"Anne Will"-Talk "Wehret den Anfängen? Wir sind mittendrin"

Judenhass ist wieder in der Mitte der Gesellschaft angekommen - darin waren sich Anne Wills Gäste einig. Eine Pflicht, KZ-Gedenkstätten zu besuchen, lehnte aber sogar eine Holocaust-Überlebende ab.

Moderatorin Anne Will (l.), Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano
NDR/ Wolfgang Borrs

Moderatorin Anne Will (l.), Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano


Einer Überlebenden von Auschwitz stellt man keine Fragen. Man hört ihr zu. Und so bestreitet Esther Bejarano, 93, die erste halbe Stunde der Sendung im Alleingang, sanft geführt nur von Anne Will als Stichwortgeberin. Das Grauen, das Grauen. Das Grauen und seine Kontinuität in der Bundesrepublik, deren Geschichte und Lebenslügen Bejarano ebenfalls überblickt. So erinnert sie an den ideologisch pragmatischen Konrad Adenauer und dessen faschistische Schützlinge, "zum Beispiel Globke".

"Wie kann es sein, dass wir heute wieder Nazis haben?", will Anne Will wissen. Bejarano erinnert sie daran, dass diese Nazis eben nie weg waren. Auch müsse man "etwas gegen diese rechtslastigen Parteien tun, die wir leider hier heute wieder haben!" Kulturstaatsministerin Monika Grütters, CDU, findet's ergreifend und ergreift dann auch Bejaranos Hand: "Wir werden noch viel vermissen, wenn diese Generation mal nicht mehr ist."

Dem "nationalsozialistischen, antisemitischen Gedankengut" im Deutschland von heute steht Grütters eher hilflos gegenüber. Sie kann nur auf staatliche Bemühungen verweisen, das Gedenken an den Holocaust "als Zivilisationsbruch, den uns die Nazis beschert haben", im Gedächtnis der Deutschen wachzuhalten. Wichtig sei ihr "die emotionale Vermittlung von etwas, das sonst nur in Geschichtsbüchern steht" - also die Erlebnisse von Menschen wie Bejarano, Besuche in KZ-Gedenkstätten.

Chebli beklagt neue "Dimension des israelbezogenen Antisemitismus"

Tatsächlich, so Grütters, liefen pädagogische Bemühungen auch deswegen zunehmend ins Leere, weil in den sozialen Netzwerken "wieder mehr erlaubt" sei, "als wir das hier jahrzehntelang gelernt hatten." Ein kurzer Abstecher in Echtzeit - weg vom Fernseher, hin zu Twitter, wo unter anderem AfD-Kreisvereine die Überlebenden von Auschwitz als naiv bezeichnen und lieber über den Antisemitismus unter Flüchtlingen reden würden - unterstreicht diese These aufs Deprimierendste. Immerhin beschwert sich diesmal keine Alice Weidel, nicht eingeladen zu sein.

In der Sendung beklagt denn auch prompt Sawsan Chebli, SPD-Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement in Berlin, eine neue "Dimension des israelbezogenen Antisemitismus". Zwar seien, beruft Chebli sich auf eine umstrittene Statistik, "90 Prozent" aller antisemitischen Delikte im vergangenen Jahr von Rechtsradikalen begangen worden. Der Zuzug von Geflüchteten sei aber durchaus eine Herausforderung, "weil diese Menschen auch in einem anderen Umfeld sozialisiert sind."

Diesen Song mag Wenzel Michalski, Direktor von Human Rights Watch in Deutschland, nicht mehr hören. Sein Sohn musste seine Schule in Berlin verlassen, weil er dort wegen seines jüdischen Glaubens brutal gemobbt wurde, bis hin zu einer Scheinhinrichtung - von, wie er "leider" sagen muss, Kindern "türkischer und arabischer Abstammung". Ein Einzelfall ist das nicht. Wirklich wütend machte Michalski damals die Haltung der Schulleitung, "wir sollten die verstehen", es würde sie "aggressiv machen, wenn ein Jude an der Schule" ist.

Linker Antisemitismus aber bleibt in dieser Sendung ausgeklammert, es ist eh alles schon so kompliziert - wenn auch nicht für Esther Bejarano, die sich erfreulicherweise immer wieder ins Gespräch einklinkt: "Man muss sich nicht nur über den Antisemitismus Gedanken machen, sondern über den Rassismus". Auch "Ausländerfeindlichkeit" sei "doch eine unmenschliche Angelegenheit".

Eine KZ-Gedenkstättenbesuchspflicht, wie Staatssekretärin Chebli sie ins Gespräch gebracht hat, lehnt die KZ-Überlebende ab: "Die Pflicht? Also, mit Pflicht kann man das nicht machen", dazu bedürfe es einer inneren Bereitschaft. Als Michalski beklagt, das Problem mit "Wehret den Anfängen!" sei, dass "der Anfang bereits da ist", wirft Bejarano ein: "Wir sind nicht am Anfang, wir sind mittendrin." Judenhass, da ist sich die Runde einig, sei wieder in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Fatalismus ist keine Lösung

Auf die Frage dieser Sendung anlässlich des Gedenkens an den Holocaust ("Wie antisemitisch ist Deutschland heute?") hat der Historiker Julius H. Schoeps eine konkrete Antwort: zu etwa einem Fünftel. "15 bis 20 Prozent" der Deutschen hätten laut Untersuchungen "antisemitische Ansichten", womit die Bundesrepublik allerdings im europäischen Vergleich "etwa im Mittelfeld" liege.

Beruhigend findet Schoeps diese Zahlen nicht, er schätzt den Antisemitismus als eine "kollektive Bewusstseinskrankheit" ein: "Ich bin ganz sicher, auf diese Sendungen hin werden sie wieder entsprechende Äußerungen bekommen." Wirklich schlimm sei aber, dass wir uns angewöhnt hätten, "damit umzugehen".

Als langjähriger Professor für deutsch-jüdische Geschichte hält er auch nichts von obligatorischen Besuchen in Auschwitz oder Dachau. Es seien eben nicht alle Menschen damit zu erreichen, im Gegenteil. Wir müssten "um die Grenzen der Aufklärung" wissen, einerseits. Andererseits: "Wir haben kein anderes Mittel als Aufklärung."

Und wenn die bisweilen Früchte trägt, dann wegen Menschen wie Esther Bejarano - die schon in Auschwitz gelernt hat, dass Fatalismus keine Lösung ist. Sie freue es, wenn nach Vorträgen junge Menschen zu ihr kämen und sagten: "Frau Bejarano, Sie brauchen keine Angst zu haben: Wenn Sie mal nicht mehr sind, werden wir Ihre Geschichte weiter erzählen."

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