Euro-Talk bei Anne Will Backen blähen, Augen verdrehen

Ernstes Thema, amüsante Unterhaltung - und kaum Erkenntnisse. Die Talkrunde bei Anne Will nahm sich das Karlsruher Urteil zum Euro-Rettungsschirm vor, doch Moderatorin und Zuschauer verloren schnell den Überblick. Immerhin: Bei der Mimik sind sich Heiner Bremer und Gregor Gysi recht ähnlich.

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Anne Will, Gast Gregor Gysi: Ziemlich komische Talkshow
NDR

Anne Will, Gast Gregor Gysi: Ziemlich komische Talkshow


Es war der große Schicksalstag für Europa, was keinem auch nur halbwegs informierten Bürger verborgen geblieben sein dürfte. Wer bis zum frühen Abend immer noch kein leichtes Sättigungsgefühl verspürte und glaubte, nun doch zunächst mal das Wesentliche und Wichtigste zum Karlsruher Rettungsschirm-Urteil mitbekommen zu haben, dem bot sich dann gegen Mitternacht eine abschließende Fernsehveranstaltung der besonderen Art: Anne Will führte vor, dass sich auch über ein absolut ernstes Thema von erheblicher Tragweite eine ziemlich komische Talkshow abhalten lässt.

Es präsentierte sich ein Ensemble in durchweg beeindruckender Topform - alle putzmunter an der Grenze zur Rauflust, jeder Einzelne jederzeit bereit, jedem ins Wort zu fallen, sich Interpretationen eigener Interpretationen zu verbitten, sich missverstanden zu fühlen, bis dato noch von niemandem entdeckte Wahrheiten des Urteilsspruchs aufzudecken, jemandem zuzustimmen, um sich sogleich wieder zu distanzieren, bei all dem jede Gelegenheit zu nutzen, spezielle kleine Duelle auszutragen und Gemeinsamkeit allenfalls in dem Entschluss zu demonstrieren, dem Zuschauer nur ja keine Chance zu lassen, zumindest, soweit es den Erkenntnisgewinn betrifft. Das Publikum hatte sich mit Amüsement zufrieden zu geben, was aber auch nicht das Schlechteste sein muss.

Ob das den Intentionen der Beteiligten entsprach, ist eine andere Frage. Bei diesen handelte es sich schon wieder um Ursula von der Leyen, hauptberuflich zuständig für Arbeit und Soziales im Kabinett Merkel, aber inzwischen mit guten Chancen, sich als multifunktionaler Dauergast einen Stammplatz in der öffentlich-rechtlichen Talkshow-Szene zu erobern, ferner um den in diesem Fall kaum vermeidlichen Wirtschaftsprofessor Hans-Werner Sinn vom Ifo-Institut, den ähnlich unvermeidlichen Linken-Fraktionschef Gregor Gysi, Mitglied der breiten Rettungsschirm-Ablehnungsfront, genau wie Herta Däubler-Gmelin von der SPD, die einmal Justizministerin war und seitdem ziemlich selten im Fernsehen vorkommt - im Unterschied zu Heiner Bremer, der bei n-tv tätig ist und auf ein langes Journalistenleben zurückblicken kann, sich diesmal jedoch in erster Linie als Jurist und überhaupt besonders kompetenter Durchblicker zu empfehlen bemüht zeigte.

Bestimmte Vorstellungen lassen sich nicht in Einklang bringen

Frau Will hatte ursprünglich angedroht, die Zuschauer "mitnehmen" zu wollen, musste aber bei dem Gedanken an ihre Mutter, "die morgen wieder sagen wird, sie habe nichts verstanden, weil alle durcheinander reden", bald einsehen, dass dieses Vorhaben zum Scheitern verurteilt war. Daraufhin versuchte sie, durch gezielte Eingriffe in das Gesprächsgeschehen zu retten, was zu retten war - zwar ohne Schirm, aber anhand einer offenbar zumindest in ihrer Vorstellung existierenden Agenda. Das Problem war allerdings, dass auch die Gäste bestimmte Vorstellungen vom anzustrebenden Diskussionsverlauf hegten, die sich schwer miteinander in Einklang bringen ließen.

Bremer hatte es vor allem auf eine möglichst exakte Größenbestimmung des Ja und des Aber in dem Richterspruch abgesehen, wobei für ihn klar war, dass das Ja zum politischen Kurs im Grundsätzlichen groß, hingegen das Aber in Form der Vorbehalte bezüglich der Haftungsgrenze und der Unterrichtung der Parlamente sehr klein sei. Dass nicht alle anderen das genau so sahen, war für ihn erkennbar kaum zu ertragen. Gelegentlich schien es, als werde er aber gleich mal richtig aus der Haut fahren und nicht mehr nur all seine innere Anspannung in die knetenden Hände ableiten. Von der Mimik her lag er etwa gleichauf mit Gysi: Backen blähen, schnauben, Augen verdrehen und hin und wieder fassungslos den Kopf schütteln.

Gysi lobte natürlich das Urteil, irgendwie jedenfalls, genau wie die anderen, wenn auch aus jeweils unterschiedlichen Gründen, war dann aber recht schnell bei seinem eigentlichen Talkshow-Standardthema, den Reichen, die man stärker zur Kasse bitten müsse, statt immer nur die Banken zu sanieren. Letzteres fand auch der Ökonom Sinn falsch, ohne deswegen aber nun einer Meinung mit dem Linken zu sein. Denn im Prinzip konnte er leider der ganzen Euro-Rettung gar nichts Positives abgewinnen, da sie ein untaugliches Mittel zur Bewältigung der Krise sei. Das mochte zwar für einen Laien abermals ein bisschen linkskompatibel anmuten, war aber natürlich nicht so gemeint.

"Können wir jetzt bitte noch mal..."

Überhaupt fühlte sich Herr Sinn ständig fehlinterpretiert, insbesondere von Frau von der Leyen, die sehr viel lächelte und sich offenkundig vorgenommen hatte, nur Gutes über die Bundesregierung zu sagen und über "gelebtes Europa", das "wir gemeinsam wollen", über den Euro und die EZB und Karlsruhe und auch ein bisschen über sich und ihre Kollegen in den südlichen Ländern, die alle so bemüht seien. Und es gebe doch "dieses zarte Pflänzchen" in Griechenland. Manchmal lächelte auch Herr Sinn, aber er sah dabei gequält aus. Und manchmal sagte auch Frau Däubler-Gmelin etwas. Das klang entweder sehr schwäbisch oder sehr technisch oder einfach nur irritierend, wie beispielsweise ihre Anmerkung zur "Sixpack-Geschichte".

"Können wir jetzt bitte noch mal zur Zwangsanleihe?", ließ sie sich ganz gegen Ende hin vernehmen. Nein, man konnte nicht mehr. Mit den Zinsen war Herr Sinn noch zum Zug gekommen, auch die Inflation hatte man durch, Monti und Draghi und Heidemann ebenfalls, Frankreich sowieso und selbst Hartz IV war kurz gestreift worden. Doch jetzt war es auch genug und der Moment gekommen, da selbst die Moderatorin mental schon in den Zuschauer-Modus wechselte und nur noch die Minuten zählte, gut gelaunt zwar, aber doch ein wenig matt.

Nur eine Frage musste sie unbedingt noch loswerden - an die Ministerin, betreffend deren Ambitionen auf die Kanzlerschaft. Die Antwort lautete, welch ein "großes Glück" es doch sei, dass "wir in dieser Krise Angela Merkel haben". Und dazu lächelte sie noch einmal besonders heftig.

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fatherted98 13.09.2012
1. Das die Sendung...
...so spät kommt hat sicher seinen Grund. Die Moderatorin ist eindeutig mit schwierigen Themen überlastet...die Gäste ebenfalls. Die erste halbe Stunde darf sich der Zuschauer das üblich Gefassel von Herrn Gysi anhören, das staatstragende "wir sind zufrieden" von Frau von der Leyen und dazwischen Paragraphen Gelabber die nur bei den Beteiligten Verständnis finden. Wenn selbst MdBs keine Ahnung haben worüber sie abstimmen oder worum es beim ESM geht...wie soll das der Zuschauer begreifen?...obwohl von der Leyen und der weißhaarige Typ neben (dessen Namen ich glücklicherweise gleich wieder vergessen habe) dauernd die "Alternativlosigkeit" in neue Worte kleideten machten die anderen Beteiligten aus der Not eine Tugend und beklatschten die "Erfolge" des Urteils. Will man nun Prof. Sinn und Herrn. Gysi glauben (Frau Däubler Gmelin gab ja nicht viel inhaltvolles von sich)...dann muss der ESM Vertrag wieder aufgeschnürrt werden...juristische Interpretationen...dem Zuschauer bleibt nur Achselzucken und die Erkenntnis...das die die darüber reden wissen auch nicht wie es weitergehen soll. Immerhin Frau Däubler-Gmelin fordert eine Volksabstimmung - worüber ist da die Frage - pro contra EURO - pro contra Rettungsschirm? Was auch immer...der Bürger hat die Schnauze voll....
kritiker111 13.09.2012
2. Wann? Wann endlich?
Wann wird man endlich beim öffentlich-rechtlichen Schundfunk diese eher volksverdummenden Polit-Talkshows mit unfähigen Moderatorinnen und phrasendreschenden, hohlplaudernden Dauerpolitgästen (liegen die eigentlich zwischen den Sendungen eingemottet in der Requisite herum?) einstellen. Man könnte doch einmal versuchen, mit unseren Milliarden an Zwangsgebühren eine neutrale, wirklich aufklärende Sendung zu produzieren, noch dazu vielleicht mit einem Moderator,der wirklich Sachkenntnis hat, zu moderieren weiß und dazu auch noch aktuelle Gäste hat, die wirklich etwas zu sagen haben? ;Man könnte ganz gehässig sein und fragen, wie oft Protagonistinnen à la Anne Will mit dem Programmdirektor,,,, um für solche miserable Leistung derartig hoch bezahlt zu werden!
Tolotos 13.09.2012
3.
---Zitat von Artikel--- - im Unterschied zu Heiner Bremer, der bei n-tv tätig ist und auf ein langes Journalistenleben zurückblicken kann, sich diesmal jedoch in erster Linie als Jurist und überhaupt besonders kompetenter Durchblicker zu empfehlen bemüht zeigte. ---Zitatende--- Den Durchblick (zumindest im Sinn von Sachkompetenz) muss er gestern wohl zuhause gelassen haben. Ich zumindest hatte den Eindruck, dass er gestern die Rolle eines Diskutanten übernommen hat, der sich von keinem Sachargument von seiner Gesinnung abbringen lässt!
coyote38 13.09.2012
4. Wer um alles in der Welt ...
... lädt eigentlich immer wieder Frau von der Leyen ein ...? Die Frau hat außer Propaganda-Phrasen nun wirklich NICHTS zu sagen ... und schon gar nicht SUBSTANZIELL ? Und die peinliche Anspielung von Frau Will zu einer möglichen Kanzlerschaft vdL's ...^^ Na, DVOR möge uns der liebe Gott behüten ... dann wird NUR NOCH mit moralisch erhobenem Zeigefinger gepredigt und überhaupt keine Politik mehr gemacht ... Da ist mir ja bei aller Antipathie sogar der Uckermark'sche Hosenanzug noch lieber ...
gruenbonz 13.09.2012
5. Bremer als kompetent?
was für eine rosarote Regierungs-Brille hat denn der Kommentator auf? Sinn (keinesfalls unvermeidlich) hatte den Durchblick, in Grenzen auch noch Gysi. Frau von der leine: Charmant aber reines Wording in gedrechselten Schachtelsätzen.
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