ARD-Talk "Anne Will": Und plötzlich Ruhe im Wahlkrampf
Schwarz-Gelb gegen Rot-Grün, Kubicki gegen Künast, Rentenpläne gegen Rentenlüge, lauter Krakeel: Es schien ein ganz normaler TV-Talk in Wahlkampfzeiten zu sein, was sich da bei Anne Will abspielte. Bis die Sprache auf das Thema Pädophilie kam.
Wenn sich Politikerrunden zu Wahlkampfzeiten vor Fernsehkameras in ihren bis zum Überdruss vertrauten Streitritualen ergehen, stellt sich beim Zuschauer leicht ein gewisses Déjà-vu-Gefühl ein. So war es auch bei der Talkshow von Anne Will - jedenfalls die meiste Zeit über. Doch dann geschah etwas ziemlich Überraschendes, das einen vorübergehend zweifeln lassen konnte, ob das wirklich noch dieselben nervösen, gereizten Disputanten waren, die sich eben erst "wie die Kesselflicker" - so die Moderatorin - in den Haaren gelegen hatten.
Den Grund für diese Irritation lieferte keineswegs die ihrerseits durchaus bemerkenswerte Schlussszene: Wolfgang Bosbach (CDU) und SPD-Vize Manuela Schwesig, herzlich lachend, während sie kurz mit der Hand vertraulich seinen Arm berührte.
Auslöser der schwarz-roten Heiterkeit war ein Einspieler von zwei Wahlveranstaltungen gewesen, bei denen Anhängern von Union und Sozialdemokraten Zitate aus den Programmen der jeweiligen Konkurrenz vorgelesen wurden - die hier wie dort auch prompt Zustimmung fanden, verstärkt durch den an beiden Orten von Bürgern geäußerten Wunsch nach einer großen Koalition.
Das schien exakt zur These der "Zeit"-Journalistin Tina Hildebrandt zu passen, in Wahrheit wolle die Kanzlerin die FDP loswerden und strebe eine Wiederauflage des Bündnisses mit der SPD an.
"Jeder kämpft für sich allein"
Erwartungsgemäß wurde dies natürlich von den anwesenden Politikern völlig anders gesehen. Man gefiel sich in gewohntem Lagerdenken.
Auf der einen Seite warben Bosbach und FDP-Mann Wolfgang Kubicki für die Fortsetzung von Schwarz-Gelb, auf der anderen Frau Schwesig und Renate Künast für eine gänzlich andere, nämlich rot-grüne Politik. Und sie taten das mit jener Vehemenz und Inbrunst, angesichts derer sich Wähler bisweilen fragen dürften, ob Politiker speziell in den heißen Tagen des Wahlkampfs eigentlich immer selber glauben, was sie dem Volk erzählen.
Da es wesentlich um die Frage des Überlebens der FDP ging, sah sich verständlicherweise Kubicki, der bekanntlich stets für den einen oder anderen Gag gut ist, besonders herausgefordert. Um Zweitstimmen zu werben, sei überhaupt nichts Besonderes, ließ er denn auch wissen, das täten schließlich alle. Die Gastgeberin zeigte sich "leicht verwirrt" und verwies auf entsprechende Strategien und Absprachen. Und Bosbach wurde regelrecht spitzfindig und gab zu bedenken, dass es Leihstimmen in Wirklichkeit gar nicht geben könne, da Geliehenes ja doch wohl zurückgegeben werden müsse. Ohnehin gelte: "Jeder kämpft für sich allein."
Ein bisschen süffisant merkte Frau Schwesig an, sie halte gar nichts von solchen Zahlenspielereien. Aber exakt damit wurde dann doch noch sehr reichlich aufgewartet, wenn auch in anderem Zusammenhang. Zunehmend polemisch und mit oft kaum verhohlener Häme begann man nun, einander die schwarz-gelbe respektive rot-grüne Vergangenheit um die Ohren zu hauen, sich wechselseitig falsche Versprechungen und Fehlentscheidungen vorzurechnen, eigene Bilanzen zu rühmen und die der Gegenseite kleinzureden.
Fast schlagartig Ruhe
Ob Neuverschuldung, Finanzkrise, Bildung, Steuerkonzepte, Rentenpläne oder angebliche Rentenlüge, Niedriglöhne oder Hartz-Gesetze - ausgelassen wurde da wenig.
Selbst Gerhard Schröders legendärer Wahlabendauftritt von 2005 fand noch einmal Erwähnung. "Sie tun so, als hätten Sie nie regiert", ereiferte sich Bosbach. Es sei immer nur angekündigt, aber nichts angepackt worden, schallte es empört zurück.
So redete man sich in Rage, wurde lauter, fiel dem anderen ins Wort, um sich anschließend zu beschweren, dass man dauernd unterbrochen werde. Es war, kurz, eine mehr oder minder ganz normale Wahlkampf-Talkshow.
Bis dann die Sprache auf eine andere Vergangenheit als die regierungsamtliche kam, und zwar dadurch, dass Frau Will den Blick auf die aktuellen Probleme der ebenfalls schwächelnden Grünen unter dem Stichwort Pädophilie lenkte. Da kehrte fast schlagartig Ruhe in die Runde ein.
"Wir haben massive Fehler gemacht"
Auf einmal schien dort eine ganz andere Renate Künast zu sitzen als gerade noch - keine Wahlkämpferin mehr, sondern eine Frau, der man ihre inneren Kämpfe und das, was sie umtrieb, förmlich ansehen konnte.
Sehr angespannt und konzentriert, die Worte sorgsam setzend, sprach sie davon, dass dieses schlimme Kapitel, an das sie "mit Grausen" zurückdenke, viel früher hätte aufgearbeitet werden müssen. "Wir haben massive Fehler gemacht", gestand sie ein, man sei sich der Bedeutung des Problems "nicht hinreichend bewusst gewesen".
Im Zuschauerraum herrschte völlige Stille, bis kurz darauf spontaner Beifall aufkam. Das war, als sowohl Bosbach wie auch Kubicki, die beide mit ernsten Mienen zugehört hatten, zu Protokoll gaben, dieses Thema gehöre nicht in den Wahlkampf und dann Frau Schwesig unter allgemeiner Zustimmung dazu aufrief, künftig gemeinsam noch mehr für alle Missbrauchsopfer zu tun.
Kubicki gestand, er tue sich schwer damit, den hart in die Kritik geratenen Jürgen Trittin in dieser Sache anzugreifen. Und Bosbach erklärte unumwunden und glaubhaft, dass er nicht daran denke, nun den Rücktritt des Grünen-Spitzenmanns zu fordern. Das, was Renate Künast gesagt habe, "nötigt mir Respekt ab".
Wenn etwas haften blieb von dieser Sendung, dann war es diese unvermutete Wendung, die kurz aufscheinen ließ, wozu Politiker auch fähig sein können - sogar in Zeiten wie diesen.
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