ARD-Doku zum "Bild"-Geburtstag: Nicht das beliebteste Blatt

Von Stefan Niggemeier

Die Fakten sprechen für sich: Die ARD widmet der "Bild"-Zeitung zum 60. Geburtstag die Dokumentation "BILD. MACHT. POLITIK." über Methoden und Maschen des Boulevardblatts. Erfreulicherweise kommt der Film ohne empörten Off-Kommentar aus und überlässt das Urteil dem Zuschauer.

Gefürchtet und verhasst: 60 Jahre "Bild"-Zeitung Fotos
dapd

Der schönste und zugleich furchterregendste Satz fällt noch vor dem Vorspann. Edmund Stoiber formuliert ihn auf seine unnachahmliche Art: "Die 'Bild'-Zeitung ist schon ein Stück, wenn ich das mal so sagen darf, eine Art direkte Demokratie."

Das würde der "Bild"-Zeitung gefallen, das umreißt auch ihren unausgesprochenen Machtanspruch gut: Dass sie für das Volk spricht und in dieser Rolle direkten und massiven Einfluss auf die Politik ausüben darf. Stoibers Satz erklärt auch gut, warum die "Bild"-Zeitung tatsächlich eine so große Macht hat: Nicht, weil sie tatsächlich für das Volk spräche. Nicht einmal, weil sie das Volk mit ihren Schlagzeilen und ihrer Parteilichkeit beeinflusse. Sondern weil Politiker dem Blatt diese Macht zusprechen.

Im Juni wird die "Bild"-Zeitung 60 Jahre alt. Zum Geburtstag hat die ARD ihr eine Dokumentation geschenkt. Sie läuft am kommenden Montag um 22.45 Uhr im Ersten und heißt etwas verquast: "BILD. MACHT. POLITIK."

Das Verhältnis zwischen "Bild"-Zeitung und der ARD ist zerrüttet

Man könnte das Schlimmste erwarten: Das Verhältnis zwischen "Bild" und der ARD ist zerrüttet. Im vergangenen Jahr arbeitete die "Bild"-Zeitung an einer großen Kampagne gegen die ARD, im Gegenzug rüstete sich die ARD, mit ähnlichen propagandistischen Mitteln zurückzuschießen.

Doch die Dokumentation von Christiane Meier und Sascha Adamek ist im besten Sinne unaufgeregt. Sie kommt ohne empörten Off-Kommentar aus, ordnet ihre Fundstücke nicht einer zentralen These unter, wahrt Distanz zu allen Beteiligten und setzt aus kleinen Steinen das Mosaik einer zutiefst widersprüchlichen Zeitung zusammen, die seriöses Leitmedium sein will, und doch eher Krawallblatt ist. Und deren Wirken einem zumindest unheimlich sein sollte.

Die Dokumentation konzentriert sich fast ausschließlich auf die Rolle der "Bild"-Zeitung im Politikbetrieb. Sie zeigt, wie sehr Politiker das Blatt fürchten - was für sich genommen natürlich für die "Bild"-Zeitung sprechen könnte: Eine Zeitung, die den Mächtigen unbequem ist, scheint ihrer journalistischen Aufgabe besonders gerecht zu werden.

Doch die Geschichten, die Politiker wie Claudia Roth und Gregor Gysi erzählen, sind keine Geschichten von kritischen Recherchen, sondern von Diffamierungen und Lügen. Man muss den stolzen Blick der Grünen-Chefin gesehen haben, wie sie die riesige Gegendarstellung zeigt, die sie im Jahr 2005 durchgesetzt und von der die "Bild"-Zeitung trotzdem versucht hat, mit einem Artikel über "Ekel-Kunst" darüber abzulenken. "Das war der Sieg über die Unwahrheit", sagt Roth und lässt keinen Zweifel daran, dass der schon psychologisch wichtig war.

Um diese Gegendarstellung zu verhindern, habe ihr die "Bild"-Zeitung angeboten, eine nette Homestory über sie zu bringen. Oder ein Exklusiv-Interview mit ihr. Auch andere berichten im Film von solchen "dreckigen Deals", wie Claudia Roth das Angebot nennt. Der Bildhauer und "Bild"-Kritiker Peter Lenk sagt, er hätte ein ähnliches Angebot als Wiedergutmachung für eine Falschmeldung schon deshalb abgelehnt, weil ihm eine positive "Bild"-Geschichte "wie Scheiße am Bein" hängen würde.

Mal wohlwollend, mal vernichtend

Solche Angebote zeigen, dass die "Bild"-Zeitung bereit ist, ihre Berichterstattung anderen als journalistischen Erwägungen unterzuordnen. Und es gibt viele Indizien dafür. Der Film zählt die Interessenskonflikte nüchtern auf: Der Verzicht auf große kritische Schlagzeilen über den AWD-Gründer Carsten Maschmeyer und seine umstrittenen Methoden - Maschmeyer ist unter anderem ein großer Förderer der "Bild"-Aktion "Ein Herz für Kinder". Die wohlwollende Berichterstattung über Michael Mronz, den Lebenspartner von Guido Westerwelle - Mronz ist Vorstandsmitglied der "Bild"-Hilfsorganisation.

Und umgekehrt stellt der Film die Frage, ob die "Bild"-Zeitung den damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff deshalb plötzlich so nachhaltig und unnachgiebig angriff, weil er "vielleicht ein 'Bild'-Aussteiger" war. Gregor Gysi sagt über Wulff: "Ich glaube, sein Fehler bestand darin, dass er die 'Bild'-Zeitung nicht mehr wollte, nachdem er vorher mit ihr gut zusammengearbeitet hat. Weil er dachte, dass er wirklich Bundespräsident ist - das heißt, dass er ganz oben steht und sich das leisten kann. Und die "Bild"-Zeitung wollte ihm beweisen, dass er sich irrt. In diesen Kampf sind wir hineingeraten."

Die"Bild"-Zeitung scheint unter dem Mantel des Journalismus immer wieder in eigener Sache zu kämpfen: Für einen Politiker wie Karl-Theodor zu Guttenberg zum Beispiel, der möglicherweise gezielt zum neuen Kanzler aufgebaut werden sollte. Der frühere "Bild"-Freund Hans-Olaf Henkel, der das erzählt und sich bitter über "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann und dessen Machtmissbrauch beklagt, wurde von dem Blatt kürzlich ohne ersichtlichen äußeren Anlass publizistisch vernichtet.

Es geht in diesem Film über die politische Macht der "Bild"-Zeitung fast gar nicht um politische Inhalte, und das ist sehr treffend. Viel wichtiger als der Kampf um eine politische Ideologie scheint der "Bild"-Zeitung heute der Kampf um die Macht als Selbstzweck zu sein. Für Karl-Theodor zu Guttenberg sprach aus "Bild"-Sicht wohl weniger ein konkretes politisches Programm des Politikers, als seine Popularität und die Nähe, die er ihr gewährte.

Kai Diekmann, das niedliche Haustier

Den Eindruck, dass es um Inhalte irgendeiner Art am allerwenigsten geht, verstärken die Äußerungen von Kai Diekmann. Er versucht vor allem den Eindruck von Harmlosigkeit zu erzeugen und wirkt dabei gelegentlich wie ein niedliches Haustier. Einer ernsten Auseinandersetzung entzieht er sich, etwa wenn er auf die Frage nach der "Macht" ausweicht: "Es geht auch nicht um Macht oder keine Macht, ich weiß auf jeden Fall, dass ich nicht der beliebteste Chefredakteur Deutschlands bin."

Das treffende Fazit der ARD-Autoren lautet: "Ihre Millionenauflage macht 'Bild' stark. Aber sie hat nur so viel Macht, wie Politiker ihr einräumen."

Und damit könnte der Film eigentlich zu Ende sein, aber dann kommt noch ein Nachklapp. Es geht um die belgischen Kinder, die bei einem furchtbaren Busunglück in der Schweiz ums Leben gekommen sind und deren Gesichter die "Bild"-Zeitung auf der Titelseite gezeigt hat. Kai Diekmann erzählt mit seinem treuherzigen Gesicht von der "sehr würdevollen Darstellung" und dass man natürlich über den Bürgermeister des Heimatortes die Genehmigung der Eltern gehabt hätte. Der Bürgermeister dementiert das schriftlich, seine Sprecherin vor der Kamera.

Es sind Szenen, die eigentlich vom Thema Politik wegführen, und die doch eine gute Aufforderung an den Zuschauer darstellen, sich an dieser Stelle und überhaupt zu fragen, ob er diesem Chefredakteur und seiner Zeitung trauen will.


"BILD. MACHT. POLITIK.": Das Erste, Montag, 16. April, 22.45 Uhr

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insgesamt 114 Beiträge
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1. warum nur?
zynik 14.04.2012
Zitat von sysopdapdDie Fakten sprechen für sich: Die ARD widmet der "Bild"-Zeitung zum 60. Geburtstag die Dokumentation "BILD. MACHT. POLITIK." über Methoden und Maschen des Boulevard-Blatts. Erfreulicherweise kommt der Film ohne empörten Off-Kommentar aus und überlässt das Urteil dem Zuschauer. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,827416,00.html
Es ist für mich nach wie vor nicht nachvollziehbar, wie man sich als halbwegs aufgeklärter Bürger durch dieses Blatt (der Begriff "Zeitung" trifft hier nicht zu) freiwillig verblöden und desinformieren lässt und dafür auch noch Geld bezahlt. Allerdings liefert die Auflagenzahl ein Zeugnis vom intellektuellen Zustand dieser Republik und erklärt teilweise, warum die sog. politische Elite ihre Bürger offensichtlich für blöd hält.
2. Politik. Macht. ARD
spongie2000 14.04.2012
Ja, bekanntlich sind sich Politik und öffentlich-rechtliche Medien sehr fern (*husten* Brenner *husten*). Es ist ja nicht so, dass in den Aufsichtsräten der ARD nur Parteisoldaten sind. Aber mir lege es fern, die Bild-Zeitung mit der ARD zu vergleichen. Denn die Bild erwirbt ihr Einkommen legal und fair und ohne GEZ-Steuern, die es über ihre Kontakte zur Politik aufrecht erhält und erhöht. Hier nochmal die Zahlen: Es gibt etwa 200 Staaten auf dieser Welt. Ein Drittel davon hat ein niedrigeres BIP als die ARD. Sie hat jährlich 10.000.000.000 Euro zur Verfügung (!!!). Das sind zehn Milliarden, also zehn tausend Millionen, damit sie uns informieren kann. Um es mal ins Verhältnis zu setzen: Die ARD kann mit so viel Geld jedem ihrer 23.000 Mitarbeitern jeden einzelnen Monat einen neuen BMW 3er verschenken, oder jedes Jahr ein brandneues Eigentumshaus. Und keine Partei schafft sie ab. Das allein sollte doch Beweis genug für den Einfluss, die Macht und die Beziehungen der ARD zur Politik sein.
3.
Mimimat 14.04.2012
Zitat von zynikEs ist für mich nach wie vor nicht nachvollziehbar, wie man sich als halbwegs aufgeklärter Bürger durch dieses Blatt (der Begriff "Zeitung" trifft hier nicht zu) freiwillig verblöden und desinformieren lässt und dafür auch noch Geld bezahlt. Allerdings liefert die Auflagenzahl ein Zeugnis vom intellektuellen Zustand dieser Republik und erklärt teilweise, warum die sog. politische Elite ihre Bürger offensichtlich für blöd hält.
Nö, das erklärt es nicht. Sehe ich doch bei Bundes-/Landtagssitzungen immer wieder Politiker, die dieses Wurstblatt hingebungsvoll studieren.
4.
h.hass 14.04.2012
BILD betreibt immer und immer wieder widerlichsten Gossen- und Kampagnenjournalismus und darf mit Fug und Recht als das ekligste Schmierenblatt in diesem Land bezeichnet werden. Aus undurchsichtigen Gründen werden Politiker hoch (Guttenberg) oder runter (Wulff) geschrieben. BILD betreibt zusammen mit anderen Springer-Gossenblättern übelste Hartz-IV-Hetze (Arno Dübel) und entblödet sich nicht, auf der einen Seite den Papst zu preisen und auf der nächsten ein Tittengirl abzudrucken. BILD war das Allerletzte, ist das Allerletzte und wird auch das Allerletzte bleiben.
5. Hetzblatt
weizenbier warrior 14.04.2012
Wer das Arsch-, Titten- und Hetzblatt nicht im Briefkasten haben möchte, der kann hier mitmachen: Aktion: Keine BILD in meinen Briefkasten! | Campact Blog (http://blog.campact.de/2012/04/aktion-keine-bild-in-meinen-briefkasten/) BILD hat gedroht, zum Jubiläum jedem Haushalt eine Ausgabe aufzuzwingen - ähnlich wie die Jungs mit der Massenproduktion des Korans. Dass BILD so stark akzeptiert wird, ist ein interessanter Maßstab für die intellektuelle Leistungsfähigkeit der Deutschen - sowie auch für die Kriecherei aller machtgeilen Leute, die sich gerne des Blattes bedienen.
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