Anne Will-Talk über "Mein Kampf": Schrecklich komisch

Von Christian Füller

Gehört Hitlers "Mein Kampf" als Unterrichtslektüre in deutsche Schulen? Bei Anne Will stritten die Talk-Gäste über das Für und Wider. Der Text dürfe nur mit Kommentar verbreitet werden, meinten die einen. Ist nicht nötig, sagten die anderen - das Buch sei schließlich nur eine Lachnummer.

NS-Druckerzeugnis "Mein Kampf": Urheberrechte verfallen 2016 Zur Großansicht
dapd

NS-Druckerzeugnis "Mein Kampf": Urheberrechte verfallen 2016

Man hat schon schlechtere Talkshows gesehen. Die Diskutanten bei Anne Will führten eine Reihe nachdenkenswerter Argumente dafür an, dass "Mein Kampf", der ebenso schwer lesbare wie unverdauliche 700-Seiten-Backstein Adolf Hitlers, in den Schulen gelesen werden sollte. Oder eben nicht.

Der ZDF-Kulturjournalist Wolfgang Herles legte überzeugend dar, dass nicht das Buch die Ideen Hitlers mystifiziert, "sondern wir es durch Diskussionen wie diese tun." (Wieso er sich dann zu Anne Will setzte, erklärte Herles selbstverständlich nicht.) Volker Beck aus dem Bundestag stimmte zu: "Das Buch strahlt eine magische Langeweile aus", sagte der Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen-Fraktion im Bundestag. "Wir sollten cooler damit umgehen."

Dagegen argumentierte eine überraschende Koalition, bestehend aus dem Kabarettisten Serdar Somuncu und dem CSU-Rechtsaußen Norbert Geis. Der alte schwarze Mann aus dem Bundestag forderte, dass Jugendliche das Buch Hitlers ruhig lesen sollten - "aber nicht ohne Kommentar!" Der aufreizend gescheite Somuncu erklärte dann haarklein, wie das geht. Der Deutsch-Türke hat mehr als tausend Lesungen von "Mein Kampf" in Deutschland gehalten - an Schulen. Er findet Hitlers Text nicht langweilig, sondern hält ihn für einen guten Kabarett-Text, weil dort nicht nur Schreckliches, sondern vor allem schrecklich komische Sachen zu finden seien. Wenn Somuncu Hitlers groteske Überlegungen über Fuchs und Gans aus "Mein Kampf" vorliest, fragen ihn selbst Neonazis, "ob das da wirklich drin steht?".

Somuncu ist so etwas wie ein kleiner Held. Er war wirklich draußen im Kampf mit "Mein Kampf". Er hat dabei sehr spezielle Feldstudien erlebt. Etwa in Anklam, als ihm Nazis mit einer Bombe drohten - und die örtliche Polizei ihm schulterzuckend mitteilte: "Wir haben jetzt Feierabend." Somuncu war zugleich der Einzige in der Runde, der die komplexe Urheberrechtsstory von "Mein Kampf" ziemlich gut kannte.

"Wir sind hier nicht in einer Erziehungsstunde"

Das bayerische Finanzministerium hält die Urheberrechte nämlich heute an dem Text, weil Bayern Hitlers Verlag 1945 enteignete und sich einverleibte. Am 1. Januar 2016 verfallen diese Urheberrechte. Das heißt, dann könnte jeder das Buch drucken und vertreiben. Dem "Jeder darf" stellt sich nun Markus Söder entgegen, Bayerns Finanzminister erklärte Hitler zur Chefsache. Und will eine kritische, wissenschaftlich editierte Kopie der Schwarte zulassen, herausgegeben vom Münchner Institut für Zeitgeschichte.

Der Kabarettist Somuncu lobt aber keineswegs die bayerische Mein-Kampf-Politik. "Das bayerische Finanzministerium will stellvertretend für uns die Gesinnungspolizei spielen", ätzte Somuncu. Dann übernahm er umgehend selbst diese Rolle. Und zwar sehr überzeugend.

Somuncu unterbrach und provozierte die psychotherapeutische Heilpraktikerin Gabriele Baring, bis diese Anne Will um Hilfe anrief. "Wir sind hier nicht in einer Erziehungsstunde", hielt Somuncu weiter drauf. "Aber auch nicht in einer Unterbrechungstalkshow", konterte Baring und beklagte dann, "dass die Deutschen über weite Strecken Opfer sind." Baring hat ein Buch über das Leid der Vertreibung geschrieben und eines über die "geheimen Ängste der Deutschen".

Baring will in ihren vielen Familientherapien herausgefunden haben, wie sehr ihre Klienten unter der Nazischuld leiden - als Personen. Und deshalb nie zu einem befreiten Leben kommen. "Es gibt ein großes Schweigen in den Familien", wandte sich Baring an die Mitdiskutanten. "Ich empfehle ihnen, den eigenen Geschichten vorurteilslos und mit liebendem Blick auf die Spur zu gehen."

"Mein Kampf" als Schulbuch? "Eine Ente!"

Ob das nun Barings Sicht auf Einzelpersonen im Post-Nazi-Deutschland ist oder der Versuch einer reaktionären politischen Schuldumkehr, war jedenfalls nicht mehr zu klären. Somuncu und sein sehr uncooler grüner Hilfspolizist Beck tricksten fortan nach allen Regeln der Diskursunkultur. Der Fraktionsorganisator der Grünen rüpelte den CSU-Mann Geis derart grob an, dass selbst Anne Will wieder zum Leben erwachte. "Nehmen Sie das jetzt zurück!", herrschte die Moderatorin Beck mehrfach streng an - und der Grüne parierte tatsächlich.

Aber das Problem der Debatte war kein rein stilistisches, sondern schon im Titel der Sendung angelegt. "'Mein Kampf' im Klassenzimmer - man wird doch wohl noch lesen dürfen?" suggerierte, dass es ein Schulbuch geben würde. Dabei ist keines geplant.

"Es ist schlicht eine Ente, dass wir ein Schulbuch produzieren werden. Das können wir gar nicht, und bis jetzt ist niemand an uns herangetreten", sagte der Sprecher des Instituts für Zeitgeschichte SPIEGEL ONLINE - obwohl genau das vermeldet worden war. Und auch der bayerische Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) wies entsprechende Pläne von sich. "Es wird für die Schulen kaum eine Komplettausgabe von "Mein Kampf" geben", sagte Spaenle am späten Mittwoch SPIEGEL ONLINE. "Es wird eher eine pädagogische Handreichung mit Teilen dieses Pamphlets sein."

Schade eigentlich. Es gäbe ein paar ganz gute Argumente für eine Schulausgabe von "Mein Kampf" - mit klugen Kommentaren und nicht nur für Bayern.

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insgesamt 108 Beiträge
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1. Ein himmelschreiender...
fatherted98 03.05.2012
Zitat von sysopGehört Hitlers "Mein Kampf" als Unterrichtslektüre in deutsche Schulen? Bei Anne Will stritten die Talk-Gäste über das Für und Wider. Der Text dürfe nur mit Kommentar verbreitet werden, meinten die einen. Ist nicht nötig, sagten die anderen - das Buch sei schließlich nur eine Lachnummer. ARD-Talk: Anne Will zu "Mein Kampf" im Schul-Unterricht - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,831053,00.html)
...Mumpitz. Gerade dieses Buch wäre seit Jahren im Schulunterricht wichtig gewesen. Die kruden Thesen des Gröfatz hätte man da schön rausarbeiten können....aber verboten! Nun das Buch mit Kommentar...sehr gut meine ich. Wenn mehr Deutsche dieses Buch in den Jahren 33-39 gelesen hätten, wären wahrscheinlich viele nicht so erstaunt über die Folgen eines Adolf Hitlers gewesen. Ich begrüße eine kommentierte Fassung die in einen guten Schulunterricht kritisch behandelt wird. Was die Lachnummer betrifft...klar ist es eine Lachnummer...nur zum lachen war ab 33 vielen nicht mehr und spätestens 39 wäre das Lachen im Gesicht gefroren. Es ist gut das wir uns immer noch so viele Gedanken über diese Zeit machen und uns damit beschäftigen um einer Wiederholung entgegenzuwirken.
2.
suwarin 03.05.2012
,,Wohlstand für alle" vom Erhard sollte Pflichtlektüre an Schulen sein, aber doch nicht Hitler. Die Kinder lesen schon genug Schund im Unterricht und viel zu wenig Sachlektüre.
3. ...
suwarin 03.05.2012
,,Wohlstand für alle" vom Erhard sollte Pflichtlektüre an Schulen sein, aber doch nicht Hitler. Die Kinder lesen schon genug Schund im Unterricht und viel zu wenig Sachlektüre.
4. Warum soll man das lesen?
Augustusrex 03.05.2012
Zitat von sysopGehört Hitlers "Mein Kampf" als Unterrichtslektüre in deutsche Schulen? Bei Anne Will stritten die Talk-Gäste über das Für und Wider. Der Text dürfe nur mit Kommentar verbreitet werden, meinten die einen. Ist nicht nötig, sagten die anderen - das Buch sei schließlich nur eine Lachnummer. ARD-Talk: Anne Will zu "Mein Kampf" im Schul-Unterricht - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,831053,00.html)
ich kann natürlich nur für mich sprechen. Ich lese Zeit meines Lebens sehr viel, und das währt doch schon einige Jahre. Ich wüßte aber keinen Grund, warum ich diese Schwarte lesen sollte.
5. Pflichtlektüre
Lorbeerblatt 03.05.2012
Ich habe die Sendung nicht gesehen. Aber zur Ausgangsfrage ein überzeugt leidenschaftlicher Kommentar: Mein Kampf sollte zur Pflichtlektüre an weiterführenden Schulen werden! Das Buch ist hervorragend geeignet dafür, Demagogie, Manipulierbarkeit, Vorurteile... und das ganze Drumherum im Kontext sehr anschaulich zu transportieren! Es lassen sich sehr viele Lehren daraus ziehen. Zum Beispiel, was kritisches Lesen angeht. Schließlich hätte "Mein Kampf" schon vor 80 Jahren Pflichtlektüre einiger Staatsoberhäupter sein sollen. Dann hätte zumindest nicht mehr in Frage gestanden, welch Geistes Kind da unterwegs ist. Ich jedenfalls habe sowohl Mein Kampf (in kommentierter Fassung, die übrigens schon seit Jahrzehnten auf dem Markt ist! Insofern ist die Forderung nach einem kommentierten Schulbuch schlicht hinfällig!) im LK-Geschichte gelesen. Beim besten Lehrer, den ich hatte. Von dem sind wir auch "gezwungen" worden, die Sportpalastrede anzuhören. Mit beidem hat der Lehrer erreicht, dass er sehr kritische und vor allem selbstkritische junge Menschen herangezogen hat - wie es mit "theoretischerem" indirektem Unterricht nie möglich gewesen wäre. Das hängt natürlich auch von der Qualität des Lehrers ab. Dennoch sollte man Jugendliche (und nicht nur die) mit dem Stoff direkt konfrontieren. Nur so erzieht man zu Mündigkeit! Nazis kommen eh ans Original. Insofern ist die Bayern-Forderung eh lächerlich.
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