Schweizerin im Nikab bei "Anne Will" Die Menschenfängerin

Alle diskutieren über Anne Will und ihren Gast Nora Illi, die Frau im Nikab. Darf man solchen Leuten eine Plattform bieten? Man darf.

Anne Will, Nora Illi, CDU-Politiker Wolfgang Bosbach
NDR/ Wolfgang Borrs

Anne Will, Nora Illi, CDU-Politiker Wolfgang Bosbach

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Aushalten. Zuhören. Verstehen. Darum geht es eigentlich immer. Im Idealfall auch dann, wenn im Fernsehen diskutiert wird. Weshalb Nora Illi, Frauenbeauftragte beim "Islamischen Zentralrat Schweiz", überhaupt eingeladen worden sein wird in eine Sendung, die dann eine überraschende Wendung nahm. Aushalten. Zuhören. Ausrasten. Skandal!

Dabei ging es um die Frage: "Warum radikalisieren sich immer mehr junge Menschen?" Da kann es nicht schaden, einen offensichtlich radikalisierten jungen Menschen einzuladen. Oder doch?

Illi ist in der Schweiz geboren und begann nach eigenen Angaben mit 16 Jahren, sich für verschiedene Religionen zu interessieren: Christentum, Buddhismus, Punk. Mit 18 konvertierte sie zum Islam, heiratete einen ähnlich radikalen Konvertiten und engagiert sich seitdem für eine salafistische und wahhabitische Splittergruppe, die sich vollmundig "Zentralrat" nennt, nur einen winzigen Bruchteil der Muslime des Landes repräsentiert und vom Nachrichtendienst überwacht wird.

Illi ist also keine ganz ungruselige Figur. Sie hat kein Mandat, für ihre Glaubensgenossinnen zu sprechen. Sie hat irgendwas mit Medien gelernt und den Nikab "als normative Option" angenommen. Daraus leitet sie den Anspruch ab, "die Gesellschaft mitgestalten zu wollen". Ihre Rolle als medienwirksam vollverschleierte Repräsentantin eines islamistischen Extremismus hat sie längst professionalisiert. Entgegen kommt ihr die Mechanik gerade visueller Medien, die Äußeres zunächst als Hingucker und damit Quotenbringer verbucht - ungeachtet der Ideologie, die sich dahinter verbirgt.

So hat noch jeder Auftritt von Illi in Deutschland (in der Schweiz kennt man sie schon) einen ähnlichen Effekt. Die Reaktionen auf ihren Auftritt bei "Maischberger" vor vier Jahren waren vergleichbar. Die Frage ist immer, was der Propaganda entgegengesetzt wird. Und da sah es diesmal düster aus.

Mit naiven Fragen wie "Fühlen Sie sich nicht unterdrückt?" lieferte Anne Will ihrem Gast die Gelegenheit, über "Selbstentfaltung" sowie "Selbstbestimmung und Freiheit" der Frau im Islam zu referieren. Und: "Wenn eine Frau arbeitet, muss sie das Geld nicht dem Familienunterhalt beigeben, sie darf es zur Seite legen", und das ist doch wunderbar. Brave Claqueurinnen im Publikum beklatschen diese Einlassungen.

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"Anne Will": "Bitterharte Langzeitprüfung"

Illi weiß, wie man sich eine Bühne bereitet. Und sie weiß, warum sich immer mehr junge Menschen radikalisieren. Darum: "Muslime sind weltweit massivsten Repressionen ausgesetzt. Kein Wunder also, dass die Versuchung riesig sein muss, aus diesem Elend auszubrechen, (...…) um dann im gelobten Syrien gegen die Schergen Assads und für Gerechtigkeit zu kämpfen. Daran ist aus islamischer Sicht auch gar nichts auszusetzen. Eine solche Überzeugung muss man, in den hiesigen Kontext übersetzt, als Zivilcourage hoch loben."

Als gewitzte Menschenfängerin fügt sie warnend hinzu, dass "Facebook und YouTube die brutale Kriegsrealität vor Ort nur für kurze Zeit überblenden. Bald schon wird einem angereisten Teenager klar sein, dass der Krieg nichts mit der einst in der geheizten Stube verklärten Wunschträumerei zu tun hat, sondern eine bitterharte Langzeitprüfung mit ständigen Hochs und Tiefs ist."

Nachdem Anne Will diesen Text von Nora Illi eingeblendet und vorgelesen hat, will sie als Moderatorin ehrliche Maklerin bleiben und wissen, ob der eine "Ermutigung" für den Dschihad sei. Illi beharrt, dabei handele es sich um einen "Dialog" mit gefährdeten Jugendlichen und erzählt von einem Mädchen, "mit dem ich in Kontakt bin", das wegen seines Kopftuchs keine Lehrstelle bekommen habe und so weiter und so fort.

Sie nutzte eine Bühne, war darauf aber glücklicherweise nicht alleine. Es war - neben Wolfgang Bosbach und dem Imam Mohamed Taha Sabri - nicht zuletzt der Psychologe und Autor Ahmad Mansour, der das Kind beim Namen nannte: "Das ist eine offene Kriegspropaganda, das kann man in einem öffentlichen Fernsehen nicht machen, das darf man nicht!"

Erlaubt sei, was der Wahrheitsfindung dient

Darf man nicht? Doch, man darf. Wer sich mit dem Gedanken trägt, aufgrund von "Repressalien" in Syrien ein paar Köpfe abzuschneiden, der braucht zu seiner finalen Entscheidungsfindung wohl kaum die ARD. Über die Sendung mag sich empören, wer sich die Talkshow prinzipiell als kuschelige Wohlfühlrunde wünscht, in der Bedenkenträger ihre Bedenken vergleichen und Experten betonen, was wir alle ohnehin schon wissen.

Öffentlich-rechtlicher Auftrag ist es, dem Publikum die Bildung einer eigenen Meinung zu ermöglichen - und nicht das Aufwärmen und Servieren vorgefertigter Ansichten, so vernünftig sie auch sein mögen. Erlaubt sei, was der Wahrheitsfindung dient. Darüber hinaus ist ein Auftritt in einer Talkshow noch lange kein Kotau, erst recht kein Ritterschlag - sondern eine Prüfung.

Es gehört zum Prinzip der Bühne, dass man darauf auch scheitern kann. Und Illi ist mit Pauken und Trompeten gescheitert. Nicht an der Moderatorin, sondern am Widerspruch der anderen Gäste. "Es gehört zu unserem Werteverständnis", sagte Will, "dass wir uns mit den Meinungen anderer auseinandersetzen. Und das tun wir hier auch."

Wenn diese Meinungen sich als nicht satisfaktionsfähig erweisen, als bizarr und skandalös, wenn der Irrsinn des "politischen Islam" so offen zutage tritt, wenn ihm endlich so vehement und öffentlich Paroli geboten wird, und zwar von Muslimen - umso besser.



insgesamt 46 Beiträge
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Seite 1
oemmes52 07.11.2016
1. Höchstens
zu Haloween. Außerdem muss die Gesprächsrunde die kruden Ansichten solcher Menschen überzeugend entlarven.
spon-facebook-10000034826 07.11.2016
2. Mir ist übel...
Ich finde nicht, das solchen Menschen eine Bühne gegeben werden sollte. Man gibt ja richtigen Nazis ebenso keine Plattform, ebenso den Reichsbürgern. Afd Standpunkte werden total dämonisiert, ebenso der Linkspartei, obwohl diese weitgehend verfassungskonform sind. Was soll das für eine Toleranz sein?
rolandofurioso 07.11.2016
3. Religion ...
... ist intellektueller Hooliganismus.
mark e. ting 07.11.2016
4. korrekt
das sehr ich ganz genau so wie der Kommentator. Man darf und muss solchen Leuten eine Bühne geben auf der sie dann scheitern.
kraus.roland 07.11.2016
5. Christentum, Buddhismus, Punk!
Wer nach diesem Surf in der wachhabitischen Salafistenfalle landet, ist so erkennbar bescheuert, dass eine Einladung in die ARD auszuschliessen ist. Aufzuklären gibt es da nichts mehr. Allefalls werden bei ähnlich haltlosen Naturen Missverständnisse genährt.
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