Armuts-Talk bei Anne Will Streit unter der Reichtumsuhr

Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer - wirklich? Bei Anne Will wollten die Diskutanten der Frage auf den Grund gehen. Doch wie so oft bei diesem Thema blieb es vor allem bei einem ideologischen Schlagabtausch.

ARD-Moderatorin Will: Mittelschicht in den Fokus rücken
dapd

ARD-Moderatorin Will: Mittelschicht in den Fokus rücken


Fünf Bundesbürger saßen am Mittwochabend bei Anne Will, um über ein Problem zu diskutieren, das nicht zu den ganz großen Skandalen dieser Tage zählt. Eher gleicht es einem schleichenden Prozess. Der mag zwar längst belegt und erlebt und für immer mehr Menschen spürbar sein. Doch das macht die Debatte darüber keineswegs einfacher. Denn wenn es hierzulande um die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich geht, ist stets eine erhebliche Portion Ideologie im Spiel. Wobei die Beteiligten obendrein auch noch behaupten, sich lediglich auf Zahlen, Daten, Fakten sowie ein paar Grundregeln des gesellschaftlichen Zusammenhalts in diesem freien, insgesamt sehr wohlhabenden Staat zu berufen.

Und so kam es, dass man als Will-Zuschauer an diesem Abend rasch das Gefühl hatte, die fünf Gäste sprächen gar nicht über ein und dasselbe Land oder betrachteten es zumindest durch ganz verschiedene Brillen. Derweil tickte im Hintergrund eine Reichtumsuhr, ein neues Pendant zur bekannten Schuldenuhr - was aber erst zum Schluss bekannt wurde.

Will wollte speziell die Mittelschicht in den Fokus rücken, die sich zwischen oben und unten zerrieben sieht, von Abstiegsängsten geplagt wird und deren Mitglieder immer häufiger vor der desillusionierenden Erkenntnis stehen, dass man durch lohnabhängige Arbeit nicht nur nicht reich werden, sondern es nicht mal mehr zu dem einst gewohnten Wohlstand mit Häuschen oder Eigentumswohnung bringen kann. Recht anschaulich brachte das die Journalistin Kathrin Fischer auf den Punkt, Jahrgang 1967, typisches Mittelklassekind jener satten Jahre, heute gut bestallt als Uni-Sprecherin - und doch außerstande, etwas beiseite zu legen angesichts eines vielfach belasteten Einkommens. Wieso eigentlich ihr Englischlehrer noch habe bauen können, während es bei ihr nicht mal mehr für Parkett reiche und sie sich mit Laminat begnügen müsse, wollte sie wissen - eher eine rhetorische Frage.

Loblied auf das "Erfolgsmodell Deutschland"

Sie hatte da aber noch einen anderen, interessanteren Punkt: Weshalb denn bloß bei den Armen von Staats wegen alles so streng reguliert sei, bei den Reichen hingegen gar nichts? Das war fast schon das Resümee einer teilweise hitzigen Auseinandersetzung, die insofern nicht ganz nach dem Plan der Moderatorin verlief, als der Schwerpunkt sich doch immer wieder von der Mitte weg ganz nach oben richtete, hin zu jenen zehn Prozent, die über 53 Prozent des Volksvermögens verfügen.

Mehr als einmal sah sich etwa Uwe Hück, bekannt als Porsche-Betriebsrat, dazu genötigt, seine flammenden Appelle an den Anstand der Unternehmer, sein Werben für ordentliche Löhne und überhaupt für mehr Solidarität durch einen burschikosen Ordnungsruf zu ergänzen: "Ihr sollt euch nicht streiten, sondern Probleme lösen." Das war schon deshalb leichter gesagt als getan, weil auch Michael Hüther vom Institut der deutschen Wirtschaft anwesend war, nach dessen per Studie bestärkter Auffassung ein richtiges Mittelschichtenproblem gar nicht existiert. Lediglich gebe es infolge der Globalisierung ein bisschen mehr Druck. Ansonsten sei die Lage stabil und die Angst wohl mehr eine Sache der Wahrnehmung.

Damit war er bei Sahra Wagenknecht von der Linkspartei genau an der richtigen Adresse. Die zitierte genüsslich Passagen aus Hüthers Studie, die etwas völlig anderes besagten. Ansonsten konnte sie so ziemlich alles loswerden, was sie bei Talkshows zu diesem Themenbereich üblicherweise beizusteuern pflegt: Ruf nach stärkerer Besteuerung der hohen Einkommen, Erbschaftsteuer, Vermögensteuer, Anprangern extremer Besitzunterschiede infolge leistungsloser, ererbter Einkommen durch Kapital statt Arbeit, Warnung vor einem Zerfall der Gesellschaft und einer Bedrohung der Demokratie, weil viel Geld schließlich auch Macht bedeute.

Frau Fischer und Herr Hück sahen das ganz ähnlich. Wobei der Porsche-Mann nur sichergestellt wissen wollte, dass das von den Reichen stammende Geld nicht für Kriege oder überflüssige Straßen vergeudet, sondern für Bildung verwendet werde. Experte Hüther indes war davon weniger begeistert und schaute ein bisschen verbiestert drein, nachdem er mit seinem Loblied auf das "Erfolgsmodell Deutschland" ebenso wenig Resonanz gefunden hatte wie mit seinem Volkswirte-Verdikt, die Armen würden nicht reicher, wenn die Reichen ärmer würden.

Geld für den "Club der glücklichen Spermien"

Immerhin war dafür gesorgt, dass er nicht völlig auf verlorenem Posten stand. Das gewährleistete die Anwesenheit des Vertreters einer Partei, die in letzter Zeit auch in den Talkshows ein wenig unterrepräsentiert ist. Gemeint war FDP-Generalsekretär Patrick Döring. Gemessen an seiner Sicht der Dinge muteten Hüthers Thesen geradezu wie der Ausdruck sozialen Problembewusstseins an. Zumal der Ökonom wenigstens einräumte, dass einiges im Argen liege.

Folgt man dagegen Döring, so ist alles gut. Die großen Vermögen sind durch Fleiß und Wettbewerb und vor allem rechtlich einwandfrei erwirtschaftet worden. Und irgendwie ist alles doch sowieso ein und dasselbe - die Mittelschicht, der Mittelstand, die Fleißigen, die Reichen, der Bäcker, bei dem Herr Döring seine Brötchen kauft und der so viele Filialen mit so vielen Arbeitsplätzen hat.

Und sollte doch etwas schief laufen, wie es beispielsweise der Armuts- und Reichenbericht nahelegt, in dessen Entwurf Ministerin Ursula von der Leyen diesen schlimmen Satz mit Anspielung auf eine mögliche Extra-Inpflichtnahme der Reichen untergebracht hat - nun, dann wird die FDP eben dafür sorgen, dass der wieder gestrichen wird, der böse Satz. Das hat Herr Döring Frau Will und den anderen ganz fest versprochen.

Zum Schluss sollte er noch schätzen, um wie viel denn binnen der verflossenen 75 Minuten die Reichenuhr vorangekommen sei, aber da schwieg Döring lieber. Wagenknecht hingegen traute sich und tippte auf "einige Millionen". 21 waren es genau - schnell verdientes Geld für den "Club der glücklichen Spermien" (O-Ton Wagenknecht).



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insgesamt 313 Beiträge
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Solid 20.09.2012
1. Wirklich?
---Zitat--- Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer - wirklich? ---Zitatende--- Ach, man streitet sich noch darüber, OB es tatsächlich so ist? Realitätsverweigerung live im Fernsehen, die Reichen - bei Anne Will unter sich - demonstrieren einen Einblick in ihre Parallel-Realität.
aolifu 20.09.2012
2.
Werden die Reichen reicher und die Armen immer ärmer oder entwickeln sich die einen weiter während die anderen stehen bleiben? Das Hauptproblem scheint mir zu sein, dass viele "Arme" (was in Deutschland wohl eher geistige Armut bedeutet) keinen Plan von Geld haben. Habe ich 1 Euro, gebe ich 1 Euro aus. Habe ich 10.000, gebe ich 10.000 aus. Als Schüler habe ich 9 Jahre Zeitung ausgetragen und immer einen Teil zurückgelegt. Meine Eltern waren hoch verschuldet und wir waren nie im Urlaub. Durch diesen simplen Trick, niemals mehr als 90Cent von jedem Euro auszugeben, konnte ich mir mit 31 Jahren ein schönes Haus kaufen und werde es mit 41 abbezahlt haben. Für mein neugeborenes Kind lege ich jetzt einen Sparplan starten (finanziert duch 2/3 des Kindergeldes). Wenn mein Sohn 18 Jahre ist, wird er bereits ein stattliches finanzielles Polster haben. In sofern stimme ich Frau Wagenknecht zu. Mein Sohn gehört zum Club der glücklichen Spermien, weil seine Eltern nüchtern über Geld nachdenken und sich weiterbilden, anstatt die eigene Unfähigkeit anderen in die Schuhe zu schieben. Als Opfer bringt man es nie zu etwas.
betaknight 20.09.2012
3. Interressant
"Und sollte doch etwas schief laufen, wie es beispielsweise der Armuts- und Reichenbericht nahelegt, in dessen Entwurf Ministerin Ursula von der Leyen diesen schlimmen Satz mit Anspielung auf eine mögliche Extra-Inpflichtnahme der Reichen untergebracht hat - nun, dann wird die FDP eben dafür sorgen, dass der wieder gestrichen wird, der böse Satz. Das hat Herr Döring Frau Will und den anderen ganz fest versprochen." Scheinbar gibt es nicht nur ind er USA Leute die erdenklich fern der Realität sind. Bei uns sagen sie es sogar direkt, ohne dass man sie vorher heimlich aufnehmen muss. Andererseits ist ja bei den Meisten bekannt wofür die FDP steht. Die wollen wohl unbedingt die oberen 10 sichern. Vermutlich haben sie Romneys Rede zu Herzen genommen, dass sie die restlichen 90% nicht erreichen.
Theodor 20.09.2012
4. Na ja !
Eigentlich war de Sendung ein völliges Durcheinander. Da war der Porsche-Betriebsrat mit seinen teils obstrusen Appellen und Selbstdarstellungsreden, einschließlich druckreifen Werbesätzen für die Sozialleistungen seines Unternehmens. Da argumentierte Frau Wagenknecht mit Tremolo und Aggressivität in der Stimme für Umverteilung in dem Äpfel auf Birnen treffen, zumindest was die Argumente betrifft. Unser FDP-Mann kämpft, ganz dem Klischee folgend, für die Belohnung der Leistung ohne wenn und aber. Der Wissenschaftler argumentiert mit Zahlen und Untersuchungsergebnissen, deren Tendenz so offensichtlich politisch motiviert ist, daß man geneigt ist nicht mehr zu zu hören. Die exemplarische Vertreterin des Mittelstandes argumentiert so klar bezogen auf ihre eigene Lebenssituation, dass es mühsam erscheint immer die Allgemeingültigkeit raus zu filtern, schafft es aber den einen oder anderen Ball Anne Will zu zu spielen. Die Moderation versucht zu steuern, einzugreifen, zu polarisieren und doch entsteht eine Gesprächsrunde bei der die Fragen nicht beantwortet werden, die Darstellung der Sachverhalte erscheint immer irgendwie äußerst widersprüchlich und der Aggressionsgrad erscheint relativ hoch, wobei nicht gegeneinander argumentiert wird, sondern aneinander vorbei. Zusammenfassend: Absolut verlorene Zeit.
friedrich_eckard 20.09.2012
5. kein Titel!
Ich habe die Sendung nicht gesehen, aber trotzdem eine Anmerkung: es ist natürlich durchaus zu begrüssen, wenn der Rösler-Brüderle-Truppe so oft wie möglich Gelegenheit gegeben wird, auch noch die letzten Reste ihres Ansehens zu ruinieren. Aber ein Match Wagenknecht vs. Döring: das geht nicht, da rebelliert der Sinn für Sportsgeist. Da besteht ein solcher intellektueller Gewichtsklassenunterschied, das ist so ein Mismatch - man lässt doch auch keinen Rummelplatzboxer gegen einen Klitschko antreten, auch wenn zugestanden sei: es ist natürlich generell schwierig, unter den öffentlichen bekannten Vertretern des marktkonformen Parteienkartells überhaupt adäquate Kontrahenten für Wagenknecht aufzutreiben.
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