"Anne Will" zur Flüchtlingspolitik "Wir reden alle durcheinander. Ich würde gerne Ruhe reinbringen!"

Macht Deutschland seine Grenzen dicht? Und wie viele Flüchtlinge kommen wirklich ins Land? Bei "Anne Will" wurden wichtige Themen diskutiert - leider chaotisch und ohne nennenswerten Beitrag der Moderatorin. Spannend wurde es erst, als die Sendung endete.

NDR/ Wolfgang Borrs

Zur Sendung: Moderatorin Anne Will ist wieder auf ihrem alten Sendeplatz am Sonntagabend zu sehen. In der ersten Folge widmete sie sich den Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht sowie der Kritik an Kanzlerin Angela Merkel. Thema der Sendung: "Nach Köln - Höchste Zeit für eine neue Flüchtlingspolitik?"


Nur wenige Minuten, nachdem "Anne Will" mit Anne Will gelaufen war, wurde es bei den "Tagesthemen" endlich interessant. Da knöpfte sich Caren Miosga Vizekanzler Sigmar Gabriel für dessen Abrücken von der Position der Kanzlerin in der Flüchtlingsfrage in einer Weise vor, wie Anne Will es mit Peter Altmaier in den 60 Minuten davor nicht getan hat.

Vielleicht lag es daran, dass der Kanzleramtsminister und Beauftragte für Flüchtlingsfragen mit raumgreifender Gravität endlose Monologe hielt. Vielleicht auch daran, dass er sich streckenweise als einziger echter Linker in einer Runde präsentierte, der immerhin auch Gesine Schwan angehörte. Zu Gast waren ferner der Psychologe Ahmad Mansour und der Journalist Stefan Aust.

Es war alles andere als ein gelungenes Debüt für Anne Will, die an diesem Abend auf den von Günther Jauch geräumten und sehr prestigeträchtigen Sendeplatz am Sonntagabend zurückgekehrt ist. So aufgeräumt und licht das Studio, so wirr und obskur wurde leider die Diskussion geführt: "Nach Köln - Höchste Zeit für eine neue Flüchtlingspolitik?"

Wer diese Frage so stellt, fordert ausufernde Antworten förmlich heraus: Es ging daher um Zahlen, Obergrenzen, Pfefferspray, Schwimmbäder, Grenzen, Österreich, Parallelgesellschaften und beinahe sogar um Helmut Kohl - aber da ging Will doch noch rechtzeitig dazwischen.

Aust übernahm, je nach Geschmack und politischer Position des Betrachters, die Rolle des Realisten oder Scharfmachers: "Wir haben gesehen, was sich in der Welt so alles auf die Socken macht", seit die Kanzlerin die Grenzen geöffnet habe, denn "in Wirklichkeit ist die Grenze offen", da könne jeder reinspazieren. Und: "Nichts gegen junge Männer, aber 70 Prozent sind junge Männer."

Es seien, verdeutlicht Aust, so viele junge Männer gekommen im vergangenen Jahr, wie die Bundeswehr und die NVA zu Hochzeiten des Kalten Kriegs "insgesamt unter Waffen" hatten. Wer sich nach dieser entzückenden Veranschaulichung keine völkerwandernde Islamistenarmee vorstellt, dem ist nicht mehr zu helfen.

So wie Altmaier. Der wiegelt ab, wobei er vom Staatstragenden ins Historische kippt. Ob die derzeitige Flüchtlingspolitik falsch sei, "darüber werden künftige Generationen entscheiden", was freilich für heutige Generationen keine allzu verlockende Aussicht ist. Aber natürlich, es müsse diskutiert und abgewogen und gehandelt werden, um die Aufgabe zu bewältigen.

Weiter wirbt Altmaier um Vertrauen darauf, die Regierung werde "humanitäre Verantwortlichkeiten mit den Sicherheitsinteressen dieses Landes" schon unter einen Hut bringen. Mansour würde gerne wissen, wie genau das geschehen soll. Aust schüttelt nur genervt den Kopf. Und sogar Schwan fällt dem Minister in den Rücken. Im Satz "Wir schaffen das!" will sie "eine gewisse Bagatellisierung seitens der Kanzlerin" erkennen.

Altmaier kämpft weiter, spricht im Hinblick auf Köln sachlich von "Eigentumsdelikten verbunden mit Sexualdelikten" und davon, dass Parallelgesellschaften bereits in den Sechzigerjahren entstanden seien - vor zehn Jahren aber habe die Regierung da "einen Hebel" umgelegt. Was die Runde geschlossen bestreitet. Altmaier beharrt, so sei das aber. Anne Will: "Wir reden alle durcheinander. Ich würde gerne Ruhe reinbringen!"

Das wird nichts, denn soeben kontert Aust die Zahlen von Altmaier (erst 2000 neue Flüchtlinge im Januar) mit eigenen Zahlen, abgelesen von einem Zettelchen. 53.000 Flüchtlinge seien es. Worauf Altmaier geduldig erklärt, so viele hätten sich wohl jetzt erst in den Heimen angemeldet, neu ins Land gekommen seien nur 2000. Beide Kontrahenten bleiben bei ihren Zahlen, Will hat nichts beizutragen.

"Es ist gar nicht so einfach", fährt Aust fort, "Leute abzuschieben, da gehen Anwälte dazwischen, das geht vor Gericht, das ist irrsinnig teuer." Ein Einspieler über die Gutachten zweier Staatsrechtler, wonach der Bund zu wirksamen Kontrollen an den Grenzen verpflichtet sei, ruft mangels alternativer Vorschläge endlich Schwan auf den Plan: "Ehrlich gesagt, das überzeugt mich überhaupt nicht von den beiden Jungs."

Und Altmaier verkündet düster, dann hätten "wir es hier mit einem Staat zu tun, wo es nur noch Diktatur und Unfreiheit gibt". Im Anschluss bleibt die Kamera eine Weile auf ihm ruhen, während er unendlich traurig ins Leere schaut. Irgendwann reagiert Aust auf eine Kritik von Schwan an seiner harten Haltung mit den schönen Worten: "Ich will überhaupt nix, ich bin Journalist."

Als solcher kolportiert er denn auch Andeutungen, die Innenminister Thomas de Maizière in kleiner Runde auf Fragen zu einem Plan für Grenzschließungen gemacht habe: "So etwas kündigt man nicht an." Ist es also nur noch eine Frage der Zeit? Wieder dementiert Altmaier, wieder hocken die Behauptungen so unkommentiert wie unversöhnlich im Studio.

Und das war auch schon der Höhepunkt einer Sendung, in der Anne Will ganz deutlich ihre zusätzliche Viertelstunde fehlte, um das Geschehen noch einmal zu resümieren oder notfalls zu drehen.

Hauptthema in den sozialen Netzwerken war unterdessen, dass Wills Lebensgefährtin Miriam Meckel im Publikum weilte. Na denn.



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