Kapitalismus-Talk bei "Anne Will" Armes Deutschland

Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer - trotzdem gibt es in Deutschland keine Revolution. Warum? Bei "Anne Will" versuchten sich die Gäste an einer Antwort - und scheiterten.

ARD

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Nehmen wir an, auf den Straßen dieses Landes würde eine Umfrage durchgeführt: Wie viele Menschen können mit dem Namen Thomas Piketty etwas anfangen? Das Ergebnis wäre sehr wahrscheinlich ernüchternd. Kaum jemand. Dafür, dass der französische Ökonom weitgehend unbekannt ist, sorgen seine Thesen mächtig für Furore.

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Heft 19/2014
Von der Unmöglichkeit, mit Arbeit reich zu werden

Sein Buch "Das Kapital des 21. Jahrhunderts" wird in nahezu allen Feuilletons deutscher und internationaler Medien besprochen, der SPIEGEL widmete ihm und seinen Analysen in dieser Woche den Titel, am Montag befasste sich "Hart aber fair" mit Fragen, die den Franzosen umtreiben. Und am Mittwochabend lud nun auch Anne Will zu einer Runde Kapitalismuskritik.

Obwohl die Bundesrepublik ein reiches Land ist und der Wohlstand oberflächlich einigermaßen gerecht verteilt scheint, obwohl die Steuereinnahmen so hoch sind wie selten zuvor, obwohl sich die Erwerbstätigkeit in Deutschland auf einem Rekordhoch befindet, wird wieder über Reich und Arm debattiert. Und das zu Recht. Denn Pikettys Buch hebt die Auseinandersetzung über das Thema auf ein neues Niveau - jenseits platter Arm-und-Reich-Klischees.

Die meisten waren schon im Bett

Die Kernfragen lauten: Täuschen die properen Wirtschaftsdaten Deutschlands darüber hinweg, dass die Gesellschaft sich spaltet? Haben sich Vermögende längst in eine Parallelwelt verabschiedet, lassen sich aber von der Masse der arbeitenden Bevölkerung bezahlen?

Man möchte sagen, dass es Piketty nicht verdient hat, wenn die ARD um 23.15 Uhr damit beginnt, sein Buch zu diskutieren. Die vielen Werktätigen, um die es in Pikettys Buch vor allem geht, liegen da wahrscheinlich schon halb dämmernd auf dem Sofa, wenn nicht gar schlafend im Bett. Aber für den Sendetermin kann Anne Will ja nichts. Sie stand vor der undankbaren Aufgabe, mit vier Gästen aus den üblichen Lagern die Frage zu erörtern, ob "die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich gefährlich für unsere Demokratie" sei. Eine große Frage für nachts um viertel nach elf. Eine zu große.

Was nicht unbedingt an den Gästen lag. Die Parteivorsitzende der Linken, Katja Kipping, der Finanzprofessor von der FU Berlin, Giacomo Corneo, "FAS"-Wirtschaftsressortleiter Rainer Hank und Finanzstaatssekretär Steffen Kampeter (CDU) diskutierten engagiert und kontrovers - allein, das Thema war zu mächtig und zu komplex, um es in 75 Minuten adäquat zu behandeln. Da wirbelten die Fachbegriffe nur so durcheinander, Gini-Koeffizient, kalte Progression, soziale Mobilität, Einkommenskonzentration. Am Ende landete man bei Mütterrente und Managergehältern.

Aufstieg unmöglich

Dabei macht es uns Piketty, den man wahlweise den "Rockstar der Ökonomie" oder den "neuen Karl Marx" nennt, eigentlich recht leicht, über das Thema Kapitalismus zu philosophieren. Er hat als erster anhand von empirischen Daten aus über 200 Jahren nachgewiesen, was sowieso alle ahnten: Die Renditen für Kapital steigen stärker und schneller als die für Lohnarbeit. Die Ungleichheit einer Gesellschaft nimmt damit zu, die Abgehängten werden folglich niemals in die Kaste der Wohlhabenden aufsteigen.

"Unter den aktuellen Bedingungen kann der Kapitalismus nicht mehr funktionieren", schreibt Piketty. Das sagte auch Kipping. Und Wissenschaftler Corneo, der selbst ein Buch geschrieben hat mit dem Titel "Bessere Welt: Hat der Kapitalismus ausgedient? Eine Reise durch alternative Wirtschaftssysteme". Kampeter dagegen argumentierte, Deutschland sei gar kein kapitalistisches Land, sondern eine soziale Marktwirtschaft. Hank verteidigte den Kapitalismus als "Triebfeder", sich anzustrengen, und es besser zu machen als der andere. Gleichheit sei ein Zustand, der gar nicht anzustreben sei.

Doch Ungleichheit auch nicht, sagte dann wieder Professor Corneo. Und machte das an einem Beispiel fest. Ein Mensch in Deutschland, der eine Million Euro geerbt hat und daraus etwa 60.000 Euro Kapitalerträge im Jahr erzielt, muss davon pauschal nur 25 Prozent Abgeltungssteuer abführen, der Arbeitnehmer, der ebenfalls 60.000 Euro im Jahr verdient, drückt aber 42 Prozent Lohnsteuer ab. Es sei leichtsinnig herunterzuspielen, "was da im Gange ist". Dauere der aktuelle Zustand noch lange an, entstünde "eine gefährliche Dynamik", sagte Corneo.

"Tut mir leid, Jungs, war nur so 'ne Idee"

Aber wieso es dann keine Revolten im Land gebe, wollte Will wissen, "oder noch schlimmer, 80-Prozent-Ergebnisse für die Linkspartei", so ein Seitenhieb auf ihren Gast Kipping. Eine wirkliche Antwort hatte keiner in der Runde. Stattdessen verlor Kipping sich in endlosen Wortgefechten mit ihrem Kontrahenten Kampeter darin, wer jetzt das Copyright auf die mögliche Abschaffung der kalten Progression in der Steuerpolitik habe.

Die am nächsten liegende Frage aber, ob man Ungleichheit bekämpft, indem man weiter kräftig umverteilt oder Ungleichheit gar nicht erst entstehen lässt, indem man echte Chancengleichheit in einer Gesellschaft etabliert, kam dagegen viel zu kurz. Noch immer leistet sich Deutschland Jahrgänge von Jugendlichen, bei denen fast ein Fünftel keinen Schulabschluss hat. Das werden die Abgehängten von morgen sein. Noch immer verdingen sich rund 20 Prozent der Arbeitenden im Niedriglohnsektor. Das werden die Armen im Alter sein, weil sie kaum Rente beziehen und kein Geld hatten, privat vorzusorgen. Aber selbst wenn diese Frage gestellt worden wäre, Einigkeit hätte es wohl auch da nicht gegeben.

Kurz nach dem Mauerfall vor 25 Jahren erschien eine inzwischen berühmte Karikatur. Ein lässiger Karl Marx mit Händen in den Hosentaschen sagt mit Schulterzucken: "Tut mir leid Jungs, war nur so 'ne Idee von mir." Er meinte den Sozialismus. Wäre bei Anne Will die Frage thematisiert worden, ob es vielleicht doch die bessere Idee war, darf man zumindest hoffen, das wenigstens da Einigkeit unter den Gästen bestanden und die Antwort "Nein" gelautet hätte. Allein: Die Frage wurde nicht gestellt.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 582 Beiträge
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Seite 1
Meckerliese 08.05.2014
1. oh je
Schickt doch Anne Will endlich in Rente. Die kann es einfach nicht. Unnötige Sendung. Kam wie immer nichts raus nur blablabla....
paulvernica 08.05.2014
2. mangelndes Selbstbewussein ?
Zitat von sysopDie Reichen werden reicher, die Armen ärmer - trotzdem gibt es in Deutschland keine Revolution. Warum? Bei "Anne Will" versuchten sich die Gäste an einer Antwort - und scheiterten. http://www.spiegel.de/kultur/tv/anne-will-kapitalismus-talk-in-ard-ueber-thomas-piketty-a-968199.html
Ich denke das passive hinnehmen dieser Verhältnisse durch die Bevölkerung, liegt auf der einen Seite an einer immer noch vorhandenen Obrikeitshörigkeit der Bevölkerung und daran dass es einfach an Selbstbewusstsein fehlt sich für die eigenen Interessen einzusetzen und auch mal was zu fordern.
Palmstroem 08.05.2014
3. Kapitalismus - Ein Erfolgsmodell
Ungleichheit ist nun mal ein erfolgreiches Evolutionsmodell. Und niemand will freiwillig "gleich" sein. In Deutschland macht die Umverteilung über die Sozialquote inzwischen fast eine Billion oder mehr als ein Drittel des BIP aus. In den "Goldenen 60ern" lag diese Quote noch unter 20%. Der Kapitalismus hat allein in den letzten zwei Jahrzehnten vor allem in Asien rund zwei Milliarden Menschen aus der Armut geholt. Welches System war je erfolgreicher! Allerdings müsste eine Voraussetzung eines kapitalistischen Erfolgmodells konsequenter durchgesetzt werden - der Kampf gegen Monopole - egal ob privatwirtschaftliche oder staatliche Monopole.
el_realist 08.05.2014
4. 42% Lohnsteuer?
Schlecht recherchiert, lieber SPON, das sind vielleicht die Gesamtabgaben, aber nicht die Lohnsteuer. Die Besteuerung von Kapitaleinkünften ist ebenso hoch, wie die von Einkünften durch Arbeit, nur ohne Sozialbeiträge. Meiner Meinung nach sind die hohen Abgaben der Hauptgrund dafür, dass man kein Vermögen mehr bilden kann, Stichwort "kalte Progression", aber das wird gerne unter den Teppich gekehrt. Wir wollen das so, weil die Mehrheit so wählt. Ich versuche, mit Aktien reich zu werden, das ist meiner Meinung nach der einzig gangbare Weg, da man bei diesen Erträgen nicht so viel Abgaben hat. Durch die vielen Abgaben lohnt sich Arbeit einfach nicht mehr...
galbraith-leser 08.05.2014
5. Ungleichheit ist der Kern des Kapitalismus
Die Frage, die hinter der Systemfrage steht, ist die Frage nach der Natur des Menschen. An ihr ist Marx letztlich gescheitert, denn der Mensch strebt von Natur aus nicht nach Gleichheit, sondern will sich durch Leistung einen Vorteil verschaffen, z.B. bei der Nahrungssuche, bei der Partnerwahl etc. Wenn sich Leistung nicht mehr lohnt, strengen sich die Leute nicht mehr an und das System geht den Bach runter. Siehe DDR. Interessant ist, dass der auf dem Leistungsgedanken aufbauende Kapitalismus gerade im Begriff ist, seine eigene Grundlage zu zerstören, da - und das ging aus der Diskussion ja auch hervor - sich Arbeit (= Leistung) nicht mehr wirklich lohnt. Denn Einkünfte auf Kapital sind keine eigene Leistung, sondern basieren auf der Leistung anderer. Das ist grundsätzlich nicht verwerflich (o.k. echte Kapitalismuskritiker werden hier schon widersprechen), aber es funktioniert nur im begrenzten Umfang. Und genau auf diese Grenze bewegen wir uns gerade zu. Was danach kommt? Keine Ahnung, aber vermutlich nichts Gutes.
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