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ARD-Doku "Der Krieg": Opa marschiert jetzt in Farbe

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So farbenfroh können Gemetzel sein: Mit der spektakulär kolorierten Doku "Der Krieg" widmet sich die ARD dem Zweiten Weltkrieg und zeigt ein gewaltiges Bildertableau des Schreckens. Der Dreiteiler vermittelt seine simple Botschaft zwar nicht immer sauber - aber stets effektiv.

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"Der Krieg": So bunt kann Schrecken sein

Ein letztes Mal streichelt der Soldat über den Rücken des Hundes, dann stürmt das Tier los, die tödliche Fracht um seinen Körper geschnallt, sein Ziel: ein deutscher Panzer, der wenige hundert Meter entfernt vorbeirumpelt. Darauf abgerichtet, unter großen Fahrzeugen Futter zu finden, kriecht der hungrige Hund unter das Kriegsgefährt - und wird von seinem Herrchen per Fernzündung in die Luft gejagt.

Zu sehen, wie die sowjetischen Truppen Hunde als lebende Sprengsätze gegen die vorpreschende Wehrmacht einsetzten, ist schon ein eigentümlich bizarrer Beleg für die Monstrosität des schrecklichsten Konfliktes des 20. Jahrhunderts. Doch solch nebensächliche, oft genug groteske Bilder wie diese sorgen für die zwingendsten Momente, mit denen die Zweite-Weltkriegs-Doku "Der Krieg" aufwarten kann.

Die französische Produktion ist ein Opus Magnum, zumindest was den Anspruch angeht. Ursprünglich ein Sechsteiler, bildet der Film den kompletten globalen Konflikt ab. In Frankreich war die Dokumentation ein Renner beim Publikum, gerade bei der jungen Zielgruppe. Wenig erstaunlich also, dass sich die ARD das Werk gesichert und es ins Programm gehoben hat - wegen der stark französisch eingefärbten Perspektive des Originals auf drei Folgen gekürzt.

Grund für den Riesenerfolg dürfte allerdings nicht allein der ambitionierte Fokus des Werks gewesen sein, sondern dessen spektakuläre Präsentationsform: "Der Krieg" zeigt ausnahmslos bewegte, aufwendig nachkolorierte Filmaufnahmen. Viele davon waren bisher unveröffentlicht und wurden jetzt unterlegt mit einem wuchtigen Soundtrack sowie den Kommentaren zweier Erzähler aus dem Off.

Ansonsten kommt das Werk aber eher old school daher, als klassischer Kompilationsfilm. Die Macher (Isabelle Clarke, Daniel Costelle) enthielten sich sogenannter szenischer Rekonstruktionen (also mit Schauspielern), setzten keine Computergimmicks ein, Experten kommen keine zu Wort, und auch keine Zeitzeugen, die Guido Knopps History-Factory ja eigentlich als Dokutainment-Standardzutat etabliert hat. Auf eine biografische Erzählform, deren emphatische Haltung oft das analytische Verständnis zukleistert, verzichtet der Film also.

Worst-of-Abschlachten

Die Folge von dieser Sparsamkeit der Mittel, gepaart mit der Opulenz der nachträglichen Farbgebung? Ein gewaltiger Bildersturm bricht los, der durch die drastischen ARD-Kürzungen nur um so heftiger über den Zuschauer hinwegfegt. "Der Krieg" springt von Kriegsschauplatz zu Kriegsschauplatz, von Kriegsverbrechen zu Kriegsverbrechen; er überzeugt nicht - er überwältigt. Der Film entfaltet einen Suggestiv-Sog, der jeden Zweifel an den Kommentaren aus dem Off unter sich begräbt und jede kritische Frage zu ersticken droht - auch die nach der Auswahl und der Qualität des verwendeten Quellenmaterials.

Französische Kritiker etwa monierten, dass die Kooperation des Vichy-Regimes mit den Nazis, insbesondere was die Juden-Deportationen angeht, unter den Tisch fällt. Und als von der Wannseekonferenz die Rede ist, auf der die Logistik des Holocaust geplant wurde, lassen die Filmemacher dazu plötzlich Reinhard Heydrich durchs Bild spazieren, Görings Beauftragter für die "Endlösung der Judenfrage". Was suggerieren muss, es gebe Filmbilder von einer Sitzung, deren genauer Inhalt tatsächlich bis heute nur durch ein einziges Protokoll-Exemplar belegt ist. Welchen Erkenntniswert hat schon die übliche Parade der Goods, der Bads und der Uglies? Was bringt es, Roosevelts Pearl-Harbour-Rede zu sehen, oder kolorierte Wochenschau-Propaganda mit Hitler oder Göring, noch dazu allzu oft ohne Quellenangabe?

Eine Ausnahme macht der Film übrigens von seiner bedingungslosen Liebe zur Farbe: Sequenzen, die den Horror des deutschen Judenmords zeigen, sind konsequent in Schwarz-Weiß gehalten. Das erinnert an Steven Spielbergs "Schindlers Liste". In dem Holocaust-Drama, sonst in Schwarz-Weiß gehalten, taucht wiederholt ein kleines jüdisches Mädchen in einem roten Mantel auf, ein Symbol für die Wandlung Schindlers vom Kriegs-Profiteur zum Lebensretter. Trotz der sicherlich ehrenhaften Absicht: Mit der Umkehr von Spielbergs dramaturgischem Kniff bekommt "Der Krieg" eine fast klebrig wirkende Pietätshaltung.

Aber vielleicht ist das auch konsequent. Denn letztlich ist die Doku ein cineastisches Pamphlet mit den Mitteln Hollywoods, ein Bildertableau des Schreckens, ein Worst-of-Abschlachten, dessen Botschaft nicht lautet: So war es. Sondern, ganz simpel: So bitte nie wieder.


"Der Krieg", ARD, Sendetermine: 1., 8. und 15. März, jeweils 21.00 Uhr. Auch auf DVD erhältlich. Die sechsteilige Langfassung soll bald in den dritten Programmen der ARD laufen. Daniel Costelle, Isabelle Clarke: " Der Krieg. Menschen im Zweiten Weltkrieg. Das Buch zur großen TV-Dokumentation", Bucher Verlag, 208 S., 29, 95 Euro.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 79 Beiträge
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1. .
frubi 01.03.2010
Zitat von sysopSo farbenfroh können Gemetzel sein: Mit der spektakulär kolorierten Doku "Der Krieg" widmet sich die ARD dem Zweiten Weltkrieg und zeigt ein gewaltiges Bildertableau des Schreckens. Der Dreiteiler vermittelt seine simple Botschaft zwar nicht immer sauber - aber stets effektiv. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,679970,00.html
Auch immer wieder erstaunlich. Vor mehr als 60 Jahren wo Videokameras noch in den Babyschuhen steckten wurden so viele Filmeaufnahmen gemacht und von dem Flugzeugeinschlag im Pentagon gibt es nur ein Video in der aller schlechtesten Qualität. Muss mir einer erstmal erklären.
2. Technische ist auch sachliche Aktualität
tetaro 01.03.2010
Farbbilder finde ich ausgesprochen begrüßenswert. Auf einmal stellt man sich vor, dass das Ganze nicht vor Jahrhunderten geschehen ist, sondern quasi gestern. Und dass ein solches Grauen vielleicht auch in der heutigen bunten Welt wieder passieren kann und nicht auf die farblosen Schatten der Vergangenheit beschränkt ist. Unbewusst kategorisiert man nämlich etwas, was einem technisch veraltet präsentiert wird, automatisch auch als sachlich überholt.
3. 60 Jahre später
Hubert Rudnick, 01.03.2010
Zitat von frubiAuch immer wieder erstaunlich. Vor mehr als 60 Jahren wo Videokameras noch in den Babyschuhen steckten wurden so viele Filmeaufnahmen gemacht und von dem Flugzeugeinschlag im Pentagon gibt es nur ein Video in der aller schlechtesten Qualität. Muss mir einer erstmal erklären.
----------------------------------------------------------- Auch früher gab es schon viele Kameras, nur war die Qualität noch nicht ganz so weit. Videos über den Angrif auf das Pentagon gibt es sicherlich sehr reichlich, nur wird es genaus so geheimgehalten wie alles was um die Ermordung von JFK betrifft.Man könnte schon an einer Verschwörung aus den eigenen Reihen glauben, denn sonst hätte man viel mehr öffentlich gemacht. Eine Geschichtsaufarbeitung ist schon wichtig, aber was in den letzten Jahren so alles in den öffentlich-rechtlichen Medien ablief macht einem schon nachdenklich. HR
4. Och neee!
GunB, 01.03.2010
Uuuaah, gähn, schon wieder WKII, Hitler und noch mehr Bilder, gääähn! Mein Gott, wenn die Sender nicht wissen, wie sie ihr Programm vollbekommen sollen, dass ist doch eine gute Portion Hitler, böses Nazideutschland und traditionelle Pflege deutscher Depression immer wieder gut für einen Lückenfüller! Und damit man auch den inzwischen anspruchsvoll gewordenen "Schwarzseher-und-Hobbydepressiven" vor die Glotze bekommt, coloriert man den ganzen Krempel einfach ein! Nicht, dass man noch eine Sendung mit dem Titel "Hitler's Nachttopf - jetzt in Farbe und HD" als nächstes über die Mattscheibe langweilt, zu sehen bekommt. Ich finde, es reicht langsam. Nichts gegen Aufklärung, aber das, was da passiert, ist Lückenfüllerei.
5. Der Erziehungsauftrag der ÖR
Chatten_ODW 01.03.2010
Zitat von GunBUuuaah, gähn, schon wieder WKII, Hitler und noch mehr Bilder, gääähn! Mein Gott, wenn die Sender nicht wissen, wie sie ihr Programm vollbekommen sollen, dass ist doch eine gute Portion Hitler, böses Nazideutschland und traditionelle Pflege deutscher Depression immer wieder gut für einen Lückenfüller! Und damit man auch den inzwischen anspruchsvoll gewordenen "Schwarzseher-und-Hobbydepressiven" vor die Glotze bekommt, coloriert man den ganzen Krempel einfach ein! Nicht, dass man noch eine Sendung mit dem Titel "Hitler's Nachttopf - jetzt in Farbe und HD" als nächstes über die Mattscheibe langweilt, zu sehen bekommt. Ich finde, es reicht langsam. Nichts gegen Aufklärung, aber das, was da passiert, ist Lückenfüllerei.
Nein ,nein, die gaaaanz wichtigen vom Öffentlich Rechtlichen haben nicht nur einen Informationsauftrag, nein einen Bildungsauftrag anscheinend auch. Wie sonst soll man sich die ewig wiederkehrende WWII Beiträge erklären. Eventuell wäre eine Tätowierung angebracht auf jedem Neugeborenen. Du bist schuldig.
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