"Anne Will" zu Abtreibungen "Als ob Frauen unmündige Bürger sind"

Mit einer überwiegend weiblichen Runde diskutiert Anne Will über Abtreibungen. Dabei wird vor allem das Rumeiern der SPD deutlich - und das überholte Frauenbild, das hinter dem Koalitionsentwurf zum Paragrafen 219a steckt.

Moderatorin Will (3.v.r.) mit ihren Gästen
NDR/Wolfgang Borrs

Moderatorin Will (3.v.r.) mit ihren Gästen

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Eigentlich ist es irre: Eine letztlich semantische Frage führt im 21. Jahrhundert eine Große Koalition beinahe an den Rand des Zusammenbruchs. Und alles nur, weil Menschen seit zwei Jahren laut dafür kämpfen, dass das, was 1933 für die Nazis "Werbung für Abtreibung" war, heute als "Information über Abtreibung" gelten sollte.

Nun liegt endlich der Gesetzentwurf zur Reform jenes uralt-Paragrafen 219a vor, und die mitverantwortliche SPD-Bundesfamilienministerin Franziska Giffey ist so begeistert davon, dass sie eine ganze Talksendung lang unter lautem Seufzen auf dem Wort "Kompromiss" rumkaut.

Man habe ja nun einen "Ausnahmetatbestand" eingebaut, pries sie den Entwurf an: Ärzte dürften auf ihren Homepages schreiben, dass sie Abtreibungen vornehmen - für das Wie sollen sie aber auf staatliche Seiten verlinken, zack, Rechtssicherheit hergestellt. Und ein Infotelefon mit monatlich aktualisierten Ärztelisten gebe es dann auch.

Oder wie Anne Will launig konterte: "Warum so umständlich?"

Besser lässt sich der Tenor der Sonntagabendrunde kaum zusammenfassen. Die Sendung über "Recht auf Leben und Selbstbestimmung: die neue Debatte über Abtreibungen" dokumentierte teils den grandios rumeiernden Zustand der SPD, die noch vor einem Jahr den Paragrafen knallhart ganz streichen wollte. Und zeigte zudem, wie überholt das Frauenbild wirkt, das hinter dem Gesetz steckt. Im Zuge von #MeToo eigentlich kaum noch vorstellbar.

Als ob die Absurdität schon vorher klar gewesen wäre, war die Sendung gar nicht erst auf eine kontroverse Diskussion ausgelegt: Neben Giffey eingeladen waren die FDP-Politikerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, die Chefredakteurin des feministischen Onlinemagazins "Edition F", Teresa Bücker, und die Frauenärztin Kristina Hänel. Mit ihr fingen 2017 die Anti-219a-Proteste an, als sie zu 6000 Euro Strafe verurteilt worden war. Und dazu, als Gegenstimme, war noch Philipp Amthor im TV-Studio, Jurist, 26, CDU-Abgeordneter, beteiligt an der Lebensschutzkampagne des Vereins "Durchblick" (der auch gegen "Gender in der Schule" kämpft mit der Schlagzeile: "Die gezielte Enthemmung der Sexualität führt zu einer Untertanenmentalität").

Das grundlegende Die-Katze-beißt-sich-in-den-Schwanz-Problem

Alles wie immer also: Sobald es um vermeintlich als "Frauenthema" einsortierte Diskussionen geht, sind Talkrunden mehrheitlich mit Frauen besetzt. Als wären Frauenrechte kein Männerthema - und als würde kein mehrheitlich männlich besetzter Bundestag (Frauenanteil 30,9 Prozent) entscheiden, wie viel Selbstbestimmungsrecht Frauen über ihren Körper haben.

Die Diskussion offenbarte denn auch schnell das grundlegende Die-Katze-beißt-sich-in-den-Schwanz-Problem: Frauen suchen in einer schwierigen Lebensentscheidung Informationen und vertrauensvolle Ärzte - finden sie aber nicht wegen des Informationsverbots und der schwindenden Zahl an Praxen, die Abtreibungen vornehmen - alles beeinflusst von dem Stigma, das mit der straffreien, aber illegalen Abtreibungspraxis in Deutschland einhergeht.

Denn der Ton der politischen Debatte sei "unter der Gürtellinie" gewesen, so Teresa Bücker, "als ob Frauen unmündige Bürger sind". Man möge ihnen doch, bittschön, vertrauen. Auch die zweifache Ex-Bundesjustizministerin Leutheusser-Schnarrenberger war "der festen Überzeugung": "Wir brauchen kein Strafgesetz", die Berufsordnung für Ärzte reiche aus; das Recht auf "freie Arztwahl" sei gerade in diesem Fall eine "Frage des Vertrauens".

Zumindest am Ton könnte sich was ändern: Sieht man davon ab, dass Philipp Amthor sich beharrlich um Anne Wills Fragen nach seinem Engagement für jenen populistischen Verein "Durchblick" herumgedrückt hat, als ob ihm diese Leute auch peinlich wären ("Ich bin keine Projektionsfläche für alles, was im Lebensschutz passiert"); und ignoriert man, dass er der Frauenärztin Kristina Hänel vorhielt, sie sei wissentlich Wiederholungstäterin und erst einmal grundsätzlich für Abtreibungen (was sie beides fix als falsch entlarvte), dann muss man sagen: Wenn man Amthor beim Wort nehmen kann, könnten Parlamentsdebatten rund um Frauenrechte in Zukunft weniger reißerisch ablaufen.

"Ich bin kein Abtreibungsgegner", sagte er. "Ich bin weit davon entfernt, Frauen irgendwelche Belehrungen zu erteilen." Und: "Wir müssen Versorgungslücken dringend schließen."

Klingt banal, aber wirkt geradezu revolutionär unmissverständlich. In Zeiten, in denen manche sich an Nazi-Begriffen festkrallen und Frauen unterstellen, ohne Abtreibungsverbot hätten diese nicht einmal mehr "ein schlechtes Gewissen". Und in denen sich hiesige Medizinstudenten die einschlägige Praxis an Papayas aneignen müssen, weil es offiziell nicht auf dem Lehrplan steht.

Am Ende bleibt Leutheusser-Schnarrenbergers Ernüchterung, die beim Stichwort "neue Debatte über Abtreibung" nur laut lachte: Sie fürchte, ein ganz neues Gesetz könnte heute noch restriktiver ausfallen als in den Neunzigern.

insgesamt 185 Beiträge
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wiesenflitzer 04.02.2019
1. "Grandios rumeiernden Zustand der SPD"
Na klasse; mehr fällt Ihnen nicht dazu ein? Wenn diese SPD nicht wäre, dann wäre nach dem Willen der beiden ach so christlichen und sozialen Parteien, doch jede abtreibende Frau eine strafrechtlich zu verfolgende Mörderin, weil sie ja schließlich ungeborenes Leben getötet hätte. Aber kein Wort zu denen, die diesen, zugegebener Maßen faulen, Kompromiss zu verantworten haben, nämlich CDU/CSU und natürlich wieder mal unsere Kanzlerin, die sich immer noch, genau wie digital, im Mittelalter befindet.
unaufgeregter 04.02.2019
2. Peinlich
Der Auftritt von Amthor war grenzwertig. Frauen haben ein Selbstbestimmungsrecht. Sie zu infantilisieren ist peinlich. Die SPD hat mit diesem Kompromiss weitere Wählerstimmen verloren.
fatherted98 04.02.2019
3. Unglaublich...
...das wir im Jahr 2019 noch darüber diskutieren müssen. Abtreibung ist das Recht der Frau....über solche Unsinn wie "Werbung für Abtreibung" auch nur nachzudenken, zeigt schon die Rückständigkeit unserer Politiker (wobei in den genannten Fällen es ja keine Werbung sondern nur eine Leistungsbeschreibung der Ärztinnen war). In der Gesellschaft ist man schon viel weiter und akzeptiert breit die Entscheidung der einzelnen Frau (Ausnahmen bestätigen die Regel...diese Klientel darf man sich dann auch mal näher anschauen....meist schreien die aber am Lautesten).
vogelskipper 04.02.2019
4. Die jungen Christlichen - Amthor & Linnemann & Co
Wenn man diese Buben und deren erzkonservative Einstellungen so hört, dann kann man nur noch den Kopf schütteln. Die AfD will ins Jahr 1933 zurück, die jungen CDUler anscheinend ins Jahr 1960. Mir graut vor beiden! Ich bin Generation 50+ und bekomme langsam den Eindruck, dass die 70iger und 80iger Jahre den Zenit der Liberalität markiert haben und es seitdem wieder langsam aber sicher ins tiefe Mittelalter zurück gehen soll. Zumindest hört es sich so an, wenn diese Buben reden! Da saßen gestandene Frauen in der Runde mit einem 26 jährigen Jüngling der CDU, der ihnen versucht hat die Welt zu erklären und was ihre Rechte (in einer zumindest in CDU Kreisen von Männern dominierten Welt) als Frauen in dieser sind, so kam es mir vor und ich fand es lächerlich. War er der einzige aus der CDU, der bereit war zu diesem Thema zu kommen?
tom2strong 04.02.2019
5. Leutheusser-Schnarrenberger
liegt sehr richtig. Die einst liberale Gesellschaft dreht Richtung konservativ. Schade das. Aber wohl nicht aufzuhalten...
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