"Anne Will" über Flüchtlinge Hilfe? Gern, aber bloß nicht zu viel

Thilo Sarrazin bei "Anne Will", da kann es hitzig werden. Gerade beim Thema Flüchtlinge. Doch der Berufsprovokateur lief auf - sogar beim bayerischen Innenminister Herrmann. Die Erfolgsgeschichte von Gerald Asamoah versöhnte die Talkrunde schließlich mit sich selbst.

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NDR

Einwanderung ist ein Thema, bei dem wenige Worte viel Angst erzeugen können. Konservative sprechen gerne über offene Schleusen, Wellen von Migranten und einer entstehenden Sogwirkung. Nun haben in den vergangenen Monaten 23.000 Tunesier Lampedusa erreicht, und Europas Innenminister streiten sich in schrillen Tönen darüber, wie denn nun mit den Migranten umgegangen werden solle. Da sollten nun die Gäste von "Anne Will" guten Rat parat haben.

Erwartungsgemäß war es Thilo Sarrazin, Ex-Politiker, Ex-Finanzsenator und Ex-Bundesbanker, der die drohende Einwanderungswelle heraufbeschwor. Nein, nicht nur in den kommenden Wochen oder Monaten, sondern in den kommenden Jahrzehnten ("So ging es auch los mit den Arabern vor 30 Jahren").

Für jeden Afrikaner, der nach Deutschland komme, würden fünf Familienangehörige nachziehen, orakelte er zunächst. Später waren es dann plötzlich zehn Angehörige, die nachziehen, noch später gar 20. "Das sind wieder Ihre irrsinnigen Zahlenspiele", kommentierte die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt. Als Sarrazin dann wieder einmal die Türken erwähnte, platzte Elias Bierdel, Leiter der Menschenrechtsorganisation "Borderline Europe", heraus: "Sie sind ein Hetzer, das ist ja unerträglich."

Selbst der bayerische Innenminister Joachim Herrmann von der CSU wollte sich nicht auf Sarrazins Thesen einlassen. Zum Thema Integration sei ja im vergangenen Jahr "viel Unfug geredet worden, nicht nur im Buch von Thilo Sarrazin".

Ohnehin stimmten Herrmann und Göring-Eckhardt in vielem überein, gerade bei der Flüchtlingsfrage, die ja das eigentliche Thema des Abends war. "Flüchtlinge vor unseren Grenzen - wen wollen wir reinlassen?", gab Moderatorin Will der Runde vor. Herrmann und Göring-Eckhardt waren vor allem darin einer Meinung, dass man "sorgfältig unterscheiden müsse". Unterscheiden zwischen politischen Flüchtlingen und Wirtschaftsflüchtlingen - zwischen jenen also, die in ihrer Heimat verfolgt werden und jenen, die in Europa Arbeit suchen.

Unstrittig, dass diese Differenzierung wichtig ist. Von den 23.000 Tunesiern, die in den vergangenen Monaten auf Lampedusa gelandet sind, beantragen die wenigsten politisches Asyl. Sie suchen Arbeit, vor allem in Frankreich. Italien hat ihnen inzwischen Aufenthaltsgenehmigungen ausgestellt - und damit die Nachbarländer provoziert, die sich gegen diesen umstrittenen Schritt wehren.

Einzelnen helfen, nur eben nicht allen Einzelnen

Besonders konsequent gen Rom gepoltert hatte CSU-Mann Herrmann gemeinsam mit Parteifreund und Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich. Wer ein ähnliches Spektakel am Sonntagabend erwartet hatte, wurde enttäuscht - wenngleich Herrmann sich mit der Aussage verirrte, dass er als bayerischer Innenminister nun wirklich "keinen Überblick habe, wer gerade auf dem Mittelmeer herumirrt" - ob Asylsuchende oder Wirtschaftsflüchtlinge. Ansonsten gab sich Herrmann vergleichsweise moderat. Anerkennung von ausländischen Bildungsabschlüssen: natürlich. Zuzug von Facharbeitern: logisch. Aufbauhilfe für die nordafrikanischen Länder: aber klar.

Es war Menschenrechtler Bierdel, der darauf aufmerksam machte, wie es jenseits des Mittelmeers tatsächlich aussieht. Er erinnerte daran, dass der Tourismus in Tunesien darniederliegt und das Land viele Flüchtlinge aus Libyen aufnehmen muss; dass afrikanische Bauern allgemein gegen hoch subventionierte europäische Agrarprodukte keine Chance haben und Fischer zusehen müssen, wie europäische Trawler ihre Meere leerfischen. Selbst Thilo Sarrazin wollte anerkennen, dass man dem Einzelnen ja helfen könne. Nur eben könne man nicht allen helfen, den vielen Einzelnen also nicht.

Um das Schicksal eines Einzelnen zu beleuchten, hatte die Redaktion ein besonders strahlendes Beispiel eingeladen: den Fußballer Gerald Asamoah. In der ersten halben Stunde durfte er sich zwar nur einmal äußern, später aber ausführlich seine Geschichte erzählen. Mit zwölf Jahren verließ er Ghana und folgte seinen Eltern nach Deutschland, er lernte Deutsch, begann mit dem Fußball, wurde Profi, schließlich Nationalspieler. Es ist eine Erfolgsgeschichte, der Einspielfilm war entsprechend mit heroischer Musik unterlegt. Asamoah war im Gespräch ziemlich ehrlich, sprach von den anfänglichen Problemen bei der Eingewöhnung und von rassistischen Anfeindungen.

Er sagte, wie wichtig es sei, die Sprache in einem Land zu lernen (Nicken bei Sarrazin und Herrmann), dass sein Vater ihm das vorgelebt habe (Nicken bei Sarrazin, verzücktes Lächeln bei Herrmann), dass Deutsch aber trotz allem eine ziemlich schwere Sprache sei (lautes Lachen bei allen).

Asamoah war derjenige, der die Runde irgendwie mit sich versöhnte. Selbst wenn er Sarrazin vorwarf, er heize die feindliche Stimmung gegen Einwanderer im Land an, antwortete der mit einem Lob auf den freundlichen und verständigen Asamoah. Es gab dann noch einen Einspielfilm über einen Nigerianer, der in Lindau Priester ist. Und so kam Anne Will zu dem passenden Schluss, dass "zum Teil ohne Afrikaner nichts läuft in Deutschland".



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 545 Beiträge
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Seite 1
juanco 18.04.2011
1. Anne Will sollte sich schämen
Anne Will sollte sich schämen. Wie kann man nur auf die Idee kommen, schon wieder Sarrazin einzuladen und ihm Raum für seine Selektionsphantasien zu geben? Alles für die Quote? Gibts keine Grenzen?
Hansbeobachter 18.04.2011
2. Sarrazin hat Recht!
Sarrazin hat Recht. Das verlogene Mainstreamestablishment will das natürlich nicht hören. Da wird uns immer gesagt wir seien ein Einwanderungsland. Es wird aber nicht darüber gesprochen wie knallhart die klassischen Einwanderungsländer mit ihren Migranten umgehen und welche hohen Hürden in diesen Ländern aufgebaut werden. In vielen Ländern der Erde ist die Bevölkerung drastisch gewachsen, Arbeitsplätze wurden jedoch nicht im gleichen Tempo geschaffen. Deutschland hat aktuell ca. 10 Millionen Arbeitslose. Eine weitere Einwanderung dient nur dem Lohndumping und der Zeitarbeitsbranche. Pro Jahr zahlen die Deutschen einen zweistelligen Milliardenbetrag für ihre Einwanderer. Während andere Länder arbeitslose Ausländer ausweisen, werden diese in Deutschland über Jahre finanziert. Durch die offenen Grenzen kommen ungehindert Menschen in unser Land, die nicht immer eine Bereicherung darstellen. Der Schutz von Land und Ressourcen war in den letzten 10 000 Jahren das primäre Ziel aller Kulturen, unabhängig von der Staatsform. Die massenhafte Einwanderung aus fremden Ländern zuzulassen ist völliger Irrsinn. Gerade Menschen aus islamischen Ländern verstärken nur die Parallelgesellschaft der Muslime in Deutschland. Ein Bevölkerungsschwund von einigen Millionen wäre für das dicht besiedelte Deutschland ein Segen.
lorn order 18.04.2011
3. pro Sarrazin
Zitat von juancoAnne Will sollte sich schämen. Wie kann man nur auf die Idee kommen, schon wieder Sarrazin einzuladen und ihm Raum für seine Selektionsphantasien zu geben? Alles für die Quote? Gibts keine Grenzen?
Sarrazin setzt den netten Kuschel-Multi-Kulti-Utopien nüchterne Zahlen entgegen. Haben Sie sein Buch überhaupt gelesen?
alsterdorfkater 18.04.2011
4. *
Zitat von juancoAnne Will sollte sich schämen. Wie kann man nur auf die Idee kommen, schon wieder Sarrazin einzuladen und ihm Raum für seine Selektionsphantasien zu geben? Alles für die Quote? Gibts keine Grenzen?
Doch. Heißt "Aus".
Die_Sonne 18.04.2011
5. Wo ist die Grenze?
Zitat von sysopThilo Sarrazin bei "Anne Will", da kann es hitzig werden. Gerade beim Thema Flüchtlinge. Doch der Berufsprovokateur lief auf - sogar beim bayerischen Innenminister Herrmann. Die Erfolgsgeschichte von Gerald Asamoah versöhnte die Talkrunde schließlich mit sich selbst. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,757614,00.html
Wenn man Flüchtlinge aus Booten ohne weiters aufnehmen will, wo ist dann die Grenze? Das würde ja bedeuten, das sich alle in Afrika nur in ein Boot setzen müßten und dann automatisch anerkannt werden. Nicht alle können so erfolgreiche Fußballer wie Asamoah werden, 26000 Menschen können ja nicht in der Nationalmannschaft spielen. Asylanten kosten erstmal Geld, woher kommt das? -> Staatsverschuldung und Steuereinnahmen Warum hätten dann nicht auch alle Asiaten und Inder das Recht in die EU zu kommen? Wie setzen sich eigentlich die arabischen Länder mit ihrem Reichtum für die Migranten ein?????
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