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"Anne Will" über Bargeldobergrenze: Die unwiderstehliche Faszination des O-Wortes

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Anne Will mit ihren Talkshow-Gästen: Debatte um die Bargeldobergrenze Zur Großansicht
NDR/ Wolfgang Borrs

Anne Will mit ihren Talkshow-Gästen: Debatte um die Bargeldobergrenze

Ist nur Bares Wahres - und eine 5000-Euro-Obergrenze daher zu verurteilen? Darüber stritten Anne Wills Gäste. Es ging um Freiheit, um Kriminalität und die "Sinnlichkeit des Geldes". Die Sendung im Check.

Zur Sendung: Die Bunderegierung erwägt eine Obergrenze von Bargeldzahlungen, sie soll bei 5000 Euro liegen. In Deutschland ist der Plan umstritten, in anderen EU-Ländern längst Gesetz. Anne Will diskutierte nun mit ihren Gästen zu diesem Thema, das Motto der Sendung: "Erst begrenzen, später gar abschaffen - Nimmt uns der Staat das Bargeld weg?"


Worum ging es? Nach all den Talkshows unter dem Motto "Irgendwas mit Flüchtlingen" wollte Anne Will jetzt etwas anderes. In ihrer Talkshow vom Sonntagabend ging es also um Geld und seine Verwendungsmöglichkeiten, vom Schnäppchen auf dem Flohmarkt bis hin zu Luxusautos, Jachten und Immobilien. Finanzminister Wolfgang Schäuble möchte bekanntlich Bargeldzahlungen auf 5000 Euro begrenzen, um Geldwäsche und Terrorfinanzierung bekämpfen. Die Mehrheit der Deutschen ist dagegen, viele befürchten gar den Einstieg in den Ausstieg vom Bargeld. Wie sich zeigte, ist das Thema besonders gut zu vollmundiger, aber weitgehend ergebnisfreier Behandlung in mittlerer Stammtischhöhe geeignet.

Die Teilnehmer: Finanzstaatssekretär Michael Meister (CDU), FDP-Chef Christian Lindner, Ex-Finanzminister Theo Waigel (CSU), Peter Fissenewert, Jurist und Experte für Korruptionsbekämpfung sowie Nancy Schneider, Geschäftsführerin eines Leipziger Autohauses.

Das O-Wort: Irgendwie scheint von dem Begriff Obergrenze eine unwiderstehliche Faszination auszugehen, wenn jemand die vermeintlich einfache Lösung eines komplexen Problems suggerieren möchte. Nach der Flüchtlings- soll es jetzt also die Barzahlungsobergrenze richten, und zwar im Sinne einer europaweiten Harmonisierung. Nach Ansicht von Meister ist Deutschland inzwischen nämlich ein "Hort von Kriminellen".

Talkshowgäste Lindner und Meister bei "Anne Will" Zur Großansicht
NDR/Wolfgang Borrs

Talkshowgäste Lindner und Meister bei "Anne Will"

Jurist Fissenewert assistierte, es gebe eine Schattenwirtschaft auf finsterer Bargeldbasis: "Wir leben in einer Gefahrenzone." Gutachterlich beziffertes Volumen: 100 Milliarden Euro - eine Summe, die von den Obergrenzenbefürwortern immer wieder dann ins Spiel gebracht wurde, wenn gerade kein anderes Argument zur Hand war. Waigel war nicht generell gegen eine Obergrenze, aber die müsse dann nicht bei 5000, sondern bei 100.000 Euro liegen, weil es erst da kriminalistisch wirklich interessant werde.

Nur Bares als Wahres? Wie sagte Euro-Vater Waigel doch so schön? "Geld muss sinnlich erfahrbar sein." Und das nicht nur, wenn am Sonntag das Scherflein in den Klingelbeutel getan werden muss - egal, ob es in Schweden bereits bargeldlose Kollektomaten gibt. Man müsse ja nicht jede ausländische Mentalität übernehmen.

Autoverkäuferin Schneider steuerte Praxiserfahrungen bei: Bargeldverzicht oder auch nur Begrenzungen seien höchst problematisch, sagte sie und warnte vor einem "Einschnitt in die Freiheit". Für den Liberalen Lindner war dies natürlich eine Gelegenheit, die Fahne derselben besonders hoch zu halten und zu proklamieren: "Bargeld ist geprägte Freiheit." Ein bisschen süffisant erinnerte Geldwäschebekämpfer Fissenewert daran, dass Dostojewski diesen Satz anlässlich des seinerzeit ähnlich umstrittenen Übergangs vom Münz- zum Scheingeld formuliert hatte.

80 Millionen potenziell Verdächtige? Nein, nein, so wollte das der Staatssekretär selbstverständlich auch wieder nicht verstanden wissen. Doch es gelte nun mal, eine Balance von Sicherheit und Freiheit zu finden. Außerdem habe der normale Endverbraucher ohnehin nie mehr als gut hundert Euro in der Tasche.

Lindners Hinweis darauf, dass es bereits Gesetze gegen Geldwäsche gebe und es keinen Sinn habe, "bei der Suche nach der Nadel im Heuhaufen den Heuhaufen zu vergrößern", half da wenig. Die Frage, wie denn wohl beispielsweise im biederen Autohaus von Frau Schneider Geldwäsche und Terrorfinanzierung praktiziert würden, blieb unbeantwortet. Sie selbst versicherte glaubhaft, noch nie mit derartigen Problemen zu tun gehabt zu haben und warnte vor dem "gläsernen Menschen".

Ein ganz anderer Verdacht: Lindner mutmaßte, in Wahrheit habe man es bei diesem Schritt in Richtung Abschied vom Baren mit einer Allianz von EZB-Chef Mario Draghi (der ja auch den 500-Euro-Schein abschaffen will), geldgierigen Regierungspolitikern und den Banken zu tun, die den Bürger "dem Gebührenwucher der Banken" (Stichwort: Negativzins) ausliefern wolle. Als Will fand, er rede ja fast wie ein Linker, kam prompt die Antwort: "Die FDP ist die Partei der Freiheit, nicht der Banken." Und wenn er auch meist bargeldlos zahle, möchte er doch, bitte schön, selbst über den Bezahlmodus entscheiden.

Guter Rat: Meister versuchte zu beschwichtigen, die EU-Kommission werde gewiss auch noch fachlichen Rat einholen. An diesem Abend musste er sich von Altmeister Waigel aber erst einmal einen anderen Tipp anhören: Minister Schäuble solle am besten ein weiteres Gutachten in Auftrag geben. Bei solch einer schwierigen Frage dürften es sogar auch drei oder vier sein. Selbstredend konnte nicht unerwähnt bleiben, dass der bayerische Innenminister bereits seine Zweifel an dem Berliner Papier geäußert hat.

Bargeld-Höchstgrenzen

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