Von Maria Marquart
Eine Viertelstunde vor Schluss ihrer Sendung wusste sich Anne Will nicht mehr anders zu helfen. Die Moderatorin stand auf und stellte sich vor Hans Eichel, um den Blickkontakt zwischen ihm und dem Politik-Professor Christoph Butterwegge zu trennen. "Hallo", flötete sie dem streitbaren Armutsforscher zu. Das sollte so viel heißen wie: "Ich bin doch die Moderatorin." Der Körpereinsatz wirkte. Die Runde widmete sich zumindest vorübergehend wieder ihrem ursprünglichen Thema.
Zuvor hatten sich der frühere Finanzminister Eichel und Butterwegge leidenschaftlich darüber gestritten, ob die rot-grüne Regierung unter Kanzler Schröder Konzerne und Reiche in Sachen Steuern geschont hat. Wie die beiden nun darauf gekommen waren, wusste man als Zuschauer auch nicht mehr so genau. Die Ausgangsfrage der Sendung lautete nämlich ganz anders: Griechen und Franzosen wählen den Sparkurs ab - zahlt Deutschland die Euro-Zeche allein?
Dabei gibt es ja neben den drei genannten noch 14 weitere Euro-Länder. Doch bei Anne Will hatte man den Eindruck, die Währungszone bestehe nur aus drei Mitgliedern: unzuverlässigen Griechen, rebellierenden Franzosen und erbarmungslosen Deutschen.
Das größte rote Tuch schwenkte wie immer der bayerische Finanzminister Markus Söder. Der CSU-Politiker verkündete, Griechenland könne ja gerne Wahlen veranstalten. Aber eigentlich gehe es doch nur noch darum, wie man das klamme Land endlich aus dem Euro rausbekomme. Damit hatte er fast alle anderen Gäste für den Rest der Sendung gegen sich aufgebracht. Insbesondere die stellvertretende Linken-Chefin Sahra Wagenknecht und der FDP-Europaabgeordnete Jorgo Chatzimarkakis arbeiteten sich an Söder ab.
Der pries die Deutschen als arbeitsames Volk und Vorbild für ganz Europa: "Wir versuchen in Deutschland, nur das auszugeben, was wir erwirtschaften." Dass die schwarz-gelbe Regierung trotz sprudelnder Steuereinnahmen und Spargelöbnis neue Schulden macht? Söder ließ es lieber unerwähnt.
"Wir sind nicht die Zahlmeister"
Im Gegenzug mühten sich die anderen, die Vorteile für Deutschland durch die Euro-Krise hervorzuheben. "Wir sind nicht die Zahlmeister", verkündete Butterwegge. Schließlich müsse die Bundesrepublik bei der Ausgabe von Staatsanleihen kaum mehr Zinsen zahlen. Ex-Minister Eichel hob die Handelsüberschüsse als Mitauslöser für die Schieflage in Europa vor. "Wir Deutschen exportieren und geben noch den Kredit dazu. Das kann auf Dauer nicht vernünftig sein."
Die Diskussion lief bereits fast eine halbe Stunde, da bemerkte Anne Will, dass einer ihrer Gäste noch gar nichts gesagt hatte: der frühere Schweizer Botschafter Thomas Borer hatte bis dahin diplomatisch geschwiegen. Nun versuchte Will ihn aus der Reserve zu locken. Ob es nicht naiv von den Deutschen sei, noch immer auf die Reformbereitschaft der Griechen zu setzen, fragte sie den Unternehmensberater. "Sie sind nicht naiv, aber zu gutmütig", erklärte Borer.
Ein Schweizer, der die Deutschen trotz schwelenden Steuerstreits zwischen den beiden Ländern für gutmütig hält! Für diese Freundlichkeit wurde Borer nicht belohnt. Butterwegge, Wagenknecht und Chatzimarkakis stürzten sich auf ihn - quasi als Stellvertreter für die Eidgenossen, die vom Geld superreicher griechischer Reeder profitieren.
"Die haben beschissen und bescheißen immer wieder"
Chatzimarkakis übernahm die Rolle des Griechen-Erklärers. Vielleicht ist es für den Sohn eines Kreters eine Herzensangelegenheit. Es ist zugleich aber auch seine Chance, seine Polit-Karriere zu retten. Wegen Plagiatsvorwürfen wurde Chatzimarkakis sein Doktortitel aberkannt. Die Griechenland-Krise ist seine Möglichkeit, sich neu zu positionieren.
Ob er den Griechen dabei immer einen Gefallen tut, ist eine andere Frage. Denn auf den Einwurf von Moderatorin Will, ob man den griechischen Politikern angesichts des Chaos nach der Wahl überhaupt noch vertrauen könne, antwortete Chatzimarkakis: "Ich würde sagen, man kann ihnen nicht trauen." Söder nutzte die Steilvorlage und fasste zusammen: "Die haben beschissen und bescheißen immer wieder."
Das saß. "Sie drehen mir das Wort im Munde um", echauffierte sich Chatzimarkakis. Auch Professor Butterwegge wollte das nicht auf den Hellenen sitzenlassen. Dass die Griechen Schlitzohren seien, könne doch nicht die Erklärung für die Krise sein, polterte er. Die Gäste schrien wild durcheinander. "Sie reden ja wie im griechischen Parlament hier", stichelte Söder gegen Chatzimarkakis.
"Wollen wir jetzt über Oskar Lafontaine reden?"
Mit einem Einspielfilm brachte Anne Will ihre Gäste wieder zur Räson. Und siehe da: Nach dem Video versuchte Polit-Rentner Eichel, die Sendung wieder auf Linie zu bringen. "Wir haben ja noch gar nicht über Frankreich geredet", mahnte er nach 50 Minuten Diskussion.
Also, zurück zum Thema. Haben die Franzosen also den Sparkurs abgewählt? Nein, meinte Eichel. Der künftige Präsident François Hollande wolle konsolidieren und die Wirtschaft ankurbeln. Stimmt nicht, hielt Söder dagegen. Der Sozialist wolle auf Pump Konjunkturprogramme durchsetzen.
Nun wäre die Runde einigermaßen beim Thema gewesen - da grätschte Wagenknecht dazwischen. Sie pries den von Hollande propagierten Spitzensteuersatz für Reiche von 75 Prozent und warf Eichel vor, Rot-Grün unter Schröder habe solche Schritte verpasst. Das brachte Eichel in Rage. "Wollen wir jetzt über Oskar Lafontaine reden?", fragte er mit Blick auf Wagenknechts Lebensgefährten, der unter Schröder Finanzminister war. Nein, über Lafontaine mochte die Linken-Politikerin nicht reden.
Immerhin fasste Eichel dann noch mal zusammen, was alle Gäste wohl befürworten konnten. "Wir brauchen den Fiskalpakt und einen Wachstumspakt." Was sich denn die Griechen wünschten, wollte Anne Will dann noch von Chatzimarkakis wissen. Seine Antwort passte zum ersehnten Ende der Sendung: "Ein kleines Lichtlein am Ende des Tunnels."
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