"Anne Will" zum Syrienkrieg "Hat die EU nicht mehr als Appelle?"

Anne Will wollte über das Elend in Syrien diskutieren. Es ist bezeichnend, dass dabei vor allem Russland Thema war: Im TV-Studio gab es nicht nur Kritik, sondern auch lobende Worte gen Moskau.

Von

Anne Will mit ihren Talkshowgästen: "Lässt sich der Krieg stoppen?"
NDR/Wolfgang Borrs

Anne Will mit ihren Talkshowgästen: "Lässt sich der Krieg stoppen?"


Zur Sendung: In Syrien soll binnen einer Woche eine Feuerpause erreicht und humanitäre Hilfe für belagerte Städte ermöglicht werden. Zugleich bleiben terroristische Gruppen unter Beschuss. Anne Will ließ in ihrer aktuellen Sendung über die jüngsten Entwicklungen im Bürgerkrieg diskutieren. Das Motto: "Bomben und Elend in Syrien - Lässt sich der Krieg stoppen?"


Für die Diskussion über Syrien ist bezeichnend, dass sie von Russland handelt. Das ist seit Beginn des handfesten russischen Engagements im September so, das hat sich seit der Münchner Sicherheitskonferenz konkretisiert, und das war nun auch bei Anne Will so.

Interessante Gesprächspartner waren da vor allem Gabriele Krone-Schmalz, die langjährige Russlandkorrespondentin der ARD, und Harald Kujat. Der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr hatte neulich in einem Interview erklärt, die Russen hätten durch ihre Bombardements ein Fenster für Verhandlungen aufgestoßen und damit "den Friedensprozess erst ermöglicht". In der Sendung differenzierte er, die Schwarzmalerei müsse ein Ende haben. Es sei nicht so, dass die Russen immer "das Schlechte, das Negative täten". Das Land habe strategische Interessen wie alle anderen Kriegsparteien auch. Man müsse aber "verstehen, worum es eigentlich geht" und "was das am Ende bedeuten könnte", rein militärisch.

Aleppo, so der Lagebericht des Generals a.D., sei nur ein Zwischenziel, um die Terroristen, wer auch immer das sei, "von der Versorgung aus der Türkei abzuschneiden" und anschließend einen Korridor nach Nordosten voranzutreiben, auf Rakka, um dort die Truppen der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) einzukesseln und zu vernichten. Dieses Ziel, da war sich Kujat sicher, würden die Russen "sicherlich auch erreichen". Dieser künftige Korridor sei allerdings durch Gebiete flankiert, die von kurdischen Kämpfern gehalten würden. Erst ein türkischer Eingriff, so Kujat, würde die ohnehin angespannte Lage in einen "Super-GAU" verwandeln.

"Was wollen Sie mit dieser Frage?"

Einen gewissen Respekt vor diesem militärischen Vorgehen konnte sich der alte Militär bei diesen taktischen Ausführungen nicht ganz verkneifen. Von Martin Schulz, dem Präsidenten des Europäischen Parlaments, wollte Will wissen, ob man Russland für sein Eingreifen nun dankbar sein müsse. Seine Antwort: "Man muss einer Kriegspartei nicht dankbar sein, dass sie Kriegspartei ist." Dankbarkeit sei keine Kategorie der internationalen Politik.

Überdies räumte auch Schulz ein, Russland fülle ein Vakuum, das aus fehlenden Strategien der USA und Europas entstanden sei. "Hat die EU nicht mehr als Appelle?", wollte Will wissen. Darauf erklärte Schulz, Russland habe "als Mitglied des Sicherheitsrats die Pflicht", humanitäre Hilfskorridore zu öffnen und "die Konvois durchzulassen". Also eher nein, mehr als Appelle sind nicht drin.

Will: "Wie gefährlich ist das?"

Schulz: "Gefährlich."

Schulz, Will und Krone-Schmalz im TV-Studio
NDR/Wolfgang Borrs

Schulz, Will und Krone-Schmalz im TV-Studio

Krone-Schmalz stellte fest, es sei sehr leicht, sich auf moralisierende Debatten einzulassen, "wenn man im Warmen sitzt". Wenn Kanzlerin Angela Merkel die Bombardements kritisiere, moralisiere sie dann? Über diese Frage von Will zeigte sich Krone-Schmalz verstimmt: "Was wollen Sie mit dieser Frage? Ich sage Ihnen, dass ich Fragetechniken auch kenne. Es hat einen Unterhaltungswert, diese Sendung, sehe ich ein. Und wir haben morgen mehr Presse, wenn wir hier Zoff haben." Sie würde lieber wissen: "Wer ist denn die gemäßigte Opposition, die man unterstützen soll?"

"Ach, das kann man so nicht stehen lassen"

Kriegsreporter Kurt Pelda nannte "die nicht dschihadistische Opposition" als unterstützenswerte Partei. Der Westen müsse dafür sorgen, "dass Assad und die Russen und Teheran wissen, dass sie den Krieg nicht gewinnen können". Zu diesem Zweck sei die Opposition mit Abwehrraketen auszurüsten, mit denen sich russische Bomber abschießen ließen. Man brauche ein Gleichgewicht der militärischen Macht. Dass Europa sich gegenüber Russland so schwach zeige, sei fatal. Die Folgen wären nur noch mehr Flüchtlinge in den kommenden Monaten.

Dem hielt Kujat entgegen, zunächst müsste die "gemäßigte Opposition" von ihren permanenten Vorbedingungen für Verhandlungen abrücken, weil sonst militärische Fakten geschaffen würden und von Friedensverhandlungen "nicht mehr eingeholt" werden könnten. Marwan Khoury, syrischer Arzt und Gründer von Syrienhilfe Barada e.V., mochte von solchen Spielchen nichts hören. Sein Volk werde "nicht mehr akzeptieren, unter diesem Diktator zu leben".

Die Syrer hätten ihre Wahl getroffen, ein Frieden sei nicht über ihren Kopf hinweg zu schließen. Die Russen seien "reingekommen, damit Assad an der Macht bleibt", so Khoury. "Ach, das kann man so nicht stehen lassen", sagte Krone-Schmalz kopfschüttelnd und zitierte Wolfgang Ischinger, den Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz: "Man kann nicht russisches Denken für falsch erklären, nur weil es russisches Denken ist!"

"Es ist schwer, die zu mögen!"

Frieden in "einer halbwegs funktionierenden Welt" sei ohne die Russen nicht zu haben, stellte Krone-Schmalz fest. Dafür müsse man sie auch nicht mögen. Schulz seufzte: "Es ist schwer, die zu mögen!" und fing sich dafür einen leichten Klapps von Krone-Schmalz sein: "Machen Sie doch nicht so 'ne Nummer draus, Herr Schulz".

Der beharrte aber, Putin finanziere "die ganzen rechtsextremen Parteien in Europa, die sitzen bei mir im Parlament!" Darauf Krone-Schmalz, unbeeindruckt: "Wie schlecht ist es um unsere Gesellschaft bestellt, wenn wir es nötig haben, ein solches Feindbild aufzubauen?"

Ob Frieden in Syrien auf absehbare Zeit überhaupt möglich ist - immerhin darin waren sich alle Beteiligten an diesem Abend einig - werde sich in den kommenden Tagen entscheiden. An der Frage nämlich, ob die Russen die wartenden Hilfskonvois der Vereinten Nationen zügig nach Aleppo lassen. Oder eben nicht.

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.