Terrorismus-Talk bei Anne Will Niveau, bitte steigen!

Was für ein Auftakt! Es gab Anekdoten zu Bosbachs Uralt-Handy und Statistiken zu Todesfällen in Badewannen. Doch zu früh gefreut: Die Talkshow von Anne Will zu islamistischem Terror versumpfte in Floskeln. Da konnte selbst Juli Zeh nicht mehr helfen.

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NDR/Wolfgang Borrs

Manchmal entsinnt sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen seiner Kernkompetenzen, und das ist auch gut so. Die ARD hatte mit ihrem Themenabend zu der Frage, wie weit der Staat in seinem Kampf gegen die islamistische Gewalt gehen darf, obendrein einen Akzent gesetzt, der die eher angstgeplagte zeitgeistliche Stimmungslage der Nation konterkarierte. Anne Will hätte die Chance gehabt, dem eindrucksvollen Film "Unterm Radar" die angemessene Erörterung folgen zu lassen.

Doch während man als Zuschauer noch die beklemmenden Bilder und Szenen des Films vor Augen hatte, wurde man Zeuge eines ziemlich schwachen Talkshowspiels, das die meiste Zeit seltsam oberflächlich dahinplätscherte - bei immer wieder deutlicher Tendenz ins Floskelhaft-Selbstverständliche.

So war etwa von Sabine Leutheusser-Schnarrenberger zu hören, im freiheitlichen Rechtsstaat heilige der Zweck keineswegs die Mittel und alles, was die Privatsphäre betreffe, sei ein hohes Gut. Wolfgang Bosbach wiederum wurde nicht müde zu betonen, in eben diesem Staat geschehe jegliche Überwachung nach Recht und Gesetz.

Zeh sorgt für Zuspitzungen

Wer also erwartet hatte, allein schon das Zusammentreffen der früheren Justizministerin, die mal als eine Art leibhaftiger liberaler Leuchtturm galt, mit dem konservativen CDU-Innenpolitiker werde eine schärfere Prise aufklärerischen Zunder in die Dispute bringen, wurde enttäuscht. Dass sie sich gegen die leidige Vorratsdatenspeicherung aussprechen würde und er dafür, war nun nicht wirklich überraschend. Immerhin bot dieses Thema dem routinierten Dauer- und Vielzweck-Talker Anlass, am Ende noch mal ein bisschen theatralisch zu werden.

Wenigstens Juli Zeh, die in Sachen Bürgerrechte und Datenschutz engagierte Schriftstellerin (und ebenfalls Juristin), sorgte - meist zum Missvergnügen Bosbachs - für ein paar Zuspitzungen, beispielsweise, indem sie darauf hinwies, dass hierzulande das Risiko, im Straßenverkehr oder in der Badewanne zu sterben, weitaus größer sei als das, durch einen Terroranschlag zu Tode zu kommen. Wichtiger für das allgemeine Sicherheitsgefühl als alle Gesetzesverschärfungen seien Haltung und Selbstbewusstsein gemäß den hier geltenden Prinzipien.

Wo ist Wills Ehrgeiz?

Derweil vermittelte Gastgeberin Will nicht durchweg den Eindruck übermäßigen Ehrgeizes bei der Formulierung ihrer Fragen, die dann meist so klangen: "Kann Überwachung Anschläge verhindern? Wie gefährdet sind wir?" Prompt und fast dankbar erinnerte Bosbach an die rechtzeitig unterbundenen Umtriebe der "Sauerlandgruppe", was Juli Zeh mit dem spitzen Einwurf kommentierte, angesichts der Durchsetzung mit V-Leuten wäre es wohl eher verwunderlich gewesen, wenn diese Gruppe jemals einen Anschlag zustande gebracht hätte.

Peter Neumann ist Terrorismus-Forscher und lebt in London - einer Stadt, in der jeder Mensch pro Tag 400-mal von Videokameras erfasst wird, was niemand in der Runde wirklich gut fand. Neumann wusste beizusteuern, dass die Gefährdung gewachsen sei aufgrund der großen Mobilisierung. Allerdings seien andere Staaten stärker gefährdet als Deutschland. Ansatzweise wurde versucht, die Opferzahlen aus RAF-Zeiten zu den heutigen des islamistischen Terrors in rechnerischen Bezug zu setzen, ohne dass dies zu irgendeiner nennenswerten Erkenntnis geführt hätte.

Im Übrigen wünschte sich Professor Neumann, die Sicherheitsbehörden mögen doch bitte eine bessere Öffentlichkeitsarbeit betreiben, damit nicht, wenn einmal lange nichts passiere, von "Terror-Lüge" die Rede sei und davon, dass ja doch der Tod in der Badewanne wahrscheinlicher sei.

Bosbachs Uralt-Handy

Und spätestens jetzt war klar, dass dieser merkwürdig unernste Unterton aus dieser Sendung nicht mehr herauszubekommen war. Anhand eines Berichts im "Pinneberger Tageblatt" stellte Will noch die Frage, ob bei Innenausschusssitzungen tatsächlich die Handys in Alu-Folie gepackt würden, um so das Mithören der NSA zu vermeiden. Bosbach konnte das so nicht bestätigen. Er selbst besitze ein Uralt-Handy, das eher einer "ägyptischen Grabbeigabe" gleiche.

Nachdem Autorin Zeh vergeblich versucht hatte, die Rede etwas niveauvoller auf die bürgerliche Sicherheit in der "Smart-Welt" zu bringen, blieb dem vehementen Befürworter der Vorratsdatenspeicherung keine Chance mehr, eigens mitgebrachte Papiere vorzulesen, die Sendezeit war vorbei. Es hat ihn sichtlich geärgert. Eine verpasste Chance - genau wie die ganze Sendung.



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