TV-Berichterstattung zur Wahl Wisch, wisch, tipp, tipp. Drückste mal bitte?

Der Wahlabend im deutschen TV fühlte sich an wie ein Katastrophen-Blockbuster: Da wurde jede verfügbare Metapher strapaziert, hübsch hektisch bei Wahlpartys vorbeigeschaut und schwere Seriosität ausgedünstet.


In Blockbustern ist es verlässlich so, dass der Einschlag eines Kometen oder die Invasion der Zombies vom Mond sich medial ankündigen. Im Hintergrund flimmern da gerne Bildschirme, auf denen Experten ein Geschehen kommentieren, das sich zusehends verschärft und endlich in die angekündigte Katastrophe mündet.

So fühlte sich auch der Wahlabend im deutschen Fernsehen an.

Erste Adresse für den Wahlbeobachter waren ARD und ZDF mit ihren Sendungen zur "Bundestagswahl 2017". Zunächst ließen sich die Großmaschinen des öffentlichen Diskurses den Ton schon am Nachmittag von der "Bild"-Zeitung diktieren, die das Bild vom "Wahl-Beben" einführte. Von "tektonischen Verschiebungen in der politischen Landschaft" war dann auch andernorts bis Mitternacht die Rede.

Die Stunde bis zur Verkündung der ersten Prognose um 18 Uhr war die Stunde der Demoskopie und damit die Stunde von Jörg Schönenborn, der bei der ARD ein wahres Fest der grafisch aufbereiteten Datenverarbeitung feierte. Eine wahre Freude, wie der Augur da wischte und tippte und mit Zahlen und Balken jonglierte.

Da gab es nichts, was nicht erfasst und bewertet worden wäre, von "Ansichten über Christian Lindner" bis zum anfänglichen Hype um Martin Schulz - laut Schönenborn ein "riesiges Soufflé, das dann in sich zusammengefallen ist". Auch beim ZDF und Bettina Schausten wussten die Statistiker, dass der Komplex "Flüchtlinge/Ausländer" (genau so!) als ganz "wichtiges Problem" empfunden wird.

Zack, zack, weiter geht's

Aufgedröselt wurden aber auch die "Eigenschaftsprofile" der Kanzlerkandidaten nach Kategorien wie Sachverstand, Sympathie und, nein, nicht Schuhgröße, es hätte aber nicht viel gefehlt. Zack, rüber zum "Pressesofa", wo dann der Chef der "Rheinischen Post" und der Chef der "taz" jeweils genau einen Satz sagen durften, bevor, zack, ins Ausland geschaltet wurde, nach Washington zu Ines Trams oder nach Moskau zu Winand Wernicke.

Ein flottes Magazin sozusagen, inklusive abgehangener Einspieler, in denen jede verfügbare Metapher strapaziert und entsprechend illustriert werden musste, vom "Kandidatenkarussell" über die "Wahlkampfstraße", das "Ringen" um Platz 3 als "moderner Fünfkampf", dem schwächelnden Schulz als, allen Ernstes, trommelnder Hase von Duracell. Im "Logo"-Stil erklärte die ARD immerhin, wie so eine 18-Uhr-Prognose überhaupt entsteht.

Als der Komet um 18 Uhr dann endlich einschlägt, geht es zunächst in einer Konferenzschaltung von Wahlparty zu Wahlparty, Emotionen einsammeln. Hübsch hektisch wird bei CDU, SPD, FDP, Grünen, Linken und der AfD vorbeigeschaut, wo prompt Alexander Gauland zur "Jagd" auf die Regierung bläst.

"So, und haben wir schon einige News produziert an diesem Abend!"

In einer ersten Runde mit Volker Kauder, Jörg Meuthen, Wolfgang Kubicki, Anton Hofreiter und Dietmar Bartsch sagt Thomas Oppermann in die Kamera, was zuvor schon durchsickerte: "Der Platz der SPD ist bei diesem Ergebnis in der Opposition." Bettina Schausten kann schon um 18.22 Uhr die Erfüllung ihres Solls verkünden: "So, und haben wir schon einige News produziert an diesem Abend!"

Nebenan bei der ARD betont Schönenborn: "Das Wichtigste an diesem Abend ist natürlich der Fortlauf der Ergebnisse", wisch, wisch, tipp, tipp. Als irgendwelche Wählerwanderungen plötzlich festfrieren, wird doch die Nervosität spürbar. Schönenborn gereizt: "Wir können nicht weitermachen, wenn der Kameramann da herumsteht. Ja, gehst du mal weg? Danke!", und: "Drückste mal bitte?" Flutscht dann aber doch alles, wie es soll.

Die erwarteten Szenen aus den Parteizentralen werden journalistisch eingeordnet. Bei der CSU waren alle so schockiert, es herrscht "Totenstille", ja, "es hat sich nicht einmal jemand über etwas beschwert". Bei den Grünen loben sich die Chefs: "Katrin, ich finde du hast das großartig gemacht!" - "Cem, du hast das großartig gemacht!", und man möchte sich zurückziehen, das ist parteiintern und irgendwie zu intim.

Video: Gewinner und Verlierer der Wahl

Da spricht schon die Kanzlerin vor und mit versammelter Mannschaft, nur Wolfgang Schäuble fehlt, was aber unkommentiert bleibt. Da spricht der Herausforderer vor und mit versammelter Mannschaft - Sigmar Gabriel seltsam hintergründig, Andrea Nahles mit einem eigentümlichen Dauergrinsen im Gesicht.

Bisweilen überlagern sich die Bilder. Während im ZDF Cem Özdemir interviewt wird, wird hinter ihm auf einem Großbildschirm bei der ARD Robert Habeck interviewt. So spart man sich fast das Umschalten zwischen den Streams. Ministerpräsidenten wie Bodo Ramelow oder Winfried Kretschmann haben sich das Berliner Gewusel gespart, sie tauchen mal hier, mal da als vorteilhaft ausgeruhte "talking heads" vor landestypischem Hintergrund auf.

Tumulte bei der AfD-Party

Irgendwann "kommt ein Tweet rein", dass es draußen vor der Wahlparty-Location der AfD Tumulte gebe. Schnell zu Korrespondentin Marie-Kristin Boese geschaltet, die geht auf den Balkon, ja, da sieht man unten "mehreren Hundert Demonstranten" stehen. Sie könne aber, meint Boese, von hier oben keine Plakate entziffern oder Rufe verstehen. Die gibt es bei Facebook, wo Teilnehmer der Demo ihren Protest streamen und skandieren: "Ihr habt den Krieg verloren" sowie "Nazis raus".

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Reaktionen bei den Parteien: Schock und Jubel

Schnitt auf Reiner Haseloff, Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt. Der will auf Nachfrage, weil "Protest allein ja nicht hilft", die Grenzen selber schützen und Ängste ernst nehmen und so weiter.

In der "Tagesschau" kommentiert Schausten endlich den "Einschnitt in die parlamentarische Demokratie im Bundestag", und dass sich damit die "Sagbarkeitsregeln" ändern würden. Und während bei den Privaten passende Filme wie "Illuminati", "Jupiter Ascending" und "Buddy haut den Lukas" laufen, stürzen sich ARD und ZDF gemeinsam in die vielleicht größte "Berliner Runde" aller Zeiten.

Koalitionsverhandlungen bei "Anne Will"

Damit sind die Frauen raus, es übernehmen die Chefredakteure von ARD und ZDF, Rainald Becker und Peter Frey. Eisgraue Herren, schwere Seriosität ausdünstend. Die Kamera wackelt, als wäre sie entkräftet, und die Bildregie ist kurios. Lindner, Schulz und Göring-Eckart sitzen vor der Inschrift "Dem Deutschen Volk", Herrmann, Merkel, Kipping und Meuthen vor dem Kanzleramt. Weil über den animierten Hintergrund irgendwelche Farbflächen wandern, sieht die deutsche Fahne immer wieder mal aus wie die jamaikanische Fahne.

Vor diesem Hintergrund erklärt Angela Merkel, wir befänden "uns gerade in einem der dramatischsten Umbrüche der Menschheit, der Digitalisierung", da hängt sich der Stream auf. Wie recht sie doch hat!

Anne Will (M.) mit ihren Gästen
NDR/Wolfgang Borrs

Anne Will (M.) mit ihren Gästen

Als alles wieder läuft, seziert Anne Will bereits die Zitate aus der "Berliner Runde". Özdemir, Kubicki und von der Leyen sitzen zusammen. "Wir sind ja nicht blöd", meint Anne Will - und die Koalitionsverhandlungen gehen in ihrem TV-Studio weiter.

Zur Erzählung dieses Abends gehörte die Rede von der Etablierung eines "neuen", wahrscheinlich vulgäreren Tones im Bundestag. Wie er denn konstruktiv Politik zu machen gedenke, künftig, will Anne Will beharrlich von Alexander Gauland wissen. "Das ist im Moment nicht unsere Aufgabe", erklärt der freimütig und dann, als im Publikum über so viel Freimütigkeit gelacht wird: "Das Gelächter können Sie lassen!"

insgesamt 9 Beiträge
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RalfHenrichs 25.09.2017
1. Anne Will mal wieder peinlich
Alle Fraktionen waren eingeladen - außer die Linke. Noch nicht einmal eine Erklärung für die Nicht-Einladung wurde gegeben. Diese Nicht-Beachtung wird dann wohl so weiter laufen in dieser Legislaturperiode. Aber gut, Anne Will kann sich ja weiterhin als Förderin der AfD profilieren, was ja zu Recht in der Elefantenrunde kritisiert wurde.
reznikoff2 25.09.2017
2. Ja, danke
Jetzt haben wir das Ganze nochmal schriftlich. Die größte Absurdität, dass alles immer gleich zweimal öffentlich-rechtlich verwurstet wird, regt schon gar nicht mehr auf.
ayumu 25.09.2017
3. Graue Herren
Schade, dass der Stream bei der Graue-Herren-Runde hing. Habe ihn im Fernsehen verfolgt bis ich irgendwann entnervt ausgemacht habe. Die Diskussionskultur im deutschen Fernsehen spiegelt das wieder, was man auch im Internet erlebt. Jeder fällt dem anderen ins Wort, keiner darf seinen Gedanken zu ende fassen und man fragt sich einerseits warum so eine Runde inklusive Frau Merkel nicht vorher mal zusammenkam und andererseits warum Herr Schulz auf einmal jetzt so sauer ist und sich aufregt - wo war das Wahlkampf die ganze Zeit? Außerdem ging es wie immer nur um die AfD. Die Kritik, dass sie durch die Medienpräsenz erst groß geworden sind ist durchaus berechtigt.
w.weiter 25.09.2017
4. Köstlich.
Manno. Sie waren schneller als ich. SIE haben das geschrieben, was ich gedacht habe. Respekt. Es ist gut zu wissen, es gibt die "schreibende Zunft". Mit ihren Ecken und Kanten, und freien Gedanken. Mal stimmen wir nicht überein. Egal, in der Demokratie muss es so sein. "Pro-erhellende-Gedanken-in-Deutschland-auch". (Synonym für PEGIDa, ähem, wohl eher "wech" statt "a") ?
kajoter 25.09.2017
5.
Es ist sehr einfach, sich über derartig komplizierte Berichterstattungen inclusive Aufarbeitung und Diskussionen lustig zu machen. Vor allem, wenn man als Redakteur bequem im Stuhl sitzt und lediglich einen Kommentar schreiben muss. Und es ist übrigens nicht vorgegeben, dass man sich den gesamten Wahlabend vor dem Fernseher aufhält. Es wird von den Sendern auch nicht vorausgesetzt, so dass sie in regelmäßigen Abständen für hinzukommende Zuschauer die Ergebnisse und Äußerungen wiederholen oder aktualisieren. Aber es ist die originäre Aufgaben der Öffentlich-Rechtlichen, gerade über Wahlen zu berichten. Und da sie das verdienstvollerweise seit Urzeiten tun, hat sich natürlich auch eine gewisse Machart nebst Routine eingespielt. - Man stelle sich vor, die sog. Privaten würden sich dieser Aufgabe stellen. Dann fände die AfD einen kongenialen Partner in Sachen Berichterstattung. - Der Rest der Kritik sollte an die Parteienvertreter gehen, denn für deren stereotype Wortblasen kann man die Sender kaum verantwortlich machen.
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