ARD-Doku über Neonazi-Opfer: Die Schande

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Die Dokumentation "Acht Türken, ein Grieche und eine Polizistin" erzählt die Geschichten von Opfern der Neonazi-Mordserie. Der ARD-Film offenbart Ermittlungspannen, falsche Verdächtigungen und peinliches Schweigen der Behörden - und zeigt, wie fremd Migranten den Deutschen bleiben.

ARD-Doku: Die Ehre der Opfer Fotos
rbb

Eine andere Welt. Kalt ist es und karg in den Bergen Ostanatoliens, hier, im kleinen kurdischen Dorf Kayalik leben die Menschen von Ackerbau und Viehzucht, wie vermutlich schon seit Menschengedenken, aber davon kann man sich heute keine ordentliche Existenz mehr leisten. Also ging der junge Herr Turgut nach Deutschland, um hier zu arbeiten, illegal zwar, aber er wollte Geld verdienen, um daheim zu heiraten und sich eine Existenz aufzubauen. Zweimal wurde er erwischt, zweimal abgeschoben, er kam dennoch wieder.

Am 25. Februar 2004 wurde Turgut in Rostock erschossen, wahrscheinlich von Rechtsterroristen der sogenannten Zwickauer Zelle, ermordet in einem Dönerstand im Stadtteil Toitenwinkel, kurz nach 10 Uhr am Vormittag. Turgut wurde 25 Jahre alt.

Er liegt oben auf dem Dorffriedhof in den Bergen, und als für das Kamerateam der ARD der Grabstein vom Schnee frei gemacht wird, da zeigt sich eine Überraschung: Hier liegt Mehmet Turgut begraben, so steht es auf dem Stein. Wenn bisher die Rede war von dem Rostocker Opfer der Nazi-Terroristen, einem von mutmaßlich insgesamt zehn Opfern in ganz Deutschland, dann war stets die Rede von Yunus Turgut. Doch Yunus lebt. Gestorben ist sein Bruder.

Die ARD-Dokumentation "Acht Türken, ein Grieche und eine Polizistin" tut, was bisher offensichtlich niemand getan hat: Sie sieht genau hin. Sie kümmert sich um die Opfer. Sie interessiert sich für ihre Geschichten. Und fördert so Details zutage, die den Ermittlern entgangen zu sein scheinen. Bei Turgut war es eine simple Namensverwechslung, in den Bergen Ostanatoliens ist die Identität offenbar nicht ganz so wichtig. Als die Brüder Turgut vor Jahren ihre türkischen Pässe beantragten, seien bei den Behörden ihre Fotos vertauscht worden, und damit die Bilder wieder zu den Passträgern passen, hätten Yunus und Mehmet ihre Ausweise getauscht. So erzählt es Yunus den Journalisten. Das LKA Mecklenburg-Vorpommern, mit den ARD-Recherchen konfrontiert, sagte nun der Nachrichtenagentur dapd, die wahre Identität des Opfers sei "seit Beginn der Ermittlungen bekannt" gewesen. Wenn dem so ist - warum wurde und wird dann der falsche Turgut auf der Liste der Opfer geführt?

Aus dem BKA kann man nun hören, man habe den richtigen Namen auch deshalb bisher nicht erwähnt, weil der später Ermordete ja mit falschen Papieren eingereist sei und die Familie mit dem Mord schon genug belastet war. Andere deutsche Behörden sahen das nicht so eng: Der Bruder des Toten wurde laut ARD ein halbes Jahr nach dem Mord als abgelehnter Asylbewerber wenig mitfühlend abgeschoben.

Eine simple Verwechslung, eine weitere Schlamperei vielleicht, aber sie steht für mehr: Für die Ignoranz des deutschen Staates den Ermordeten gegenüber. Tagelang haben türkische und deutsche Polizisten in dem kleinen Dorf ermittelt, haben nach Motiven für den Mord geforscht und einen Fall von Blutrache so lange unterstellt, bis die Familie fast schon selbst glaubte, Feinde zu haben, von denen sie noch nichts wusste. Die Ermittler sind mit einem fertigen Bild vom Mordopfer und seinem Umfeld in das Bergdorf gereist. Wer er tatsächlich war, das hat sie nicht interessiert.

Politiker als Solidaritätstouristen

Viel wird zurzeit über Wiedergutmachung gesprochen, über die versäumte Fürsorge des Staates für die Migranten, die zu Mordopfern geworden sind, und für ihre Hinterbliebenen. Politiker reden davon, jetzt endlich alles besser machen zu wollen, sie besuchen reihenweise die Keupstraße in Köln, wo die Rechtsterroristen wahrscheinlich eine Nagelbombe gelegt haben, die 22 Menschen verletzte. "Solidaritätstourismus" nennt der vom RBB produzierte ARD-Film diese Karawane der Wohlmeinenden.

Als das Fernsehteam die Eltern von Mehmet Turgut besucht, wissen diese nichts über den Stand der Ermittlungen. Sie hoffen, dass seine Mörder gefunden und bestraft werden. Sie wissen noch nicht einmal, dass die mutmaßlichen Täter tot sind. Niemand hat es ihnen gesagt. Das ist die Realität der deutschen Fürsorge für die Hinterbliebenen.

Die Geschichte von Mehmet Turgut und seiner Herkunft ist nur eine von fünf, die Matthias Deiß, Eva Müller und Anne Kathrin Thüringer erzählen, aber sie ähneln sich alle auf beschämende Weise: Die Opfer wurden von den Behörden zu Verdächtigen gemacht, um ihre Familien kümmerte sich kaum jemand. Und das betrifft nicht nur die Migranten: Auch für die ermordete Polizistin Michele Kiesewetter hatte die Polizei nach dem Bekanntwerden der Terrorzelle eine schnelle Theorie parat - sie habe ihre Mörder vermutlich gekannt. Dabei hatte sich die Polizei nicht einmal die Mühe gegeben, ordentlich zu ermitteln, wo Kiesewetter wohnte.

Man mag der ARD manchmal vorwerfen, zu staatstragend daher zu kommen, im Fall dieser Dokumentation ist sie staatstragend im besten Sinne. Der Film leistet zwar keine Wiedergutmachung an den Toten und ihren Hinterbliebenen, das bleibt die Aufgabe des Staates - aber er gibt ihnen wenigstens ein Gesicht und ihre Ehre zurück. Und das ist mehr als Politik und Behörden bisher getan haben.


"Acht Türken, ein Grieche und eine Polizistin", ARD, Montag, 22.45 Uhr

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insgesamt 10 Beiträge
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1. Und wann
Ettina 12.12.2011
Zitat von sysopDie Dokumentation "Acht Türken, ein Grieche und eine Polizistin" erzählt die*Geschichten*von Opfern der Neonazi-Mordserie. Der ARD-Film offenbart Ermittlungspannen, falsche Verdächtigungen und peinliches Schweigen der Behörden - und zeigt, wie fremd Migranten*den Deutschen bleiben. ARD-Doku über Neonazi-Opfer: Die Schande - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,803138,00.html)
kommt die Geschichte von den Qualitäts-JournalistInnen, die sich über Jahre hinweg von den Serienmorden ferngehalten haben? Wo waren denn die? Wo waren denn deren Fragen? Deren Vermutungen? Es reicht nicht, nur um Ermittlungspannen und so fort herumzuzirkeln und dauernd zu hupen. Oder habe ich grundsätzlich etwas falsch verstanden? Das auch JournalistInnen denken dürfen?
2. Ermittler hatten Recht !
Eutighofer 12.12.2011
Zitat von sysopDie Dokumentation "Acht Türken, ein Grieche und eine Polizistin" erzählt die*Geschichten*von Opfern der Neonazi-Mordserie. Der ARD-Film offenbart Ermittlungspannen, falsche Verdächtigungen und peinliches Schweigen der Behörden - und zeigt, wie fremd Migranten*den Deutschen bleiben. ARD-Doku über Neonazi-Opfer: Die Schande - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,803138,00.html)
Der SPIEGEL selbst vermutete doch noch Anfang 2011 die Mörder in türkischen kriminellen Kreisen (Graue Wölfe). Die Nürnberger Polizeiermittler hielten aber schon damals "Türkenhass" für das wahrscheinlichste Tatmotiv. Dies kann man im SPIEGEL nachlesen. Zitat: ". Die Nürnberger Mordermittler, die das Verfahren leiten, glauben dagegen an einen Einzeltäter, der wegen seines Hasses auf Türken tötet." Spur der "Döner-Morde" führt zu Grauen Wölfen - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - DER SPIEGEL (http://www.spiegel.de/spiegel/vorab/0,1518,746547,00.html)
3.
Doctor Feelgood 12.12.2011
Zitat von sysopDie Dokumentation "Acht Türken, ein Grieche und eine Polizistin" erzählt die*Geschichten*von Opfern der Neonazi-Mordserie. Der ARD-Film offenbart Ermittlungspannen, falsche Verdächtigungen und peinliches Schweigen der Behörden - und zeigt, wie fremd Migranten*den Deutschen bleiben. ARD-Doku über Neonazi-Opfer: Die Schande - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,803138,00.html)
In diesem Artikel liest man immer nur "wahrscheinlich", "mutmasslich", "sollen"....Qualitätsjournalismus sieht anders aus! Wo sind die Beweise? Für mich liest sich das wie Meinungsmache, nicht wie ein Tatsachenbericht!
4. Schwache Journalisten
Benutzernameoptional 12.12.2011
Zitat von EutighoferDer SPIEGEL selbst vermutete doch noch Anfang 2011 die Mörder in türkischen kriminellen Kreisen (Graue Wölfe). Die Nürnberger Polizeiermittler hielten aber schon damals "Türkenhass" für das wahrscheinlichste Tatmotiv. Dies kann man im SPIEGEL nachlesen. Zitat: ". Die Nürnberger Mordermittler, die das Verfahren leiten, glauben dagegen an einen Einzeltäter, der wegen seines Hasses auf Türken tötet." Spur der "Döner-Morde" führt zu Grauen Wölfen - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - DER SPIEGEL (http://www.spiegel.de/spiegel/vorab/0,1518,746547,00.html)
Ist schon schwach und traurig, wie sich die Medien, der Spiegel allen voran, als Fähnlein im Wind gerieren. Klar, jetzt haben die Ermittler versagt. So passt es euch Journalisten? Hauptsache Kohle gemacht, oder?
5. ach...
rogge-cottbus 12.12.2011
Zitat von sysopDie Dokumentation "Acht Türken, ein Grieche und eine Polizistin" erzählt die*Geschichten*von Opfern der Neonazi-Mordserie. ARD-Doku über Neonazi-Opfer: Die Schande - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,803138,00.html)
... die Behörden wieder, gell? Komisch, dass die Behörden jetzt eine Festnahme nach der anderen präsentieren? Bei dieser Art der Berichterstattung kommen mir allen Ernstes die Tränen! Die "armen" Politiker - die werden wohl immer durch die Behörden hintergangen! Seltsam ist nun der Zeitpunkt des Entdeckens: in der EURO-Krise ratlos, hat man ein durchschlagendes Thema entdeckt: den Rechtsterrorismus! Dass es den zweifelsohne gibt (was schlimm ist) ist aber bei "den Behörden" überhaupt keine "neue" Erkenntnis - vielleicht hat es nur vorher einigen Bundespolitikern nicht gepasst, dies einzuräumen? Motto: das heben wir uns für später auf? Nur kein Aufsehen erregen, keine schlafenden Hunde wecken. Könnte auch die Integration stören? so what...
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