ARD-Doku "Stasi auf dem Schulhof": Mobben mit Marx

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Zwischen Zickenkrieg und Staatsterror: Die ARD-Dokumentation "Stasi auf dem Schulhof" zeichnet nach, wie Margot Honecker und Erich Mielke die Schüler der DDR überwachen ließen. Ein Film über den verzweifelten Versuch der Polit-Greise, die Jugend gefügig zu machen.

Stasi-Doku im Ersten: Tanzen? Sehr verdächtig! Fotos
WDR

Der Deal ist einfach: Bericht gegen Bewirtung. Im Hinterraum eines Jugendtreffs hat sich die Stasi eingemietet, über den Tisch wandern Zigaretten und Bier, dafür erwartet man von der Jugendlichen ein paar interessante Infos über Mitschüler und deren Eltern. Kerstin Harrabi, damals gerade 18 Jahre alt, gibt Auskunft. Der Alkohol macht sie gesprächig, außerdem fühlt sie sich endlich wichtig genommen. Frust und Kummer über Schule und Mitschüler hat sich genug angesammelt, endlich darf alles raus.

25 Jahre später sitzt Harrabi über den Stasi-Protokollen und liest, was sie alles über die Mädchen und Jungen ihres Internats erzählt hat. Die Scham ist groß, Tränen rinnen ihr über die Wangen, dabei hat sie kaum etwas Relevantes preisgegeben. Eine Mitschülerin, die sie nicht leiden konnte, hat sie angeschwärzt. Allerdings mit eher wirren Aussagen, die politisch wenig Gewicht haben. Der zuständige Stasi-Offizier sog offensichtlich trotzdem alles begierig auf: Der Zickenkrieg als Vorspiel zum Staatsterror?

Drei ehemalige DDR-Bürger, die als Schüler von Erich Mielkes Schergen kontaktiert wurden, zeigt die ARD-Dokumentation "Stasi auf dem Schulhof". Was genau die Staatsschnüffler von den damals Halbwüchsigen wollten, erschließt sich erst mal nicht. Filmemacherin Annette Baumeister sammelt, tastet sich ans Thema ran, lässt Verwunderung über die verbissene Systematik der Stasi-Schnüffler durchschimmern. Man jagte den Schülern Angst ein, man schmeichelte ihnen, man machte sie mürbe, man weidete schließlich ihre Gedanken aus - wie pubertär und politisch irrelevant die auch immer waren. Aber zu welchem Zweck eigentlich?

Tisch sauber halten, Abweichler melden!

Schätzungsweise 8000 Teenager, Abiturienten zumeist, sollen von Stasi-Mitarbeitern direkt von der Schulbank für die Alltagsspionage rekrutiert worden sein - eine IM-Massenanwerbung, die mit einer Anordnung von Volksbilungsministerin Margot Honecker korrespondierte: Die hatte alle Schuldirektoren angewiesen, jede Abweichung vom gerechten Weg des Sozialismus aktenkundig zu machen. Die Stasi fand also reichlich Papiermaterial vor, um sich ihre potentiellen Informanten gefügig zu machen - zumal es nur für sozialistisches Wohlverhalten den Zugang zum Abitur gab.

Mobben im Sinne des Marxismus-Leninismus: Man hatte eine diffuse Angst vor den jungen Menschen; man verstand nicht, weshalb sie diese sonderbaren, zumeist aus dem Westen exportierten Tänze aufführten. "Unter die Haut kriechen und ins Herz schauen" wollte Erich Mielke, deshalb bildete er auf der "Juristischen Hochschule" in Potsdam Stasi-Offiziere in "operativer Psychologie" aus. Hier lernte man, sich die jungen Menschen gefügig zu machen - auch wenn diese Manipulationen oft ins Leere liefen.

Als Beispiel wird in der Dokumentation eine Stasi-Aktion an der EOS Friedrich Engels nachgezeichnet: Da waren Schüler aus dem DDR-Gymnasium französischen Austauschschülern auf der Tanzfläche nähergekommen, anschließend pflegte man Brieffreundschaften. Ein Akt der Völkerverständigung im sozialistischen Sinne - der den Lehrern allerdings Angst einjagte. Man informierte die Schulleitung, diese die Staatssicherheit, jeder wollte, wie es im Film heißt, seinen Tisch sauber halten. So folgte der harmlosen Brieffreundschaft eine Säuberung im großen Stil.

Am Ende des Films entsteht das Bild eines Systems, für dessen fatalen Überwachungswahn es einen ziemlich banalen Grund gab: die Angst der Greise vor der Jugend.


"Stasi auf dem Schulhof", Mittwoch, 23.55 Uhr, ARD

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insgesamt 88 Beiträge
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    Seite 1    
1. BRD-Schulhöfe...
politik aktuell 03.01.2012
Zitat von sysopZwischen Zickenkrieg und Staatsterror: Die ARD-Dokumentation "Stasi auf dem Schulhof" zeichnet nach, wie*Margot Honecker und Erich Mielke die Schüler der DDR überwachen ließen. Ein Film über den verzweifelten Versuch der Polit-Greise, die Jugend gefügig zu machen. ARD-Doku "Stasi auf dem Schulhof": Mobben mit Marx - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,806070,00.html)
...wären froh wenn es sowas gäben würde! Oder nicht?
2. -
franko_potente 03.01.2012
Zitat von sysopZwischen Zickenkrieg und Staatsterror: Die ARD-Dokumentation "Stasi auf dem Schulhof" zeichnet nach, wie*Margot Honecker und Erich Mielke die Schüler der DDR überwachen ließen. Ein Film über den verzweifelten Versuch der Polit-Greise, die Jugend gefügig zu machen. ARD-Doku "Stasi auf dem Schulhof": Mobben mit Marx - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,806070,00.html)
8000? lächerlich wenige, es handelt sich hierbei nämlich nciht um "pro Jahr" sondern um "insgesamt" . DAs nur mal am Rande. Mielkes Schergen? SPON, gehts noch? Kann man denn nicht mal sachlich bleiben und nicht immer gleoich ein Vokabular hervorkramen, als wolle man müßige und überflüssige Vergleiche zum Reich ziehen? Oder zu Gaddafi, oder zu Assad, oder zu.. Es ist einfach nur peinlich
3. Der Autor scheint etwas gegen Marx zu haben
caecilia_metella 03.01.2012
oder die ARD. Aber das erging ja schon anderen so. Ebenfalls große Philosophen. Wen mag der Autor eigentlich? Eine Alkoholikerin, glaube ich.
4. "zumal es nur für sozialistisches Wohlverhalten den Zugang zum Abitur gab"
flekko 03.01.2012
Mich ärgert dass hier suggeriert wird, dass nur durch Kollaboration mit der Stasi das Abi erlangt und studiert werden konnte. Das war nicht so. Es diskreditiert außerdem all die Schüler und Studenten, die durch ihre Leistung die entsprechenden Abschlüsse erlangten. Es waren wohl eher Schüler mit schwachen moralischen Werten, deren Leistungen nicht ausreichten, die sich durch Bespitzeln ihrer Mitschüler Vorteile erhoften. Ein "nein danke" zur Spitzelaufforderung war möglich und eher die Regel.
5. Resterampe
pepito_sbazzeguti 03.01.2012
"Man hatte eine diffuse Angst vor den jungen Menschen; man verstand nicht, weshalb sie diese sonderbaren, zumeist aus dem Westen exportierten Tänze aufführten." Das war auf dem Gymnasium, das ich im Westen - genauer, in Bochum - besuchte, auch nicht anders. Vermutlich resultierte das Unverständnis gegenüber "sonderbaren" Tänzen aber daraus, dass ein erheblicher Teil des Lehrerkollegiums des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums in Bochum (seit vielen Jahren geschlossen) noch von Adolfs Resterampe stammte. Der jüngere Teil des Kollegiums himmelte teilweise die DDR, die Sowjetunion und die Errungenschaften des Sozialismus an. Merkwürdig war das schon :-)
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