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08. August 2018, 10:58 Uhr

Deutsches Wirtschaftswunderfernsehen

Freie Fahrt ins Verdrängen

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"Aufräumen, Wunden heilen": Die kluge ARD-Doku "Kulenkampffs Schuhe" zeigt, wie das frühe deutsche Unterhaltungsfernsehen dabei half, Mord und Verbrechen zu vergessen.

In dem Bestseller "Generation Golf" hat Florian Illies der Samstagabend-Seligkeit seiner Kindheit in den Achtzigerjahren ein Denkmal gesetzt: erst Badewanne und Playmobil-Schiff, dann "Wetten, dass..?". Regina Schillings Doku "Kulenkampffs Schuhe" schürft tiefer: Die Autorin, 1962 geboren, erinnert sich an ihre eigene Fernsehkindheit, die von den Vorgängern Frank Elstners geprägt war: Hans Joachim Kulenkampff, Hans Rosenthal und Peter Alexander.

Das Baderitual gehörte bei ihr auch schon dazu, doch sie empfand die Familienidylle vor dem Empfangsgerät nicht als ungetrübt: "Ein Schweigen, etwas Verschlossenes" habe ihren Vater umgeben, erzählt sie im Off-Kommentar.

Dies führt zum entscheidenden Twist ihres Films: Als Schilling vor ein paar Jahren erfährt, dass ihr einstiges Idol Kulenkampff (Jahrgang 1921) sich als Soldat im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront eigenhändig vier abgefrorene Zehen mit dem Taschenmesser amputiert hat, beginnt sie, die Biografien der Showmaster zu untersuchen - und zu der ihres früh verstorbenen Vaters (Jahrgang 1925) in Beziehung zu setzen. Denn auch der war in der Nazizeit Soldat gewesen, wenngleich darüber nie gesprochen wurde.

Wer hat damals eigentlich für wen Fernsehunterhaltung gemacht? Mit dieser Fragestellung hat Schilling Senderarchive und privates Super-8-Material durchforstet - und wurde überreich fündig. Dabei sind gar nicht alle von ihr zusammengetragenen Aspekte Neuigkeiten - aber dank ihrer virtuosen Montage und des feinsinnigen Kommentars erscheinen sie in neuem Licht, gewinnen neue Bedeutung.

Flakhelfer und Holocaust-Überlebende

Da ist der Holocaust-Überlebende Hans Rosenthal, der in der Quizshow "Dalli Dalli" Kandidaten zerbrochenes Porzellan in eine Maschine kippen lässt, aus der es heil wieder herauskommt. Und der dann für sein Publikum zum "Sie sind der Meinung, das war spitze!"-Sprung ansetzt. Da ist der ehemalige Flakhelfer Peter Alexander, der mit Caterina Valente (als Kind deportiert) den Wirtschaftswunderhit "Es geht besser, besser, besser" performt. Und da sind erstaunlich viele kleine Anspielungen auf Krieg, Russland und das Soldatsein in Kulenkampffs "Einer wird gewinnen"-Moderationen.

Was mag ihr Vater gedacht haben, wenn er Kulenkampff sah, fragt Regina Schilling: "Wie viele sind neben dir verreckt? Wie viele Menschen hast du auf dem Gewissen?" Wenn in einem anderen Ausschnitt der Showmaster sein Publikum mit den Worten begrüßt, man wolle jetzt "friedlich, gemütlich und richtig schön langweilig" die nächsten zwei Stunden miteinander verbringen, wirkt das auf einmal nicht mehr nur spießig, sondern wie ein Anzeichen für ein kollektives Ruhe- und Sedierungsbedürfnis.

Kriegstraumatisierte Showmaster halfen einem kriegstraumatisierten Publikum mit infantilen Spielchen beim Verdrängen. Zitat aus dem dritten Band der Romantrilogie "08/15", die später mit dem Ex-Fallschirmjäger Joachim Fuchsberger verfilmt wurde: "Im Grunde braucht Deutschland keine Befreier, sondern Ärzte. Denn die Menschen hier sind krank."

Wie nah und unverarbeitet Kriegserfahrung und Nazizeit in Wahrheit noch waren, schält Schilling auf vielen Ebenen heraus. Sie dokumentiert, wie sich ihr Vater mit 17 freiwillig zu den Fliegern meldete und in ein Ausbildungsregiment nach Belgien kam, später dann in ein Gefangenenlager am Rhein. Dass er nach dem Krieg eine Ausbildung zum Drogisten machte, wertet die Tochter auch als zeittypisch: "aufräumen, reparieren, Schädlinge bekämpfen, Wunden heilen" - darum sei es gegangen.

Weiße Weste dank Persil

Meisterhaft, wie Schilling einerseits sehr persönlich erzählt - und gleichzeitig die Allgemeingültigkeit ihrer Beobachtungen belegt: Die Drogerie-These etwa stützt sie mit Ausschnitten aus dem Fernsehspiel "Industrielandschaft mit Einzelhändlern" (1970), in dem der spätere "Derrick"-Darsteller Horst Tappert, einst Mitglied der Waffen-SS, einen Drogisten im weißen Kittel spielt. Auch in den Produkten und Werbespots der Zeit macht sie deren Spuren fest: "Unsere weiße Weste verdanken wir Persil", warb der Waschmittelhersteller in einem Spot mit Pinguinen.

Die kindliche Begeisterung der Autorin fürs Unterhaltungsfernsehen endete jäh am 9. November 1978. Es war der Tag, an dem erstmals offiziell der Reichspogromnacht von 1938 gedacht wurde. Hans Rosenthal hatte zwar nicht durchsetzen können, die anstehende 75. Jubiläumsausgabe von "Dalli Dalli" zu verlegen, moderierte aber in Schwarz und ließ nur Opernmusik spielen. Und im Anschluss wurde zum ersten Mal Alain Resnais' dokumentarischer KZ-Film "Nacht und Nebel" im TV gezeigt.

Über Kulenkampffs Schuhe wird im Film übrigens nicht viel mehr gesprochen. Das ist aber auch nicht nötig. Mag sich jeder seinen eigenen Reim auf die polierten Hochglanztreter machen, unter denen sich so viel Versehrtheit verbarg. Fest steht: Man blickt nun einfach anders auf sie.


"Kulenkampffs Schuhe", Mittwoch, 22.30 Uhr, ARD

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