ARD-Doku "Der Machtkampf" Große Verletzungen - große Hoffnungen

Erstmals seit mehr als 40 Jahren bewerben sich in der CDU mehrere aussichtsreiche Kandidaten für den Parteivorsitz. In einer ARD-Doku sind es vor allem stumme Bilder, die eindrücklich von diesem Machtkampf erzählen.

Friedrich Merz, Annegret Kramp-Karrenbauer und Jens Spahn (v.l.n.r.)
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Friedrich Merz, Annegret Kramp-Karrenbauer und Jens Spahn (v.l.n.r.)

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Stephan Lamby ist der Frederick Forsyth der deutschen Fernsehreportage. Seit 20 Jahren verwandelt er, was ihm so an Zeitgeschichtlichem über den Weg läuft, in packende Thriller. Seien es Affären in Politik und Wirtschaft oder Porträts handelnder Akteure - unter den Händen dieses Produzenten wird daraus meistens ein atemloses Drama.

Spitzengeschwindigkeitsfernsehen ist auch sein neuester Streich. Noch ist der Machtkampf um den Vorsitz der CDU nicht entschieden, da läuft schon "Der Machtkampf" zur besten Sendezeit, beinahe in Echtzeit, erzählt als "Geschichte großer Hoffnungen" sowie "großer Verletzungen", möglicherweise "sogar alter Rechnungen".

Von Angela Merkels angekündigtem Verzicht auf den Parteivorsitz erzählt diese Doku denn auch, wie ein Blockbuster aus Hollywood die Chronologie eine Katastrophe entfaltet:

  • Um "9.53 Uhr" meldet Melanie Amann vom "Spiegel" per Twitter, was ihr aus der Präsidiumssitzung durchgestochen wurde.
  • Schon um "10.22 Uhr" erklärt der Boulevard: "Merz zur Kandidatur für CDU-Vorsitz bereit".
  • Um "12.45 Uhr" rückt endlich Spahn nach. Fehlt nur, dass die Uhrzeiten mit einem dramatisierenden Schreibmaschinengeräusch eingeblendet werden.

Ausführliche Werdegänge der Kandidaten

Nach dem minutiösen Einstieg lässt Lamby sich viel Zeit, die jeweiligen Werdegänge dieses Trios zu schildern. Annegret Kramp-Karrenbauer als Innenministerin, bald Ministerpräsidentin des Saarlandes und Generalsekretärin der CDU. Jens Spahn als junger Abgeordneter, bald Staatssekretär und Bundesminister. Nur Friedrich Merz mit seiner 16-jährigen politischen Abwesenheit bleibt blass beziehungsweise dubios, mit seinen Verbindungen in die Finanzindustrie.

Die Kandidatin und die Kandidaten geben auch selbst Auskunft, vor der Kamera. "Wenn du springen willst, dann jetzt", schildert Merz seinen Entschluss zur Kandidatur. Und Kramp-Karrenbauer sagt: "Ich habe dann mein Herz sozusagen in die Hand genommen und über die Hürde geworfen." Spahn wiederum schildert seinen Herzwurf über die Hürde in den Ring als logische Folge vernünftiger Erwägungen.

In solchen Momenten wirkt "Der Machtkampf" bisweilen wie eine Sondersendung von "CDU TV", was aber in der Natur seines Gegenstands liegt. Es ist nun einmal nicht ohne Relevanz und das erste Mal seit 1971, dass bei den Christdemokraten demokratisch über einen neuen Vorsitz abgestimmt wird.

Professionelle Distanz zu allen Beteiligten

Lamby hält professionelle Äquidistanz zu allen Beteiligten auch dann, wenn er Dritte nach ihnen befragt. Laschet, Strobel, Klöckner, Oettinger, sie alle geben vor der Kamera Auskunft. Aus dem Archiv melden sich Schäuble und sogar Kohl. Es geht um Schäuble und die Kanzlerin und die Art und Weise, wie plötzlich wieder Merz aus der Versenkung auftauchte. Bierdeckel, Andenpakt, kommt alles vor.

Wirklich Neues aber fördert "Der Machtkampf" nicht zutage. Wer hin und wieder die Zeitung liest, weiß das alles. Aber Fernsehen ist Fernsehen, und speziell diese Dokumentation bei aller behaupteten Aktualität eine eher ausgeruhte Meditation über die Macht - auch jene der guten Beobachtung. Hier kommt eine Sinnlichkeit ins Spiel, die sich für politische Dokumentationen eigentlich verbietet.

Merkeldämmerung? Sonnenuntergang hinter dem Kanzleramt, Schleichfahrten durch verwaiste Korridore. Präsidiumssitzung? Langsame Schwenks in den leeren Saal. Hier, raunt es, hier ist es passiert. Nur selten aber zeigt sich dieser Film allzu verknallt in die erogene Nähe zur Macht, die Kraft der Bilder - wenn der Reporter etwa Armin Laschet im abgedunkelten Dienstwagen des Ministerpräsidenten befragt und der doch nichts verraten will.

Detektivische Blicke und Arrangements

Stark ist "Der Machtkampf" immer dann, wenn stumme Bilder die Erzählungen auf subtile Weise illustrieren.

Geht es um das Duell zwischen Merkel und Schäuble, sehen wir die beiden im Gespräch, in wortloser Draufsicht, bei dem Schäuble sich mürrisch gibt, von Merkel beharrlich bequatscht wird und doch mürrisch bleibt. Geht es um Kramp-Karrenbauer, sehen wir die Kanzlerin verstohlen an ihrer möglichen Nachfolgerin herab- und wieder heraufschauen. Geht es um den jungen Spahn, der sich "nach vorne robben" will, sehen wir, wie er durch den Saal robbt und einfach nur stehen gelassen wird, unter anderem von Friedrich Merz.

Hin und wieder sehen wir alle drei Kandidaten sozusagen "backstage" bei den Regionalkonferenzen, in irgendwelchen Kantinen linkisch umeinanderschleichen - stumm zwar, aber umso mehr in körpersprachliche Gefechte verknäult. Bisweilen sehen wir alle drei Kandidaten im Splitscreen, sodass wir uns einen eigenen Reim auf ihre Mienenspiele machen können. Wer ist nassforsch? Wer nachdenklich? Wer staatstragend?

Diese detektivischen Blicke und Arrangements sind es, die diese Doku so sehenswert machen. Den Delegierten wird sie bei der Entscheidung keine Hilfe sein. Einem breiteren Publikum aber erzählt "Der Machtkampf" mit suggestiver Kraft und visueller Eleganz davon, wie aufregend Demokratie sein kann. Wie aufregend genau? Genau so.


"Der Machtkampf", Montag 03.12.2018, 20.15 Uhr, Das Erste.

insgesamt 7 Beiträge
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Papazaca 03.12.2018
1. Was ist wenn ...
der Bericht klar besser als die Sendung selbst ist? Dann schicke ich Arno Frank eine Rechnung über verglotzte Lebenszeit. Wenn ich aber ehrlich bin, war der Bericht über die Sendung sau gut. Macht Spass, sowas zu lesen!
hegoat 03.12.2018
2.
Ich denke ja immer noch, dass Merz von Merkel-Getreuen ins Rennen gebracht wurde, um das ursprüngliche Duell Spahn - AKK zugunsten von AKK zu entscheiden. Merz steht Spahn politisch viel näher als AKK und wird diesem Stimmen abjagen. Am Ende erhalten Spahn und Merz je 30% und AKK 40%. Teile und herrsche.
helmud 03.12.2018
3. Kramp Karrenbauer
Ich habe bis gestern gehofft Frau Kramp Karrenbauer wird es, denn den "Amerikaner" Merz sehe ich als Vertreter der Neo-Liberalen. Aber nach der Sendung, besser schon während der Sendung, Anne Will, musste ich erkennen, dass diese Frau absolut ungeeignet wäre. Sie ist offensichtlich nicht in der Lage vernetzt zu denken und argumentiert beweislos einseitig, also parteiisch, so geht aber Diplomatie nicht. Es ist nun zu hoffen, dass Jens Spahn das Rennen machen wird.
dasfred 03.12.2018
4. Zu Nr.1 Papazaca
Das Risiko ist groß. Arno Frank hat die Fähigkeit, aus einer langatmigen Talkshow eine amüsante Zusammenfassung zu kondensieren, die es durchaus mit den Trash Besprechungen von Anja Rützel aufnehmen können. Ich werde die Sendung natürlich aufzeichnen. Dann kann man bei Bedarf vorspulen und bei Nichtgefallen einfach löschen. Ich fürchte, selbst wenn die Sendung gut ist, danach bei Plasberg wird jede gute Stimmung in Grund und Boden gelabert.
felix.milla 04.12.2018
5.
Zitat von helmudIch habe bis gestern gehofft Frau Kramp Karrenbauer wird es, denn den "Amerikaner" Merz sehe ich als Vertreter der Neo-Liberalen. Aber nach der Sendung, besser schon während der Sendung, Anne Will, musste ich erkennen, dass diese Frau absolut ungeeignet wäre. Sie ist offensichtlich nicht in der Lage vernetzt zu denken und argumentiert beweislos einseitig, also parteiisch, so geht aber Diplomatie nicht. Es ist nun zu hoffen, dass Jens Spahn das Rennen machen wird.
Mir dagegen hat Kramp-Karrenbauer dagegen in dieser Doku sehr gefallen, weil man sie in ihrer Persönlichkeit doch sehr viel authentischer und herzlicher herüber kommt, als in einem Talkshow-Format. Ich bedaure, dass sie jetzt auch in den AfD-Hühnerstall-Wettkampf-einsteigt, wer denn jetzt von den Kandidaten die härteste Position zu den Flüchtlingen einnimmt. Aber aus der Nummer kommt man in der CDU offenbar nicht so einfach raus. Man weiß aber, dass sie eigentlich sehr soziale Positionen vertritt, was mir angesichts der momentanen Katerstimmung nach dem neoliberalen Rausch sehr ratsam erscheint, weswegen ich ihr zutraue, dass sie nicht nur für den Zusammenhalt der Partei, sondern auch - als mögliche Kanzlerin - des Landes die bessere Person ist. Merz hingegen kommt mir mit seinen Postionen - Polizisten als Türsteher, Aktien statt Rente , Änderung des Grundgesetzes zum Asylrecht ohne jede faktische Relevanz - nur noch durchgeknallt vor, sachlicher gesprochen: wie in einer Parallelwelt gefangen. Ich weiß, dass viele sich mit von wieder so richtig schön fetzige Kämpfe mit der SPD und den GRÜNEN erwarten, aber letztlich ist dies auch nur rückwärts gewandte Sehnsucht nach der guten alten Zeit (Wehner/Strauß selig). Was das Land zur Zeit braucht, ist Zusammenhalt. Und ich persönlich kann mir eine Jamaika-Koalition, die diesen Zusammenhalt am besten abbilden könnte, mit einer Kanzlerin Kramp-Karrenbauer sehr gut vorstellen.
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