#MeToo-Debatte bei Anne Will "Jede Institution hat einen Weinstein"

Ändert sich jetzt was? Bei "Anne Will" diskutieren die Gäste über Sexismus als "strukturelles Problem" - und die Kamera zoomt auf die Beine von Verona Pooth. Da muss sich noch was ändern.

Anne-Will-Talk zur Sexismus-Debatte
NDR/Wolfgang Borrs

Anne-Will-Talk zur Sexismus-Debatte


Sexismus ist, wenn Laura Himmelreich bei "Anne Will" gerade über Sexismus als "strukturelles Problem" referiert - und der Kameramann auf die rosafarbenen Stilettos von Verona Pooth zoomt, um dann laaangsam die Beine hinaufzufahren. Besser als mit dieser praktischen Übung hätte man #MeToo nicht auf die Meta-Ebene überführen können.

Nun läuft die Debatte schon eine ganze Weile, Argumente und Bullshit sind gewechselt, die Fieberkurve der öffentlichen Erregung sinkt. Weshalb eine Stärke dieser Sendung gerade in ihrer Verspätung lag. Die Debatte über "diese Krankheit unserer Gesellschaft" dürfe nämlich nicht abbrechen, sie müsse "kontinuierlich geführt werden" - sagte der einzige Mann in der Runde, Gerhart Baum (FDP).

Als advocata diaboli, die sich abseits der eingefahrenen Diskussionslinien bewegt, ist Heike-Melba Fendel gebucht. Die Schriftstellerin, PR-Agentin und Künstlerin argumentiert einerseits mit Kenntnis der Szene, andererseits als Anwältin des Sinnlichen: "Wenn sie über Sexismus reden, müssen sie auch über Sex reden!" Im Übrigen sei es jetzt "comme il faut, so etwas zu tun".

Ursula Schele, Verona Pooth
NDR/Wolfgang Borrs

Ursula Schele, Verona Pooth

"Jede Institution hat einen Weinstein"

Hinter vielen Frauen, die nun #MeToo riefen, vermutet Fendel "Strategen", die ihre Klientinnen dazu ermutigten. Zu verlieren hätte da derzeit keine etwas. "Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen und Marken sind", die würden sich durch ein Outing nicht beschädigen. Und zur Auslöschung des Kevin Spacey: "Damit vergeht man sich am Kino, das geht gar nicht!"

Hier kann Ursula Schele nur ungläubig den Kopf schütteln. Die Dame vom Verein "Frauen gegen Gewalt" unterstreicht, dass jedes Opfer sich die nötige Zeit nehmen dürfe, bis sie über Vorfälle berichte - und oft dauere das eben Jahre. Mit der Prominenz der Opfer habe das nichts zu tun. Verona Pooth nickt. Ihr sei in jungen Jahren auch etwas widerfahren, "aber nie eine Nötigung, die mir geschadet hat".

Allerdings sei die Position einer Frau durchaus in Betracht zu ziehen. Nicht nur in Hollywood, auch in der Bäckerei, der Kanzlei, der Klinik: "Wenn ich dann die Klappe aufmache, bin ich eine starke Frau, aber ich bin meinen Job los". Schele kann da nur zustimmen: "Jede Institution hat einen Weinstein".

Problematisch sei "eine Struktur, die es ermöglicht", einen "Sexismus durchlaufen zu lassen". Dass es in der Debatte bisweilen "drunter und drüber" geht, würde ihr allerdings nicht schaden. Jede Frau, so Schele, könne für sich entscheiden, was sie als sexistisch empfindet. An die Adresse von Fendel fügt sie hinzu: "Sexualität hat nichts mit Sexismus zu tun". Sexualisierte Gewalt, sei auch Gewalt. Fendel kontert: "Frauen haben auch sexuelle Macht!"

Laura Himmelreich, Gerhart Baum
NDR/Wolfgang Borrs

Laura Himmelreich, Gerhart Baum

Alltagssexismus ist ein Angriff auf die Menschenwürde

Es geht also nach wie vor drunter und drüber. Baum, von Schele versehentlich mit "Herr Brüderle" angesprochen, rückt die Dinge wieder ein wenig zurecht. Im Sexismus, einst in Anlehnung an den Begriff "Rassismus" entwickelt, drücke sich die "Rollenüberheblichkeit des Mannes" aus. Es gebe "männerdominierte Machtstrukturen, die machen die Frauen schwach". Alltagssexismus sei ein Angriff auf die Menschenwürde.

Was tun gegen solche Strukturen? Ändert die Debatte die Verhältnisse? Laura Himmelreich, die vor vier Jahren Rainer Brüderle mit einem Stern-Artikel über dessen altherrenwitzige Anzüglichkeiten politisch auslöschte und die #Aufschrei-Debatte auslöste, ist da optimistisch. Die entsprechende "Anne Will"-Sendung seinerzeit trug den Titel "#Aufschrei - hysterisch oder notwendig?", erinnert sie: "Heute würden wir keiner Frau mehr vorwerfen, hysterisch zu sein."

"Sexismus beseitigen", sagt Himmelreich, "heißt alles beseitigen, was zu Machtungleichheit führt in der Gesellschaft". Weil das sehr groß und utopisch klingt, verweist Baum auf die Erfolge, die es in dieser Hinsicht bisher gab: "Wir reden ja auch über die Selbstbestimmung der Frau." Er erinnert daran, dass es noch 1966 als "ehewidriges Verhalten" gewertet wurde, wenn sich die Frau den sexuellen Ansinnen des Gatten nicht gewogen zeigte: "Diese Debatte ist nie zu Ende."

Das Gaudium des konservativen Männermobs

Mit Ehrfurcht ruft er die legendäre Rede der Grünen Waltraut Schoppe in Erinnerung, die 1983 über Sexualität als Herrschaftsakt, weiblichen Orgasmus und "fahrlässige Penetration" redete - im Bundestag, zum Gaudium des konservativen Männermobs. Bei ihm, Baum, sei damals ein Groschen gefallen. Ungleichheit beseitigen? "Meine Partei ist da ganz anderer Meinung, interessiert mich nicht, aber: Wir brauchen eine Quote!", fordert Baum. Die würde er auch gern seiner FDP verschreiben.

"Herr Brüderle war unglaublich geschockt", erinnert sich Baum: "Er hat das gar nicht realisieren können, dass so etwas passieren könnte. Ich nehme an, der hat das gar nicht als so anstößig empfunden", die ganze Partei habe den Artikel als "Generalangriff" wahrgenommen und die Reihen fest geschlossen. Auch ein Hinweis auf die Strukturen, um die es an diesem Abend geht - wenn auch, was kein Schaden ist, ohne aktive Politiker in der Runde.

Sexistisch ist übrigens auch die Annahme, dass bei "Anne Will" nur Kameramänner arbeiten. Hätte auch eine Frau sein können, die sich sehr für Verona Pooth interessiert.



insgesamt 55 Beiträge
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funxxsta 13.11.2017
1. Nicht die Kamera, sondern die Regie
...macht das Bild. Bzw entscheidet welche Einstellung nun gesendet wird. Soviel zur Technik. Nun, es kann keine zweite Meinung dazu geben, das die öffentliche Auseinandersetzung mit dem Thema Sexismus gerechtfertigt und überfällig ist. Auch für Jahre später abgegebene Statements bzgl. solch widerwärtiger Erfahrungen durch die Betroffenen habe ich grosses Verständnis. Doch das diese Debatte unter dem Gesichtspunkt geführt werden soll, das Frau immer nur Opfer, nie als Täter oder durch eigenes Verhalten auch Risiko maximierend auftritt, erschliesst sich mir nicht. Ja, es gibt feste Machtstrukturen in allen gesellschaftlichen Bereichen, die Sexismus fördern und Sexisten schützen. Dies gilt es ebenso zu analysieren und zu ändern, wie den Umstand das es Frauen (und Männer) gibt, die sexuelle macht ausüben, gezielt einsetzen, um sich Vorteile zu verschaffen. Dies triggert den sexisten und gefährdet andere, nicht sexuelle Macht einsetzende Mitmenschen zusätzlich. D.h. das die Struktur, die es zu bekämpfen gilt, viel tiefer in dieser Gesellschaft verankert ist, als derzeit benannt. Und es heisst, das es viel mehr Facetten des Sexismus bzw der Art des Missbrauchs von Sexualität gibt, als die Diskutanten derzeit bereit sind zu benenne. Wollen wir Ungleichheiten beseitigen, Menschen mit kranken und/ oder sozial inkompetentem Verhalten sozialisieren...sollten wir die Gelegenheit nutzen und Sexualität in dem Gesamtkontext ihres gesellschaftlichen Einflusses diskutieren und in der Folge neue, zeitgemässe und vor allem ehrliche Rahmenbedingungen schaffen, die es dieser Gesellschaft erlauben erwachsen zu werden.
anselmwuestegern 13.11.2017
2. Sex sells
Die Kameraführung mag unpassend gewesen sein, aber das ist ein schwieriger Aufhänger. Frau Pooth zeigt ihre Beine sicher nicht, damit sich interessierte (Männer oder Frauen) abwenden. Wenn ich vergleichbar in der Öffentlichkeit auftrete (muscleshirt,..., ) schaut mich niemand bewundernd an, sondern wendet sich an oder blickt irritiert. Das liegt natürlich daran, dass ich körperlich nicht mehr dem gängigen Schönheitsideal entspreche. Auch das ist eine Form von Sexismus. Wer sich zeigt, will gesehen werden. Dafür bedeutet nicht dumm angemacht, begrabscht oder schlimmeres. Das betrifft auch die Kamera-Frau und den -Mann. Was als schön empfunden wird, zieht die Blicke auf sich. Wenn das schon verwerflich ist, dann sollten wir auf Sex zukünftig ganz verzichten.
dicku 13.11.2017
3. klamauk
vor wenigen tagen noch, hab ich anne will als einzige versucht hervorzuheben, die noch annaehernd serioesen journalismus bietet... vergebens... im grunde war es eine muppet show veranstaltung... der geselllschaft sei dringend geraten... sich ueber dieses thema, dass uns alle bewegen sollte, ueber gut gemachte zeitungen und, oder gute online arbeit zu informieren... was bleibt haften an diesem abend... die kunstfigur pooth
odapiel 13.11.2017
4. Schadet mehr als es nutzt und ist hirnrissiger Vigilantismus
Was derzeit vor allem in den anglosächsischen Social Media passiert, mit welcher Vehemenz Männer für geradezu lachhafte Formen von angeblicher "sexueller Gewalt", geschehen teils vor 20 oder gar 40 Jahren, vorverurteilt, an den öffentlichen Pranger gestellt, jeglicher Achtung und Berufsausübung beraubt werden, und das alles wohlgemerkt ohne eine einzige Anzeige bei der Polizei, ohne eine polizeiliche Untersuchung, ohne juristische Anklage, ohne Verfahren und ohne ein Richterurteil, das ist nur noch absolut und nachhaltig zum sich Erbrechen. Jedem, absolut jedem solcherart Angeklagten steht ein fairer Prozess zu, sowie das Recht, solange als unschuldig zu gelten, bis die Schuld einwandfrei festgestellt ist und der Richter sein Urteil gefällt hat. Für Prominente wie Unbekannte muß dies in diesem Fall auch mittlerweile heißen, daß die Namen nicht publik gemacht werden, denn allein das bedeutet im momentanen, irrwitzigen Klima bereits das Ende der Karriere. Social Media und das Internet haben hier eine Instanz der Selbstjustiz - völlig unkontrollierter Natur - geschaffen, die agiert wie ehemals Vigilanten im Wilden Westen. Bisher scheint noch kein Politiker begriffen zu haben, daß dem Rechnung getragen werden muß. Ich bin übrigens weiblich, keineswegs bereit Vergewaltigungen und echte sexuelle Nötigungen zu entschuldigen, aber was momentan läuft, hat rein garnichts mit Gerechtigkeit oder ordentlichem Verfahren zu tun. Ich habe vor Jahren jemanden vor den Kadi gebracht, der versuchte mich mit einer Waffe zum Geschlechtsverkehr zu zwingen. Der wurde auch verurteilt, und ich hatte meinen Abschluß. Angezeigt habe ich ihn eine halbe Stunde nachdem es passiert war, das Verfahren fand wenige Monate später statt. Ich käme jedoch nicht auf die Idee 40 Jahre später, jemanden wegen schlichten Grabschens oder einem Altherrenwitz fertigzumachen. Jetzt bin ich gespannt, ob diese wohl eher unpopuläre Meinung es ins Forum schafft...
muttis_liebling_13 13.11.2017
5. Frage zum letzten Absatz
Wenn es sich um eine Kamerafrau gehandelt hätte, "... die sich sehr für Verona Pooth interessiert", wäre der erwähnte Kamerazoom dann weniger sexistisch? Warum dann also der "bagatellisierende" Zusatz: "... die sich sehr für Verona Pooth interessiert"? Wenn Männer in so einer Situation gaffen, dann ist es herabwürdigend (Zustimmung), wenn Frauen dasselbe tun ist es nur harmloses Interesse? Auch diese Haltung wäre eindeutig sexistisch.
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