Fantasy-Serie "American Gods" Götter, was für ein Gemetzel!

Amerika, das mythische Einwanderungsland: In der schillernden US-Serie "American Gods" nach dem Bestseller von Neil Gaiman liefern sich immigrierte Altgötter eine epische Schlacht mit den Götzen der Neuen Welt.

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Verfolgt man aktuell die Nachrichten aus "God's own country", könnte man meinen, Amerika sei von allen guten Geistern verlassen. Der Comic-Autor und Fantasy-Romancier Neil Gaiman ("Sandman") konnte noch gar nicht wissen, wie verrückt es noch werden würde, als er 2001 seine 500-Seiten-Saga "American Gods" veröffentlichte: einen epischen Trip von einem Buch, in dem eingewanderte Gottheiten - afrikanische wie skandinavische, irische oder osteuropäische - gegen die Götzen der Neuen Welt antreten. Der Roman wurde zu einem Kultbestseller, der nun zu einer faszinierenden TV-Serie voller verstörender Bilder und Ideen wurde.

Wer glaubt, er hätte im Fernsehen schon alles gesehen und sei durch "Game of Thrones" und " The Walking Dead" abgehärtet gegen jede Art von moralischer Abgründigkeit und expliziter Gewalt- und Sexdarstellung, dem wird gleich in den ersten Minuten der ersten Episode demonstriert, dass es durchaus noch ein paar Dinge gibt, die bisher Domäne altersbeschränkter Erwachsenenfilme waren.

Eine Horde Wikinger landet in grauer Vorzeit an der Küste Amerikas und macht noch am Strand Bekanntschaft mit dem Pfeilhagel der Ureinwohner und einer ebenso feindseligen Umwelt. Schnell wieder zurück in die Heimat! Aber wie, ohne Wind?

Um ihre Götter zu besänftigen, beschließen die Nordmänner ein brutales Opfer- und Selbstkasteiungsritual, das in seinem Exzess fast komisch wirkt, so wie Monty Pythons "Ritter der Kokosnuss" oder Zack Snyders Sparta-Splatter "300": Gliedmaßen fliegen durch die Luft, Blutfontänen spritzen, Augen werden mit Schwertern ausgestochen - bis sich endlich ein Lüftchen regt und die Krieger humpelnd zurück auf ihr Langboot fliehen. Ihre Gottheit jedoch, einen hölzernen Fetisch, lassen sie zurück.

Jedes Einwanderervolk hat seine Gottheiten mitgebracht

Man versteht nicht viel in den ersten Folgen von "American Gods", wenn man die Romanvorlage nicht gelesen hat. Immer wieder gibt es scheinbar wahllose Sprünge durch die Einwanderungshistorie der USA, lakonisch mit Tafeln annonciert, auf denen "Coming to America" steht. Gemeint sind damit, so viel kristallisiert sich bald heraus, nicht nur die menschlichen Migranten, sondern auch die spirituellen.

Jedes Volk und jede Kultur, die über Jahrhunderte mit anderen die multiethnische Gesellschaft USA geformt hat, hat auch ihre Gottheiten mitgebracht. Der Brite Neil Gaiman, ein Spezialist für Albträume und Mythen, stellte sich in seinem Buch vor, wie es wäre, wenn diese alten Götter leibhaftig auf Erden wandelten - und sich mit ihren modernen Nachfolgern, den Medien, dem Mammon oder der Macht, in die Haare kriegten.

Erzählt wird diese ausufernde Story entlang eines Menschenschicksals. Shadow Moon (Ricky Whittle) wird frühzeitig aus dem Gefängnis entlassen, weil seine Frau Laura (Emily Browning) einen tödlichen Autounfall hatte. Pikant: Als das Unglück geschah, hatte sie gerade das beste Stück von Shadows bestem Kumpel im Mund, der am Steuer saß. Gehörnt, desillusioniert und mittellos macht sich Moon auf dem Weg zur Beerdigung in einem Kaff im Mittelwesten. Doch zuvor trifft er auf seltsame Gestalten.

Den temperamentvollen Taschenspieler Mad Sweeney (Pablo Schreiber) zum Beispiel, der ihn zu einer Kneipenschlägerei herausfordert und sich als Leprechaun tituliert. Oder den silberzüngigen Lebemann Mr Wednesday (Ian McShane), der viel über Shadow zu wissen scheint und ihm einen Job als Leibwächter anbietet. Für den analog zum Zuschauer schwer desorientierten Afroamerikaner ist es der Beginn eines Roadtrips ins Reich des Unglaublichen - und ins dunkle Herz Amerikas. Der auf einem Auge blinde Wednesday, so viel sei verraten, ist der alte nordische Gott Odin. Er kann Stürme entfachen und Wind in Wikinger-Segel blasen. Wenn ihm danach ist.

Furchtlose Fernsehmacher

Wednesday und seine sich allmählich rekrutierende Armee werden es im Zuge der zunächst acht Episoden mit ähnlich gewieften neuen Göttern zu tun bekommen; Media (Gillian Anderson), die mit Shadow in Gestalt der TV-Ikone Lucille Ball auf einer Wand voller Fernsehschirme in Kontakt tritt und ihn auf seine Seite ziehen will. Und Technical Boy (Bruce Langley), einem pickligen, frechen Silicon-Valley-Jungspund, der den verwirrten Bodyguard mit einer Virtual-Reality-Limousine kidnappt und ihn mit buchstäblich gesichtslosen Schlägertypen drangsaliert.

An schillernden Gestalten herrscht kein Mangel in dieser kühn inszenierten Phantasmagorie: Welche Rolle im kommenden Gemetzel der Götter mag Bilquis (Yetide Badaki) spielen, die Männer mit ihren üppigen Reizen in ihr Lotterbett lockt und sie dann beim Sex mit ihrer Vagina verschlingt, full frontal nudity inklusive.

Schon vielfach wurde versucht, "American Gods" zu verfilmen, realisiert wurde es nun von zwei hinreichend furchtlosen Fernsehmachern mit Faible fürs Fantastische: Autor Bryan Fuller bewies mit seinen Serien "Dead Like Me", "Pushing Daisies" und "Hannibal" seinen Sinn fürs Makabre. Bis Ende letzten Jahres war er der designierte Showrunner der geplanten neuen "Star Trek"-Serie "Discovery". Produzent Michael Green schrieb die Drehbücher zum blutigen X-Men-Kinoerfolg "Logan" und zu den Science-Fiction-Sequels "Blade Runner 2049" und "Alien: Covenant", die beide dieses Jahr anlaufen.

Zusammen gelang ihnen mit "American Gods" ein sich genüsslich und bildgewaltig entfaltendes Panorama, das trotz seiner 15 Jahre alten Vorlage dringlicher und aktueller denn je wirkt. Es geht um die Spannungen zwischen vermeintlich Abgehängten und privilegierten Emporkömmlingen und Entrepreneuren, zwischen den Ur-Einwanderern, freiwilligen wie versklavten, die das Land mit ihren Werten und Überzeugungen zu dem gemacht haben, was es ist - und denen, die sich mit Amoral und Tücke zu ihren Lenkern und Manipulatoren aufgeschwungen haben.

Also um das vielleicht größte Konflikt- und Spannungsfeld der Trump-Ära. Man wird nicht nur wegen ihrer offensichtlichen Tabubrüche über diese Serie reden müssen.


"American Gods": Ab Montag, 1. Mai, auf Amazon Prime Video (in den USA auf Starz)

insgesamt 14 Beiträge
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dent42 01.05.2017
1.
Die 1. Folge weiss zu überzeugen Übrigens: Bryan Fuller ist schon eine Weile nicht mehr der Star Trek-Showrunner
cemalaslan01 01.05.2017
2. Die Realität ist doch noch schlimmer
Kriegt eigentlich der Spiegel für diese Kritik Geld? Wahrscheinlich ist das nur ein billiger Abklatsch eines Südostasiatischen Stiels der uns noch gänzlich unbekannt ist im Westen.....
lachina 01.05.2017
3. Scheint aber wirklich so,
Serien - Innovation - nur noch auf Netflix und Amazon. Alle anderen recyclen 90er Jahre- Serien......
MartinS. 01.05.2017
4. ....
Zitat von cemalaslan01Kriegt eigentlich der Spiegel für diese Kritik Geld? Wahrscheinlich ist das nur ein billiger Abklatsch eines Südostasiatischen Stiels der uns noch gänzlich unbekannt ist im Westen.....
"Stiel" ist das Ende vom Besen, das man in die Hand nimmt. Und man mag es kaum glauben... aber Amerika hat jetzt durchaus eine eigene und auch schon recht alte Comic-Historie. Da muss tatsächlich nicht alles aus Südostasien kommen. (...wobei die asiatischen großen Manga/Anime-Reihen fast alle ihren Ursprung in Japan haben - und das liegt jetzt nicht wirklich in Südostasien)
totalmayhem 01.05.2017
5.
Zitat von lachinaSerien - Innovation - nur noch auf Netflix und Amazon. Alle anderen recyclen 90er Jahre- Serien......
Das halte ich ein Geruecht... HBO, Showtime, AMC, um nur ein paar zu nennen, haben etliche Serien abgeliefert auf einem Niveau, von dem Netflix und erst recht Amazon immer noch Lichtjahre entgernt sind.
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