Talk bei Anne Will: Hau den Griechen

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Anne Will hatte in ihren Talk geladen, um die Folgen der Wahlen in Griechenland und Frankreich zu diskutieren. Doch das Chaos in Europa übertrug sich auf die Gäste, die wild durcheinander schrien. Ein Polit-Rentner musste die Runde wieder auf Kurs bringen.

Will-Gäste Söder, Chatzimarkakis: Noch gar nicht über Frankreich geredet Zur Großansicht
NDR/ Wolfgang Borrs

Will-Gäste Söder, Chatzimarkakis: Noch gar nicht über Frankreich geredet

Eine Viertelstunde vor Schluss ihrer Sendung wusste sich Anne Will nicht mehr anders zu helfen. Die Moderatorin stand auf und stellte sich vor Hans Eichel, um den Blickkontakt zwischen ihm und dem Politik-Professor Christoph Butterwegge zu trennen. "Hallo", flötete sie dem streitbaren Armutsforscher zu. Das sollte so viel heißen wie: "Ich bin doch die Moderatorin." Der Körpereinsatz wirkte. Die Runde widmete sich zumindest vorübergehend wieder ihrem ursprünglichen Thema.

Zuvor hatten sich der frühere Finanzminister Eichel und Butterwegge leidenschaftlich darüber gestritten, ob die rot-grüne Regierung unter Kanzler Schröder Konzerne und Reiche in Sachen Steuern geschont hat. Wie die beiden nun darauf gekommen waren, wusste man als Zuschauer auch nicht mehr so genau. Die Ausgangsfrage der Sendung lautete nämlich ganz anders: Griechen und Franzosen wählen den Sparkurs ab - zahlt Deutschland die Euro-Zeche allein?

Dabei gibt es ja neben den drei genannten noch 14 weitere Euro-Länder. Doch bei Anne Will hatte man den Eindruck, die Währungszone bestehe nur aus drei Mitgliedern: unzuverlässigen Griechen, rebellierenden Franzosen und erbarmungslosen Deutschen.

Das größte rote Tuch schwenkte wie immer der bayerische Finanzminister Markus Söder. Der CSU-Politiker verkündete, Griechenland könne ja gerne Wahlen veranstalten. Aber eigentlich gehe es doch nur noch darum, wie man das klamme Land endlich aus dem Euro rausbekomme. Damit hatte er fast alle anderen Gäste für den Rest der Sendung gegen sich aufgebracht. Insbesondere die stellvertretende Linken-Chefin Sahra Wagenknecht und der FDP-Europaabgeordnete Jorgo Chatzimarkakis arbeiteten sich an Söder ab.

Der pries die Deutschen als arbeitsames Volk und Vorbild für ganz Europa: "Wir versuchen in Deutschland, nur das auszugeben, was wir erwirtschaften." Dass die schwarz-gelbe Regierung trotz sprudelnder Steuereinnahmen und Spargelöbnis neue Schulden macht? Söder ließ es lieber unerwähnt.

"Wir sind nicht die Zahlmeister"

Im Gegenzug mühten sich die anderen, die Vorteile für Deutschland durch die Euro-Krise hervorzuheben. "Wir sind nicht die Zahlmeister", verkündete Butterwegge. Schließlich müsse die Bundesrepublik bei der Ausgabe von Staatsanleihen kaum mehr Zinsen zahlen. Ex-Minister Eichel hob die Handelsüberschüsse als Mitauslöser für die Schieflage in Europa vor. "Wir Deutschen exportieren und geben noch den Kredit dazu. Das kann auf Dauer nicht vernünftig sein."

Die Diskussion lief bereits fast eine halbe Stunde, da bemerkte Anne Will, dass einer ihrer Gäste noch gar nichts gesagt hatte: der frühere Schweizer Botschafter Thomas Borer hatte bis dahin diplomatisch geschwiegen. Nun versuchte Will ihn aus der Reserve zu locken. Ob es nicht naiv von den Deutschen sei, noch immer auf die Reformbereitschaft der Griechen zu setzen, fragte sie den Unternehmensberater. "Sie sind nicht naiv, aber zu gutmütig", erklärte Borer.

Ein Schweizer, der die Deutschen trotz schwelenden Steuerstreits zwischen den beiden Ländern für gutmütig hält! Für diese Freundlichkeit wurde Borer nicht belohnt. Butterwegge, Wagenknecht und Chatzimarkakis stürzten sich auf ihn - quasi als Stellvertreter für die Eidgenossen, die vom Geld superreicher griechischer Reeder profitieren.

"Die haben beschissen und bescheißen immer wieder"

Chatzimarkakis übernahm die Rolle des Griechen-Erklärers. Vielleicht ist es für den Sohn eines Kreters eine Herzensangelegenheit. Es ist zugleich aber auch seine Chance, seine Polit-Karriere zu retten. Wegen Plagiatsvorwürfen wurde Chatzimarkakis sein Doktortitel aberkannt. Die Griechenland-Krise ist seine Möglichkeit, sich neu zu positionieren.

Ob er den Griechen dabei immer einen Gefallen tut, ist eine andere Frage. Denn auf den Einwurf von Moderatorin Will, ob man den griechischen Politikern angesichts des Chaos nach der Wahl überhaupt noch vertrauen könne, antwortete Chatzimarkakis: "Ich würde sagen, man kann ihnen nicht trauen." Söder nutzte die Steilvorlage und fasste zusammen: "Die haben beschissen und bescheißen immer wieder."

Das saß. "Sie drehen mir das Wort im Munde um", echauffierte sich Chatzimarkakis. Auch Professor Butterwegge wollte das nicht auf den Hellenen sitzenlassen. Dass die Griechen Schlitzohren seien, könne doch nicht die Erklärung für die Krise sein, polterte er. Die Gäste schrien wild durcheinander. "Sie reden ja wie im griechischen Parlament hier", stichelte Söder gegen Chatzimarkakis.

"Wollen wir jetzt über Oskar Lafontaine reden?"

Mit einem Einspielfilm brachte Anne Will ihre Gäste wieder zur Räson. Und siehe da: Nach dem Video versuchte Polit-Rentner Eichel, die Sendung wieder auf Linie zu bringen. "Wir haben ja noch gar nicht über Frankreich geredet", mahnte er nach 50 Minuten Diskussion.

Also, zurück zum Thema. Haben die Franzosen also den Sparkurs abgewählt? Nein, meinte Eichel. Der künftige Präsident François Hollande wolle konsolidieren und die Wirtschaft ankurbeln. Stimmt nicht, hielt Söder dagegen. Der Sozialist wolle auf Pump Konjunkturprogramme durchsetzen.

Nun wäre die Runde einigermaßen beim Thema gewesen - da grätschte Wagenknecht dazwischen. Sie pries den von Hollande propagierten Spitzensteuersatz für Reiche von 75 Prozent und warf Eichel vor, Rot-Grün unter Schröder habe solche Schritte verpasst. Das brachte Eichel in Rage. "Wollen wir jetzt über Oskar Lafontaine reden?", fragte er mit Blick auf Wagenknechts Lebensgefährten, der unter Schröder Finanzminister war. Nein, über Lafontaine mochte die Linken-Politikerin nicht reden.

Immerhin fasste Eichel dann noch mal zusammen, was alle Gäste wohl befürworten konnten. "Wir brauchen den Fiskalpakt und einen Wachstumspakt." Was sich denn die Griechen wünschten, wollte Anne Will dann noch von Chatzimarkakis wissen. Seine Antwort passte zum ersehnten Ende der Sendung: "Ein kleines Lichtlein am Ende des Tunnels."

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insgesamt 303 Beiträge
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1. Söder hat Recht und Mut,
spiekla 10.05.2012
sich bei Sozialromantikern unbeliebt zu machen. Die bisherigen Zahlungen an Griechenland waren dumm. Auch hier entfernt sich die Deutsche Politik weit weg vom Wählerwillen bzw. Steuerzahler. Staatsausgaben für Wachstum sind überflüssig; denn privates Geld ist genug vorhanden - nur nicht in Richtung Griechenland. Ich empfehle den Griechen eine Einstellung wie die Deutschen 1945 zwischen ihren Ruinen wie die Akropolis.
2.
BlakesWort 10.05.2012
Leider wieder so eine Sendung, wo so ziemlich alle Beteiligten fröhlich ihre Sicht der Dinge möglichst wirklichkeitsfern präsentieren durften. Was Butterwegge in so einer Sendung zu suchen hat, erschließt sich mir nicht. Gegen Berufsüberhebliche wie Söder kann er hundert Mal darauf hinweisen, dass nicht alle Griechen geldgierige Schmuggler sind, er muss scheitern. Will war mal wieder ein Totalausfall. Dümmlich grinsend unterband sie wichtige Diskussionsansätze, ließ aber minutenlanges Parlieren von Eichel und Söder durchgehen. Wobei Eichel kompetent wirkt, aber mit seiner 'ich war nicht Schuld'-Rhetorik nervt. Vielleicht brauchen wir eine Sendung mit Sprechzeitenbegrenzung. Dann würden wir mehr Inhalte statt Geschwafel hören. Wagenknecht hingegen wirkte in ihren letzten Auftritten nicht nur wie erstarrt, sie lässt auch geistige Wendigkeit vermissen. Und den Schweizer Schmierenkomödianten Borer sollte man auf einer einsamen Steuerinsel aussetzen, dann kann er uns seine Thesen per Flaschenpost zukommen lassen. Immerhin war er für die "Schweizer sind Schwarzgeldheinis!"-Sticheleien aller anderen Diskutanten gut. Ganz schwach...
3. Schade
muunoy 10.05.2012
Zitat von sysopAnne Will hatte in ihren Talk geladen, um die Folgen der Wahlen in Griechenland und Frankreich zu diskutieren. Doch das Chaos in Europa übertrug sich auf die Gäste, die wild durcheinander schrien. Ein Polit-Rentner musste die Runde wieder auf Kurs bringen. Anne Will talkt über Griechenland - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,832363,00.html)
Schade, da ich gerade in Mumbai bin, konnte ich mir das Trauerspiel nicht ansehen. Aber die Frage, was das ganze Theater der arbeitenden Bevölkerung in Deutschland noch kosten wird, wurde offensichtlich wieder mal nicht erörtert. Wie ich auf meinen Reisen feststelle, findet die schleichende Enteignung des Deutschen Mittelstandes längst statt. Dies fällt in DE nur deshalb noch nicht so auf, weil ständig mit der Weichwährung USD verglichen wird. Lediglich an der Zapfsäule bekommt der Dt. Michel schon mal vor Augen geführt, wohin die Reise geht. Und von den Sozialisten kommt wie üblich die Forderung, diejenigen, die noch was haben, noch weiter abzuzocken. Das dumme am Sozialismus ist jedoch, dass einem irgendwann das Geld der anderen Leute ausgeht. (o. k., der letzte Spruch ist nicht von mir, sondern von einer äußerst erfolgreichen Premierministerin aus England.)
4. Schade,
HäretikerX 10.05.2012
Zitat von sysopAnne Will hatte in ihren Talk geladen, um die Folgen der Wahlen in Griechenland und Frankreich zu diskutieren. Doch das Chaos in Europa übertrug sich auf die Gäste, die wild durcheinander schrien. Ein Polit-Rentner musste die Runde wieder auf Kurs bringen. Anne Will talkt über Griechenland - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,832363,00.html)
ich hätte wohl dabei bleiben sollen..;-)) Nein, es war richtig.. abzuschalten, nachdem ich das Gesöder vernommen hatte! Ich wünsche der EU und der Kanzlerin langsam einmal die Erkenntnis, das man mit dem harten populstischen Sparwahn keine Volkswirtschaft retten kann! Eine wirtschaftliche Depression erfordert Investitionen, nicht ohne zu sparen, und vor allem langfristige Strategien! Steht in jedem Lehrbuch.. ;-)
5. Nach
f.a.g. 10.05.2012
Zitat von sysopAnne Will hatte in ihren Talk geladen, um die Folgen der Wahlen in Griechenland und Frankreich zu diskutieren. Doch das Chaos in Europa übertrug sich auf die Gäste, die wild durcheinander schrien. Ein Polit-Rentner musste die Runde wieder auf Kurs bringen. Anne Will talkt über Griechenland - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,832363,00.html)
etwa 15 Minuten habe ich, nicht etwa wegen der fortgeschrittenen Zeit abgeschalten . Sondern wegen des Aufführens der "Gäste" . Man glaubte einer Livedarbietung eines antiautoritären Kinderladens der späten 70-er ausgeliefert zu sein . Mein Bild von Politikern ,das ohnehin schon gegen 0 tendierte hat aufs`Neue einen Tiefpunkt erfahren . Nur peinlich die Bande !
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