Bundeswehr-Talk bei Anne Will "Unsere Soldaten werden verheizt"

War es das wert? 52 deutsche Soldaten haben in Afghanistan ihr Leben gelassen, doch Frieden und Demokratie herrschen in dem Land noch lange nicht. Im Fernseh-Talk bei Anne Will waren die Gäste denn auch unschlüssig: Alle bedauerten die vielen Tragödien - doch eine Lösung hatte keiner parat.

Publizist Todenhöfer und Ex-Soldatin Scholz bei Anne Wills Talk zum Afghanistan-Krieg
NDR

Publizist Todenhöfer und Ex-Soldatin Scholz bei Anne Wills Talk zum Afghanistan-Krieg


Die Runde war gut besetzt, das Thema heikel - doch die Diskussion kam nur selten voran. Es debattierten: der Bundesverteidigungsminister, die Ehefrau eines traumatisierten Afghanistan-Heimkehrers sowie der sendungsbewusste Herz-Jesu-Pazifist Jürgen Todenhöfer. Das Ganze fand als Appendix zum Afghanistan-TV-Drama "Auslandseinsatz" statt, in welchem deutsche Isaf-Schutztrüppler engagiert-besonnen und hitzköpfig-humanitär armen Afghanen zu helfen versuchen - am Ende erleben sie ein Selbstmordattentat.

"War es die Opfer wert?" lautete die Leitfrage bei Anne Will - einzig Todenhöfer mochte sie dezidiert beantworten: "Ich glaube, dass man unsere jungen Soldaten verheizt hat", erklärt der in Kriegsfragen vom Saulus zum Paulus gewandelte Ex-CDU-Politiker - und nannte die Misserfolge beim Namen: Sowohl der islamistische Terrorismus als auch die Taliban habe man gestärkt. Statt demokratischer Werte bringe man den Afghanen Drohnen und Todesschwadrone. Und statt einer wirtschaftlichen Gesundung hinterlasse der internationale Einsatz das Land ärmer und zerstörter als je zuvor.

Starker Tobak, sollte man meinen. Doch was folgte, war keinesfalls eine hitzige Debatte über die Erfolge und Misserfolge des deutschen Afghanistan-Einsatzes, sondern ein lagerübergreifendes Beteuern, dass unsere Frauen und Männer da unten eben vor riesigen Dilemmata stünden. De Maizière machte seinem Titel als Verteidigungsminister alle Ehre, als er - statt Todenhöfer anzugreifen - die Defensive wählte: Er sprach von schweren Fehlern, räumte ein, Soldaten könnten "einen solchen Krieg nicht gewinnen" und korrigierte schließlich die Vorgabe nach unten: Ein "Mindestmaß an Sicherheit mit afghanischem Gesicht" nannte de Maizière als Ziel des Einsatzes, bevor man ihn 2014 offiziell beende.

"Wir müssen alles tun, dass der Blutzoll nicht vergeblich war"

Und dafür sollten bislang 52 deutsche Soldaten ihr Leben lassen? Diese Frage stellte Anne Will ihren Gästen wieder und wieder - um in allen möglichen Variationen die immer gleiche Antwort zu erhalten: Dass das, was ihrem Tod einen Sinn geben könnte, noch aussteht. "Wir müssen alles tun, dass der Blutzoll nicht vergeblich war", erklärte der Verteidigungsminister, und auch der sicherheitspolitische Sprecher der Grünen Oumid Nouripour fand, dass der Einsatz "nicht so pauschal" für gescheitert erklärt werden könne - erst "in ein paar Jahren" könnte man darüber urteilen. Franz-Josef Overbeck, der eher peripher mitdebattierende Militärbischof der Bundeswehr, flüchtete sich in Binsen wie "Jeder Toter ist ein Toter zu viel" und dass man in Afghanistan sehen könne, wie "komplex" es sei, "für den Frieden zu wirken".

So blieb es auch hier Todenhöfer überlassen, darauf hinzuweisen, dass die afghanische Bevölkerung die meisten Toten zu beklagen habe, und dass es im Land kaum noch Menschen gebe, die nicht traumatisiert seien. Warum denn de Maizière nicht "als erstes Mitglied der Bundesregierung" nach Kunduz gehe, um mit den Angehörigen der über hundert zivilen Opfern des Nato-Bombardements auf zwei Tanklastzüge im September 2009 "über ihr Leid" zu sprechen und sich bei ihnen zu entschuldigen? Außerdem müsse er die Beförderung von Georg Klein, der den Einsatz damals befahl, vom Oberst zum General rückgängig machen. Eine Polemik, die der Verteidigungsminister abtropfen ließ: "Ich habe diese Beförderung selbst entschieden." Es sei eben "eine Tragödie" gewesen, was dort geschehen sei, basta.

Marita Scholz, Ruderweltmeisterin, Ex-Soldatin und Ehefrau eines schwer traumatisierten Afghanistan-Heimkehrers, machte ihrem Herzen Luft und schilderte in quälender Offenheit die Abgründe, die die posttraumatische Belastungsstörung ihres Mannes für sie und ihre Kinder bedeuten. Vom "Spagat zwischen Hobbytherapeutin und Ehefrau" sprach sie und dass die Bundeswehr bzw. die Politik sie damit alleine ließen, ihren am Kriegseinsatz zerbrochenen Mann zu stützen, sich seiner zu erwehren und ihm die Stange zu halten. Und gab nebenbei auch noch einen kleinen Einblick in die profaneren Nöte, die Soldaten dazu bringen, sich für den Auslandseinsatz im Kriegsgebiet zu melden. Auch sie sei drei Monate lang nach Afghanistan gegangen, erzählte die ehemalige Sportsoldatin - "ich wäre sonst Hartz IV gewesen und dort konnte ich mich beruflich beweisen".

Politikerlob ist für die Soldaten ein billiger Trost

Auch aus dieser Bedrängnis wand sich der Verteidigungsminister mit der ihm eigenen sturen Milde: Bereitwillig gab er zu, dass die Bundeswehr das Thema in den ersten Jahren des Afghanistan-Einsatzes nicht auf dem Zettel hatte und präsentierte sich detailliert informiert über die Therapieangebote und Trauma-Projektwochen. Dass man ihren Mann gar öffentlich als Mörder tituliere? "Diese Last müssen Sie ihm nicht nehmen", erklärte de Maizière. "Diese Mörderdebatte haben wir seit vielen Jahren hinter uns gelassen. Wir reden darüber, wie groß die Wertschätzung für die Soldaten ist."

Ob derlei Wertschätzung und Politikerlob nicht ein zu billiger Trost seien - diese Frage stellt Anne Will nicht. Sie wird noch Gelegenheit dazu haben: Die nächste Talkrunde zum Thema kommt bestimmt. Die zerknirschten, Dilemma-wälzenden Gesprächsrunden zu Afghanistan passen einfach zu gut zu einem Kriegseinsatz, der - da waren sich Todenhöfer und Nouripour weitgehend einig - vor allem aus bündnisstrategischen Gründen stattfindet. Einerseits agiert die Bundeswehr in Afghanistan nämlich als Teil der von den USA geführten Besatzungsmacht, andererseits beharrt die Bundesrepublik mit ihrer humanitären Note auf einer gewissen Distanz zur kriegsführenden Hauptmacht.

Um diese Sonderrolle herauszustellen, sind die Nöte und Sorgen unsere Frauen und Männer an der Brunnen- und Schulbaufront derzeit ganz oben auf der politischen Agenda. Dass 2014 die deutschen Soldaten aus Afghanistan abgezogen werden, relativierte de Maizière zum Schluss der Sendung auch noch schnell: Man wolle mit einem "neuen Mandat" die einheimischen Sicherheitskräfte mit einer "Ausbildungsmission" unterstützen.



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Seite 1
jirozaemon 18.10.2012
1. Schon wieder diese Mär...
...von der humanitären Mission. Der Auftrag der Bundeswehr lautete nie Brunnen- und Schulbau. Dafür gab es im militärischen Bereich nie entsprechende Mittel und Personal. Eben weil dafür zivile Organisationen federführend sind. Das Mandat der Bundeswehr war von Anfang an, einen Beitrag zur Stabilisierung der Sicherheitssituation und zum Aufbau der afghanischen Sicherheitskräfte zu leisten. Leider war der politische Mainstream bis 2009 nicht bereit, das auch so zu sagen. Und die Presse hat es immer und immer wieder voneinander abgeschrieben - wie auch jetzt wieder. Von Kompetenz zeugt das nicht!
eichhörnchensheriff 18.10.2012
2. Was war nochmal das Ziel der Mission?
Und jetzt, nach elf Jahren, erntet man eben den Salat. Was haben unsere Politiker herumgeeiert, bis das Wort "Krieg" oder "Gefallener" Einzug in den Sprachschatz gehalten hat. Wen wundert es da, wenn die Bevölkerung nicht mehr hinterherkommt? Der Einsatz ist von Anfang an falsch konzipiert gewesen, ohne klare Zieldefinition und Konzept. Und ohne die nötige Entschlossenheit, um Taliban, Drogenbarone, Korruption, Waffenlobby und - jawohl - Religion zurückzudrängen.
tsitsinotis 18.10.2012
3. Das Bild der "Kriegszitterer"
ist seit fast 100 Jahren bekannt. Der Skandal ist die anhaltende Ignoranz der Verantwortlichen (auch Psychiater und Militärbischöfe), die diese geschundenen Seelen alleinlassen bzw. erst auf öffentlichen Druck hin vage reagieren.-Stattdessen schwadronieren sie von fehlender Anerkennung unserer tapferen Soldaten.- Es ist kaum auszuhalten...
DenkZweiMalNach 18.10.2012
4. Versagen des Westens
Der Kommunismus und die Sowjetarmee sind in Afghanistan gescheitert. Wenig später war vom ganzen Sowjetsystem kaum mehr etwas übrig. Heute scheitert das westliche System - nicht zuerst militärisch - sondern weil von den Werten nur eine hohle Theorie übrig ist. Die Praxis im Westen: Hedonismus, keine Kinder, keine Zukunft. Man wird lernen müssen, dass der übergrosse Teil der Welt dieses System bereits abgeschrieben hat.
coyote38 18.10.2012
5. Ist es nicht schön ...?
Aus der "bedingungslosen Solidarität", dem "NATO-Bündnisfall nach Artikel 5" und dem "gemeinsamen Kampf gegen den internationalen Terrorismus" ist nach Aussage meines Ministers ein "Mindestmaß an Sicherheit mit afghanischem Gesicht" geworden. Erinnert mich ein wenig an die Geschichte meines Großvaters, der mir erzählte, dass aus der Volksempfänger-Meldung im Herbst 41, "Der Endsieg im Osten ist da", nur wenige Tage später ein "Sechs Schiffe aus Nordmeer-Konvoi versenkt" geworden war ... Doch wie sagte schon Kal Marx so treffend: "Geschichte spielt immer zwei mal. Das erste Mal als Tragödie, das zweite Mal als Schmiere."
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