Von Mathias Zschaler
Fünf Bundesbürger saßen am Mittwochabend bei Anne Will, um über ein Problem zu diskutieren, das nicht zu den ganz großen Skandalen dieser Tage zählt. Eher gleicht es einem schleichenden Prozess. Der mag zwar längst belegt und erlebt und für immer mehr Menschen spürbar sein. Doch das macht die Debatte darüber keineswegs einfacher. Denn wenn es hierzulande um die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich geht, ist stets eine erhebliche Portion Ideologie im Spiel. Wobei die Beteiligten obendrein auch noch behaupten, sich lediglich auf Zahlen, Daten, Fakten sowie ein paar Grundregeln des gesellschaftlichen Zusammenhalts in diesem freien, insgesamt sehr wohlhabenden Staat zu berufen.
Und so kam es, dass man als Will-Zuschauer an diesem Abend rasch das Gefühl hatte, die fünf Gäste sprächen gar nicht über ein und dasselbe Land oder betrachteten es zumindest durch ganz verschiedene Brillen. Derweil tickte im Hintergrund eine Reichtumsuhr, ein neues Pendant zur bekannten Schuldenuhr - was aber erst zum Schluss bekannt wurde.
Will wollte speziell die Mittelschicht in den Fokus rücken, die sich zwischen oben und unten zerrieben sieht, von Abstiegsängsten geplagt wird und deren Mitglieder immer häufiger vor der desillusionierenden Erkenntnis stehen, dass man durch lohnabhängige Arbeit nicht nur nicht reich werden, sondern es nicht mal mehr zu dem einst gewohnten Wohlstand mit Häuschen oder Eigentumswohnung bringen kann. Recht anschaulich brachte das die Journalistin Kathrin Fischer auf den Punkt, Jahrgang 1967, typisches Mittelklassekind jener satten Jahre, heute gut bestallt als Uni-Sprecherin - und doch außerstande, etwas beiseite zu legen angesichts eines vielfach belasteten Einkommens. Wieso eigentlich ihr Englischlehrer noch habe bauen können, während es bei ihr nicht mal mehr für Parkett reiche und sie sich mit Laminat begnügen müsse, wollte sie wissen - eher eine rhetorische Frage.
Loblied auf das "Erfolgsmodell Deutschland"
Sie hatte da aber noch einen anderen, interessanteren Punkt: Weshalb denn bloß bei den Armen von Staats wegen alles so streng reguliert sei, bei den Reichen hingegen gar nichts? Das war fast schon das Resümee einer teilweise hitzigen Auseinandersetzung, die insofern nicht ganz nach dem Plan der Moderatorin verlief, als der Schwerpunkt sich doch immer wieder von der Mitte weg ganz nach oben richtete, hin zu jenen zehn Prozent, die über 53 Prozent des Volksvermögens verfügen.
Mehr als einmal sah sich etwa Uwe Hück, bekannt als Porsche-Betriebsrat, dazu genötigt, seine flammenden Appelle an den Anstand der Unternehmer, sein Werben für ordentliche Löhne und überhaupt für mehr Solidarität durch einen burschikosen Ordnungsruf zu ergänzen: "Ihr sollt euch nicht streiten, sondern Probleme lösen." Das war schon deshalb leichter gesagt als getan, weil auch Michael Hüther vom Institut der deutschen Wirtschaft anwesend war, nach dessen per Studie bestärkter Auffassung ein richtiges Mittelschichtenproblem gar nicht existiert. Lediglich gebe es infolge der Globalisierung ein bisschen mehr Druck. Ansonsten sei die Lage stabil und die Angst wohl mehr eine Sache der Wahrnehmung.
Damit war er bei Sahra Wagenknecht von der Linkspartei genau an der richtigen Adresse. Die zitierte genüsslich Passagen aus Hüthers Studie, die etwas völlig anderes besagten. Ansonsten konnte sie so ziemlich alles loswerden, was sie bei Talkshows zu diesem Themenbereich üblicherweise beizusteuern pflegt: Ruf nach stärkerer Besteuerung der hohen Einkommen, Erbschaftsteuer, Vermögensteuer, Anprangern extremer Besitzunterschiede infolge leistungsloser, ererbter Einkommen durch Kapital statt Arbeit, Warnung vor einem Zerfall der Gesellschaft und einer Bedrohung der Demokratie, weil viel Geld schließlich auch Macht bedeute.
Frau Fischer und Herr Hück sahen das ganz ähnlich. Wobei der Porsche-Mann nur sichergestellt wissen wollte, dass das von den Reichen stammende Geld nicht für Kriege oder überflüssige Straßen vergeudet, sondern für Bildung verwendet werde. Experte Hüther indes war davon weniger begeistert und schaute ein bisschen verbiestert drein, nachdem er mit seinem Loblied auf das "Erfolgsmodell Deutschland" ebenso wenig Resonanz gefunden hatte wie mit seinem Volkswirte-Verdikt, die Armen würden nicht reicher, wenn die Reichen ärmer würden.
Geld für den "Club der glücklichen Spermien"
Immerhin war dafür gesorgt, dass er nicht völlig auf verlorenem Posten stand. Das gewährleistete die Anwesenheit des Vertreters einer Partei, die in letzter Zeit auch in den Talkshows ein wenig unterrepräsentiert ist. Gemeint war FDP-Generalsekretär Patrick Döring. Gemessen an seiner Sicht der Dinge muteten Hüthers Thesen geradezu wie der Ausdruck sozialen Problembewusstseins an. Zumal der Ökonom wenigstens einräumte, dass einiges im Argen liege.
Folgt man dagegen Döring, so ist alles gut. Die großen Vermögen sind durch Fleiß und Wettbewerb und vor allem rechtlich einwandfrei erwirtschaftet worden. Und irgendwie ist alles doch sowieso ein und dasselbe - die Mittelschicht, der Mittelstand, die Fleißigen, die Reichen, der Bäcker, bei dem Herr Döring seine Brötchen kauft und der so viele Filialen mit so vielen Arbeitsplätzen hat.
Und sollte doch etwas schief laufen, wie es beispielsweise der Armuts- und Reichenbericht nahelegt, in dessen Entwurf Ministerin Ursula von der Leyen diesen schlimmen Satz mit Anspielung auf eine mögliche Extra-Inpflichtnahme der Reichen untergebracht hat - nun, dann wird die FDP eben dafür sorgen, dass der wieder gestrichen wird, der böse Satz. Das hat Herr Döring Frau Will und den anderen ganz fest versprochen.
Zum Schluss sollte er noch schätzen, um wie viel denn binnen der verflossenen 75 Minuten die Reichenuhr vorangekommen sei, aber da schwieg Döring lieber. Wagenknecht hingegen traute sich und tippte auf "einige Millionen". 21 waren es genau - schnell verdientes Geld für den "Club der glücklichen Spermien" (O-Ton Wagenknecht).
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