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Trisomie-Drama in der ARD: Mit dem Tod schwanger gehen

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"Nur eine Handvoll Leben": Gott sei Dank ohne Violinenmusik Fotos
WDR/ Wolfgang Ennenbach

Auf einmal muss man über das Ende entscheiden: Wie werdende Eltern mit der Diagnose "Gendefekt" umgehen, zeigt der TV-Film "Nur eine Handvoll Leben" - mit einer in ihrer Zerrissenheit umwerfenden Annette Frier.

Manchmal ist der Zeitkorridor, in dem sich alles ändert, gnadenlos knapp. Zwei Wochen sind es bei Annette Winterhoff, schwanger in Woche 22. Das Kind, hat sie eben erfahren, hat eine schwere Trisomie 18, einen seltenen Gendefekt. Überlebenschancen: quasi inexistent. Ab der 24. Woche müsste sie es tot gebären. Aus rechtlichen Gründen.

Und dann sitzt sie vor ihrer Ärztin, bereit zur Abtreibung, sagt fast tonlos: "Ich möchte, dass es schnell geht und dass es schnell vorbei ist." Als sie kurz allein ist, nimmt sie das Stethoskop vom Tisch, hängt es sich um, horcht durch ihren Bauch auf das schnelle Bubupp-bubupp-bubupp ihres Kindes - und geht. Auf einmal war in zwei Minuten alles klar, alles umentschieden.

Diese existenzielle Qual, das Richtige zu tun, ohne zu wissen, was das denn jetzt eigentlich genau sein soll, in so einer zum Heulen beschissenen Situation, steht im Zentrum des Fernsehdramas "Nur eine Handvoll Leben", den die ARD an diesem Mittwoch zeigt.

Die Winterhoffs sind zu viert, ein Mann und seine Zehnjährige, eine Frau und ihre Teenietochter, Thomas (Christian Erdmann) Arzt, Annette ( Annette Frier) Lehrerin: Sie haben sich zu einer neuen Familie zusammengefunden, in einem luftigen Häuschen irgendwo draußen, mit bodentiefen Fenstern ins Grüne. Und nun stehen sie da, sie die Hand gedankenverloren und sanft auf den Kugelbauch gelegt, er starr geradeaus schauend, den Kopf voller Medizinerwissen und dennoch stammelnd. Das glucksende Strahlen, als ob's kein Morgen gäbe, es ist futsch.

Komplett kitschfrei, Gott sei Dank

Die Geschichte, die Regisseurin Franziska Meletzky (die so diverse Stoffe wie die erste "Tatort"-Folge mit Ulmen-Tschirner "Die fette Hoppe" oder die neue ARD-Reihe "Die Diplomatin" mit Natalia Wörner bearbeitet) nach einem Drehbuch von Henriette Piper ("Der Kommissar und das Meer") hier erzählt, ist in dieser Form längst überfällig: Sie zeigt dieses Dilemma, das dank immer präziser werdender Pränataldiagnostik in jeder werdenden Familie irgendwann auftaucht, so wahrhaftig, wie es sonst wohl nur eine Doku könnte. Mit Bildern, die bis zum Schluss die passende Stimmung einfangen, tief anrührend, ohne dafür abgegriffene Tränendrüsenszenen oder Violinenmusik zu brauchen. Komplett kitschfrei, Gott sei Dank.

Dass der Fernsehfilm so großartig werden konnte, liegt aber vor allem an den Schauspielern: Annette Frier und Christian Erdmann - dauerbesetzt in Katie-Fforde-Filmen im ZDF, parallel im Ensemble des Dresdner Staatsschauspiels - können Szenen entstehen lassen, Dialoge sprechen, ohne dass man das Papier des Drehbuchs in ihren Mündern knistern hört.

Viele dieser Momente sind ungeschnitten, die Kamera folgt beiden, wie sie die Spannung halten, Sätze in einem brüchigen Nichts enden lassen. Und allein dass man Frier, nach Comedy und der Ein-Euro-Anwältin "Danni Lowinski" bei Sat.1, dabei zuschauen darf, wie sie all die Zerrissenheit, den Trotz, das aufblitzende Glücklichsein ihrer Annette in ihrem Gesicht, ihren Gesten, ihrer Stimme zeigt, ist ein Geschenk.

Umwerfend im Übrigen auch die junge Aleen Jana Kötter, die Annettes Tochter Julia spielt: Es ist eine Freude, wie diese Teenagerin übers "eklige Dressing" mault, ihrer kleinen Stiefschwester ein "Ooooor, verpiss dich!" entgegenknallt oder genervt die Hand ihrer Mutter wegschiebt.

Doch an dieser Figur klebt auch der einzige Erzählstrang, der nervt - und obendrein absolut unplausibel wirkt: Diese selbstbewusste, skateboardende 15-Jährige denkt, sie hätte das Baby verhext, als sie das Ultraschallbild aus Trotz verbrannte. Und dann mit einem absurden Gegenzauber (Kuscheltier und Foto-Asche im Wald vergraben) versucht, den Bann wieder zu brechen.

Moralisches Abwägen als ständiger Balanceakt

Diese fürs innerfamiliäre Drama gestrickte Storyline wirkt erst recht überflüssig, wenn man sich noch mal dem Kern nähert: Wie entscheidet man über das Leben eines Menschen, der noch nicht einmal geboren ist? Ist es besser, dem garantiert mehrfach schwerstbehinderten Baby, das womöglich nur einige Tage überleben wird, Leiden und Schmerzen zu ersparen - oder Leben und Lebensende seinen Gang gehen zu lassen? Mit welcher Entscheidung lässt es sich als Eltern weiterleben, danach, wenn das Kind gestorben ist?

Dieses moralische Abwägen zeigt der Film als ständigen Balanceakt. Eine Mutter und ein Vater, die sich nicht einig sind und in dieser brutal existenziellen Situation um eine Lösung ringen. Und letztlich einen Weg suchen, um bei all dem einander nicht zu verlieren. (Eine wahre Geschichte findet sich hier)

Dass Technologie unseren Alltag so verändert, dass wir uns vehementer mit unserer eigenen ethischen Haltung auseinandersetzen müssen, ist nicht neu. Aber da die Entwicklung so rasant ist, wird das Thema drängender. Auch der diesjährige Berlinale-Wettbewerbsbeitrag "24 Wochen" mit Julia Jentsch und Bjarne Mädel als werdendem Elternpaar dokumentiert die Überforderung, nach der Diagnose Trisomie 21, Downsyndrom, eine Haltung zu finden.

Wir brauchen mehr davon. Denn wir müssen uns damit konfrontieren, eine Haltung finden in diesem medizinisch-technischen Normenwirrwarr. Uns könnten nur zwei Wochen bleiben, um das Richtige zu tun. Was auch immer das ist.


"Nur eine Handvoll Leben". Mittwoch, 23.3., 20.15 Uhr. ARD

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1. Aus Straffreiheit folgt Entscheidungspflicht?
Ringmodulation 23.03.2016
Weil man neuerdings etwas kann, muss man es plötzlich auch? Das erinnert mich an ein Lied von Herman van Veen: "Doch wenn man wieder planen kann, was fängt man mit der Freiheit an?".
2.
Olaf 23.03.2016
Eigentlich dachte ich zum Thema Abtreibung sei inzwischen alles gesagt.
3. Ist das so?
cjs77 23.03.2016
Also meine behinderte Tochter mit schweren und seltenem Gendefekt hat mir mein Leben noch nicht versaut. Das einzige was diese "Laune" der Natur gemacht hat, ist das Leben meiner Tochter versauen... Meine erste Tochter kann über Vernachlässigung nicht klagen. Sie bekommt dieselbe Aufmerksamkeit wie meine zweite, nur halt anders. Man wächst mit seinen Aufgaben.
4. ...
naundob 23.03.2016
Wir haben in einer ähnlichen Situation die Schwangerschaft beendet und es noch mal versucht. Unsere Tochter ist jetzt fünf und - obwohl sie nichts davon weiß - wirkt es, als wäre sie froh darüber, wie alles gekommen ist.
5. Das Backenhörnchen...
karl.lauer 23.03.2016
..wie Pastewka, A.F. mal in Pastewka genannt hat, ist eine super Schauspielerin. Schau' mir gerade den Film an und bin total gefesselt. Bravo !
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