"Anne Will" zum Syrienkrieg Aleppo, Chiffre für moralisches Totalversagen

Anne Will wollte von ihren Gästen wissen: "Ist Aleppo verloren?" Statt Hoffnung auf Frieden gab es Schuldzuweisungen und Streit um halbe Wahrheiten. Die Sendung im Check.

Moderatorin Will (3.v.r.) mit ihren Gästen
NDR/ Wolfgang Borrs

Moderatorin Will (3.v.r.) mit ihren Gästen


Die Sendung: Anne Will fragte knapp: "Friedensgespräche abgebrochen - Ist Aleppo verloren?" Der Name der syrischen Stadt droht inzwischen zur Chiffre für militärisches, politisches und moralisches Totalversagen zu werden. Das wurde für die TV-Zuschauer hinreichend deutlich. Sonst gab es allerdings keinen nennenswerten Erkenntnisgewinn.

Die Gäste: Russlands Deutschland-Botschafter Wladimir Grinin; John Kornblum, früherer US-Botschafter in Deutschland; Norbert Röttgen (CDU), Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Bundestags; Nato-General a.D. Harald Kujat; Katharina Ebel, Nothilfe-Koordinatorin der Organisation SOS-Kinderdörfer.

Die Situation: Nachdem die USA die Friedensgespräche mit Russland aufgekündigt haben, ist eine Waffenruhe in Syrien in weite Ferne gerückt. Washington und Moskau geben sich gegenseitig die Schuld. Wie sich das anhört, führten Grinin, wie stets standesgemäß diplomatisch in der Wortwahl, und sein eher gereizt wirkender Ex-Kollege Kornblum vor. Altstratege Kujat, der mit Blick auf die Eingeschlossenen in Aleppo vor einer humanitären Katastrophe warnte, warf beiden Seiten vor, sich nicht an die Vereinbarungen gehalten zu haben.

Der Verlauf: Fast ein Drittel der Sendung wurde mit dem letztlich fruchtlosen Versuch verbracht, den Nachweis für Russlands Schuld an dem Angriff auf einen Hilfskonvoi im vergangenen Monat zu führen. Schon bald fiel einer der Schlüsselbegriffe des Abends, "Kriegsverbrechen", den sich Kornblum, vor allem aber Röttgen zu eigen machte, während Putins Abgesandter erwartungsgemäß lavierte und Kujat von "Vermutungen, Annahmen, Unterstellungen" sprach. Nothilfe-Koordinatorin Ebel, die so etwas wie die Stimme des normalen Menschenverstandes verkörperte, gab zu bedenken, dass es den Menschen ziemlich egal sei, von welcher Seite sie um ihr Leben zu fürchten hätten. "In Aleppo ist nichts mehr sicher." Damit waren die Rollen verteilt.

Die Wahrheit: Es war Ebel, die daran erinnerte, dass auch der Syrienkrieg ein Propagandakrieg ist. Die Wahrheit ist bekanntlich das erste Opfer jedes Kriegs. Entsprechend fragmentarisch kam sie auch beim Reden über den Krieg vor. Kujat zu Kornblum: "Sie sagen nur die halbe Wahrheit." Kornblum daraufhin: Kujat sage selbst nur die halbe Wahrheit. Und als Grinin beteuerte: "Russlands Ziel ist Frieden in Syrien", konterte der Amerikaner: "Wir wissen nicht, ob das so ist." Ebenso wie Röttgen verwies er auf Putins Propaganda-Aktivitäten im Westen, etwa durch gesuchte Nähe zu Trump und anderen rechten Politikern.

Atmosphärisches: Meistens ging es hitzig bis konfrontativ zu. Als etwa Röttgen auf seiner militärisch fragwürdigen Forderung nach einer Flugverbotszone beharrte, blaffte der General a.D. entnervt: "Er versteht es nicht." Und im allgemeinen Stimmgewirr musste Will dann doch mal festhalten: "Das ist meine Sendung." Derweil gab sich Grinin betont auf Deeskalation bedacht und legte Wert darauf, dass das, was die Außenminister Kerry und Lawrow geleistet hätten, "fantastisch" sei.

Kritisches: "Wir haben uns nicht mit Ruhm bekleckert", urteilte Kornblum über Obamas Syrien- und Nahost-Politik und setzte gewisse Hoffnungen auf Hillary Clinton. Röttgen warnte derweil vor einem Eingreifen der USA, das "ein schwerer Fehler" wäre, und lieferte eine treffende Kurzanalyse: Erst habe es unter Bush Interventionismus ohne politisches Konzept gegeben, jetzt gebe es Nichtinterventionismus ohne Plan.

Konkretes: Kujat griff den Vorschlag des Uno-Sonderbeauftragten Staffan de Mistura auf, Aleppo gemäß der Haager Landkriegsordnung zur offenen Stadt zu erklären und die Terroristen im freien Geleit hinauszubringen - was Grinin für gut befand. Syrien-Kennerin Ebel plädierte für Verhandlungen mit allen beteiligten Gruppen unter Einschaltung der Uno. Andernfalls gleiche alles Bemühen einer Scheidung, bei der Freunde und Verwandte über das Schicksal des Paars entschieden. Sich mit der Schuldfrage aufzuhalten, führe jedenfalls zu nichts.

Rhetorisches: "Putin testet aus, wie weit er gehen kann", und zwar ganz generell, glaubte Röttgen herausgefunden zu haben. Deshalb müsse man jetzt "die Kriegsverbrechen beim Namen nennen" und, vor allem, Wirtschaftssanktionen gegen Russland verhängen. "Wir in unserer Komfortzone" hätten uns der Verantwortung bewusst zu werden, deklamierte er mit leicht pathetischem Timbre. Botschafter Grinin mochte das nicht kommentieren, sondern beließ es bei dem Statement, sein Land wolle gute Zusammenarbeit mit Deutschland. Kujat indes vermochte kaum an sich zu halten und attestierte dem CDU-Politiker "Stammtisch-Populismus", der niemandem in Aleppo helfe.

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