Griechenland-Talk bei Anne Will "Sie stricken hier an einer Opferlegende"

Denkwelten im Zusammenstoß: Gesine Schwan und Hans-Werner Sinn, aber auch Moderatorin Anne Will sorgten diesmal für eine ebenso politische wie unterhaltsame Talkshow zum Schuldenstreit mit Griechenland.

Politologin Gesine Schwan: Pro Monat "ein dickes Buch über Ökonomie"
NDR

Politologin Gesine Schwan: Pro Monat "ein dickes Buch über Ökonomie"


Gesine Schwan ist nicht nur Politologin, sondern auch ein Mensch mit klarer politischer Haltung. Und damit war sie bei Anne Will gerade richtig. Die hatte ihre Talkshow bereits provokant mit der Frage eröffnet, ob die Tsipras-Regierung bewusst gedemütigt und unfair behandelt werde.

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Heft 26/2015
Europas Scheitern: Was es kostet und was danach kommt

CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen konterte mit einer pflichtgemäßen Tirade gegen dieselbe, Giorgos Chondros reagierte im typischen Syriza-Sound ("Es ist unverantwortlich zu sagen, Athen habe nicht geliefert") und behauptete, es gehe gar nicht ums Geld, sondern um einen "harten politischen Konflikt".

Den gab es dann auch tatsächlich an diesem Abend - endlich mal nach all den Zahlenschlachten, möchte man sagen -, und das nicht zuletzt dank der früheren Präsidentin der Europa-Universität und zweimaligen Ex-Bundespräsidentenkandidatin der SPD. Prompt hielt sie den Genossen vor, sie verstießen gegen ihre eigenen Prinzipien, indem sie die Griechen dafür beschimpften, dass sie die Austeritätspolitik ablehnten. Schwan prangerte den Kurs des IWF als neoliberal und daher grundfalsch an und sorgte dafür, dass Wirtschaftsforscher Hans-Werner Sinn vom ifo Institut mehr als einmal Gelegenheit fand, sehr ungehalten zu werden.

"Lesen Sie das Interview mit Juncker im SPIEGEL"

ARD-Korrespondent Rolf-Dieter Krause, der auch diesmal aus Brüssel wenig Substantielles vom Verhandlungschaos mitzuteilen hatte, musste sich sagen lassen, er berichte "immer einseitig". Das steckte er sportlich weg, schüttelte nur Sinn-gemäß den Kopf und lieferte eine Vorlage für Röttgen, der Frau Schwan später vorwarf "Sie stricken an einer Opferlegende" und ihr außerdem empfahl: "Lesen Sie das Interview mit Jean-Claude Juncker im SPIEGEL."

Es kam, wenn man so will, zu einer Kollision zweier Denkwelten, der politischen und der ökonomischen. Und die war nicht nur ungewöhnlich unterhaltsam, sondern hatte auch durchaus einen aufklärerischen Effekt. Zu sagen, es sei lebhaft zugegangen, wäre fast etwas untertrieben.

Dazu trug auch die Gastgeberin ihren Teil bei, die sich als politisch präsente Moderatorin zeigte, immer wieder insistierte, freche Fragen einwarf ("Ist Frau Merkel blamiert?"), gern das Wort von der neoliberalen Politik gegenüber Griechenland aufgriff und beispielsweise per Einspieler daran erinnerte, wie Wolfgang Schäuble seinerzeit den neuen Athener Regierungschef als "Träumer" abgetan hatte.

Wie es mit dem denn nun angesichts wachsenden Widerstands in den eigenen Reihen weitergehen werde, ob Tsipras sich überhaupt halten könne, sollte Chondros sagen. Der orakelte, es wünsche sich anderswo wohl so mancher, dass er scheitere. Aber es werde einen tragfähigen Kompromiss geben.

Wieder einmal war man damit bei den Fragen des Umgangs der Troika mit den früheren Regierungen, der Modernisierungsfähigkeit des nicht funktionsfähigen Staatswesens und dem Fehlschlag des bisherigen Kurses der Geldgeber. Letzteren konstatierte auch Sinn, der im Übrigen mit Blick auf die Athener Reformofferten von "Luftnummern" sprach, vorrechnete, Griechenland habe bereits die Segnungen von 35 Marshall-Plänen erhalten und Einblick in seine vergleichende Forschung zum Thema Staatsbankrott gewährte, was den Syriza-Politiker zu der bitteren Frage veranlasste, ob in seiner Sicht der Dinge auch Menschen vorkämen.

Disput zwischen Schwan und Sinn

Unbeeindruckt und kühl formulierte der Wirtschaftswissenschaftler sein Rezept: Nach der unvermeidlichen Pleite sei ein Grexit für eine gewisse Zeit bei gleichzeitiger Abwertung der Drachme das Beste; die Phase der Verarmung werde allenfalls ein, zwei Jahre dauern. Da mochte dann nicht nur Merkel-Mann Röttgen nicht mehr folgen, der vor unabsehbaren Folgen warnte und für den Verbleib im Euro plädierte. Mehr noch, es wurde ausgesprochen heftig.

"So stellt sich ein Ökonom Politik und Gesellschaft vor", kommentierte süffisant Politikprofessorin Schwan, während Chondros nun seinerseits nur den Kopf schütteln konnte.

"Ach, das ist doch Käse! Sie sind Politologin, keine Ökonomin", echauffierte sich Sinn, was Frau Schwan indes nicht davon abhielt, sich für eine Umschuldung und die Ankurbelung der griechischen Wirtschaft ins Zeug zu legen. Dann ging Sinn daran, in leuchtenden Farben das Bild einer aufblühenden Drachmen-Wirtschaft zu entwerfen, musste aber plötzlich wieder stutzen und sich ärgern. "Lachen Sie nicht, dies ist nicht Ihr Fach." Immerhin lese sie pro Monat "ein dickes Buch" über Ökonomie, erzählte die Politologin. Sinn: "Dann haben Sie es nicht verstanden."

Dann war aber auch Schluss - vermutlich gerade noch rechtzeitig.

insgesamt 308 Beiträge
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freespeech1 25.06.2015
1. Kernproblem: politischer Doktrinarismus gegen ökonomischen Sachverstand
Das ist wohl der Kern der Auseinandersetzung seit der Diskussion über die Einführung des Euro: politischer Doktrinarismus und Ideologie gegen ökonomischen Sachverstand Der Euro ist ein politisches Instrument, die Ideologie von einem vereinten Europa durchzusetzen. Mit ökonomischen Argumenten ist er - in dieser Konstruktion - nicht zu rechtfertigen. Die Folge der Fehlkonstruktion ist, dass er politisch das Gegenteil bewirkt. Noch nie seit Gründung der EWG gab es so viel Hass und Unfrieden zwischen den Völkern, die sich vereinen sollen. Noch nie war die Ablehnung in der europäischen Bevölkerung so groß. Der Euro hat Europa (EWG bis EU) in die schwerste Krise nach dem Krieg geführt.
Lahare 25.06.2015
2.
Und da offenbart sich dann auch das ganze Dilemma der Politik, die versucht in warmen, ausgleichenden Worten Kompromisslinien zu umschreiben, die schlicht jeglicher logischer Grundlage entbehren. Am Ende ist es eben nur Gewäsch. Angesichts der Summen, um die es mittlerweile geht würde man sich endlich mehr Rationalität und Sachlogik wünschen. Auch wenn es am Ende allen Beteiligten vorübergehend wehtut. Langfristig kann die endlose Sequenz aus Rettungspaketen und Krediten keine Lösung sein. Daher Daumen hoch für die klare Positionierung von Herrn Sinn. Es ist absolut kontraproduktiv, wenn in einer so fundamentalen Krise das Primat der Politik eingefordert und damit jegliche ökonomische Rationalität über Bord geworfen wird.
Mi.St. 25.06.2015
3. Kurzweilig
Die Sendung war wirklich Interessant. Das Problem von Frau Schwan ist allerdings, das sie ,wie ein Impfgegner argumentiert. Ökonomische Fakten kann man nicht ausblenden,irgendwoher muss das Geld kommen. Welche Konzepte aus Griechenland abgelehnt worden sind,Kann sie gerne veröffentlichen. Wir wollen ja auch Von ihrem Wissen profitieren. Als Zuschauer hat man das Gefühl als wenn in Griechenland eine neue Welt Wirtschafts Ordnung erstellt wird. Uns würden Neue Strukturen erst einmal ausreichen. Aber dafür hat die griechische Regierung wohl keine Zeit, sie muss Verschwörungen bekämpfen. Das ganze wirkt Paraneuisch .
an-d 25.06.2015
4. klingt spannend
Ich habe die Sendung nicht gesehen. Ihr Beitrag macht mich aber schon sehr neugierig. Da scheint sich ein Blick in die Mediathek wirklich zu lohnen.
bakuninsbart 25.06.2015
5. Wenig Sinn wie immer.
Prof. Sinn hält in den Wirtschaftswissenschaften eine Minderheitenmeinung. - Zumindest sofern man bereit ist über den dogmatischen Tellerrand Deutschlands hinauszuschauen. Die Prognosen und Studien seines Instituts stellen sich immer und immer wieder als haltlos heraus, und trotzdem schafft es dieser widerliche Selbstinszenierer ins Rampenlicht. - Nicht weil seine Arbeit irgendeinen wissenschaftlichen Wert hätte, sondern weil sie politische Munition für das konservative Lager bietet. Wer Interesse an ernsthaften wirtschaftswissenschaftlichen Analysen hat, sollte wohl besser in die anglophonen Länder schauen.
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