"Anne Will" zu Schwarz-Grün Schön und reich - wird Deutschland das auch bleiben?

Cem Özdemir und Wolfgang Schäuble wären für das Land ein spannendes Duo, sollten sie eines Tages miteinander regieren. Bei "Anne Will" debattierten die beiden Politiker über einen nationalen Schatz.

Cem Özdemir, Anne Will, Wolfgang Schäuble
DPA/ Wolfgang Borrs/ NDR

Cem Özdemir, Anne Will, Wolfgang Schäuble

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In der gestrigen Sendung von "Anne Will" gab es mit Wolfgang Schäuble und Cem Özdemir zwei Gäste aus ein und demselben Kulturkreis. Man hörte das an der dialektalen Färbung ihrer Sprache - die gemeinsame Herkunft aus Süddeutschland beschwor eine ganze Reihe von kulturellen Assoziationen, die in der Politik hilfreich und sympathisch sind.

Das ist eine deutsche Besonderheit: In allen Ländern des Westens ist es riskant, mit dem Dialekt der Heimat auf der nationalen Bühne aufzutreten, in Deutschland ist das nicht so. Hier gab es die kulturelle Gemeinschaft, lange bevor es die nationalstaatliche gab. Dass nicht jedes Wort klingt, als sei es in Hannover geboren, steigert das Interesse am Redner. Jeder Dialekt weckt eigene Assoziationen:

Der Süddeutsche klingt gleich fleißig und nach mittelständischen Tugenden, nach Kehrwoche und solider deutscher Bildung. Schäuble zitierte Lessings "Nathan der Weise", Cem Özdemir lobt den Mittelständler, der eine Politik auch noch für die kommenden Generationen macht. Obwohl sie zwei Parteien angehören, von denen eine schon lange regiert und die andere ebenso lange in der Opposition schmort, überwogen ihre Gemeinsamkeiten die Differenzen.

Aber es war dennoch keine überlange Bewerbung. Der Pkw wurde zum Medium der Reflexion. Der amerikanische Historiker Robert Darnton hat einmal festgestellt, dass Menschen nicht nur in Begriffen denken, sondern ebenso erfolgreich und scharf in konkreten Dingen. Oder in Katzen. Er schrieb dies in seinem Aufsatz "Das große Katzenmassaker", in dem Pariser Handwerker schon mal die französische Revolution vorwegnahmen, bevor es wirklich soweit war. Den Katzen erging es dabei leider nicht so gut, aber die Leute fingen an, über die Lage zu diskutieren.

Gestern Abend dachten Schäuble und Özdemir rund um einen nationalen Schatz, der von den beiden übereinstimmend "des Audo" genannt wurde. Deutschland wurde durch den Verkauf, den Export von schönen Autos groß und reich - aber wird es das auch bleiben?

Es ist eine allumfassende Frage. Özdemir argumentierte als besorgter Nutzer eines Mobiltelefons: Einst hatten alle ein Gerät von Nokia, nun ist das nur noch ein Hersteller von Nischenprodukten. Ist der amerikanische Hersteller Tesla mit seinen eleganten Elektroautos die Vorhut einer neuen Zeit, die für deutsche Fahrzeuge eine Existenz nur noch im Museum vorsieht?

Wolfgang Schäuble wettet dagegen auf die Sturheit des Verbrauchers. Die Leute ließen sich nun mal nicht vorschreiben, was sie kaufen und fahren. Es klang wie das Gespräch zwischen verschiedenen Generationen innerhalb einer Unternehmerfamilie. Immer wieder schimmerte das Ideal der Bundeskanzlerin durch, von der Özdemir bestritt, Schäuble aber behauptete, sie sei eine Lichtgestalt. Es war eine zeitgemäße Fassung der "Buddenbrooks" oder von "Diese Drombuschs" - bloß dass die Branche des Familienunternehmens die deutsche Politik war.

Immer wenn Özdemir ihm allzu detailliert nachweisen konnte, wo die Union etwas verschlafen hat, verwandelte sich Schäuble in einen Meister der Zen-Philosophie. Er ist schon so lange dabei, dass er alles gesehen hat in der Politik und das Gegenteil auch. Also hat er sich angewöhnt, scheinbar zusammenhanglose Phänomene und Argumente in Sentenzen zusammenzuführen, die den Zuhörer wieder dort hin führen, wo er aufgebrochen war. Gestern machte er das beim Thema Ehe für alle. Er erwähnte die Konfessionsschulen, dann die Betreuung für Grundschulkinder und wollte so den großen Bogen beschreiben, den die Union in gesellschaftlichen Fragen bereist hat - und vermied, indem er soviel erzählte, etwas zum Thema zu sagen.

Özdemir und Schäuble wären für das Land ein spannendes Duo, sollten sie eines Tages miteinander regieren. Sie repräsentieren ein bestimmtes, im Land sehr wichtiges Milieu, dem eine wertegebundenen Lebensführung ebenso wichtig ist wie ein basisnahes Leistungsethos. Kleine Modernisierungen nicht ausgeschlossen.

Davon sähen sich urbane und linksliberale, studentische Milieus herausgefordert, man hätte schwarzgrün versus sozialliberal, eine reizvolle neue Lagerbildung.

Aber dafür ist es womöglich zu spät. Schäuble berichtete freimütig vom Herbst vor vier Jahren, als Jürgen Trittin eine schwarzgrüne Koalition in letzter Sekunde verhindert habe. Nun habe sich das Fenster der guten Gelegenheit eben geschlossen und man muss improvisieren. Jede andere Koalition wird langweiliger.

So war es weniger eine politische Sendung in Zeiten des Bundestagswahlkampfs als eine Meditation über das Leben in unserer Zeit.

insgesamt 77 Beiträge
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nestor01 11.09.2017
1. Unverbindlicher Small-Talk
Deutlich wurde, dass es keine wesentlichen politischen Unterschiede zwischen CDU und Grünen gibt. Genau so, wie zwischen SPD, CDU und Linken. Dieselmotor hin oder her. Die Parteien erscheinen wie ein Einheits-Block. Die Diskussion war so abgehoben von der Realität im Lande. Niemand scheint vorauszuahnen, wie Deutschland in 50 Jahren aussehen wird, geschweige denn, kann ein Konzept der Gesellschaft präsentieren.
Sonia 11.09.2017
2. War das eine Anbiederei
durch Özdemir. Schäuble konnte es ersichtlich genießen. Ich schaltete nach 25 Minuten ab.
reflexxion 11.09.2017
3. was ist schlimmer als GroKo?
Eine Regierung aus Merkel und den Grünen Fortschrittgegnern mit dem Türken Özdemir an der Spitze. Da muss Merkel noch mal die Plakate überkleben: schwarz-grün das ist ein Deutschland in dem man weder gut noch gerne leben will.
Semmelbroesel 11.09.2017
4. Realitätsfern
Als Wolfgang Schäuble davon sprach, wie sehr doch die CDU realitätsnahe Politik macht und Angela Merkel als LIchtgestalt bezeichnete, habe ich abgeschaltet. Außerdem unterschreibt doch Horst Drehhofer keinen Koalitionsvertrag, wenn die Grünen an der Regierung beteiligt werden sollten. Also fehlt auch hier die Mehrheit.
he.ro.lito 11.09.2017
5. sehr gut
eine angenehme und gegenseitig wertschätzende Diskussion, mehr Wahlkampf brauche ich gar nicht!
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