Dittrich-Comedy im TV Der Meister des Werdens

Schwuler Friseur, Schlagersängerin Trixie und schließlich wieder Dittsche. Niemand in Deutschland verwandelt sich so in seine Charaktere wie Olli Dittrich - und immer träumen kleine Leute kleine Träume.

WDR/ Beba Lindhorst

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Auf Netflix läuft gerade eine extrem eindrucksvolle Dokumentation darüber, wie der ohnehin irre Jim Carrey 1999 bei den Dreharbeiten zu dem Biopic "Der Mondmann" allmählich den Verstand verlor, weil er sich mit Haut und Haaren (und Seele) die noch irrere Persönlichkeit seines verstorbenen Kollegen Andy Kaufman anverwandelte. Nicht spielen, nicht darstellen, nicht verkörpern, sondern auf unheimliche Weise werden - das kann in Deutschland nur Olli Dittrich.

Der Schauspieler mag es auch nicht, wenn man ihn am Set mit "Olli" oder "Herr Dittrich" anspricht. Er ist Schorsch Aigner (alias Franz Beckenbauer), er ist Hauke Roche-Baron (alias Peter Scholl-Latour). In der achten und vorerst letzten Persiflage seiner Reihe nun ist er Trixie Dörfel.

Dörfel ist in den Sechzigerjahren bekannt geworden mit Filmen wie "Herr Pastor ruft die Polizei" oder "Herr Pastor drückt ein Auge zu", wurde in den Siebzigerjahren ausgezeichnet für "heitere Streifen" wie "Das brennende Klassenzimmer". Nicht nur ihr Hit "Zwei Kugeln Eis mit Sahne" ist unvergesslich, auch ihre gescheiterten Ehen mit legendären Regie- und Schauspielkollegen wie Attila Hinz und Peter Pudel sind es. Zuletzt strahlte Dörfel im "Klinik-Paradies".

Sie hat mit ihren weißen Zähnen, ihrer weißen Villa, ihrem weißen Kleid und ihrem Hang zu rotem Wein kein Vorbild in der Realität. Dörfel ist die liebevoll kalkulierte Summe aller gealterten Diven, die aus dem verlogenen Schlagergeschäft ihr Gnadenbrot beziehen. Weil sie die CD "Trixie Wonderland" zu promoten hat, lädt sie Stefanie Hertel (als Stefanie Hertel) zu einem Hausbesuch, wie ihn auch Patricia Riekel von der "Bunten" nicht schmieriger hätte gestalten können.

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"Trixie" und "Jennifer": Kampfzone Advent

Vom "Goldenen Löffel der Stadt Bad Hersfeld" bis zum "Bravo"-Otto 1973, von der Beauty-Reihe "TriXiebzehn" bis zu den kleinen gestischen Manierismen der Dörfel stimmt hier alles so sehr, dass es fast schon schmerzt. Nicht unwahrscheinlich, dass manche Zuschauer "Weihnachten mit Trixie Dörfel" für bare Münze nehmen und anschließend bei Amazon ratlos nach dem Lebenswerk der Dame suchen werden. Zumal ehrfürchtige Neugier der Hertel, selbst Vertreterin des persiflierten Genres, die Illusion perfekt macht.

Ein Leben in süßlichsten Floskeln

Bei Dittrich entsteht Komik nicht aus Travestie und Übersteigerung, sondern aus winzigen Details. Wie Dörfel nicht aufhört, Zucker in ihren "peruanischen" Tee zu schütten und überhaupt ihr ganzes Leben in süßlichsten Floskeln für gelungen erklärt, auch die ahnbaren Katastrophen. Unter Gemälden von "Christine Neubauer", ein weiterer Querverweis auf Schorsch Aigner, steht ihr Bambi: "Der Tom Cruise hat's bekommen für Courage, der Bushido für Integration und ich jetzt für Nächstenliebe".

Mehr von Dittrich gibt es schon am 2. Januar, wenn beim NDR wieder die Comedy "Jennifer - Sehnsucht nach was Besseres" anläuft. Leider wird der schwule Friseur, den Dittrich hier wieder nicht nur spielt, sondern anverwandelt, gleich in der ersten Episode ausgebootet. Dafür bietet die Komödie von Lars Jessen ("Fraktus") auch in der zweiten Staffel mit einer ganzen Reihe glänzender Darsteller, von Katrin Ingendoh in der Hauptrolle über David Bredin als prototypischer Proll und große Doris Kunstmann - bis zu Klaas Heufer-Umlauf.

Der gelernte Friseur, Moderator ("Circus Halligalli") und Musiker (Gloria) spielt den blondierten Ex-Promi Ingo Albrecht, der nach Stationen in der Hitparade ("Journey To Your Heart") und "im Container" wieder in seinen früheren Job zurückkehrt - und Haare schneidet. Heufer-Umlauf spielt den armen Kerl mit der nötigen Mischung aus Größenwahn ("Da steh ich auch zu!") und Tragik, wenn er sich in seinem Wohnmobil mit Flaschenbier und Kippen die Kante gibt.

Zwar reicht "Jennifer" nicht an die Perfektion von Olli Dittrichs TV-Zyklus heran, nimmt seine etwas hölzernen Protagonisten aber ähnlich liebevoll in den Arm. Kleine Leute träumen kleine Träume, und weder die Leute noch die Träume werden wirklich verraten. Auch hier sind es Gesten, Blicke und falsch aufgeschnappte Redewendungen ("Ohne mich geht hier der Bach runter!"), die das Zuschauen zu einem kurzweiligen Vergnügen machen.

Olli Dittrich fehlt hier trotzdem, wenn auch nicht lange. Ab April 2018 ist er wieder "Dittsche".


"Trixie Wonderland - Weihnachten mit Trixie Dörfel", 21. Dezember, 22.55 Uhr, ARD
"Jennifer - Sehnsucht nach was Besseres", ab 2. Januar, 22.30 Uhr, NDR



insgesamt 8 Beiträge
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Schwarzer Luxemburg 21.12.2017
1. Spieglein, Spieglein...
Der Regisseur von "Fraktus" und "Jennifer" heißt Lars Jessen, nicht Jens Jessen. Bei der Online-Ausgabe des ehemaligen Nachrichtenmagazins bin ich aber mittlerweile schon froh, wenn wenigstens jeder 3. Artikel ohne grobe Fehler daherkommt...;-) Nichtsdestotrotz, Dittrich ist in seinen Rollen zumeist ein Erlebnis und in der genauen Zeichnung seiner Charaktere mitunter auf Loriot-Niveau. Bei Trixie Dörfel ist Dittrich es auf jeden Fall. Man darf auf heute abend gespannt sein. - - - - - - - Vielen Dank für den Hinweis. Wir haben den Fehler korrigiert. MfG Redaktion Forum
romeov 21.12.2017
2. Klingt gut
...nur viele meiner Mitmenschen können mit Persiflagen auf den täglichen Alltagshorror, (Frühstücksfernsehen, bis zum Bersten gut gelaunte Radiomoderatorinnen und naive Schlagershows), gar nichts mehr anfangen. Weil sie das als Normalität empfinden.
palef 21.12.2017
3. ...es war einmal ein Dittrich...
...er konnte ja nur flacher werden...und wurde es... Formate in Richtung RTL/II, SAT und weitere Private, dahin, wo das Ende des Humors ist...
fördeanwohner 22.12.2017
4. -
Zitat von palef...er konnte ja nur flacher werden...und wurde es... Formate in Richtung RTL/II, SAT und weitere Private, dahin, wo das Ende des Humors ist...
? Haben SIe eigentlich den Artikel gelesen? Kommt mir nicht so vor. "Trixie Dörfel" ist nicht Olli Dittrich - das ist doch gerade. Ich finde es faszinierend, dass er in so eine Rolle schlüpfen kann, ohne dass es klamaukig wird. Ich fand's gestern sehr gut, da richtig gruselig. WIE ein echter Promi bei irgendeinem Privatsender. Das muss man so erstmal hinkriegen!
sapiens-1 22.12.2017
5. Sorry, ich weiß nicht...
---was so viele an Olli Dittrichs vermeintlicher Komik finden. Ist eigentlich nur abgeschmackte Langeweile, die durch die Realität eindeutig übertroffen wird. Von daher sollten vielleicht die medialen Kritiker, die immer in größere oder große Lobeshymnen ausbrechen nicht mal prüfen, ob sie nicht selbst gemeint sein könnten. Mich reist Dittrich auf jeden Fall nicht vom Hocker, es schläfert mich eher ein.
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