ARD-Zweiteiler "Das andere Kind": Was Hitlers Bomben nicht schaffen

Von Nikolaus von Festenberg

Mitten in der Flut von Bestsellerverfilmungen ein Lichtblick: Der ARD-Zweiteiler "Das andere Kind" nach dem Kriegsroman von Charlotte Link ist so ziemlich alles, was man sich von einem TV-Movie wünscht - atmosphärisch dicht, voller Tragik, ein Gipfeltreffen deutscher und englischer Schauspielgrößen.

"Das andere Kind": Kriegsflüchtlinge, Erbschleicher, Nichtsnutze Fotos
ARD Degeto

Ein 667-Seiten-Bestseller-Buchziegel, eine Million Leser, eine berühmte Autorin. "Na und?", denkt der Kritiker in reflexhafter Abwehr. Fängt an zu schmökern und fällt sogleich auf seine hochnäsige Nase. Die 2007 erschienene Geschichte von Charlotte Link ist das Ergreifendste, was er seit langem gelesen hat. Ein kleiner Junge überlebt als einziges Mitglied seiner Familie 1940 in London einen deutschen Bombenangriff. Er schließt sich wortlos und traumatisiert als unabweisbare Klette einem Mädchen an, das - wie viele Kinder aus der Hauptstadt - aufs Land geschickt wird.

Was Hitlers Bomben nicht schaffen, ereignet sich im rauen Farmerleben Nordenglands: die soziale Auslöschung einer armseligen Existenz durch Gleichgültigkeit. "Das andere Kind", das eigentlich Brian heißt, wird von seiner Umgebung, allen voran von seiner Bombenkindbegleiterin Fiona und von deren späteren Geliebten Chad, erst als Nobody verspottet und dann - als die beschützende Farmersfrau gestorben ist - bei einem brutalen Nachbarn als unheilbarer Irrer entsorgt.

Es war der Krieg, heißt die Entschuldigung. Aber diese Entschuldigung lindert nichts. Der Fluch der bösen Tat wird fortzeugend immer neues Böses gebären. So sind sie fast alle verflucht, die Links Roman bevölkern. Die Qualen der Täter und ihrer unfreiwilligen Erben heißen Gefühlslähmung, Misstrauen, übersteigerte Partnerideale, mühsam eingefrorener Hass, der jederzeit kriminell aufglühen kann. Das Abschiebungsverbrechen von einst zeugt lauter beschädigte Menschen.

Kann man das verfilmen?

Mit großer Präzision, aber ohne Sadismus lässt Link in ihrem Roman die Fäden zwischen alter und neuer Schuld zusammenlaufen. Das Verdrängte bedroht die Vernunft und lähmt die Lebenslust. Kein Wunder, dass durch den Roman Kälte, Regen und Wind ziehen, ein England in der ganzen Pracht seiner Unwirtlichkeit.

Kann man das verfilmen? Regisseur Urs Egger ("Opernball") und Teamworx-Produzent Benjamin Benedict wollten den Weg finden vom historischen Drama zu einem polizeilichen Ermittlungsthriller, von einer traurigen Liebesgeschichte zu einem funktionierenden Multi-Character-Plot. Viele Krimi-Verfilmungen schaffen diese Strecke nicht.

Charlotte Link weiß das. Sie hat mit den Fernsehergebnissen ihrer Bücher nicht nur gute Erfahrungen gemacht. Sie hat gelernt, dass man als Romanautorin auch für die Verfilmungen haftbar gemacht wird. "Das andere Kind" hat sie deshalb erst zur TV-Adoption freigegeben, als sie sicher war, dass der historische Hintergrund der Geschichte - wegen des szenischen Aufwands von Produzenten als Kassengift gefürchtet - erhalten bleiben werde.

Der Film zeigt Bilder (Kamera: Martin Kukula) aus einem Stück England, das so ganz anders aussieht als Pilchers Bilderbuchwelt: Nüchtern, abgeschabt, angestrengt. Und liefert dazu eine grandiose Rekonstruktion der englischen Kriegs- und Nachkriegswelt. Drehbuchautor Stefan Dähnert, der zuvor den ambitionierten zweiteiligen "Tatort" über den Hannoveraner Filz geliefert hat, leistete ganze Arbeit.

Blond gelockt und sterbensschön

Den endgültigen Sprung in die bessere Verfilmungsklasse schafft "Das andere Kind" durch den Versuch, englische und deutsche Schauspielkunst zu vermischen. Da entsteht ein Tableau tragisch-düsterer Charaktere, wie man es selten sieht. Hannelore Hoger, die Verräterin eines Nachkriegskinds und Urmutter allen Unglücks, funkelt mit höhnisch verzweifelten Blicken und aggressiv wie eine Dogge den Filou Tanner (Fritz Karl) nieder. Sie hat ihn als Erbschleicher durchschaut, einen innerlich gebrochenen Frauenherzensbrecher und elenden Loser.

Ihre englischen Kollegen, Richard Johnson - er spielt den wegen der bösen Tat versteinerten Ex-Geliebten Fionas - sowie Bronagh Gallangher als liebendes ungeliebtes Objekt des elenden Nichtsnutzes Tanner, zeigen die Tugend britischer Schauspieler: die uneitle Hingabe an ihre Rolle.

Eine ähnliche Wirkung erzielt Raquel Cassidy in der Rolle der Kommissarin - eine ehrgeizige, ewig neidische Jägerin, deren Gier nach Durchsetzung das Erkenntnisvermögen trübt. Den schwierigsten Job hat Marie Bäumer, die als Fionas Enkelin Leslie durch die heldenlose Handlung führt und als emotionaler Anker irritierten Zuschauern Halt geben soll.

Dabei ist sie in Links Welt alles andere als eine milde Trösterin, sondern ein Opfer der bösen Urtat. Die Großmutter, bei der sie aufwuchs, hat ihr Vertrauen zu Männern zerstört. Diese Wut und Trauer darf Bäumer nicht wie ihre anderen Kollegen ausspielen. Stattdessen kastelt der Film sie in die Rolle der Moderatorin ein - des deutschen Fernsehens liebste Heldenfigur. Blond gelockt und sterbensschön. Und leider etwas unterfordert.


"Das andere Kind", Mittwoch und Donnerstag, 20.15 Uhr, ARD.

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