"Anne Will" zum Diesel-Chaos "Och, für uns ist das viel Geld"

Jetzt ist er da, der große Diesel-Schlamassel. Wird die Politik die Autobauer endlich hart in die Verantwortung nehmen? Die Runde bei "Anne Will" zeigte: Darauf verlassen wir uns besser nicht.

Diesel-Chaos-Runde bei Anne Will
NDR/Wolfgang Borrs

Diesel-Chaos-Runde bei Anne Will

Von


Wir wissen's noch nicht, wir sehen dann mal. Die Frage, was denn nun konkret getan wird gegen drohende Fahrverbote in den Städten und wer das bezahlt, wurde an diesem Abend mit enormer Ausdauer umkreist.

Wäre diese Umkreisung nicht argumentativ, sondern mit Diesel-Fahrzeugen erfolgt - alle Beteiligten hätten nach der Sendung ambulant gegen Vergiftungen ihrer Atemwege mit Stickoxiden behandelt werden müssen.

Da nutzte es auch nichts, dass Anne Will mit durchdrehenden Reifen gleich zu Beginn den geschäftsführenden Verkehrsminister auf die Haube nahm. Warum der denn das Problem kleinrede, seiner Verantwortung nicht nachkomme. Christian Schmidt, CSU, will "erst einmal sortieren". Das will er an diesem Abend noch häufiger, "erst einmal sortieren", weil doch so schrecklich viel durcheinandergeht in dieser Angelegenheit.

"Ich will", sagt er, "dass der Fahrzeughalter nicht belastet wird", deshalb seien Fahrverbote unbedingt zu vermeiden. Da lägen demnächst, ab Mitte April, mehrere Lösungen auf dem Tisch, und dann würde man "weiter reden". Auch im Koalitionsvertrag, so Schmidt, wäre bereits "eine ganze Platte" an Maßnahmen vorgesehen, von elektrischen Bussen bis zum Ausbau von Radwegen.

Was will die Bundesregierung, auch von den Richtern in Leipzig, in der Pflicht gesehen und repräsentiert durch Schmidt? "Wir wollen saubere Luft, und zwar ohne Fahrverbote", denn das wäre mit Blick auf den Wertverlust der entsprechenden Fahrzeuge eine "kalte Enteignung". Will insistiert, er habe nicht alles getan, um die Verbote abzuwenden. Schmidt: "Doch!" Will: "Nein!" Schmidt: "Die Luft wird besser!"

VW steuert 250 Millionen bei

Auch Herbert Diess spricht von einer "starken Verbesserung" der Luft in den Städten. Es gebe noch "zwanzig besonders dreckige Städte", an die man "ran" müsse, aber auch das werde in den nächsten Jahren gelingen. Fast könnte man Diess für einen engagierten Städteplaner halten. Tatsächlich ist er Markenvorstand bei VW. Und das ist die Firma, falls es jemand vergessen haben sollte, mit den "besten Dieselfahrzeugen, die sie weltweit kaufen können!"

2,3 Millionen dieser Spitzendiesel seien bereits "mit neuen Softwarelösungen" nachgerüstet. Und für das "Sofortprogramm Saubere Luft" steuert der Konzern bei einem Nettogewinn von 11,4 Milliarden Euro 250 Millionen bei. Angesprochen darauf, dass dies nun für den Hauptverursacher der Bredouille nicht eben die Welt sei, meint Diess: "Och, für uns ist das viel Geld".

Warum will VW keine Hardwarelösung wie neue Katalysatoren, wenn sich damit die Emissionen doch bedeutend verringern ließen? Liegt's am Geld? Zu teuer für VW? Ach was. "Wenn wir's richtig fänden, würden wir es tun", stellt Diess klar und teilt maschinenbautechnisches Herrschaftswissen. Es ist ein "sehr komplexer Eingriff ins Fahrzeug", quasi eine "kleine Chemiefabrik", da bräuchte es einen größeren Tank, Bohrungen hier und dort. Um das "sauber zu machen", und zwar richtig, "bräuchten wir mindestens zwei oder drei Jahre".

Schmidt nickt, will sortieren und geht den lächelnden Repräsentanten von Volkswagen hart an: "Wenn da Schmu gemacht worden ist, dann muss die Automobilindustrie" in die Verantwortung. Wenn! Wobei,… da hängen auch Millionen Arbeitsplätze dran. Hach, schwierig. Aber das wird schon.

Wer trägt die Verantwortung?

Da bekommt sogar Katrin Göring-Eckart von den Grünen, für die dieser Abend ein thematisches Heimspiel ist, ein wenig Mitleid mit dem Minister: "Herr Schmidt muss es jetzt aushalten, es ist ja der Herr Dobrindt gewesen!" Schmidt keilt aus, er wisse, "ihre Partei sucht gerne einen Schuldigen", und ruft nicht ohne Theatralik: "Wieso suchen wir eigentlich in Deutschland immer nach Schuldigen?"

Anne Will präzisiert, es gehe hier "um eine Verantwortung", das sei etwas anderes. Immerhin trägt die Sendung den Titel: "Das Diesel-Chaos - Wer übernimmt die Verantwortung?" Da ist Göring-Eckart bereits das Mitleid mit dem Geschäftsführenden abhanden gekommen: "Ist ihre Schuld ja nicht, Sie sind für die Felder und das Glyphosat verantwortlich."

Und wer trägt nun die Verantwortung? Schmidt nicht, Diess nicht, Göring-Eckart ganz gewiss nicht. Vielleicht Thomas Geisel, SPD-Oberbürgermeister von Düsseldorf, einer ganz besonders dreckigen Stadt? "Schuldig sind wir nicht", bekennt sich Geisel, "wir bekommen jetzt den Schwarzen Peter", weil nun die Kommunen für die Einhaltung von Grenzwerten sorgen müssten.

Anne Will möchte erfahren, was hätte Düsseldorf denn vorher hätte tun können? Vorher ist eine sehr, sehr lange Zeit. Heute weiß Geisel: "Das Auto ist nicht das Verkehrsmittel der Wahl in der verdichteten Innenstadt". Er selbst fahre privat auch nur deshalb einen riesigen Diesel, "den ich auch versteuere", weil er eine große Familie habe, viele Kinder, und deshalb um einen "Achtsitzer" nicht herumkomme.

VW setzt auf E-Mobilität

Wenn nicht das Kraftfahrt-Bundesamt, nicht die Bundesregierung, nicht das Verkehrsministerium und erst recht nicht die Hersteller mit ihren weltbesten Dieselmotoren in der Verantwortung sind und entsprechend handeln - dann vielleicht ein Hallodri wie Nico Rosberg? Nein, selbst der Formel-1-Weltmeister von 2016 hat sich vom Verbrennungsmotor abgewendet, investiert in E-Mobilität.

Der Rennfahrer weist darauf hin, dass das Problem "weltweit" und schon "vor vielen, vielen Jahren" entstanden sei, als man sich auf CO2 konzentriert habe und darüber wirklich Gesundheitsschädliches wie Feinstaub oder Stickoxide übersehen habe. Er hält die "E-Mobilität für ein total spannendes Thema", es sei aber "nicht der groß genuge Schritt". Wir bräuchten zusätzlich die Energiewende.

Doch Rettung naht, und sie kommt selbstredend nicht aus Berlin - sondern aus Wolfsburg, wo man "mindestens zwei bis drei Jahre" für eine Hardware-Nachrüstung braucht und damit "die Kunden nicht vor den Kopf schlagen will". VW setzt nämlich auch ganz auf die interessante E-Mobilität.

"Wir holen auf", kündigt Diess an, "wir kommen ganz groß raus", bald werde Volkswagen "auch Tesla Einhalt gebieten". Wie genau? Das wissen wir noch nicht, das werden wir dann schon sehen.

insgesamt 121 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
RolandBerger 05.03.2018
1. Immer
wieder ein Genuss, wie der Deutsche Michel, in dem Fall der Dieselmichel, nicht nur die Zeche zahlen muss, sondern in solchen Sendungen auch noch am Nasenring durch die Manege gezogen wird. Dazu passt der Spruch eines Händlers an einen Bekannten die Tage. Tja, da hätten sie keinen Diesel kaufen sollen. Der gleiche Händler hat ihm das Auto vor vier Jahren vollmundig angepriesen und dann umgehängt. Da zeigt sich das alte Leid, der Deutsche schaaft sich weiter durch das Leben, in der Hoffnung, immer erst der letzte zu sein, der die Zeche zahlt. Also wählt er auch brav alle vier Jahre die weiter, die ihn in schöner regelmässigkeit zur Kasse bitten. KLasse. Frei nach dem alten Werbespruch. Ich liebe es.
Papazaca 05.03.2018
2. Anne Will und die Bundesliga - beide zum Einschlafen
Erstmal: Die aktuelle Diskussion müßte heute um die SPD und die GroKo gehen. Aber ist Anne Will aktuell? Und dann ist Ergebnis genauso seicht wie die eingeladenen Gäste: Zum Einschlafen. Eine wichtige Frage, ob die Automobilindustrie rechtlich zu Entschädigungen und Hardware-Umrüstungen gezwungen werden kann könnte ein spezialisierter Jurist beantworten. Aber nicht ein Vorstand von VW oder ein verschnarchter Minister. Und die üblichen Verdächtigen wie Göring-Eckhardt sind bekanntermaßen auch die bekannten Langweiler, die über bekannte Stereotypen nicht hinauskommen. So ist Anne Will wie wir Sie kennen: Einschlafen ohne Rezept. Die Bundesliga ist da ähnlich: Auch zum Einschlafen.
reilo 05.03.2018
3. Was heißt: „Darauf verlassen wir uns nicht“ ?
Betrug ist Betrug ! Und hier müssen VW und Konsorten alleine für bezahlen! Alles andere ist ein Skandal. Auch das Gerede vom Ausschöpfen „anderer Maßnahmen“ geht doch letztlich zulasten der Steuerzahler. Aber auch das kam bei der selbstgefälligen Frau Will mal wieder zu kurz.
diplomat_ 05.03.2018
4. Das schlägt dem Fass den Boden aus!
.....wenn selbst die Hersteller nicht in Verantwortung sind......????? Was ist denn nun in den Schreiber dieses Artikels gefahren? Die Hersteller, die die Dieselautos designed und gebaut haben und eine Betrugssoftware eingebaut haben, sind nicht in der Verantwortung? Selbst wenn dies in der Disdkusdionsrunde behauptet worden ist, kann das doch nicht unwidersprochen und richtig gestellt bleiben. Shame on you, Spiegel-online!
Charlie Whiting 05.03.2018
5. Wie immer
Leider nur Gerede. Fehler hat keiner zugegeben obwohl da ja schon viele Jahre eklatant viel schiefläuft. Vor allem der VW-Mann sollte doch sehr viel kleinlauter agieren. Das war Anti-Werbung!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.