"Anne Will" zu Antisemitismus Mahner gegen Praktiker

Verliert Deutschland den Kampf gegen Antisemitismus? Darüber ließ Anne Will diskutieren. Am Ende fühlte es sich an, als hätte man ein uraltes Monster besichtigt - eines mit zusätzlichem Kopf und besonders spitzen Zähnen.

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"Ich habe nichts oder fast nichts erreicht." Mit diesem niederschmetternden Satz bilanzierte Ignatz Bubis kurz vor seinem Tod 1999 seine sieben Jahre an der Spitze des Zentralrats der Juden in Deutschland. Er fühlte sich auch mit 72 Jahren noch immer nicht als Deutscher, sondern als Jude in Deutschland: "Die Trennung ist geblieben." Es war das Desinteresse der Gesellschaft der "jüdischen Mitbürger", das den Mann verzweifeln ließ.

Als Volker Kauder bei "Anne Will" wieder von den "jüdischen Mitbürgern" redet, korrigiert ihn der ehemalige israelische Botschafter in Berlin, Schimon Stein: "Jüdische Bürger!" Und genau da scheint auch das Problem zu liegen beim hergebrachten Antisemitismus, wie er in der Mitte der Gesellschaft zu Hause ist, von links bis rechts in den Parteien nistet, ebenso wie beim importierten Judenhass: Die Trennung zwischen "uns" und "den Juden" bleibt.

Ein wenig wirkt es, als hätte Ulf Poschardt diese Runde einberufen. Angesichts der skandalösen Würdigung zweier sehr dummer Sprechgesangskünstler durch die Musikbranche, angesichts auch einer neuerlichen Prügelattacke auf einen Kippa-Träger in Berlin, kommentierte Poschardt "im Affekt" in der "Welt", Deutschland drohe den Kampf gegen den Antisemitismus zu verlieren.

Nun waren die Gäste bei Anne Will alle guten Willens, wir sind ja nicht bei Facebook oder Twitter. Trotzdem schafften es die Beteiligten, haarscharf aneinander vorbei der gleichen Meinung zu sein. Hier Mahner, die der historischen Dimension des Problems zur Geltung verhelfen wollen. Da die Praktiker, die gerne gleich mit voller Härte undsoweiter.

Auf der einen Seite argumentierten also Shimon Stein und Ahmad Mansour, der als arabischer Antisemit in Israel aufgewachsen ist und heute mit jugendlichen Geflüchteten unter anderem in Berlin arbeitet. Ihr Tenor, wie Stein ihn auf den Punkt brachte: "Ich wundere mich, dass man sich wundert."

Die Bekämpfung des Antisemitismus sei eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung "über die Generationen hinweg" und nicht mit einem Beauftragten für Antisemitismus zu erledigen. Mansour betont ebenfalls: "Neu ist das absolut nicht." Er trennt präzise den handelsüblichen deutschen Antisemitismus vom importierten, "scharfen" islamistischen Judenhass - ohne beide parallele Phänomene gegeneinander auszuspielen.

Davor warnen auch Poschardt und Kauder. Letzterer ist es leid, "immer nur von Einzelfällen zu hören" und regt eine Berichtspflicht für entsprechende Übergriffe an Schulen an. Poschardt findet das abwägend "interessant" und fragt, noch konkreter, was denn nun mit dem mutmaßlichen Täter von Berlin geschehe. Ob denn da mal ein starkes Zeichen gesetzt werde.

Mit Blick auf einen andere Fall fragte Poschardt, wie man verhindern könne, dass nicht "der 14-jährige Junge jüdischen Glaubens" die Schule verlassen müsse - sondern seinetwegen die "hundert" anderen Schüler, die ihn durch Mobbing oder Wegschauen erst in diese Lage gebracht haben.

Mansour dagegen würde die antisemitischen Jugendlichen gerne "pädagogisch erreichen", sodass es nicht erst zu einem Schulverweis kommen müsse. Katja Kipping von der Linken springt bei, will ebenfalls präventiv tätig werden, fordert für die Lehrkräfte "andere Fortbildung und ein anderes didaktisches Material".

Mentoren für bedrohte jüdische Schüler, wie Kauder sie ins Spiel bringt, sähe wiederum Stein nicht gerne: "Juden sind nicht das Problem, sie sind die Opfer." Eine Weile hört er sich an, wie die Debatte allmählich zur Bildungsdiskussion wird, und gibt dann zu bedenken: "Das fängt ja nicht in der Schule an, denn diese Kinder haben auch Eltern." Er selbst wünsche sich, analog zum Dieselgipfel, dass die Kanzlerin das Thema zur Chefsache mache.

Jetzt ist es wieder an Volker Kauer, skeptisch zu gucken. Angela Merkel werde sicher hören, dass das gefordert werde ("Vorgeschlagen, nicht gefordert!", korrigiert Stein), aber dieser Dieselgipfel habe auch nichts gebracht. Ein Einwand, auf den Will besonders lebhaft reagiert: "Ach nich'? Na kiek ma'!"

Als Zuschauer hatte man am Ende das Gefühl, ein uraltes Monster besichtigt zu haben, dem gerade ein zusätzlicher Kopf mit besonders spitzen Zähnen gewachsen ist. Eine Bedrohung also, der mit wichtigen Gipfeltreffen, wohlfeilen Sonntagsreden, weihevoller Zeichensetzerei und "anderem didaktischen Material" vielleicht nicht beizukommen ist.

Oder, wie Ignaz Bubis einmal sagte: "Blabla ist Zeitvergeudung."

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