TV-Berichterstattung zur Wahl Bayern im Blick

Die bayerische Wahl beschäftigt natürlich auch die TV-Sender. Im BR berichtet ein echtes Moderationsmonster. In den "Tagesthemen" gibt's ein Solo für Söder. Und Anne Will verliert sich in einer Diskussion mit dem AfD-Chef.

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Für einen Marathon braucht's einen Athleten. Oder einen Automaten. Stefan Scheider ist ein solcher athletischer Automat, ein echtes Moderationsmonster. Ihm allein trauen wir zu, uns durch die Täler und über die Höhen dieses Wahlabends zu führen, ihm und dem BR-Fernsehen - die erste Adresse für bayerische Angelegenheiten sowie die Angelegenheiten der CSU.

Dabei beginnt die Berichterstattung schon 45 Minuten vor den ersten Ergebnissen mit einer Gmiatlichkeit, die an den "Fernsehgarten" oder die Volksmusik erinnert. Mal geht es per Schalte ins "schöne" Allgäu, mal zu einem Interview ins "schöne" Würzburg. Scheider: "Und jetzt geht's nach Niederbayern in die schöne Dreiflüssestadt Passau."

Vom Zoom in die Provinz bis zur politischen Großlage, von der Wahlkabine in Aschaffenburg bis zum Maximilianeum in München - der Bayerische Rundfunk meistert seine herkulische Aufgabe, wie sich das für eine öffentlich-rechtliche Anstalt gehört.

Landtagswahl Bayern 2018

Vorläufiges Endergebnis

Gesamtstimmenergebnis
Anteile in Prozent
CSU
37,2
-10,5
SPD
9,7
-10,9
Freie Wähler
11,6
+2,6
Grüne
17,5
+8,9
FDP
5,1
+1,8
Die Linke
3,2
+1,1
AfD
10,2
+10,2
Sonstige
5,4
-3,3
Sitzverteilung
Insgesamt: 205
Mehrheit: 103 Sitze
22
38
27
11
85
22
Quelle: Landeswahlleiter

Ab geht es auch in die Zentralen der Parteien. Bei der SPD ist die Stimmung schon um 17.50 Uhr so schlecht, dass nicht einmal die Frage der Reporterin nach der Stimmung beantwortet wird. Der Reporter bei der CSU-Fraktion "sucht vergeblich nach den Sektgläsern". Die Grünen warten in der Muffathalle und erklären der Reporterin: "Gefeiert wird bei zwölf Prozent plus!"

Gleich kommen die ganz Großen, aber einstweilen erleben wir noch Christian Hierneis, grüner Direktkandidat für Schwabing, im Gespräch mit einer Bürgerin: "Könnte sein, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben grün wähle..." - "Oh, also, das wäre so schön!" Parteilichkeit wird nicht erkennbar, höchstens eine zur AfD hin etwas kältere Schulter.

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14  Bilder
Wahlpartys der Parteien: Stagediving bei den Grünen, Stille bei der CSU

Ansonsten geschieht, was Scheider nicht ohne Stolz auf den Apparat in seinem Rücken so ausdrückt: "Wir haben ja in ganz Bayern eine riesengroßes Netzwerk gestrickt, und das bringen wir jetzt zum Glühen." Im Studio macht Andreas Bachmann den Jörg Schönenborn, präsentiert Zahlen und Balken und Tortendiagramme und Umfragen.

69 Prozent der Menschen sagen, die Verhältnisse in Bayern sind Anlass, stolz zu sein! 100 Prozent der AfD-Wähler tragen dagegen "Sorge, dass unsere Kultur in D verloren geht", was immer das heißen soll. Es folgen Grafiken zum zeitlichen Verlauf der "Zufriedenheit mit der Regierung seit 1998".

Und dann will Bachmann - er kennt die Umfragen - schon "thematische Ursache betreiben", als noch gar kein Ergebnis feststeht. Eben erst hat's schon der Django Asül gesagt, der auch die Umfragen kennt: "Man hört ein Grummeln", hat er gesagt. Es grummelt und grummelt und grummelt.

Und dann knallt es endlich.

Danach regnet es heftig, auf allen Sendern, bis auf die privaten, wo leider immer Werbung ist, und es regnet Statements. Söder? Nimmt "das Ergebnis an", was sehr nett ist. Er tut es "in Demut" und stellt fest, dass "wir das analysieren", aber auch "Verantwortung übernehmen müssen".

Video zum CSU-Absturz: "Das Ergebnis ist eine Art blaues Auge"

SPIEGEL ONLINE

Bei Bettina Schausten und dem ZDF blenden sie Söder nach zwei Minuten aus, im bayerischen Fernsehen darf er - Director's Cut! - weiter analysieren und annehmen, sich bei "Partei, Basis, Fraktion" undsoweiter bedanken und betonen, dass für die CSU "auf den letzten Metern mit einem unheimlichem Kampfgeist" einiges an Boden gut gemacht worden sei. Die Gesichter der Damen, die ihm dabei umringend beistehen, drücken Demut und Verantwortungsbewusstsein aus.

Bei der ARD hält unterdessen Annegret Kramp-Karrenbauer von der CDU in Ton und Inhalt eine ergreifende Begräbnisrede, will "den Fokus jetzt voll und ganz auf Hessen richten". Kurz darauf hält und will Andrea Nahles für die SPD dergleichen. Sie tut das so wächsern und hypnotisch, dass wir die "Berliner Runde" mit den Spitzenkandidaten glatt verpassen.

Kein Problem, denn fünf Minuten danach wird das gleiche Stück noch einmal im BR Fernsehen gegeben. Der Ministerpräsident södert drauflos, Analyse, Verantwortung, Stabilität. Als die Moderatorin anmerkt, Söder zeige keine Selbstkritik, keilt er: "Das ist jetzt schon mal eine unheimliche Wertung von Ihnen. Schade eigentlich, an einem solchen Abend sollte man mal die Flachsereien weglassen".

Während die grüne Spitzenkandidatin Katharina Schulze ihren Erfolg und ihre "klasse Partei" preist, schneidet die Kamera kurz auf das versteinerte Gesicht von Natascha Kohnen (SPD): "Es schmerzt sehr", wird sie das desaströse Ergebnis ihrer Partei kommentieren. Kohnen redet von Schmerz und der Skepsis "der Menschen" gegenüber der SPD. Gefehlt habe der Rückenwind aus Berlin. Eben habe sie mit Nahles telefoniert, die sage das auch.

Im BR Fernsehen schleicht nun Horst Seehofer ein und wird begeistert empfangen: "Wir haben Ihre Rede gehört und das als einigermaßen lässig empfunden." Seehofer: "Lässig ist schräg formuliert." Demut, Verantwortung, Stabilität. Und Geschlossenheit jetzt, bitte.

"Es liegen kommende Monate vor uns"

Inzwischen hat sich bei Tina Hassel im ARD-Hauptstadtstudio wieder eine Runde formiert, bei der es nun um "die Folgen für Berlin" und eben die Große Koalition gehen soll. Hier fällt vor allem SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil mit einer gewagten Prognose auf: "Es liegen kommende Monate vor uns."

Ähnlich profund sind Klingbeils Einschätzungen zur anstehenden Hessenwahl, bei der er keineswegs "schwarz" sieht. CDU-Ministerpräsident Volker Bouffier sei müde: "Ich bin sicher, dort gibt es ein Kopf-an-Kopf-Rennen!" Das sagt er wirklich. Und erwähnt den hessischen SPD-Charismatiker Thorsten Schäfer-Gümbel mit keinem Wort.

ARD ("Tatort") und ZDF ("Fluss des Lebens") fahren mit ihrem üblichen Programm fort, bei den Privaten wird für Joghurt geworben. Gleich nach dem "Tatort" ein "Tagesthemen"-Spezial mit einem Solo für Söder. Demut, Analyse, Verantwortung, Stabilität. Ein kurzer Schaltfehler zeigt ihn kurz noch einmal nach dem Interview, sichtlich erleichtert.

Anne Wills endlose Diskussion mit Jörg Meuthen

Kurz darauf, bei "Anne Will", wird Annalena Baerbock von den Grünen vor lauter Begeisterung zu einer halsbrecherischen Metapher greifen: "Wir haben in Baden-Württemberg gelernt, auf dem Teppich zu bleiben, selbst wenn er fliegt, und jetzt hat er einen Salto gemacht; aber wir sind auf den Füßen gelandet!"

Ansonsten verstrickt sich Anne Will in eine endlose Diskussion mit Jörg Meuthen darüber, wann, wie und ob überhaupt sich denn die AfD endlich einmal von den Rechtsextremen in ihren Reihen zu distanzieren gedenkt. Mit Bayern hat diese Sendung über weite Strecken nichts zu tun.

Moderatorin Will (M.) mit ihren Gästen
NDR/Wolfgang Borrs

Moderatorin Will (M.) mit ihren Gästen

Anders als das, was ohne Unterbrechung beim BR so passiert. Stefan Scheider moderiert gnadenlos weiter, frisch wie der junge Frühling, auch über die Ergebnisse in jedem einzelnen Wahlkreis. Im Schongau hat Harald Kühn (CSU) gewonnen, in Dingolfing Petra Loibl (CSU).

Weit nach Mitternacht sagt CSU-Politikerin Barbara Stamm: "Ich wage jetzt einmal zu sagen, was ich sonst nur in internen Sitzungen gesagt habe. Man kann am rechten Rand gar nicht so viel gewinnen, wie man in der Mitte verliert."

insgesamt 22 Beiträge
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dasfred 15.10.2018
1. Wunderbar zusammengefasst Herr Frank
Ich hatte mich um 18.00Uhr für der Krimi auf Neo entschieden, bin dann schlafen gegangen und habe gerade Anne Will in der Wiederholung laufen. Da kann ich nur danke sagen, dass Sie mir, so wie Frau Rützel das Trash TV, diesen Abend in heiteren Worten nahegebracht haben. Ich wohne weit genug weg von Bayern, so dass ich nur mittelbar betroffen bin und den Rest nach dem Unterhaltungswert beurteilen darf.
tropfstein 15.10.2018
2. Thema “Kruzifix”
Mich wundert, dass das Thema Kruzifixzwang nicht zur Sprache kam. Dieses Thema hat die CSU bestimmt ein paar Prozentpunkte gekostet.
elubitsch 15.10.2018
3. Anne Wills Sendung war ...
...eine beschämende Diskussionsrunde mit Platitüden, den bekannten Meinungen und vor allem den bekannten Vorurteilen. Einziger Lichtblick war Prof. Koß, der sachlich und fundiert argumentierte und dem man zuhören konnte, ohne peinlich berührt zu sein. Anne Will, in ihrer arrogant-überheblichen Art hat erneut bewiesen, daß sie vor allem eine Aufgabe zu erfüllen hat, nämlich die links-grüne Mainstream-Ideologie in besserwisserisch-bevormundender Weise voranzutreiben. Absolut unhöflich, wie sie Herrn Pistorius und Herrn Meuthen über den Mund fuhr und die selbstverliebte Quasseltante Baerbock wieder einmal nicht, wie es nötig gewesen wäre, unterbrach. Geradezu peinlich offensichtlich, daß die grüne Tolerierung radikal-linker Gruppierungen negiert und dafür Chemnitz erneut ausgewalzt wurde nach dem Motto: "Linkesextremismus ist fortschrittlich, das lassen wir aber bei rechten Ausrutschern schauen wir genau hin.
xlabuda 15.10.2018
4. Was mich am meisten irritiert, ist dass der hohe
Bildungsstand und die Jungen so stark grün wählen - ehe noch etwas verständlich bei den Jung - man wählt halt gegen das Establishment. Aber die Intelligenz ? Was ist eigentlich, wenn dieser ganze Umwelthype - wovon ich inzwischen wegen der immer schneller voranschreitenden Klimaveränderung, die durch menschliche Ursachen selbst bei Wissenschaftlern gar nicht mehr rational belegbar sind - ganz andere, natürliche Ursachen hat ? Und was ist eigentlich mit gottähnlichen politischen Versprechungen, die bei Licht betrachet, überhaupt nicht haltbar sind? Sind NRW und BaWü kein warnendes Beispiel, wo die Grundlage unserer Zukunft - die Bildungspolitik und nicht das Klima! - in Grund und Boden gefahren wird? Haben die Intelligenten das Denken verlernt ? Da bleib ich lieber blöde.
SabineMeier 15.10.2018
5. Will
ist die typische und offensichtliche Umsetzerin der Vorgabe des Staatsfernsehens. Wenn Sie das süffisante Lächeln zur Frage aufsetzt, weiß man "jetzt wird versucht, im Sinne der Sendervorgabe, einen nicht genehmen Teilnehmer der Runde zu diskriditieren. Sie zeigt deutlich die Abhängigkeit oder vorauseilenden Gerhorsam: Darauf kann man getrost verzichten, denn es leidet die Glaubwürdigkeit.
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