Von Annett Meiritz
Die Chefin der Talkshow-Nation verabschiedete sich, wie sie es seit vier Jahren tut: Ohne große Worte und mit einem charmanten Lächeln. Dabei war es kein gewöhnlicher Abschied für Anne Will. Sie begleitete ihr Publikum zum letzten Mal durch den Spätsonntag - trotz konstant guter Einschaltquoten. Nach der Sommerpause bekommt Günther Jauch den begehrten Sendeplatz.
Sonntag Jauch, Montag Plasberg, Dienstag Maischberger, Mittwoch Will, Donnerstag Beckmann: So sollen die politischen und gesellschaftlichen Late-Night-Talks im Ersten künftig aufgestellt werden; so sieht es die neue Programmstruktur vor, mit der das Erste sein "Informationsangebot ausweiten", sprich: noch mehr Talkshows installieren will.
Fünfzehn Minuten mehr Sendezeit für Will, verspricht ARD-Programmdirektor Volker Herres. "Viel mehr Freiheiten" und "intensivere Gespräche" kündigt Will im Interview mit dem "Tagesspiegel" an.
Es wäre schon ein Anfang, so hofft man heimlich, wenn man künftig einfach auf Arnulf Baring als Gast verzichten würde.
Nicht nur, dass der 79-jährige Politikwissenschaftler ständig in Fernsehstudios zu sitzen scheint - Baring benahm sich ausgerechnet in Wills finaler Sonntagsshow ziemlich daneben.
In dieser widmete sich Anne Will dem großen politischen Thema der vergangenen Woche: "Deutsche Panzer für Saudi-Arabien - Geschäft ohne Moral?" lautete der Titel der Sendung. Der SPIEGEL-Bericht über den Verkauf von 200 "Leopard"-Panzern an den Golfstaat hatte die letzte Bundestagswoche vor dem Herbst ordentlich durcheinandergewirbelt.
Dass die Regierung weiterhin jede Auskunft verweigert, erschwerte eine saubere Debatte und zwang die Moderatorin zu umständlichen Fragestellungen ("...nehmen wir an, die Lieferung sei beschlossen worden..."). Wills erklärtes Ziel, den Sinn des umstrittenen Panzer-Deals zu erforschen, geriet phasenweise zum Stochern im Nebel.
Ein Urgestein flippt aus
Arnulf Baring gab in der Runde den Ultra-Hardliner: "Edle Prinzipien allein führen nicht weiter", sagte er, "Deutschland muss auch an seine Interessen denken, und wir sind nun einmal Waffenexporteure."
Ob Milliardendeals mit instabilen Regionen dann nicht wenigstens transparenter ablaufen sollten? Nein, bügelte Baring ab: Dass Entscheidungen wie diese "auf dem Marktplatz entschieden" werden müssten, sei naiv.
Der rüstige Publizist übertraf mit seinem Geheimhaltungsdrang sogar Hans-Peter Uhl, Innenpolitiker der CSU-Fraktion. Der hielt die Diskussion für eine "hysterische, inszenierte Debatte der Opposition". Die schwarz-gelbe Regierung habe die Frage der Menschenrechte und eigener Wirtschaftsinteressen sorgfältig miteinander abgewogen. Saudi-Arabien, sprach der Christsoziale den Koalitionären Merkel und Westerwelle nach, sei ein verlässlicher Partner im Mittleren Osten.
Die Gegner des Panzer-Deals aber waren in der Überzahl: Theo Sommer, Ex-Herausgeber der "Zeit", wirft der Bundesregierung eine Verschleierungstaktik vor. Dem Golfstaat Panzer zu schicken, nachdem dieser in Bahrain geholfen habe, einen schiitischen Aufstand niederzuschlagen, "das ist absolut fürchterlich".
Die grüne Europa-Abgeordnete und frühere Amnesty-Deutschland-Chefin Barbara Lochbihler bescheinigte Saudi-Arabien einen "zutiefst undemokratischen" Umgang mit der eigenen Bevölkerung und ein "erklärtes antiisraelisches Hassbild". Niemand wisse, wohin das Land gehen und wer jemals über die deutschen Waffen verfügen werde.
Der Autor und Menschenrechtsaktivist Jürgen Todenhöfer, der im März ein Bombardement in Libyen überlebte, zweifelte gar nicht am üblen Zweck der deutschen Kriegsmaschinerie. "Die Panzer werden gegen die eigene Bevölkerung gerichtet. Diesen Wahnsinn müssen wir aufhalten." Ohnehin, da war sich Todenhöfer seltsam sicher, sei der Durchbruch der Demokratie nur eine Frage der Zeit, der arabische Frühling ein gesetzter Erfolg.
Offenbar war es diese gewagte These, die Sitznachbar Baring auf die Barrikaden brachte. Plötzlich, ohne Vorwarnung und erkennbaren Anlass, flippte er aus. "Ach Kinder, ihr seid doch alle simpel, alle miteinander!" entfuhr es ihm. Was aus den Revolutionsbewegungen werde, sei schließlich völlig offen, diese "Generalisierungen", sie seien schlecht und falsch, keifte Baring.
Der dämmrige Sonntagabendzuschauer, erschöpft von Frauenfußball-WM und Tatort, schrak auf: Würde Anne Will den betagten Rüpel des Studios verweisen? Doch die Moderatorin machte das, was sie gut kann: Cool bleiben. "Ach, Herr Baring, jetzt ist aber mal gut", sagte sie, als der sich gar nicht mehr beruhigen wollte und seine Mitdiskutanten weiter als "simpel" beschimpfte. "Nehmen Sie es zurück", bat sie, "wollen Sie es nicht zurücknehmen?"
Baring nahm es nicht zurück. Aber zumindest hatte ihn die Gastgeberin erst einmal ruhig gestellt. Will schaffte es sogar, die Runde zurück auf eine Kernfrage zu lenken: Entscheidet die Frage der Menschenrechte wirklich über Rüstungsexporte - oder ist sie am Ende doch nur Gedöns?
Damals, als Gülcan plapperte
Hans-Peter Uhl fand, die deutschen Sicherheitsinteressen rechtfertigten den Panzer-Export nach Riad, der Saudi-Arabien wiederum gegenüber Iran stärke. Theo Sommer forderte konsequent: keine Lieferungen in Krisengebiete, Barbara Lochbihler verlangte mehr Transparenz und einen vierteljährlichen Rüstungsbericht, Jürgen Todenhöfer gar eine reine Friedensstifterrolle Deutschlands: "Wenn andere nach Bomben rufen, dann müssen wir verhandeln." Da schnaubte Arnulf Baring und guckte angeekelt.
Glücklicherweise war nach 60 Minuten Sendeschluss, "wir machen Ferien und wünschen einen wirklich schönen Sommer", sagte Will und hielt den Abschied kurz. "Bis dahin, alles Gute."
In all den Jahren hat sie vieles überstanden: Das bedrohliche Räuspern von Herta Däubler-Gmelin, die Theorien des "Selbsttötungsautomaten"-Erfinders Roger Kusch, den legendären Staatsoberhaupt-Versprecher von Angela Merkel, das Mundwerk von Viva-Schnattertante Gülcan, und Recherche-Fehler ihrer eigenen Redaktion.
Kein Wunder, dass selbst eine Kriegswaffensendung inklusive Pöbelgast die 45-Jährige nicht mehr schockieren kann. Ihre neue Mittwochsshow, sagt die Moderatorin, solle nicht etwa "'Anne Will' in länger" werden, sondern die Möglichkeit für einen Neustart bieten. Vielleicht ist es auch eine Chance, die ewig gleichen Redner in den Ruhestand zu schicken.
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