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Sixties-Serie "Aquarius": Kopfnuss für den ungezogenen Punk

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Zwei ungleiche Cops, L.A. im Hippie-Fieber und Charles Manson: Die US-Serie "Aquarius", die jetzt auf Sky startet, versucht aus dem Schatten des "Summer of Love" von 1967 eine gute Krimi-Geschichte herauszuzerren.

US-Serie "Aquarius": Schatten über dem Hippie-Traum Fotos
Sky/ NBC

Charles Manson (Gethin Anthony) steht in den Hügeln über Los Angeles, umringt von Partygästen und jungen Frauen, die dem charismatischen jungen Mann verfallen sind. Der Sunset Boulevard zieht sich in dieser Szene aus der ersten Episode der NBC-Serie "Aquarius" wie ein breites leuchtendes Band durch die nächtliche Stadt. Manson sieht keine pulsierende Lebensader, sondern eine Giftschlange, die sich unaufhaltsam heranpirscht, um alles zu verschlingen.

Es ist der Spätsommer des Jahres 1967, der "Summer of Love", wie das Erblühen der Hippie- und Gegenkultur verklärend genannt wird. Zwei Jahre später, am 8. und 9. August 1969, wird Manson mit seiner "Familie" an zwei aufeinanderfolgenden Tagen ein Blutbad anrichten, bei dem die Schauspielerin Sharon Tate und das Ehepaar LaBianca ums Leben kommen. Das "Age of Aquarius", im Hippie-Musical "Hair" jubilierend ausgerufen, endete bereits eine Woche vor dem Festival in Woodstock in Chaos und Gewalt - im "Helter Skelter", das der irre Freak und Apokalyptiker Manson in Anlehnung an einen Beatles-Song propagiert hatte.

All das, die Faszination der friedlichen Revolte, der gesellschaftliche Befreiungsschlag der 68er, die Mode, die Musik und der Spirit der Sixties sowie ihre Schattenseiten, ist so oft schon popkulturell aufgearbeitet worden, dass nur noch Stanzen und Stereotype übrig sind. Originelle Ansätze, die Sechzigerjahre und ihre soziokulturellen Umbrüche zu illustrieren, gibt es nur noch vereinzelt, im Fernsehen zuletzt mit "Mad Men", im Kino mit der wunderbar delirierenden Pynchon-Verfilmung "Inherent Vice".

Agent Mulder als Dirty Harry

Wenn man sich also an diese Ära herantraut, sollte man eine richtig gute Geschichte zu erzählen haben. "Aquarius"-Autor und -Produzent John McNamara ("Prime Suspect", "Fastlane") entschied sich für ein kühnes Experiment: Die Anmutung und das Ermittlungs-Kleinklein dieser "historischen Fiktion" in den verblichenen Farben des Noir-Genres entspricht dem Standard-Polizei-Procedural von "CSI" und Konsorten, darüber wölbt sich aber ein panoramischer Erzählbogen: "L.A. Confidential" trifft "True Detective" und "Dirty Harry".

Ausgerechnet David Duchovny, der Ufo-gläubige FBI-Hippie aus "Akte X", der dann in "Californication" den Prototyp des hedonistischen und sexsüchtigen Egozentrikers Hank Moody gab, spielt in "Aquarius" die Hauptrolle. Sein Detective Sam Hodiak ist ein Weltkriegsveteran mit Bürstenschnitt und grauem Anzug, dem die Verlotterungen der Jugend zuwider sind. Einer von den langhaarigen Typen nennt ihn "Pig", als er in einer Kommune ermittelt, das Bullenschwein als Vertreter eines repressiven, konservativen Systems. Eine Ex-Freundin, inzwischen mit einem einflussreichen Anwalt verheiratet, hatte Hodiak gebeten, ihre verschwundene Tochter Emma ausfindig zu machen. Die zunächst noch keusche 16-Jährige (Emma Dumont) war eines Nachts vor den ewigen Streitereien ihrer Eltern auf jene eingangs erwähnte Party geflüchtet. Schnell verfällt das Kind der dunklen Anziehungskraft Charlie Mansons und lässt sich in dessen Hippie-Kommune entführen, zum Klampfen am Lagerfeuer und zum Gruppensex.

Das nun in diese libertäre Welt eindringende "Pig" Hodiak verhält sich zunächst so übergriffig und brutal, wie es die Hippies immer schon angeprangert haben: Für die Provokation kassiert der ungezogene Punk eine Kopfnuss. Erst als er sich mit dem jungen Drogenermittler Brian Shafe (Grey Damon) zusammentut, der sich nicht nur gibt und kleidet wie die Blumenkinder, sondern auch viel Verständnis für ihre Anliegen aufbringt, zeigen sich interessante Brüche im Image des harten Cops. Es bereitet Duchovny sichtlich Freude, diese Antithese zu Mulder und Moody zu spielen, und es macht Spaß, ihm dabei zuzusehen.

Sixties-Hits im 30-Sekunden-Takt

Die Serie rettet ein Duchovny allein jedoch nicht. 13 Episoden lang stöbert das ungleiche Polizistenpaar in den amoralischen Abseiten der L.A.-Gesellschaft und enthüllt ungute Beziehungen zwischen der herrschenden Klasse und den perversen Machenschaften des damals schon mehrfach verurteilten Ex-Knastbruders Manson. Einschlägig bekannte Hits der Ära, von Jefferson Airplane bis The Who, werden im 30-Sekunden-Takt eingespielt, genauso hektisch werden historische Ereignisse und Persönlichkeiten in die Szenerie gestreut - von den Sunset-Strip-Riots gegen die Ausgangsbeschränkungen bis zum Fundraiser für den späteren Gouverneur von Kalifornien, Ronald Reagan.

Auf der Strecke bleibt dabei nicht nur eine packende Dramatik, sondern auch eine Atmosphäre, die über nostalgische Trigger und Generika hinausreicht und das Lebensgefühl dieser signifikanten Zeit tatsächlich nachvollziehbar macht. Das mag der Vorgabe des Senders geschuldet sein, kein abgründiges Sittenbild zu zeichnen, sondern vor allem eine Crime-Story vor historischer Kulisse zu erzählen. Der Versuch, beides zu schaffen, scheitert: Zu uninteressant ist der Kriminalfall, zu wenig dämonisch die Manson-Figur, zu übermächtig Duchovny, dem Drehbuch und minderkarätige Mitspieler kaum etwas entgegenzusetzen haben.

Selbst NBC schien vom Ergebnis des auf dem Papier vielversprechenden Projekts nicht sonderlich überzeugt gewesen zu sein; schon nach Ausstrahlung der ersten Episode, die eher missmutige Kritiken erhalten hatte, stellte das Network die gesamte Serie ins Internet. Auf die Quoten wirkte sich das katastrophal aus, eine zweite Staffel wurde aber dennoch in Auftrag gegeben.

Der Pay-Sender Sky zeigt nun immerhin die ungeschnittene Fassung, in der es all die expliziten Sex- und Gewaltdarstellungen zu sehen gibt, die NBC aus Jugendschutzgründen zensiert hatte. Frustrierend unbefriedigend in seiner Unentschiedenheit bleibt das Hippie-Noir-Experiment "Aquarius" trotzdem. Vielleicht ist es an der Zeit, die Sixties ein bisschen ruhen lassen.

Alle 13 Episoden der ersten Staffel sind ab Donnerstag, 7. Januar, in der Originalfassung oder in deutscher Synchronisation auf Sky Go und Sky On Demand bei Sky Box Sets sowie über Sky Online abrufbar.

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insgesamt 4 Beiträge
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1. Ick freu mir
alexanderschulze 07.01.2016
Ist schon programmiert.
2. wozu?
pfeiffer_mit_3_f 07.01.2016
gibts doch auch on demand :)
3. lustig!
GSYBE 08.01.2016
Manchmal komme ich hier bei den Rezssionen und Redaktionskommentaren aus dem Schmunzeln nicht mehr raus...und jetzt gerade war es ein lautes Lachen: "Auf der Strecke bleibt dabei nicht nur eine packende Dramatik, sondern auch eine Atmosphäre, die über nostalgische Trigger und Generika hinausreicht und das Lebensgefühl dieser signifikanten Zeit tatsächlich nachvollziehbar macht." Dies schreibt allen Ernstes ein Herr Andreas Borcholte, Jahrgang 1970! Das nennt man Lebenserfahrung, auch wenn es da nicht die geringste zeitliche Überschneidung gibt. Hauptsache das Geschriebene mutet recht schlau an. Wir werden die Serie, auf die wir uns übrigens schon länger freuen, erst anschauen, wenn alle 13 Folgen der E1 verfügbar sind.
4. Schade
alexanderschulze 08.01.2016
Nach ca 30 Minuten gähnender Langeweile ausgemacht und Programmierung gelöscht. Passiert ist da ja mal fast gar nix. Mit David Duchovny bin ich jetzt fertig. Akte X war schon doof, Californication war langweilig und jetzt der Flop. Die Quoten in USA bestätigen das auch.
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