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Pegida-Talk bei "Anne Will": Einmal um den Sumpf herum

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CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer: Mag Pegida bei Anne Will kaum aussprechen Zur Großansicht
NDR/ Wolfgang Borrs

CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer: Mag Pegida bei Anne Will kaum aussprechen

Immer mehr Menschen gehen montags auf die Straße, um gegen den Islam und für ein schärferes Asylrecht zu demonstrieren. Anne Will machte Pegida zum Thema ihrer Sendung - doch die Talkgäste diskutierten bequem daran vorbei.

Wenn man versucht, sich etwas Klarheit zu verschaffen in diesem Sumpf, aus dem heraus scheinbar plötzlich diese aufrechten Deutschen auf den neuen Montagsdemonstrationen aufgetaucht sind, stößt man schnell auf die Klage, dort würden lediglich die Unzufriedenen, die Vergessenen und Nicht-Gehörten auf sich aufmerksam machen.

Anne Wills Sendung gab dem insofern recht, als die Redaktion es leider nicht schaffte, einen einzigen Pro-Pegida-Kandidaten in ihre Sendung zum Thema zu bekommen. Das mag auch daran liegen, dass die Demonstranten auf ihren Märschen, Verzeihung: Spaziergängen nicht mit der Presse sprechen.

Und so blieben die Pegida-Stimmen weiter ungehört, und in der Sendung saßen die üblichen Verdächtigen zusammen: die unvermeidliche Renate Künast, der Guttenberg-Wiedergänger Andreas Scheuer, ein obligatorischer Politik- und eine Islamwissenschaftlerin und, aus recht unerfindlichen Gründen, die DDR-Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld.

Dabei wäre es durchaus wichtig gewesen, eine offene Diskussion mit den Beteiligten zu führen. Die neuen Rechten sind klüger geworden, geschickter und fühlen sich auf dem Nährboden der sozialen Unsicherheit pudelwohl. Wenn sie nicht gerade Hooligans sind, verzichten sie auf Gewalt und eindeutige Insignien - und machen sich so mit scheinbar harmlosen Spaziergängen attraktiv für ein breiteres Publikum.

Das unbekannte Wesen Pegida blieb unerkundet

In der Union geht die Angst vor der Wählerabwanderung um, und die CSU blamierte sich gerade erst mit ihrer Forderung einer Deutschpflicht für Migranten. Zu Beginn der Sendung durfte CSU-Generalsekretär Scheuer direkt mal klarstellen, dass es gar nicht so gemeint war mit der Deutschpflicht, eher ein Appell sei das gewesen. So ganz mag sich die CSU aber auch nicht distanzieren und so kann sie nicht umhin, weiterhin diese schwammigen Begriffe "Sozialtourismus", "Sozialmissbrauch" und die altbekannte "soziale Hängematte" zu verwenden, die eben auch auf Pegida-Demos auftauchen.

In diesen semantischen Einzelheiten des CSU-Antrags verzettelte sich die Runde eine Weile, anscheinend ganz froh darüber, auf bekanntem Terrain zu debattieren. Sich in diese Untiefen des eigentlichen Themas zu wagen, inwieweit die Politik auf die Montagsdemonstrierer eingehen sollte, wäre weitaus unbequemer gewesen.

So blieb das unbekannte Wesen Pegida unerkundet. Wo kommt es her, und was will es eigentlich? Ein wenig Licht brachte das 19-Punkte-Programm, das Pegida am Mittwoch veröffentlichte, doch das blieb eine Randnotiz, denn die Runde erging sich lieber in Nebenkriegsschauplätzen wie Deutschpflicht und Burkaverbot. Es blieb ein Tanz um den heißen Brei und die Frage: Wie intolerant darf unsere Toleranzgesellschaft sein?

Der Islam als "Box ohne Tür"

Scheuer mochte den Namen Pegida kaum in den Mund nehmen, gestand aber, der Islam sei für viele "eine Box wo man keine Tür findet". Die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor wünschte sich eine größere Distanzierung der Politik von der Pegida und eine größere Differenzierung gegen die aufkeimende Islamfeindlichkeit, und Künast lobte die Bemühungen ihrer Partei um ein besseres Einwanderungsgesetz. Einig waren sich immerhin alle, dass nur mehr Dialog helfe. Das klang dann alles eher nach gemütlichem Spaziergang am Waldrand als nach Stochern im Sumpf.

Ganz zum Schluss kam die Runde dann doch noch zum "schwarzen Loch der Politik", wie es der Politikwissenschaftler Werner J. Patzelt so schön formulierte: Diese diffuse Angst vor Deutschland als Einwanderungsland und der angeblichen Islamisierung, die die Dresdner zu Tausenden auf die Straße drängt. Diesen morastigen Nährboden unbeachtet zu lassen, kann und sollte sich die Politik nicht leisten. Ihm mit einer Diskussion zu begegnen oder gar die Pegida-Argumente mit Fakten zu widerlegen, versäumte die Gesprächsrunde bei Anne Will.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 27 Beiträge
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1. bin ich mal froh,
dbrown 11.12.2014
daß ich auch diese Folge wie gewohnt verpasst habe. Dieser Scheuer fehlt mir noch, der ist an Arroganz nicht mehr zu überbieten!
2. warum sprechen die
fritze28 11.12.2014
Demonstranten nicht mit den Medien? 1. aus dem Grund, wie ihr Artikel aufgebaut ist. nicht objektiv, sondern hetzerisch. 2. weil die Medien durch Lobbys gesteuert werden und die Politik und Geheimdienste Einfluss nehmen. 3. weil sie nur lügen und betrügen. unabhängige Medien lesen sich anders. 4. weil alle Medien in der BRD gleichgeschaltet sind.
3. Sumpf
herrchrischan 11.12.2014
Das ist der gleiche Sumpf, aus dem sich vor Jahren kreuz.net speiste.
4. Brett vor dem Kopf
western_skies 11.12.2014
Der kluge FAZ-Redakteur Jasper von Altenbockum fragt auf FAZ.net: "Sind die in Dresden und anderswo demonstrierenden Bürger wirklich nur das Werkzeug von Rechtsradikalen? Könnte es aber nicht auch umgekehrt sein, dass Rechtspopulisten und Rechtsradikale Trittbrettfahrer des Protests von Bürgern sind, die sich artikulieren wollen, ohne Angst vor politischen Diffamierungen haben zu müssen? Am besten, jeder sucht erst einmal nach dem Brett vor dem eigenen Kopf." Quelle: F.A.Z.
5. Danke für diese wunderbare Einschätzung
haltetdendieb 11.12.2014
"Anne Will machte Pegida zum Thema ihrer Sendung - doch die Talkgästen diskutierten bequem daran vorbei." Genau so war es, ich habe nach einer viertel Stunde wieder ausgeschaltet. Alleine die Zusammensetzung der Talkrunde zeigte die Einseitigkeit der Diskussion. Diskussion? Zeigte die Hilflosigkeit der Anne Will - Redaktion. Wo aren denn diejenigen, die PeGiDa vertreten? Solch eine dümmliche Sendung habe ich lange nicht mehr gesehen. Der Politik fliegt ihr Verhalten um die Ohren und alle sind wie immer einer Meinung! Das war nicht nur langweilig, sondern auch, wie gemeldet, "Am Thema vorbei" und völlig lustlos. "Die üblichen Verdächtigen. Es blieb ein Tanz um den heißen Brei und die Frage: Wie intolerant darf unsere Toleranzgesellschaft sein? " Ja und das wars. Den Koran hatte außer Vera Lengsfeld in dieser Runde wohl niemand gelesen. Kollegin Kaddor sollte auch einfach mal anfangen und den Koran lesen. Und dass 75% der "Flüchtlinge" junge Männer zwischen 15 und 25 sind, scheint sich in diese Runde auch nicht rumgesprochen zu haben. "Setzen Sechs" ist die einzige Note für dieses Geschwafel!
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