Flüchtlingstalk bei "Anne Will" "Das gute Deutschland ist das leise Deutschland"

"Kippt die Stimmung gegen Flüchtlinge?" Das wollte Anne Will von ihren Gästen wissen - es hätte eine unbehagliche Diskussion werden können. Stattdessen gab es eher beruhigende Antworten. Der Check.

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Anne Will (M.) mit ihren Gästen: Debatte über den Umgang mit Flüchtlingen
NDR/Wolfgang Borrs

Anne Will (M.) mit ihren Gästen: Debatte über den Umgang mit Flüchtlingen


Zur Sendung: In Freiburg verschärfen Klubs ihre Einlassbestimmungen für Migranten, in einem Schwimmbad in Bornheim war männlichen Flüchtlingen zeitweise der Zutritt verboten. Anne Will nahm dies zum Thema für ihre Sendung am Sonntagabend. Das Motto: "Misstrauen, Ängste, Verbote - Kippt die Stimmung gegen Flüchtlinge?"


Mit den Talkshows zum Flüchtlingsthema war es in letzter Zeit so eine Sache. Oft genug blieb man als Zuschauer mit einem Gefühl des Unbehagens zurück - und mit dem Zweifel, ob es tatsächlich sein muss, im Sinne eines missverstandenen Ausgewogenheitsgebots auch noch den dubiosesten Parolen und krudesten Positionen immer wieder ein Podium zu bieten. Bei "Anne Will" war jetzt zu erleben, dass es auch anders geht: ohne krampfhaftes Bemühen um Skandalisierung, ohne falsche Untertöne, ja sogar ohne Verwendung solcher inhaltsleeren Begriffe wie Obergrenze. Stattdessen wurde über die tatsächlichen Probleme der Integration gesprochen, speziell jener der vielzitierten jungen Männer aus Nordafrika.

Die Runde: Dieter Salomon, Oberbürgermeister von Freiburg, erster Grüner in einem solchen Amt und durchaus auch für "hartes Durchgreifen" bekannt. Jens Spahn, Finanz-Staatssekretär und eher liberaler Christdemokrat. Rechtsanwalt Mehmet Daimagüler, der im NSU-Prozess Opferfamilien vertritt. Publizistin Anke Domscheit-Berg, die sich für Flüchtlinge engagiert und die gemeinnützige Initiative World Future Council beim Bekämpfen von Gewalt gegen Frauen und Mädchen berät.

Worum ging es? Angesichts von Restriktionen wie Klub- und Badeverboten als Antwort auf sexuellen Belästigungen durch Asylbewerber sollte geprüft werden, ob es mit der mittlerweile legendären Willkommenskultur endgültig vorbei ist, ob die Stimmung sich nun gegen die Flüchtlinge wendet und "Deutschland gerade etwas verliert" (Will). Man war sich einig, dass solche Verbote, bei denen sich Daimagüler "bewusst provokativ" an die Badeverbote der Nazis für Juden erinnert fühlte, meist auch Ausdruck von Hilflosigkeit sind.

Beispiel Freiburg: Die Vorgänge im White Rabbit, eigentlich ein typischer Multikulti-Klub in Deutschlands Multikulti-Hochburg, bildeten sozusagen die dramaturgische Klammer für die Diskussion. Salomon ("Verschiedene Gruppen machen Stress, aber es gibt keine pauschalen Ausgrenzungen") hatte manches zu erklären - bis hin zur letztlich unverfänglichen Lösung, Übeltäter, egal, welcher Herkunft, mit einer stadtweiten Klub-Sperre zu belegen.

Moderatorin Will (r.) mit ihren Gästen Domscheit-Berg und Spahn
NDR/Wolfgang Borrs

Moderatorin Will (r.) mit ihren Gästen Domscheit-Berg und Spahn

Problembewusstsein: An dem ließ es, bei aller Unterschiedlichkeit der Perspektiven, keiner der Gäste mangeln. Doch Differenzierung war das Gebot der Stunde. Niemand wollte Flüchtlinge unter Generalverdacht stellen oder Pauschalisierungen vornehmen. Spahn mahnte aber dabei immer wieder Ehrlichkeit beim Benennen der durch Sozialisation und kulturelle Prägung entstehenden Komplikationen an ("Wenn du aus Afghanistan kommst und bist zum ersten Mal beim Kölner Karneval, ..."), während Domscheit-Berg auf eigene positive Erfahrungen mit sehr zurückhaltenden Muslimen hinwies und außerdem die deutschen Defizite bei der Gleichberechtigung und den Alltagssexismus ins Spiel brachte.

Einsichten: Daimagüler, der selbst in seiner Jugend Ausgrenzung erfuhr, brachte es schließlich so auf den Punkt: "Integration ist kein Multikulti-Straßenfest." Der CDU-Mann und der Grüne stimmten darin überein, dass die derzeitige Situation auch ein Anlass sein müsse, die staatlichen Institution wieder zu stärken (Stichwort: mehr Polizei), wobei Spahn es sich nicht nehmen ließ anzumerken, dass es doch schon mal etwas sei, wenn Schwarze und Grüne sich hier einig seien. Spahn: "Wir haben die Chance, dass endlich etwas passiert." Das bezog sich aber nur begrenzt auf die jüngsten Asylrechtsverschärfungen, die er ohne sonderliche Begeisterung verteidigte.

Aussichten: Ganz ohne Zahlen ging es auch diesmal nicht. Spahn warf die Frage auf, was denn sein werde, wenn fünf Millionen Flüchtlinge kämen, ohne aber wohl ernsthaft eine Antwort zu erwarten. Jene mehrfach von Anne Will geäußerte Sorge, ob gerade die Menschlichkeit verloren gehe, erwies sich indes als obsolet, zumindest nach Ansicht der Talkshow-Gäste. Domscheit-Berg etwa berichtete von ungebrochener Hilfsbereitschaft in Nord-Brandenburg, Salomon gab sich sicher: "Wir schaffen das!" und nannte es "großartig", wie Deutschland mit den Flüchtlingen umgehe. Daimagüler lobte die Kanzlerin, die Ruhe in die Debatte bringe, und fand mit Blick auf öffentliche Hassbekundungen: "Das gute Deutschland ist das leise Deutschland."

Gesprächsatmosphäre: Durchweg unaufgeregt und konstruktiv, wobei die Dialoge zwischen Spahn und Daimagüler ein besonderes Kapitel darstellten. "Soll ich dir was sagen, Herr Spahn?", setzte der Ex-Liberale zunächst an, um ihm wenig später zu attestieren: "Das finde ich ja gut, Jens Spahn, dass du jetzt differenzierst...oder Sie." Spahn schließlich: "Jetzt sag doch einfach du."

Fazit: Talkshows dieser Art mögen gewiss weniger spektakulär verlaufen als jene der eingangs erwähnten Art. Aber es dürfte ruhig mehr davon geben, schon zwecks Pflege der deutschen Gesprächskultur.

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