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20. August 2018, 00:56 Uhr

"Anne Will" über den Dürre-Sommer

"Es gibt eben die menschliche Trägheit"

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Anne Will ist zurück aus der Sommerpause - und will von ihren Gästen wissen, was Bund und Länder im Kampf gegen den Klimawandel tun können. Eine ebenso erfreuliche, wie bedrohliche Frage.

Ende der Sommerpause. Das heißt, nur für "Anne Will" ist die Pause vorbei. Der Sommer bleibt - und mit ihm das Problem der Dürre und die Frage: "Wie müssen wir unser Verhalten ändern?" Die Frage der Sendung ist dabei ebenso erfreulich wie bedrohlich: Nicht "ob". Sondern "wie".

Am Ende erzählt der Physiker und Klimafolgenforscher Hans Joachim Schellnhuber den bedrohlichen Witz von dem Mann, der vom Hochhaus springt und auf Höhe des zweiten Stocks feststellt, dass es bis jetzt sooo schlimm noch gar nicht sei. Pointe: "Wir sind derzeit in dieser Lage."

Zuvor wird im TV-Studio von Anne Will mit Akribie beinahe alles adressiert, was zur Erwärmung der Erde und damit zu den Kapriolen des Klimas beiträgt - von den Kohlekraftwerken bis zur Lebensmittelverschwendung. Dazu gehört auch jenes Feld der Wirtschaft, das gegenwärtig am meisten unter der Trockenheit zu leiden hat: die Landwirtschaft.

Video: Wie ein Biobauer der Dürre trotzt

Will fragt Werner Schwarz, Massentierhalter und Funktionär im Bauernverband, nach folgender Bauernregel: "Wenn's nicht regnet über Wochen, ist der Klimawandel ausgebrochen." Dafür hätte sie gern Applaus, denn "da habe ich wirklich lange drüber nachgedacht". Schwarz insistiert irritiert, diese Regel sei ihm nicht bekannt.

Bekannt ist ihm hingegen die Forderung an die Landwirtschaft, klimafreundlicher zu wirtschaften. Schwarz versichert: "Wir sind dran." Von Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) darf er aber noch immer keine Milliarden erwarten. Klöckner wird, selbst wenn sie einst Kanzlerin, danach Uno-Generalsekretärin und endlich erste Päpstin werden sollte, wohl immer als "Winzerstochter" angesprochen werden.

Anders als frühere Minister auf dem Posten hat sie aber selbst keine Gummistiefel mehr an, ihre Politik ist um Ausgleich zwischen den Interessen der Verbraucher und den Bedürfnissen der Landwirte bemüht. Den Ruf nach Hilfen in Milliardenhöhe hört sie sehr wohl, will darüber aber erst nach der offiziellen Erntebilanz entscheiden - also Ende dieses Monats.

Auf Wills Frage, ob denn die Bauern unverschämte Forderungen stellten, antwortet Klöckner trocken, was sie seit Wochen antwortet: "Wir werden sorgfältig die Daten prüfen." Sie gebe Fakten den Vorrang vor "subjektiven einzelnen Ernteprognosen". So hätten beispielsweise manche Weizenproduzenten "bis zu 20 Prozent höhere Erlöse", das müsse man alles bedenken.

Annalena Baerbock, Parteivorsitzende der Grünen, ist bei dieser Frage ebenfalls in ihrem Element. Dieses Jahr sei es die Dürre, vergangenes Jahr waren es die Frostschäden, davor die extremen Niederschläge in Süddeutschland. Die Ausschläge seien zu extrem, das Problem "ein Fass ohne Boden". Und nun werde auch noch das deutsche Klimaziel für 2020 verfehlt.

Was tun gegen Methan und Kohlenstoffdioxid? Anreize schaffen? Verbieten? Schellnhuber seufzt: "Wir wissen eigentlich, dass wir im falschen Film sind. Aber es gibt eben die menschliche Trägheit. Wer im falschen Film ist, schafft es nicht, aufzustehen und das Kino zu verlassen." Hier sei die Politik gefordert. Man müsse den Menschen einerseits "auch mal etwas zumuten". Andererseits wollten wir alle doch gern "Teil einer guten Geschichte sein".

Andreas Pinkwart, FDP-Minister für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie in Nordrhein-Westfalen, ist natur- und parteigemäß kein Freund von Verboten. Zu Anreizen fallen ihm nur steuerliche Vergünstigungen beim Kauf einer neuen Heizung ein. Das Fliegen, ein weiterer Klimakiller, will er nicht besteuern - obwohl es politisch gewollt und Kerosin subventioniert ist.

Die arme Rentnerin, die in ihrem Leben noch nie geflogen ist. Oder der Student, der mal in die USA reisen wolle. Diese Leute müssten doch auch mal fliegen können dürfen, so Pinkwart. Allerdings wolle er eine Politik machen, die Umweltschutz einpreist - wie immer das mit den lächerlich niedrigen Flugpreisen einhergehen könnte.

Schellnhuber versteht das auch nicht und braucht fünf Minuten, bis er mit der Frage durchdringt: "Was halten Sie von einer Besteuerung von Kerosin?" Pinkwart patzig: "Können wir gern machen", sofern das dann europaweit gelte und eben Antwerpen oder Straßburg keine Vorteile gegenüber deutschen Flughäfen hätten. Der freie Markt eben.

Hans-Dietrich Genscher (FDP) nannte den Umweltschutz einst ein "Bürgerrecht". Heute stellt sich die Frage, ob Klimaschutz ein Menschenrecht und damit einklagbar ist, zumindest in Brüssel. Klöckner findet das gut, will irgendwelchen Urteilen aber "aus Respekt vor der Gewaltenteilung nicht vorgreifen". Schellnhuber skizziert nebenbei die Dystopie, dass künftig möglicherweise ganze Breitengrade "physisch" schlicht unbewohnbar wären - und wir das dann auch in Europa zu spüren bekämen.

Am Ende lautet die Frage weniger, "wie" wir das schaffen, sondern "ob". Bis dahin bleibt's trocken, wenn auch nicht heiter.

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