer Erzählung zusammenfügt.

In einem sehr lesenswerten Essay zu "Girls" hat die Kritikerin und Autorin Roxane Gay 2012 ausgeführt, warum sie die ethnische Einseitigkeit der Serie stört. Gleichzeitig warnte Gay aber davor, zu viel von einer einzigen Serie zu erwarten. "Wir wollen alles von jedem Film oder jeder Serie oder jedem Buch, das uns eine neue Stimme verspricht, eine Stimme, mit der wir uns verbunden fühlen, eine wichtige Stimme. (...) Wir wollen komplexere, nuanciertere Darstellungen davon, was es heißt, der oder die zu sein, die wir sind, die wir waren, die wir sein wollen. Wir wollen einfach so viel. Wir brauchen einfach so viel."

Gay fordert nicht dazu auf, seine Ansprüche zu senken. Sie will nur vermeiden, dass die wenigen Sachen, die sich doch um fortschrittlichere Darstellungen bemühen, von zu großen Erwartungen erdrückt werden. Mit "Transparent" scheint Soloway aber die Serie liefern zu wollen, die allen Erwartungen gerecht wird. Wo sich Lena Dunhams Figur aus "Girls" damit abfindet, womöglich nur "eine Stimme einer Generation" zu sein, könnte auch Soloway Entlastung finden: Es reicht doch schon aus, die Stimme einer community zu sein - und nicht aller communities.



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